Im Flüchtlingslager Vučjak bei Bihać in Bosnien droht eine humanitäre Katastrophe. Die Stadt hat angekündigt, Essen und Trinkwasser für mittlerweile mehr als 2.000 Flüchtlinge ab Montag zu streichen. Das Rote Kreuz stellt ein Notversorgungsprogramm für die Menschen auf die Beine.

Husein Kličić lässt keinen Zweifel, dass er die Flüchtlinge im Lager Vučjak nicht im Sich lassen wird: „Das Rote Kreuz wird niemals eine humanitäre Mission aufgeben.“

Das sagt der Präsident des Roten Kreuzes des Kantons Una Sana in einem Video eines regionalen Fernsehsenders, das auf Youtube gestellt wurde.

Nur, alleine werde das das Rote Kreuz nicht schaffen.

„Der Vorrat ist fast ausgeschöpft und die Situation keinesfalls gut. Daher rufe ich alle, die helfen wollen und können, gemeinsam dazu beizutragen, eine humanitäre Katastrophe in Bihać zu verhindern.“

Kličić ruft die Bevölkerung zu Spenden auf. Schon in der Vergangenheit seien es vor allem die Menschen der Region gewesen, die Hilfsaktionen für Flüchtlinge ermöglicht haben.

Eine andere Option hat er vorerst auch nicht.

Stadt streicht Essen und Trinkwasser für Flüchtlinge

Erst am Mittwoch hat der Bürgermeister der Stadt Bihać, Šuhret Fazlić, angekündigt, am Montag werde die Stadt alle Zahlungen für das Lager einstellen (siehe HIER).

Bisher hatte die Gemeinde das Essen und das Trinkwasser für die Flüchtlinge finanziert – freilich nicht aus rein humanitären Erwägungen.

Das Lager auf einer ehemaligen Mülldeponie war illegal auf Geheiß der Stadt eingerichtet worden, Flüchtlinge wurden aus dem Stadtgebiet dorthin deportiert.

Vor wenigen Tagen explodierte die Zahl der zwangsweise Untergebrachten auf mehr als 2.000, nachdem die Polizei noch mehr als 1.000 Flüchtlinge auf die ehemalige Mülldeponie gebracht hatte.

Mit dem Schritt wollte der Bürgermeister die bosnische Bundesregierung und die Regierung des bosnjakisch-kroatischen Teilstaats Federacija unter Druck setzen.

Er wirft ihnen vor, seine Stadt zu wenig unterstützt haben, mehrere tausend Flüchtlinge zu versorgen, die von hier aus über die nahe kroatische Grenze wollen.

Proteste gegen Stadt, EU und bosnische Politik

Die Ankündigung, mehr als 2.000 Menschen ohne Wasser und Nahrung zu lassen, hatte bei internationalen Flüchtlingshelfern und einigen Abgeordneten des EU-Parlaments Entsetzen ausgelöst.

In seinem Statement gegenüber dem Regionalfernsehen trägt Rot-Kreuz-Präsident Kličić der schwierigen politischen Lage diplomatisch Rechnung.

Wenn es die Behörden der Stadt und des Staats Bosniens ermöglichen, „werden wir weiterhin Lunchpakete mit zwei Konserven, halbem Kilogramm Brot und einem Liter Wasser organisieren, damit die Flüchtlinge überleben können. Alles Andere müssen diejenigen besorgen, die Einfluss auf die Situation in Bosnien haben“, sagt er.

Notprogramm, keine Lösung

Mehr als ein Notprogramm ist das nicht. Aber mehr wird die Bevölkerung der Region alleine vermutlich kaum stemmen können.

Gelöst ist die katastrophale humanitäre Lage in Vučjak damit nicht.

Dafür sind die bosnischen Behörden und politischen Einrichtungen zuständig, die das Problem bisher ignoriert oder die Verantwortung anderen zugeschoben haben.

Aus Sicht internationaler Flüchtlingshelfer bleibt es notwendig, weiter Druck auf die EU und Bosnien auszuüben, um die Situation auf humane Art zu lösen.

Für Montag rufen in Wien Aktivisten um Flüchtlingshelferin Filis Bilgin zu einer Demonstration vor dem Haus der Europäischen Union in der Wipplingerstraße 35 auf. Beginn ist 16 Uhr.

Details zur geplanten Demonstration siehe HIER.

Helferinnen und Helfer rund um den Künstlerverein BOEM und Rapper Petar Pero Rosandić vulgo Kid Pex organisieren einen Nottransport mit Winterkleidung, Decken und weiterem Hilfsmaterial, um den Betroffenen Überlebenschancen im bevorstehenden Winter zu ermöglichen.

Kleidung und Material können am Donnerstag und am Samstag im Verein BOEM abgegeben werden.

Details siehe HIER.

Balkan Stories berichtete in den vergangenen Monaten mehrfach ausführlich über die Situation in Vučjak. Für einen Überblick, siehe HIER.

Titelfoto: Dino Rekanović

Herzlichen Dank an Dušica Pavlović (KOSMO) und Srdjan Govedarica (ARD Wien) für ihre Hilfe bei der Übersetzung des Videos.