Der Bürgermeister von Bihać droht, den mittlerweile wohl mehr als 2.000 Flüchtlingen im Lager Vučjak auf einer ehemaligen Mülldeponie keine Nahrung und kein Wasser mehr zu geben. Die Versorgung werde am Montag eingestellt, sagte Šuhret Fazlić am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Sarajevo. Damit setzt er die Menschen bewusst als Druckmittel gegen die bosnische Regierung ein.

„Wir werden die Krise eskalieren lassen“, sagte Šuhret Fazlić am Mittwoch in einer Pressekonferenz in Sarajevo.

Das ist ein Euphemismus für: Der Bürgermeister der Stadt Bihać kündigt vor laufenden Kameras an, die wohl als 2.000 Menschen in Vučjak hungern und dursten lassen.

Das soll die „bosnischen Behörden zum Handeln zwingen“.

Als ob der Bürgermeister einer Stadt nicht auch Behörde wäre.

Seiner eigenen Darstellung nach wird der ehemalige Manager dazu gezwungen, mit dem Leben der Flüchtlinge zu spielen.

Die Gemeinde Bihać habe das Flüchtlingslager Vučjak bisher mit 100.000 Mark finanziert (50.000 Euro.)

„Wir werden das Lager nicht mehr finanzieren“ sagt er.

Dass er es war, der das Lager illegal einrichten ließ, sagt er nicht.

Dass er es war, auf dessen Geheiß Flüchtlinge unter rechtlich dubiosen Umständen in das Lager gebracht wurden, sagt er auf der Pressekonferenz auch nicht.

Dass das Lager auf einer ehemaligen Mülldeponie liegt, sagt er auch nicht.

Sollten die Behörden des bosnjakisch-kroatischen Teilstaats Federacija und der Bundesregierung sich auch nicht um die Lage in Bihać und Vučjak kümmern, wenn es kein Essen und kein Wasser für die Flüchtlinge gebe, werde er tägliche Demonstrationen vor dem bosnischen Parlament in Sarajevo organisieren, sagt Fazlić.

Von diesen Einrichtungen fühlt er sich alleine gelassen.

Er wirft ihnen vor, in einer Parallelwelt zu leben: „Sie reden darüber, mehr Grenzpolizisten zu finanzieren. Darüber, dass wir täglich 3.000 Mahlzeiten verteilen und die Menschen medizinisch versorgen, redet niemand.“

90 Prozent der Flüchtlinge seien in seiner Gemeinde, im Rest des Landes gebe es keine Flüchtlingskrise.

Die anderen Behörden würden seine Stadt nur vertrösten.

In der Flüchtlingspolitik würden sie nur aktiv, um gegenüber internationalen Organisationen die Hand aufzuhalten, so der Bürgermeister sinngemäß auf der Pressekonferenz.

Entsetzen über Drohung des Bürgermeisters

Diesen Teil seiner Kritik werden auch viele Flüchtlingshelfer unterstützen, die sich entsetzt zeigen über den jüngsten Schritt.

„Das ist kein „Camp“ mehr, sondern ein Internierungslager und ab nun lebensgefährlich!“, sagt etwa der Künstler Arye Wachsmuth, der im Sommer Flüchtlinge im Lager medizinisch versorgt hat.

Für die Aussage, dass die Stadt die medizinische Versorgung von Flüchtlingen finanziere, wird der deutsche Journalist und Menschenrechtsaktivist Dirk Planert nur ein Lachen übrig haben.

Tatsächlich war er es, der im Juni überhaupt erst eine notdürftige medizinische Versorgung aufbaute und sie über drei Monate lang mit tatkräftiger Hilfe von Freiwilligen vor allem aus Deutschland und Österreich zum Lazarettzelt ausbaute.

Das Team versorgte ehrenamtlich bis zu 200 Menschen am Tag – und erst vor kurzem wurden die Helferinnen und Helfer gerade wegen dieser Tätigkeit aus Bosnien ausgewiesen und mussten jeweils 150 Euro Strafe zahlen.

Balkan Stories berichtete.

Sie alle haben in den vergangenen Monaten ebenfalls kritisiert, dass die bosnischen Behörden untätig waren.

Womit, bei allem Zugeständnis für die Belastungen für die Stadt Bihać, immer auch der Bürgermeister mitgemeint war.

Was die Lage zusätzlich verschärft: Nach mehreren übereinstimmenden Berichten sind in den vergangenen Tagen mindestens 1.000 weitere Menschen auf die ehemalige Mülldeponie von Vučjak gebracht worden.

Damit dürften aktuell mehr als 2.000 Menschen in den Zelten des Lagers hausen.

Flüchtlinge berichten über WhatsApp-Nachrichten, dass das Rote Kreuz heute nur mehr Essen für jeden Lagerinsassen gehabt habe.

Die bosnische Polizei, die das Lager bewacht, soll Flüchtlinge auch mit Schlägen davon abgehalten haben, das Camp zu verlassen.

Balkan Stories kann diese Berichte im Moment nicht überprüfen.

Unabhängig davon, ob sie zutreffen, zeigen sie aber, dass sich die Stimmung bei den Flüchtlingen zuspitzt.

Erste Proteste im Ausland angekündigt, Hilfslieferung geplant

Das zynische Spiel der bosnischen Behörden und des Bürgermeisters von Bihać bleiben im Ausland nicht unbemerkt.

Für Montag rufen in Wien Aktivisten um Flüchtlingshelferin Filis Bilgin zu einer Demonstration vor dem Haus der Europäischen Union in der Wipplingerstraße 35 auf. Beginn ist 16 Uhr.

Details zur geplanten Demonstration siehe HIER.

Helferinnen und Helfer rund um den Künstlerverein BOEM und Rapper Petar Pero Rosandić vulgo Kid Pex organisieren einen Nottransport mit Winterkleidung, Decken und weiterem Hilfsmaterial, um den Betroffenen Überlebenschancen im bevorstehenden Winter zu ermöglichen.

Von der politisch motivierten Eskalation lassen sie sich nicht abschrecken.

Kleidung und Material können am Donnerstag und am Samstag im Verein BOEM abgegeben werden.

Details siehe HIER.

Balkan Stories berichtete in den vergangenen Monaten mehrfach ausführlich über die Situation in Vučjak. Für einen Überblick, siehe HIER.

Titelbild: Petar Rosandić, KOSMO