Saudi Arabien bezahlt Kosovarinnen und Bosnjakinnen, um in Sarajevo und Prishtina vollverschleiert auf die Straße zu gehen, sagt Österreichs Außenminister Sebastian Kurz. Die bosnische und die kosovarische Regierung protestieren. Der erfahrene Bosnienreisende empfiehlt dem Herrn Kurz eine Brille. Und ein Hörgerät.

Drei Frauen in hellblauer Burka stehen auf einer Straße der Baščaršija.

Dijana und Amir stupsen mich an. „Das sind sicher Touristinnen.“

Dijana und Amir rennen hin und fotografieren die Frauen mit ihren Telefonen. Die nehmen das stoisch hin.

Dijana wechselt ein paar Worte mit den Frauen. „Sie kommen aus den Emiraten“, sagt sie mir.

Dijana und Amir sind bosnjakische Freunde von mir. Frauen in Burkas kennen sie nur als Touristinnen.

Bis 1945 trugen Bosnjakinnen der Oberschicht Vollverschleierung. Im sozialistischen Jugoslawien wurde sie verboten und ist auch nach dem Zusammenbruch des Staates nicht wieder aufgetaucht.

Araber lieben Bosnien

Die Szene hat sich vor drei Jahren abgespielt. Mittlerweile sind arabische Touristinnen und Touristen in der Innenstadt von Sarajevo nicht mehr ganz so exotisch.

Araber lieben Bosnien. Dort ist es grün. Das kennen sie von zuhause in der Form nicht. Und hier begegnet man ihnen nicht mit der gleichen offenen Feindseligkeit wie in vielen anderen Ländern Europas.

Wiewohl, was die Bosnier gleich welcher Region hinter ihrem Rücken über sie sagen, übertrumpft die Piefke-Saga um Längen.

Liegt auch daran, dass Araber am Stadtrand von Sarajevo ganze Straßenzüge aufgekauft haben.

Die Parallelwelt des Herrn Kurz

Geht es nach Sebastian Kurz, jugendlicher Außenminister und Spitzenkandidat der ÖVP, waren die drei Burkaträgerinnen wahrscheinlich als Araberinnen getarnte Bosnjakinnen. Zumindest, wenn man seinen Worten im deutschen Handelsblatt folgt.

„In Sarajevo oder Pristina werden zum Beispiel Frauen dafür bezahlt, voll verschleiert auf die Straße zu gehen, um das Straßenbild zu ändern.“

Ich habe seit dieser Aussage tausende Fotos von meinen Aufenthalten in Sarajevo durchgeschaut. Die Frau am Titelbild ist die einzige Burkaträgerin, die ich gefunden habe.

Sie geht am Platz vor dem Sebilj, dem Wahrzeichen der Stadt. Mehr Touristen pro Quadratmeter findest du auf dieser Welt selten.

Verschleierte Frauen sind selten in Sarajevo

Auf zwei weiteren Fotos sind ein paar strenger verschleierte Frauen zu sehen. Der Ort, ein paar Meter bergauf des Sebilj auf der anderen Straßenseite, legt nahe, dass sie ebenfalls Touristinnen sind. Dort sind zwei Hotels, wo viele arabische und türkische Touristen absteigen.

Sieht man von Touristinnen ab, sieht man in Sarajevo sehr wenige Frauen, die Kopftuch oder eine andere Form der Verschleierung tragen.

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Ein junger Mann und eine junge Frau rauchen Wasserpfeife und flirten hemmungslos. Streng muslimisch wirkt das nicht.

In meiner Wohngegend in Wien seh ich jedenfalls mehr als Musliminnen erkennbare Frauen als im Stadtzentrum von Sarajevo. Ich komme mir zuhause beileibe nicht überfremdet vor.

Diese Fotos hier sind weitaus typischer für den Alltag in Bosniens Hauptstadt.

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Nichts stützt die Kurzsche These.

Warum nehmen diese Frauen das saudische Geld nicht?

Am wenigsten dieses Bild. Wenn die Saudis für Vollverschleierung zahlen, warum nehmen diese zwei Frauen das Geld nicht?

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Sie durchstöbern Mülltonnen nach Ess- und Verkaufbarem. Sie könnten das Geld brauchen.

Das soll die Versuche aus arabischen Ländern und der Türkei, Bosnien und den Kosovo zu islamifizieren, nicht relativieren.

Die zwei größten Einkaufszentren Sarajevos sind halal. Im SCC und im BBI Center sind arabische Firmen investiert. Sie wollen offenbar nicht nur Geld verdienen. Sie wollen auch ihre Version des Islam exportieren.

Die Regierungen Saudi Arabiens, der Emirate und der Türkei haben Millionen investiert, um Moscheen in Bosnien neu zu bauen.

(c) Christoph Baumgarten
Eine neu gebaute Moschee vor Ciglanje

Einzelne Dörfer sind wahabitische Parallelwelten.

Der Erfolg ist bescheiden.

Der Westen hat Bosnien und den Kosovo aufgegeben

Dass die Strategie selbst in diesem bescheidenen Ausmaß verfängt, hat auch mit dem Versagen der internationalen Gemeinschaft zu tun.

Der Westen hat Bosnien de facto aufgegeben. Mehr als Lippenbekenntnisse gibt es seit Jahren nicht. Entwicklungshilfe fließt meist nur, wenn westliche Konzerne mitverdienen.

Im Kosovo sieht es nicht viel anders aus.

In dieses ökonomische, soziale und politische Vakuum stoßen streng muslimische ausländische Regierungen.

Das kann und soll man als Problem sehen.

Das ist nicht nur ein muslimisches Phänomen

Nur sollte man nicht so tun, als sei das ein rein muslimisches Phänomen.

Kroatische Exilgemeinden und der Heilige Stuhl haben in Kroatien und in kroatischen Gemeinden in Bosnien viel Geld in Kirchenrenovierungen- und Neubauten gesteckt. In Kroatien auch mit staatlicher Unterstützung.

(c) Christoph Baumgarten
Neu erbaute Kirche in Novi Zagreb. Die Anrainer nennen sie spöttisch Zahnarztpraxis.

Die Groteske um das Stahlkreuz am Berg Hum in Mostar zeigt, dass in der Re-Katholifizierung viel Geld und Energie steckt.

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Die orthodoxe Kirche ist nicht viel zurückhaltender.

Exilgemeinden, die serbische Regierung und Spenden aus Russland sorgen dafür, dass der Hram Svetog Save in Beograd fertig gebaut wird.

Die Kathedrale von Banja Luka wurde während des Bürgerkriegs in Bosnien neu gebaut. Man fragt sich, mit wessen Geld.

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Die neu gebauten Tempel jeglicher Konfession in diesem Teil der Welt sind brandgefährlich.

Seit dem 19. Jahrhundert sind Religionsgemeinschaften hier die Agenten des Nationalismus.

Es ist vor allem in Bosnien die Religionszugehörigkeit, die die Nationalität definiert.

Man kann sich ausmalen, wie es sich auswirkt, wenn allerorten die Religionsgemeinschaften sichtbar erstarken.

Auch darüber sollte man reden.

Reden wir über Herrn Kurz

Das Problem alleine im Islam zu sehen, ist im mehrfachen Wortsinn kurzsichtig.

Freilich, es ist Wahlkampf in Österreich. Eine „Zeit fokussierter Unintelligenz“, wie es der Wiener Bürgermeister Michael Häupl so formuliert hat.

Sebastian Kurz bemüht sich nach Kräften, diese Analyse zu bestätigen.

Er weiß, dass Islam-Bashing Stimmen bringt.

Und von den sozialen Grauslichkeiten, die er vorsichtig lanciert, ablenkt.

Darüber sollten wir zuallererst reden.