In Wien haben erneut Aktivisten und ehemalige Flüchtlinge gegen die unmenschlichen Zustände im Flüchtlingslager Vučjak bei Bihać in Bosnien demonstriert. Dort sind bekanntlich nicht einmal mehr Essens- und Trinkwasserversorgung sichergestellt. Die noch kleine Protestbewegung scheint langsam Fahrt aufzunehmen.

Es mögen nach wie vor keine Massen sein, die sich gegenüber dem Haus der Europäischen Union im Wiener Stadtzentrum versammelt haben.

Aber es sind mehr als beim ersten Protest gegen die Zustände in Vučjak.

Und 80 Menschen innerhalb weniger Tage mobilisieren für ein Problem, über man das man hierzulande kaum etwas erfährt, ist für eine noch kleine Bewegung wie das Team Vučjak auch eine beachtliche Leistung.

Seitdem vergangene Woche der Bürgermeister von Bihać ankündigte, diese Woche den mehr als 2.000 Flüchtlingen weder Essen noch Trinkwasser zu finanzieren (Balkan Stories berichtete, siehe HIER), gehen die Wogen hoch in der Aktivistenszene.

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Aktivist Petar Rosandić

Von Hilfslieferungen, die in Oberösterreich und Wien organisiert werden, über Lobbying bis zu öffentlichen Protesten.

„Wahrzeichen der Festung Europa“

Die Bewegung geht in die Breite. Mit Michael Genner steht etwa einer von Österreichs prominentesten und lautstärksten Flüchtlingsaktivisten am Mikrophon.

„Die Müllhalde (auf der die Gemeinde Bihać das Lager Vučjak illegal errichten ließ, Anm.), wo die Machthaber Europas Hilffsuchende verkommen lassen, ist das neue Wahrzeichen der Festung Europas“, sagt er und spricht vom Terror der Mächtigen, der abgestellt werden müsste.

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Michael Genner

Auch Alma Zadić ergreift auf Einladung von Organisatoren Filis Bilgin und Georg Hochecker das Wort.

Alma ist Nationalratsabgeordnete für die Grünen und selbst als Flüchtling nach Österreich gekommen.

Was in Vučjak passiere, sei eine „unfassbare Schande“.

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Alma Zadić

„Was wäre gewesen, wenn wir damals so behandelt worden wären“, sagt sie.

Und kritisiert, dass die heimischen Medien praktisch nichts über die Zustände in einem Lager berichten, dass gerade mals 270 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt liegt.

Langsam entsteht öffentliches Interesse

Langsam freilich spricht sich herum, was im Lager passiert mit den Flüchtlingen, die in Bosnien nicht gewollt sind und vom nahegelegenen Kroatien mit aller Gewalt ferngehalten werden.

Nicht nur an Alma sieht man, dass die gewollte humanitäre Katastrophe vor der Haustüre die Politik zu beschäftigen beginnt.

Eine der Teilnehmerinnen der Demo etwa ist Mireille Ngosso (SPÖ), stellvertretender Bezirksvorsteherin des ersten Wiener Gemeindebezirks.

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Vorerst bleibt das Team Vučjak eine Grassroots-Bewegung.

„Wir sind normale Menschen, die es einfach nicht hinnehmen, dass Menschen sterben“, sagt Organisatorin Filis Bilgin.

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Organisatorin Filis Bilgin

Und appelliert an die Anwesenden und an Sympathisanten: „Organisiert euch, erhebt eure Stimme. Ihr habt eine. Wir sind viele.“

Wo es noch viel zu organisieren gebe, ist aus Sicht von Admir die bosnische Community: „Haben die alle vergessen, dass sie als Flüchtlinge hergekommen sind? Wie viele Bosnier waren heute da? Zehn?“

Er ist mit 17 aus Tuzla nach Österreich geflüchtet.

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Flüchtlingshelfer und Künstler Arye Wachsmuth

Auch Renato Čiča zeigt sich enttäuscht, dass kaum Bosnier gekommen sind.

Auch er war Flüchtling und ist seit 2015 als Flüchtlingshelfer aktiv. (Balkan Stories berichtete.)

Die Stimmung sei heute merklich schlechter als vor vier Jahren, in Österreich wie in Bosnien selber.

Viele würden sich heute nicht mehr trauen, zugunsten von Geflüchteten Stellung zu ergreifen oder etwas zu unternehmen.

Zeichen setzen

„Ich verstehe ja bis zu einem gewissen Grad, dass sich Menschen nicht damit auseinandersetzen wollen. Aber wo mir jedes Verständnis fehlt, ist, dass man Menschen leiden lässt, und zusieht, wie sie zum Beispiel als Ungeziefer bezeichnet werden.“

Ihm sei es ein Anliegen gewesen, mit seiner Teilnahme an der Demo ein Zeichen zu setzen, sagt Renato.

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Renato Čiča

Ein weiteres, größeres, wird er diese Woche setzen.

Seit Tagen sammelt er gemeinsam mit Pero Rosandić, vulgo Kid Pex, und Alexander Nikolić vom Künstlerverein BOEM Kleidungsspenden für Flüchtlinge in Vučjak. Ende der Woche soll der Transport losgehen. Gemeinsam mit einem, den Flüchtlingshelferin Brigitte Holzinger in Oberösterreich auf die Beine gestellt hat.

Balkan Stories berichtete in den vergangenen Monaten mehrfach ausführlich über die Situation in Vučjak. Für einen Überblick, siehe HIER.