Roland Düringers Partei ist ein reaktionäres Eliten-Projekt. Sie wird die Stimmungslage befördern, die die FPÖ groß gemacht hat. Und sie zeigt, dass der demokratische Konsens in der Mitte unserer Gesellschaft erodiert.

Ein bekannter Kabarettist gründet eine Partei. Nicht als Satireprojekt. Er meint es ernst. Er weiß nur nicht, was.

Irgendwas hat’s mit Wut zu tun, mit „dem System“ und den anderen. Irgendwie.

Roland Düringers könnte man als Beppe Grillos Cinque Stelle auf österreichisch begreifen. Weniger elegant, weniger kohärent, mit mehr Aussteigerromantik und mehr Liebe zur Natur.

Man kann sich vielleicht der Hoffnung hingeben, der Wut-gegen-Irgendwas-Bürger Roland Düringer wird mit seiner Protest-gegen-eh-alles-Partei der rechtsradikalen FPÖ ein paar Stimmen wegnehmen.

Das sehen viele Leute aus dem linken und grünen Spektrum so.

Man kann sich eben alles schönreden. Man muss nur die Ausrichtung der neuen Partei ausblenden.

Der Gründer wird das Programm sein

Düringers Partei mag kein Programm haben. Einen Gründer hat sie. Dessen politischer Weg in den vergangenen Jahren lässt das Doch-nicht-Satireprojekt alles andere als harmlos wirken. Völlig unabhängig davon, ob diese Bewegung jemals in irgendeine gesetzgebende Körperschaft gewählt wird.

Es ist davon auszugehen, dass die Partei im Wesentlichen auf Düringers Ego-Trip der vergangenen Jahre basieren wird. Alles andere wäre ein Bruch, der die Bewegung so unglaubwürdig machen würde, dass man von einer Totgeburt sprechen kann.

Die Partei und Düringer eint mehr mit der FPÖ als dem Gründer bewusst und lieb ist.

Diffuse Gefühle, Eskapismus und Anti-Politik

Es ist ein diffuses Gefühl des Frusts, der Wut, dem Hass gegen „das System“, und, legt man Düringers vergangene Jahre zugrunde, der Hang zu Verschwörungstheorien.

Düringer wie FPÖ lehnen Rationalität als Prinzip des gesellschaftlichen Handelns ab. Wahr ist nicht, was bewiesen werden kann. Wahr ist, was gefühlt wird.

Düringer wie FPÖ sprechen sich in logischer Konsequenz auch gegen den wissenschaftlichen Fortschritt aus.

Düringer wie FPÖ präsentieren als Flucht vor der komplexen Realität die Illusion einer vorgeblich heilen Welt vergangener Tage.

Düringer wie FPÖ propagieren Isolationismus und Autarkie. Wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten.

Düringer wie FPÖ begreifen Politik nicht als Mittel, Probleme zu identifizieren und zu lösen, Konflikte auszutragen und Gesellschaft zu gestalten sondern als Vehikel, die eigene Wut zu artikulieren, die eigenen Be- und vor allem Empfindlichkeiten zu bedienen.

Düringer wie FPÖ verfolgen in logischer Konsequenz kaum politische Ziele im engeren Sinn sondern sehen es als ihr Ziel, „das System“ zu zerschmettern.

Es geht darum, einen Feind zu haben

Düringer artikuliert das auch offen in dem Video, in dem er die Gründung der neuen Partei bekannt gibt: „Es geht nicht darum, dass wir dann irgendwas machen im Parlament. Dass wir was besser machen. Nein. Es geht darum, dass wir denen was wegnehmen.“ (Der Übersichtlichkeit halber sei hier auf einen Artikel im Kurier verwiesen, der die „Antrittsrede“ wunderbar analysiert)

Auch die FPÖ mobilisiert ihre Anhänger, indem sie ankündigt, „den anderen was wegzunehmen“: Migranten, Asylwerbern, Sozialhilfeempfängern, Homosexuellen, Menschen ohne Kinder, Künstlern, politischen Aktivisten (anderer politischer Ausrichtungen.), Menschen mit Behinderung, Gewerkschaftern.

Die Bestrafungsfantasien reichen, damit sich die FPÖ-Wähler besser fühlen und diese Partei als ihre legitime Vertretung empfinden.

Das wird man bei Düringer so nicht erwarten können. Er engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit. Rassistische Äußerungen oder Hetze gegen gesellschaftliche Randgruppen sind von ihm nicht überliefert.

Aber wer der Feind ist, ist in der Psychologie solcher Gruppierungen eher nebensächlich. Es geht darum, überhaupt einen zu haben.

Gegen das System sein, ohne zu wissen, warum

In den vielen Gemeinsamkeiten liegt auch die Gefahr von Düringers politischer Partei. Wenn auch eine zweite Partei in Österreich mit der im Wesentlichen selben Stimmungsmache auf Wählerfang geht, legitimiert das nur die Diskurse, die die FPÖ in den vergangenen Jahren stark gemacht haben.

Die Botschaft ist: Es ist OK, gegen das demokratische System an sich zu sein ohne zu wissen, warum und ohne davon benachteiligt zu sein.

Es ist OK, ein demokratisches System ohne jede nähere Begründung zerschmettern zu wollen, nur, damit man sich besser fühlt.

Es ist OK, nur mehr auf Basis von Gefühlen zu argumentieren. Rationalität ist was für Weicheier. Und früher war sowieso alles besser, das wird man ja noch sagen dürfen. Und deswegen drehen wir jetzt die Uhr zurück

Höflich formuliert.

Der Ego-Trip des Roland D. als Weltrettungsfantasie

So wie es die FPÖ stark gemacht hat, dass die ehemaligen Großparteien SPÖ und ÖVP ständig ihrer Angstmache gegen Migranten mit schärferen Migrationsgesetzen begegnet sind, so wird auch Roland Düringer die FPÖ mit seiner Bewegung stärken, indem er über weite Strecken die gleichen Grundgefühle bedient, die auch die FPÖ bedient.

Zumal Düringer das für eine andere soziale Schicht als die FPÖ machen wird.

Düringer bedient den sich alternativ wähnenden Teil der oberen Mittelschicht, der sich längst in eine Art aggressiver Politisolation geflüchtet hat.

So wie Düringer seit Jahren.

Der nach wie vor aktive Künstler verzichtet auf das Handy und möglichst viele Konsumgüter und lebt im Wohnwagen.

Konsumverzicht, so seine These, sei Rebellion gegen „das System“ und überhaupt die Rettung der Welt.

Sein Leben kann er nur dank der Künstleragentur führen, die die Terminkoordination für ihn erledigt. Da kann man leicht aufs Handy verzichten.

Um im eigenen Wohnwagen zu leben, braucht man auch erst einen Wohnwagen und ein Grundstück. Beides hat Düringer.

Um sich bewusst ernähren zu können, braucht man Zeit und Geld. Hat man beides, ist das verhältnismäßig einfach.

Auf Bankkonto und Internet verzichtet er freilich nicht.

Er ist ein Satter, der den Hungrigen Verzicht predigt.

Seine antikapitalistischen Phrasen passen auf Querfrontveranstaltungen. Mit solider Systemkritik haben sie nichts zu tun.

Sie entstehen aus einem Gefühl der eigenen moralischen Überlegenheit.

Die Flucht ins Nirvana

Dass Düringer engagiert Flüchtlinge unterstützt, mag persönlich für ihn sprechen. Das ändert nichts daran, dass er ein elitäres, eskapistisches und letztendlich antidemokratisches Projekt fährt, seit er vor ein paar Jahren scharf ins Nirvana des selbst ernannten Wut- und Ökobürgertums abgebogen ist.

Er steht mit dieser Haltung nicht alleine da.

Teile der oberen Mittelschicht haben sich aus einem (Über-)Sättigungsgefühl und einer diffusen Verweigerungshaltung in einer Renaissance der Lebensreformbewegung in sehr ähnliche Strategien geflüchtet. Hang zu Verschwörungstheorien und Esoterik wie bei Düringer inklusive.

Sozusagen Neo-Hippies. Mit viel Moralismus, der sich in alternativ daherkommenden Bevormundungsfantasies artikuliert.

Es sind Menschen, die sich bewusst sind, dass in der Welt viel schief läuft. Die Last, das zu ändern, bürden sie dem Individuum auf. Komplexe ökonomische und politische Zusammenhänge und Machtverhältnisse werden ausgeblendet.

Konflikte finden für diese Schicht nicht auf der sozialen Ebene ab und wenn doch, sind sie Manifestationen falscher Einstellungen.

Es sind Menschen, die die Welt retten wollen, indem sie aufs Land flüchten, in eine vermeintlich heile Natur, die alles richtet.

Das, was man gemeinhin als Realität bezeichnet, stört da nur.

Ein rechts-alternatives Projekt

Ein Teil bildet den rechten Flügel der österreichischen Grünen.

Ein anderer Teil hat sich seit längerem weitgehend aus dem politischen Prozess verabschiedet und wird nur sozusagen projektbezogen aktiv: In Bürgerinitiativen gegen Windkraftwerke und bei der Finanzierung der nächsten Waldorfschule, um es leicht polemisch zu formulieren. Politik durch Politikverweigerung.

Das ist auch ein Zeichen, wie sehr auch in der Mitte der Gesellschaft der demokratische Konsens erodiert ist.

Diese Leute sind für eine rechts-alternative Bewegung wie die Düringers grundsätzlich ansprechbar. Ob sie erfolgreich sein wird, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob Düringer sich glaubhaft als Galionsfigur etablieren kann.

Auch wenn diese Bewegung vielleicht nie in die Nähe eines politischen Mandats kommen wird, wird sie die Stimme der Irrationalität mit respektablem, wenn auch alternativem, bürgerlichen Auftreten werden können.

Und so viel mehr Schaden anrichten, als sie selbst im Idealfall Nutzen zu stiften vermag.

Titelbild: Roland Düringer. Foto: (c) Daniel Weber bei neuwal.com

Diese Analyse ist auch auf der Seite Ruhrbarone erschienen.