Heute haben wir Peter begraben. Ein Nachruf auf einen lieben Freund, von dem vieles erst nach seinem Tod bekannt geworden ist.

Hansi weint. Er wirft eine Schaufel Erde auf Peters Sarg. „Er war einer meiner besten Freunde“.

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Hansi kommt zu unserer Gruppe. „Ein Schluck auf den Peter“, sagt Bertl und bietet Hansi seine Flasche Bier an.

Auch Ossi hat Bier mitgebracht. Wieselburger. Peters Bier.

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Ich hab ihn nur ganz selten ohne eine Flasche seiner Lieblingsmarke gesehen.

Peter war Stammgast in den Kafane am Yppenplatz und der näheren Umgebung. Die letzten proletarischen Lokale im einstigen Arbeiter- und Migrantenviertel werden durchwegs von Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien betrieben.

So wie von Jovica. Er ist heute auch gekommen. Sein Cafe Horizont wird ein wenig später aufsperren.

Um die 40 Leute sind wir.

Alle Stammgäste der Kafane. Von Jovica. Von Slavica, die seit der Früh im Cafe Mis steht, das heute Drei Linden heißt und das wir alle beim alten Namen nennen. Dort werden wir Leichenschmaus halten.

Das Mis war Peters Wohnzimmer.

Nach 40 Minuten ist es vorbei

Nach nicht mal 40 Minuten, Aufbahrung in Saal F der Halle 3 am Wiener Zentralfriedhof, beginnen die Friedhofsarbeiter, Peters Grab zuzumachen.

Es ist ein Armenbegräbnis. Peters bester Freund Ferdl hätte sich kein größeres Begräbnis leisten können. Er hat draufgelegt für Blumenbegleitung. Und seltsamerweise für einen Pfarrer.

Peter war nicht katholisch. Ferdl ist es auch nicht.

Verwandte hatte Peter keine. Zumindest keine, von denen man wüsste. Den Sohn, die Schwester, von denen uns Peter immer wieder freudestrahlend erzählt hat, hat es nie gegeben.

Er war Peter der Letzte. Mit ihm ist die Linie der Haberhauers ausgestorben.

Wir werden fürs Grabmal zusammenlegen.

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Wo Peter wirklich Italienisch lernte

Streng genommen war Peter kein Haberhauer. Im Mis enthüllt Ferdl, was er über den Notar nach Peters Tod herausgefunden hat.

Peter war ein Findelkind, geboren 1956, vermutlich in Wien. Die Haberhauers haben ihn in Pflege genommen.

Sie sterben früh. Peter, der vielversprechend Matura gemacht hat, gerät auf die schiefe Bahn.

Sein Italienisch hat er sich bei einem unfreiwilligen Daueraufenthalt in den 70-ern angeeignet. Er war an einem Raubüberfall beteiligt gewesen und hat vier Jahre gesessen.

Zum begnadeten Koch ist er danach geworden. Hat in Friaul in einem Lokal gearbeitet oder es selbst betrieben. So klar ist das nicht.

Hat länger gebraucht, sich aus dem Kriminellen-Milieu rauszuarbeiten. Hat auch in Österreich immer wieder Probleme mit der Polizei gehabt, hat auch hier gesessen.

Einer der heute Anwesenden hat ihn vor Jahren einmal vor der Polizei versteckt.

„Er hat nie was rausgelassen“

Bertl kannte nur einen Teil von Peters Geschichte. Erzählt, dass Peter jahrelang U-Boot war in Wien, aus Angst vor den Behörden. Obwohl damals schon alles vorbei war.

„Er war nicht mal sozialversichert. Ich hab oft über meine Ärztin Medikamente für ihn besorgt“, sagt Bertl.

15 Jahre hat er ihn gekannt, ein paar Jahre haben sie sogar zusammen gewohnt. „Er hat nie was rausgelassen“, sagt Bertl.

Dass Peter nie Geld gehabt hat, das haben wir gewusst. Wie oft ihn jeder von uns auf ein Bier oder mehr eingeladen hat, auch mal zum Essen, weiß keiner von uns. Es ist uns auch egal. Wir habens gern getan.

War keiner von uns in der Nähe, hat Peter eine Meisterschaft beim Bierschnorren entwickelt.

„Wenn ich mit einem Verehrer zum Beispiel im CI war, hat sich Peter zu uns gesetzt und begonnen, eine seiner Geschichten zu erzählen. Die Typen haben ihn dann auf ein Bier eingeladen, damit er sich umsetzt“, erzählt Heidi.

Wie schlimm es war, konnten wir uns nur zusammenreimen, als Peter gelebt hat.

Jahrelang hat er in Ferdls Werkstatt gelebt. Am Boden geschlafen, im Schlafsack. Nicht mal eine Matraze hat er sich hingelegt, erzählt Ossi.

Durchgeschlagen hat er sich mit Jobs für Ferdl und sonstigen Gelegenheitsarbeiten. So hat er öfter für den Bio-Martin gekocht.

Erst im vergangenen Jahr ist er in eine kleine Wohnung am Yppenplatz gezogen. Bernd, der Hausbesitzer, hat sie ihm besorgt.

Und Peter hat endlich eine Pension bekommen. Keine hohe. Aber es hat gereicht. „Er hat mich in letzter Zeit immer wieder mal auf ein Bier eingeladen“, sagt Heidi.

Dass er ausgerechnet jetzt gestorben ist, wo es ihm endlich halbwegs gut ging, macht es doppelt bitter.

Peter, der Freund

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Was wir heute über Peter erfahren. ändert nichts daran, dass wir ihn gern gehabt und geschätzt haben.

Er konnte ein guter Zuhörer sein. Wenn man ihn gebraucht hat, war er da. Mit Wärme und Zeit. Das ist mehr, als die meisten Menschen geben.

Auch wenn er früher sozusagen beruflich selbst immer wieder Gewalt angewandt hat, wie ich heute erfahren habe, war Peter immer einer, der Streit schlichtete, bevor er in Gewalt eskalierte.

Das war ein Freund, den man an seiner Seite haben wollte, wenn’s im Lokal rauer zuging. Wenn er aufstand und „Aus“ schrie, dann war Aus. Da drohte keiner mehr seinem Kontrahenten mit Schlägen.

Er hatte auch ein fast untrügliches Gespür für Schwächere.

Ich erinnere mich zum Beispiel, wie wir im CI gemeinsam zwei nicht mehr ganz junge Betrunkene von einem jungen Mädchen wegkomplimentiert haben. Sie war eingeschüchtert und wusste nicht, was sie den wenig subtilen Annäherungsversuchen entgegenzusetzen hatte.

Ich habe in solchen Situationen viel von Peter gelernt. Nicht zuletzt Selbstbewusstsein.

Und kochen konnte der Mann. Das eine oder andere Rezept hab ich von ihm.

Peter, der begnadete Erzähler

Seine starke Seite waren seine Geschichten.

Peter war begnadeter Erzähler, der im Biotop der Jugo-Beisl zur Höchstform auflief.

Fantasie und Realität mischten sich mehr als einmal. Eigentlich ständig.

Auch wenn man schnell herausbekam, dass Peter gehörig auftrug, man genoss die meisten seiner Geschichten. Auch die, die man schon gehört hatte.

Peter reihte Detail an Detail, malte sozusagen mit Farben, erzeugte in seinen besten Momenten Gemälde im Kopf des Zuhörers.

Wer ihn nicht kannte, hielt seine Geschichten für wahr. „Im CI hat er sich öfter zu Jungen gesetzt und denen eine seiner Geschichten erzählt. Zum Beispiel, dass er eine Farm in Argentinien hatte. Die sind an seinen Lippen gehangen“, sagt Heidi schmunzelnd.

Das eine oder andere Wieselburger war der gern gesehene und vor allem getrunkene Lohn für seine Erzählungen.

Peter rückte sich mit seinen Geschichten ins rechte Licht, erzeugte die eigene Biografie neu. Schrieb sozusagen sein Leben, wie es hätte sein sollen.

Und das nicht, um vor uns besser dazustehen. Wir kamen uns auch nicht belogen vor, wenn Peter wieder mal ausschmückte bis frei erfand. Er tat das auch nie, um sich von irgendjemanden einen Vorteil zu verschaffen.

Sehen wir mal vom Wieselburger-Honorar ab.

Du konntest ihm nicht böse sein. Zu sehr haben wir in der Regel seine Erzähltalente genossen.

Der Glechner hat Peter ein Denkmal gesetzt

„Ich weiß nicht, warum er das getan hat“, sagt Reiner. „Es war sicher auch die Flucht vor der eigenen Realität. Aber eben auch die Lust am Fabulieren“.

Wäre es ein wenig anders gelaufen, Peter hätte vielleicht ein zweiter Karl May werden können.

Der Schriftsteller Wolfgang Glechner hat Peter in seinem Buch „Der Fleischprogrammierer“ ein Denkmal gesetzt und ihn gleichzeitig liebevoll aufs Korn genommen. Steigert er doch die Peterschen Erzählungen ins Fantastische.

Als der Glechner, wie wir ihn meist nennen, die Geschichten bei einer Lesung präsentiert hat, soll Peter ganz stolz aufgestanden sein und gesagt haben: „Das bin ich“.

Das war der Peter, wie wir ihn gern gehabt haben.

Das war der Peter, den wir heute begraben haben.