Der Frühsommer 2020 bringt zwei Studienreisen, die niemand auslassen sollte, der am Balkan interessiert ist. Mara Puškarević, Gründerin der Berliner Praxis Reisen, führt durch Geschichte und Gegenwart (Ex-)Jugoslawiens und bringt in einer zweiten Reise den Teilnehmenden die revolutionäre Ästhetik des Partisanenkampfes kritisch näher.

Es sind nicht die üblichen Studienreisen, die Mara Puškarević organisiert.

Die Berlinerin mit jugoslawischen Wurzeln bietet mit den Praxis Reisen ein hochspezialisiertes Programm für Menschen, die sich näher mit dem ehemaligen Jugoslawien auseinandersetzen wollen und für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter beziehungsweise politisch interessierte und engagierte Menschen, die sich ein differenziertes und eigenes Bild von der Region machen wollen.

„Geschichte und Gegenwart (Ex-)Jugoslawiens“ ist eine sehr lohnende, wenn auch anstrengende, Woche in Beograd und Umgebung.

Ich hab das Programm vor einiger Zeit selbst gemacht und bin bis heute beeindruckt von der Dichte und Vielfalt.

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Mara Puškarević mit Reiseteilnehmer

Zumal das ja keine einwöchige Reise durch Jugo-Kitsch war sondern eine differenzierte Auseinandersetzung mit Hoffnung und Scheitern des titoistischen Modells.

Inklusive eines Besuches in Zrenjanin mit einer Einführung in die Entwicklung der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung.

Der Untergang dieses spezifisch jugoslawischen Modells hat auch mehr mit dem Untergang Jugoslawiens zu tun als die meisten – beileibe nicht nur westlichen – Historiker wahrhaben wollen.

Wie und woran diese Vision gescheitert ist, passt weder in die westlichen Narrative von der Überlegenheit des Kapitalismus und der grundlegenden Unterlegenheit des Kommunismus noch in die apologetischen Erzählungen ehemaliger kommunistischer Funktionäre.

Von wegen Gegenwart: Am Programm sind auch Treffen mit Roma-Aktivistinnen- und Aktivisten, die einen wirklich ernüchtern können.

Die Ausgrenzung der Volksgruppe hat sich seit dem Ende Jugoslawiens deutlich verstärkt.

Das passt zum historischen Revisionismus, der nicht nur die serbische Gesellschaft vergiftet.

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Historiker Milovan Pisarri ist auf die Geschichte der Roma im ehemaligen Jugoslawien spezialisiert.

Auch mit ihm setzt sich die Reise ausführlich auseinander.

Wer interessiert ist, sei der Einfachheit halber direkt aufs Programm von Praxis Reisen verwiesen (siehe HIER).

Die Ästhetik der Revolution

Die Reise dauert von 1 bis 6. Juni.

Leider kann ich die zweite Studienreise von Praxis Reisen nicht selbst beurteilen.

„Jugoslawische Denkmäler. Objekte revolutionärer Ästhetik und hybrider Architektur“ heißt sie und führt eine Woche lang von Zagreb ausgehend durch ganz Bosnien.

Hier stehen Spomenci, Denkmäler, aus dem Partisanenkampf im Mittelpunkt, mit einigen Abstechern wie zur KZ-Gedenkstätte Jasenovac in Kroatien.

Sie dauert von 8. bis 14. Juni.

Aus der Erfahrung der ex-jugoslawischen Geschichtsreise heraus und angesichts des Programms (siehe HIER) traue ich mir, diese Reise quasi ungesehen zu empfehlen.

Ein bisschen Kondition wird hier freilich nicht schaden. Nach einer als Bildungsreise verbrämten Urlaubswoche klingt das nicht. (Gut, keine von Maras Reisen ist das, aber lassen wir das.)

Natürlich könnte man das alles noch länger machen, um Land und Leute besser kennenzulernen, aber irgendwann geht den Teilnehmenden vielleicht auch die Luft aus.

Insofern besser, das doch intensive Reiseprogramm auf eine Woche zu konzentrieren.

Zurückkommen zum Vertiefen kann man später immer noch.

Schade, dass das bislang nicht ganz zu meinem grob geplanten Reiseprogramm für 2020 passt.

Aber es ist einiges an Zeit bis dahin. Vielleicht finde ich ja eine Möglichkeit, auch diese Studienreise zu machen.

Jeder und jedem, der/die Zeit hat, seien beide Reisen ans Herz gelegt.