SS, deutsche Wehrmacht und örtliche Kollaborateure ermordeten bis zu 80 Prozent der jüdischen Jugoslawen. Und zehntausende jugoslawische Roma. Vor allem die örtliche Mittäter- und Mithelferschaft wird gerne verdrängt oder schöngeredet. Das ist auch Fehlern in der jugoslawischen Erinnerungspolitik geschuldet. Ein Beitrag von Max Bitter.

Wäsche trocknet an der Leine.

Ein Bewohner eines der Gebäude hat gesammelte Habseligkeiten auf die Veranda gestellt.

Vermutlich zum Verkauf.

Blumen blühen vor verwitternden Pavillons.

Waren Armut und Verfall je charmanter als entlang des Beograder Sava-Ufers in dieser warmen Frühherbstsonne?

Staro Sajmište heißt der Ort. Alte Messe.

Wäre da nicht eine deutsche Besuchergruppe von Praxis Reisen, man könnte sich in der romantisch-morbiden Idylle verlieren, sich einem dieser Augenblicke hingeben, die Zeitlosigkeit vorgaukeln, Einssein von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, keine Geschichte kennen und keinen Plan.

Allein, Praxis Reisen von Mara Puškarević hat sich auf Studienreisen aus Deutschland in den postjugoslawischen Raum spezialisiert, auf denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Geschichte und die aktuellen politischen Kämpfe kritisch und detailliert nähergebracht bekommen.

Geführt wird die Gruppe von Historikerin Olga Manojlović Pintar vom Institut für Zeitgeschichte auf der Uni Beograd.

Mit dem Ort hat es etwas mehr auf sich.

Wieder nichts mit Idylle.

„Judenlager Semlin“

Das Alte Messegelände in Beograd war das größte Konzentrationslager im Zentrum einer Hauptstadt im besetzten Europa.

Die Gestapo funktionierte praktisch unmittelbar nach dem Fall Jugoslawiens 1941 die Pavillons zum KZ um und ließ Juden und Roma dorthin deportieren.

Judenlager Semlin nannten die Nazis das Gelände.

Ein Jahr lang hieß es so. Bis alle jüdischen Jugoslawien auf dem Gebiet Serbiens ermordet oder deportiert waren, die das serbische Quisling-Regime der Gestapo namhaft gemacht hatte.

Staro Sajmište war der logistische Knotenpunkt für den Völkermord.

Dem Lager kam eine zentrale und frühe Rolle in der systematischen Ermordung der europäischen Juden zu, die die Nazis unter der Bezeichnung „Endlösung der Judenfrage“ tarnten.

Allein in der serbischen Hauptstadt wurden 7.500 Juden und Roma ermordet.

Hier wurde die Vergasung erprobt. Vor Aller Augen

Ein großer Teil wurde in einen mobilen Gaswagen gepfercht.

Der fuhr mitten durch die serbische Hauptstadt.

Jede und jeder konnte es sehen.

Auch, was sich im Lager abspielte, war vom Stadtzentrum aus mit besseren Operngläsern jederzeit zu beobachten.

Auch hier nahm das „Judenlager Semlin“ eine Pionierrolle im systematischen Morden ein.

Sowohl als Experimentierfeld für die effizienteste Methode wie als Ort des Vergessenwollens.

Möglich war das alles nur durch die Kooperation von Serbiens Quisling Milan Nedić und dem praktisch gesamten Behördenapparat Rumpfserbiens.

Der half nicht nur eifrig mit, Juden auszuforschen.

Er stellte auch gerne die Unterlagen bereit, mit deren Hilfe man Serbiens Roma aufspüren konnte, wie Historiker Milovan Pisarri den Studienreisenden beim Besuch in einer ehemaligen Fabrikshalle am Stadtrand erklärt.

Historiker Milovan Pisarri ist auf die Geschichte der Roma im ehemaligen Jugoslawien spezialisiert.

Auch sie diente als KZ, vorwiegend für Roma.

Die serbische Polizei halt aktiv bei den Verhaftungen mit.

Beide Orte und die Rolle der serbischen Mithelfer sind heute nicht offiziell vergessen aber so weit verdrängt wie möglich.

In Staro Sajmište erinnert nur eine kleine Tafel am Gelände an die Ermordung tausender Menschen und daran, dass das Lager zentraler Durchgangspunkt des Holocaust in Serbien war.

Ein offizielles Denkmal für die Opfer steht in gleichsam sicherer Entfernung direkt am Sava-Ufer.

Es stammt aus der Zeit des gewalttätigen Zerfalls Jugoslawiens.

Der Schatten Srebenicas

Ein Parkstückchen hat man etwas später vom „Park der Blockfreien“ in „Park der Republika Srpska“ umbenannt.

Die Republika Srpska ist der serbisch dominierte Teilstaat Bosniens.

Angesichts des Völkermords von Srebrenica ist der Name gleich neben einem ehemaligen KZ bei äußerst wohlwollender Betrachtung zumindest geschichtsvergessen.

Das hat auch mit der jugoslawischen Erinnerungspolitik zu tun.

Jugoslawien war das einzige sozialistische Land, das den Völkermord an seinen Juden zum offiziellen Teil der Erinnerung machte.

Denkmäler wie das am Jüdischen Friedhof von Sarajevo entstanden schon früh.

Gleichzeitig hatte das Regime einen gelinde gesagt unkonventionellen Umgang mit der einen oder anderen Vernichtungsstätte.

Staro Sajmište, das alte Messegelände in Beograd etwa, beherbergte bald nach dem Zweiten Weltkrieg Ateliers und Künstlerwohnungen.

Vielleicht war es der Versuch, der Vernichtung an diesem Ort Aufbruch, Mut und vor allem Leben entgegenzusetzen.

Jedenfalls verhinderte es, dass sich die Stätte als Ort des Grauens im kollektiven Gedächtnis der Beograderinnen und Beograder einprägte.

Man weiß, was an diesem Ort geschah. Es fehlt den meisten aber die emotionale Verbindung, die es zu anderen KZs gab und gibt.

Keine seriöse Aufarbeitung

Dazu kommt, dass es in Jugoslawien nie eine wissenschaftliche Erforschung der heimischen Täterschaft gab.

Den größten NS-Kollaborateuren wurde nach dem Krieg der Prozess gemacht.

Tausende weniger wichtige Mittäter wurden noch 1945 ohne Prozess ermordet.

Danach breitete man den Mantel von „Bratsvo i Jedinstvo“ über das Geschehen. Brüderlichkeit und Einigkeit.

Hier die braven Jugoslawen, Partisanen, Widerstandskämpferinnen, dort die Faschisten.

Mehr brauchte man nicht zu wissen.

Vielleicht wäre es anders gekommen, hätte Jugoslawien nur ein paar Jahre länger gelebt.

In Deutschland und Österreich arbeitete man NS-Geschichte und Holocaust bis in die 80-er kaum weniger holzschnittartig ab als in Jugoslawien.

Erst die Affäre Waldheim und die Wehrmachtsausstellung eröffneten einen breiten gesellschaftlichen Diskurs um Mittäterschaft, Mithelferschaft und Mitwisserschaft.

Das war in den Jahren 1986 und 1995.

1991 zerfiel Jugoslawien gewaltsam. Gerade, als sich weiter im Norden endlich etwas in der vielbeschworenen und wenig gesehenen Aufarbeitung der Geschichte tat.

Nachzudenken, was passiert wäre, wenn Jugoslawien länger gewesen wäre, ist nicht nur in diesem Punkt eine Träne über vergossener Milch.

Die Sumpfblüten des Revisionismus oder: Wir waren alle Helden

Auf den Versäumnissen der jugoslawischen Erinnerungspolitik gediehen und gedeihen die Sumpfblüten des kroatischen und des serbischen Revisionismus.

Über den Kroatischen ist auf dieser Seite schon einiges gesagt worden.

Hier ist einzig der Serbische relevant. Staro Sajmište steht in Beograd.

Die Četniks sind mittlerweile offiziell „rehabilitiert“.

Laut offizieller serbischer Geschichtsschreibung waren sie nicht nur Antifaschisten.

Sie waren die erste und die größte antifaschistische Bewegung in einem besetzten Land Europas.

Ihr Anführer Draža Mihailović ist für die Nationalhistoriographie heute ein Nationalheld.

Vergessen, dass die Četniks nie den Faschismus als solchen bekämpften, weder den italienischen noch den deutschen.

Ihr Ziel war ein Großserbien unter einem restaurierten Königshaus.

Man kooperierte auch mal mit den Nazis, gelegentlich sogar mit der kroatischen Ustaša, die in Kroatien und Bosnien nebst allen Juden hunderttausende Serben hinmetztelte, und ermordete tausende Muslime in Bosnien.

Das große Serbien sollte schließlich ethnisch rein sein.

Den zweifelsohne antifaschistischen Partisanen Titos fiel man so oft in den Rücken, wie es ging und kämpfte bei mehr als einer Gelegenheit gemeinsam mit den Nazis gegen sie.

Großbritanniens oberster Kommunistenfresser Winston Churchill unterstützte langfristig lieber die Partisanen als die loyalen schwarzen Mörderbanden.

Antifaschisten sehen anders aus.

Das sieht auch ein großer Teil der serbischen Bevölkerung so. Und artikuliert sich regelmäßig.

Wer die Vergangenheit kontrolliert…

Allein, die Mär von den antifaschistischen Četniks steht heute in serbischen Schulbüchern.

Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.

Nicht, dass die Serbinnen und Serben enthusiastischer mitgeholfen hätten beim Judenmorden als die meisten anderen Völker im NS-kontrollierten Europa.

Sie leisteten nur in der Regel, Partisaninnen und Partisanen ausgenommen, genausowenig Widerstand.

Viele versteckten ihre jüdischen Landsleute, verhalfen ihnen zur Flucht.

Mindestens ebenso viele kollaborierten mit den Mördern.

Der Rest schaute weg. Schämte sich vielleicht ein wenig.

Dass viel mehr möglich gewesen wäre, zeigen unter anderem die Beispiele des dänischen Volks, das fast alle seiner jüdischen Landsleute rettete, und, etwas ambivalenter und näher, das der Bulgaren.

Die Juden Mazedoniens, von den Nazis Bulgarien zugeschlagen, ließ man noch ausliefern. Danach war Schluss mit der Kollaboration.

Die einzige Ausnahme im serbischen Revisionismus ist interessanterweise sozusagen der Kopf des Fischs.

Der Quisling harrt des Heldentums

Quisling Milan Nedić darf bis heute nicht zu den Heroen des Widerstands gezählt werden.

Nicht, dass es an Versuchen gemangelt hätte, den Ministerpräsidenten Rumpfserbiens von Nazis Gnaden von aller Schuld reinzuwaschen.

2018 entschied das Obergericht Serbiens, dass das doch ein wenig viel sei.

Was nichts daran ändert, dass der serbische Quisling in dem einen oder anderen serbischen Schulbuch als „Bewahrer der biologischen Substanz des serbischen Volkes“ angeführt wird.

Merke: Auch ein verurteilter NS-Kolloborateur höchsten Grades hat seine Verdienste.

Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Um Ehrlichkeit bemüht oder nationalistisch-verbohrt, das ist die Frage.

Vielleicht ist sie es auch nicht. Siehe oben.

Der nationalistische Unsinn wird so lange jungen Serbinnen und Serben eingetrichtert, bis die nationalistischen Banden verschwunden sind, die im Land bis heute das Sagen haben. Egal, wie sie sich heute nennen.

Vielleicht wird dann das lang diskutierte Museum in Staro Sajmište gebaut.

Und Serbinnen und Serben haben einen würdigen Ort, um sich damit auseinanderzusetzen, was mit ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern geschah.

Als niemand hinschauen wollte.

Und tausende der eigenen Leute Mithelfer wurden.

Text und Fotos: Max Bitter

Mehr über Staro Sajmište könnt ihr unter anderem hier nachlesen:

Das Staro Sajmište-Erinnerungsprojekt.

B 92 geht der Frage nach, wann es ein Gedenkzentrum am Lagergelände geben wird.

Das Holocaust Landscpae Project des Centre of Archaeology der Stafford University in Großbritannien.

Mehr über Praxis Reisen erfahrt ihr HIER.

Einen gut recherchierten Überblick bietet dieser Artikel auf DW.com.