Henryk M. Broder hat wieder etwas gefunden, über das er sich alterieren kann. Die Tagesschau vom Sonntag fiel nicht nach seinem Geschmack aus. Sie hat den Voyeur im Zuschauer nicht genügend angesprochen.

Es wäre nicht Henryk M. Broder, könnte er einen unbeschwerten Abend vor seinem Fernseher verbringen. Es muss sich doch ein Haar in der Suppe finden. Und sei es ein Wurzelfaden des Suppengemüses, den man als ehemals einem menschlichem Kopf gehörend ausgeben kann.

Vor allem, wenn es um die Tagesschau geht.

Berichtete die am Sonntag doch skandalöserweise nur in einer Moderationsmeldung, dass ein Mann eine Frau in Reutlingen in Baden-Württemberg mit einer Machete erschlagen hat. Und erdreistet sich, darauf hinzuweisen, es gebe keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund.

Broder resümiert auf seinem Blog polemisch-sarkastisch: „Das wars. Eine 20-Sekunden-Meldung. Ein Mann hat eine Frau mit einer Machete angegriffen und getötet. Kann schon mal vorkommen, nicht nur in Reutlingen.“

Und fährt fort: „u diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass „der Mann“ ein 21 Jahre alter „polizeibekannter“ Asylbewerber aus Syrien war. Aber dieses Detail mochte die Tagesschau ihren Zuschauern nicht zumuten.“

Wo genau ist Broders Problem?

Der geneigte Leser erfährt nur leider vor lauter Polemik wieder mal nicht, wo Broder das Problem sieht.

Zumal einer, der wie im Gegensatz zu Broder zehn Jahre Chronik-Journalist war. In meinem Fall in einem Landesstudio des ORF. Eine gewisse Ahnung über Chronikberichterstattung im Fernsehen kann man mir zutrauen.

Ein Mord in einer Provinzstadt in der Öffentlichkeit ist immer eine tragische Geschichte. Wär er auch in einer Großstadt. In einer Kleinstadt reißt er die Bewohner noch dazu aus einem Gefühl der behaglichen Sicherheit. Dort kommt dergleichen glücklicherweise sehr selten vor.

Das ist bei aller Tragik der Ereignisse Nachrichtenmaterial. Newsworthy, wie es so schön (oder unschön) auf Englisch heißt. Hier werden Broder und ich übereinstimmen.

Nur, wie kommt Broder auf die Idee, das sei Material für mehr als eine Mod-Meldung in einem bundesweiten deutschen Fernsehnachrichtenformat? Etwa für einen eigenständigen Beitrag oder gar für eine Live-Schaltung?

In Österreich wäre das so. Die Zeit im Bild würde sicher auf beiden Kanälen Beiträge bringen. Im Sommerloch sogar mehr als eine 20:40-Geschichte. (20 Sekunden Moderation, 40 Sekunden Beitrag.)

Täglich zwei bis drei gewaltsame Tötungen in Deutschland

Aber Deutschland? Nicht wirklich.

In Deutschland werden laut Polizeilicher Kriminalstatistik täglich zwischen zwei und drei Menschen gewaltsam getötet. In fünf weiteren Fällen versucht man es ernsthaft.

In österreichischen Verhältnissen lässt sich das in Zahlen gar nicht sinnvoll ausdrücken. 0,2 Menschen werden selten gemeuchelt. Was erklärt, warum ein Mord auch abseits des Boulevard praktisch garantiert gesteigerte Aufmerksamkeit bekommt.

Eine Getötete und zwei Verletzte, das ist für deutsche Verhältnisse in der Regel nur Material für ausführlichere Boulevardberichterstattung. Für öffentlich-rechtliche Medien und für Qualitätszeitungen eher nicht.

Das müsste Broder bewusst sein.

Warum soll es bei diesem Mord anders sein?

Womit alles gemordet wird

Liegt es an der Mordwaffe? Zum Zeitpunkt, als Broder bloggte, ging man von einer Machete aus. Mittlerweile weiß man, es war ein Dönermesser. Was Broder und die Tagesschau nicht wissen konnten.

Dass er einen Macheten-Mord für offenbar besonders aufmerksamkeitsbedürftig hält, legt der Titel seines Blog-Eintrags nahe: „Nicht ohne meine Machete“.

Ich habe in den zehn Jahren als Chronik-Journalist über einige Morde und Beinahe-Morde berichtet. Mal aus Tatort-Nähe, mal per Fernrecherche. (Im Landesstudio bedienten wir den Fernseh- Radio- und Internetnachrichtenauftritt.)

Ich habe über einen Wahnsinnigen berichtet, der offenbar während eines psychotischen Schubs in der Fußgängerzone einer Kleinstadt Menschen reihenweise mit Samurai-Schwertern bedrohte. (Für Herrn Broder: Kein Muslim.)

Über Ehemänner, die ihre beste Hälfte mit dem Hammer erschlugen.

Über Ehefrauen, die jahrzehntelang vom Göttergatten verprügelt wurden, und ihn, als er einmal zu oft zuschlug mit 60 Stichen mit dem Brotmesser von hinnen nach dannen beförderten.

Über Prostituierte, die ein Unbekannter ermordete und mit abgeschnittenen Händen am Straßenrand deponierte, ihre Torsos mit Benzin übergoss und anzündete.

Über einen Betrunkenen, der seinen besten Freund nach einem verlorenen Kartenspiel wegen 27 Schilling (heute 2 Euro) mit dem Klappmesser umbrachte.

Über einen jungen Tschetschenen, dem bei einer Massenschlägerei mit einer Eisenstange der Schädel eingeschlagen wurde.

Über eine männliche Wasserleiche, die mit einem Einschussloch im Kopf und Gewichten an den Händen in der Donau trieb.

Über Mord/Selbstmorde mit Schusswaffen, Schießereien (das glücklicherweise selten) und ein, zweimal war auch eine Machete im Spiel.

Was halt in zehn Jahren Chronik-Journalismus alles zusammenkommt. Nicht alle dieser Geschichten haben es ins bundesweite ORF-Nachrichtenangebot geschafft.

Ausgerechnet bei einem Mord mit einer Machete in Deutschland soll es anders sein?

Nun mag sein, dass ein Macheten-Mord für einen Nicht-Chronik-Journalisten besonders spektakulär ist.

Worin liegt das Unbehagen bei einer Machete?

Macheten sind in unserem Kulturkreis quasi negativ romantisch besetzt. Stehen für Urwald, für das Wilde, den Kampf gegen eine unbezwingbare, feindliche, Natur und, gegen Menschen eingesetzt, haben sie aus unserer Sicht etwas besonders archaisches und barbarisches.

Das wird genährt durch Abenteuer- und Actionfilme. Und die jüngere Geschichte. Macheten waren die Hauptwaffe im Völkermord an den Tutsi in Ruanda im Jahr 1994.

Wie tief dieses Bild der Machete verankert ist, zeigt auch eine Szene in einem der ersten offen kolonialismuskritischen Actionfilme: „The Wild Geese“/“Der Flug der Wildgänse“, der nicht ganz frei von Klischees ist, die wir heute als rassistisch bezeichnen würden.

Um die Flucht der Kameraden zu decken, stellt sich Sanitäter Arthur Witty (Kenneth Griffith) den anstürmenden feindlichen Elite-Truppen, den „Simbas“ entgegen. Als ihm die Munition ausgeht, stürmen sie mit gezogenen Macheten auf ihn los.

Mag sein, dass solche Bilder unbewusst aufsteigen, wenn Broder die Worte Machete und getötet in einem Satz hört.

Das dreckige Spiel österreichischer Rechtsradikaler

Mit diesem Bild machen aktuell auch österreichische Rechtsradikale wie die Identitären Stimmung in sozialen Netzwerken.

Sie behaupten, eine Raumpflegerin, die ein psychisch nachweislich kranker aus Afrika stammender Obdachloser (für Broder: Kein Muslim) im Mai während eines psychotischen Schubs mit einer Eisenstange erschlagen hatte, sei in Wahrheit mit einer Machete getötet wurden.

Die Botschaft ist klar: Die Lügen-Propaganda soll den Mord als besonders grausam erscheinen lassen, um Stimmung gegen Ausländer zu machen.

Das wird Broder nicht gewusst haben und es sei ihm nicht vorgeworfen, mit seinem Blogeintrag die Gräuelkampagne in irgendeiner Weise unterstützen zu wollen.

Freilich liegt die Vermutung nahe, dass sowohl Identitäre als auch Broder (und viele andere) ein ähnliches Bild von der Machete im Hinterkopf haben, wenn sie sich über tatsächliche oder angebliche Macheten-Morde alterieren.

Welcher Mord ist nicht brutal?

Nur, welcher Mord ist nicht brutal? Allenfalls einer mit einem euphorisch machenden Gift.

Hätte der 21-jährige Verdächtige in Reutlingen die 45-jährige Frau mit einem Buttermesser getötet, es wäre um keinen Deut weniger brutal gewesen.

Für einen öffentlich-rechtlichen Sender darf die Brutalität eines Mordes allein kein Relevanzkriterium sein. Die Tagesschau soll informieren und nicht den Voyeurismus der Zuschauer bedienen.

Vielleicht ist der Auslöser für Broders Empörung auch, dass die Tagesschau nicht erwähnte, dass der Verdächtige Asylwerber ist (und Muslim obendrein.)

Was soll die Nationalität damit zu tun haben?

Bis zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keinen Hinweis, dass das irgendetwas mit der Tat zu tun hatte.

Es ist aus gutem Grund journalistische Praxis in Qualitätsmedien, Nationalität oder andere persönliche Merkmale von Verdächtigen nicht zu erwähnen, so lange es keinen Grund gibt, einen Zusammenhang mit dem Verbrechen zu vermuten.

In Reutlingen hat nach aktuellem Erkenntnisstand ein junger Mann durchgedreht und die erstbeste Waffe in die Hand genommen.

Ohne bessere Informationen zu haben, kann und soll man nicht insinuieren, seine Herkunft sei ein entscheidender Faktor bei dem Verbrechen gewesen. Das wäre Hetze. Nichts anderes.

Seine monothematischen Fokus gegen alles, was er für typisch islamisch hält, beiseite, daran wird sich Henryk M. Broder sicher nicht beteiligen wollen, oder?

Wie man den „Lügenpresse“-Schreiern Legitimität verleiht

Bleibt die Frage, was es mit Broders Fokus auf die Tagesschau auf sich hat. Dieser Blogeintrag war nicht der erste, der sich dem Flagschiff der tagesaktuellen öffentlich-rechtlichen Berichterstattung in Deutschland widmete.

Broder verwendet sogar gelegentlich ein eigenes Logo für diese Einträge.

Wobei, eigen ist zu viel gesagt. Er hat die Intro der DDR-Sendung „Aktuelle Kamera“ kopiert.

Die Botschaft ist klar: Für Broder ist die „Tagesschau“ so wie DDR-Propagandafernsehen. Sagt er auch anderer Stelle offen.

Man mag an der Tagesschau einiges kritisieren. Aber der Vergleich ist außer polemisch dumm.

Und verleiht den Schreihälsen von rechts des gesunden Menschenverstands Legitimität, die hinter und in allem, was seriöser arbeitet als Nazi-Seiten wie der Kopp-Verlag, „Lügenpresse“ sehen.

Wenn ein anerkannter Publizist wie Henryk M. Broder schon die renommierte Tagesschau für Regierungspropaganda hält, wird das auf die BILD, die WELT erst recht zutreffen, von Spiegel, taz, FAZ oder der Süddeutschen ganz zu schweigen, denken sich die intellektuell herausgeforderten Schreihälse.

Nicht alle Zeitgenossen sind gleichermaßen vernunftbegabt, wie gerade Henryk M. Broder nie müde wird zu betonen. Polemik kann auch in falsche Kehlen geraten, sich echoartig fortpflanzen in Hohlköpfen, deren Leben erst Bedeutung erlangt, wenn sie artig im Chor „Lügenpresse, Lügenpresse“ rufen können und die Erfüllung vermutlich erst finden, wenn sie dazu im Gleich- und Stechschritt marschieren dürfen.

Siehe etwa das Echo auf einen von Broders Einträgen auf dieser Seite rechtsesoterischer Spinner.

Man muss diesen Affen keinen Zucker geben, indem man ähnliche Formulierungen verwendet wie sie.

Darüber kritisch nachzudenken sollte sich auch ein Henryk M. Broder nicht erhaben fühlen.