Dem Duden steht ein größerer Eklat ins Haus. In seiner Online-Ausgabe verharmlost er die Ustaša zur Widerstandsbewegung. Ex-Jugoslawen aller Ethnien gehen auf die Barrikaden.

Das sprachliche Gewissen des deutschsprachigen Raums hat versagt. Gründlichst.

Us­ta­scha: Substantiv, feminin – 1941–1945; kroatische nationalistische Bewegung, die den serbischen Zentralismus in Jugoslawien bekämpfte

So definierte zumindest bis Mittwoch abend Duden Online-Wörterbuch den Begriff. (Die Definition wurde mittlerweile korrigiert. Siehe Update unten.) Aus. Ende. Eine offiziellere Definition im gesamten deutschen Sprachraum ist kaum denkbar.

Mit dieser Erklärung deutet der Duden das wohl brutalste Regime im Europa des 20. Jahrhunderts zu einer mehr oder weniger legitimen Widerstandsbewegung um.

Es ist, als hätte der Duden den Nationalsozialismus als „deutsche nationalistische Bewegung, die die Friedensbestimmungen von Versailles bekämpfte“ definiert.

Der offen neofaschistische kroatische (Noch-)Kulturminister Zlatko Hasanbegović dürfte diese Definition begrüßen. Hat er doch öffentlich die Niederlage der Ustaša als „größte Tragödie in der Geschichte des Landes“ bezeichnet.

Faschisten? Kriegsverbrecher? Völkermord? Schwamm drüber.

Kein Wort, dass die Ustaša eine faschistische Partei waren, die ab 1941 ein Nazi-Marionetten-Regime aus Kroatien war, dessen Staat NDH Bosnien und Teile Serbiens annektiert hatte.

Kein Wort, dass die Ustaša unter ihrem Poglavnik (Führer) Ante Pavelić einen Völkermord an Serben, Juden und Roma zu verantworten hatte, dem wahrscheinlich 600.000 Menschen zum Opfer fielen.

Auch das dürfte ganz nach dem Geschmack von Hasanbegović sein und der immer zahlreicher werdenden Figuren der kroatischen Politik, die noch weiter rechts stehen als er.

Außerhalb dieser eher dubiosen Kreise stößt die Definition auf Unverständnis bis Empörung.

„Verharmlost die Gräueltaten…“

„Die spinnen“, kommentiert etwa der Wiener Philosoph und Politologe Sandro Barberi. „Sind das in der Duden-Redaktion Vollidioten?“

Der sozialdemokratische Aktivist Anel Čokić aus Wien zeigt sich in seinen öffentlichen Stellungnahmen um Fassung bemüht. „Die Definition im Duden entspricht nicht der Wahrheit und verharmlost die Gräueltaten des Unabhängigen Staates Kroatien in den Jahren des zweiten Weltkrieges.“

Das sind die nettesten Kommentare, die man zu hören bekommt. In ex-jugoslawischen Migranten-Communities spricht sich der Dudensche Fauxpas seit etwa einer Woche herum und zieht von dort aus weitere Kreise.

Gordan Bosanac vom Centar za Mirovne Studije (Zentrum für Friedensforschung) in Zagreb fühlt sich angesichts der Fehldefinition an den wachsenden Geschichtsrevisionismus in Kroatien erinnert, der vom rechten Rand der (Noch?-)Regierungspartei HDZ und offen neofaschistischen Gruppen ausgeht, die die Ustaša systematisch verharmlosen.

„The Ustaše movement has to be primarily seen as connected with the German Nazi movement. They have adopted nazi methodology to implement racist, antisemitic  and nationalistic policies. This has to be starting point of understanding this movement. Although they have been mostly obsessed with the Serbian minority in Croatia, they were blindly following nazi rules to target all other social or minority groups targeted by Nazi regime. We all have to be very careful to construct definitions that reflect the real substance of the matter. Otherwise we lie to each other“, mahnt er in einer Stellungnahme für Balkan Stories historische Korrektheit ein.

Ein Sturm der Empörung braut sich zusammen

Anel Čokić, Sohn eines serbischen Vaters und einer bosnisch-serbischen Mutter, mobilisiert für eine Online-Petition, in der der Duden aufgefordert wird, die Definition der historischen Wahrheit anzupassen.

Binnen weniger Tage hat sie knapp 3.000 Unterschriften erreicht.

Auch die größte serbische Diaspora-Organisation „28 Jun“ mobilisiert, wie die serbische Seite inserbia.info berichtet.

Auf der Forums-Seite der Petition gehen die Emotionen hoch. Nicht nur die serbischstämmiger Kommentatoren, die wenig überraschend die Mehrheit der Unterstützer stellen.

So schreibt etwa ein Avi Singer aus Kanada: „Absolutely disgusting that a nation which claims to be repentful for its crimes during the Second World War would allow such blatant historical revisionism concerning the genocides of innocents in the Balkans. Please note that the Jewish population in Croatia was destroyed by the Ustashe in the Holocaust, and the Serbian and Roma populations were greatly decimated. These are crimes that need to be recognized.“

Vladimir Teodosiević, der heute in Australien lebt, hat fast seine gesamte Familie im Völkermord der Usaša verloren, wie er in einem Forums-Eintrag schreibt: „My grandfather Gojko Lalić was killed by Ustaši with a group of 220 Serbian civilians in 1941 by smashing their heads using a sledgehammer. My second grandfather Desimir Mihić escaped from a group of 200 Serbian civilians taken to a mass grave. He was the only one who survived. 27 relatives of my mother Bosiljka Lalić were brutally murdered. In all well over one million Serbian civilians were killed by Ustaši mostly in a sadistic way. Their only crime was that they were ethnic Serbs and of Christian Othodox Religion. If this was not a genocide than genocide does not exist.“

Auch Unterzeichner mit kroatischen, bosnjakischen oder mazedonischen Wurzeln zeigen sich konsterniert bis entsetzt.

„Werden die Definition (…) noch einmal überprüfen“

Das scheint ein herber Schlag für den Duden zu sein. Der hat zumindest bislang als wahrscheinlich einzige praktisch fehlerfreie Institution im gesamten deutschsprachigen Raum gegolten.

Der Sturm der Empörung, der sich über dem Dudenverlag zusammenbraut, scheint dort noch nicht angekommen zu sein.

Balkan Stories hat Pressesprecherin Nicole Weiffen mit dem fehlerhaften Eintrag konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten.

Vielen Dank für Ihre Anfrage.

Der Name wurde 1974 in die 3. Auflage des Dudenbands 5, Fremdwörterbuch, aufgenommen und erscheint mit dieser Definition gedruckt nur ebenda. Ferner ist das Stichwort in „Duden online“ verzeichnet.

„Duden online“ stellt in erster Linie ein allgemeinsprachliches Wörterbuch dar, keine Enzyklopädie. Es geht um korrekte Schreibweisen und nicht um enzyklopädische Erläuterungen. Es werden daher keine ausführlichen (historischen) Hintergründe erläutert.

Wir danken für Ihren Hinweis und werden die Definition gern anhand Ihrer Erläuterungen noch einmal überprüfen.

Stellungnahme des Duden gegenüber Balkan Stories. Hier mit Ausnahme der persönlichen Anrede ungekürzt wiedergegeben.

Bleibt die Frage, wes Geistes Kind der Redakteur war, der 1974 diese offen revisionistische Definition ins Fremdwörterbuch aufnahm. Und wieso nach Jahrzehnten niemand auf die Idee kam, die Definition zu überprüfen.

Sonderlich eilig scheint man es nicht zu haben. 24 Stunden nachdem Balkan Stories den Duden mit seiner Schlamperei konfrontierte, war der Eintrag „Ustascha“ im Duden Online-Wörterbuch unverändert.

Das schlägt sich ein wenig mit der Botschaft des Duden-Verlags, auch duden.de sei „die Instanz für deutsche Sprache“.

Es sei denn, man zeigt sich auch auf beschädigte Instanzen stolz.

*Update: Am Donnerstagnachmittag änderte das Duden Online-Wörterbuch seine Definition. Die Ustaša/Ustascha waren jetzt auch laut Duden eine: „kroatische faschistische Organisation, deren Hauptziele die [staatliche] Loslösung von Jugoslawien und die ethnische Homogenisierung Kroatiens waren und die während ihrer Herrschaft (im „Unabhängigen Staat Kroatien“ 1941–1945) Massenmorde an Serben, Juden und Roma verübte.“

Balkan Stories bedankt sich bei der Redaktion des Duden.

Titelbild: Die Steinblume von Jasenovac, das Mahnmal für das wohl grausamste Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs, das von den Ustaša betrieben wurde. (c) Tomislav Medak