Unter dem Slogan „1od5miliona“ (Einer von fünf Millionen) hat die serbische Zivilgesellschaft die größten Proteste seit Langem organisiert. Diesmal stellt sich auch die Opposition fast geschlossen dahinter. Allein vergangenen Samstag marschierten 40.000 Menschen durch die Beograder Innenstadt. Balkan Stories hat mit mehreren Teilnehmern gesprochen.

„Ich habe ehrlich gesagt nicht geglaubt, dass viele Menschen kommen“. Katarina*, Künstlerin aus Beograd ist immer noch beeindruckt von den Menschenmassen, die sich vergangenen Samstag vor dem Lokal Plato vor der Philosophischen Fakultät der Uni Beograd getroffen haben.

Katarina hat die Protestbewegung im vergangenen Jahr unterstützt.

Damals marschierte man gegen die Wahl des damaligen Premierministers Aleksandar Vučić zum Präsidenten – und dagegen, dass praktisch alle größeren Medien des Landes unter der Kontrolle von Leuten stehen, die auf die eine oder andere Weise freundschaftlich mit ihm verbunden sind.

Die Protestbewegung verebbte nach einigen Wochen, wie diese Reportage von Balkan Stories zeigt.

„Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen hier alle Hoffnung und jeden Glauben an die Zukunft verloren haben. Aber überraschenderweise sind so viele von uns gekommen. Und es werden von Mal zu Mal mehr“.

Katarina über die Proteste vergangenen Samstag

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Diese Montage von Dragoljub Zamurović zeigt das Ausmaß der Demonstration. (c) Dragoljub Zamurović, http://www.artzamur.com

Längst geht es nicht mehr nur um einen Überfall

Die Demo am 22. Dezember war die dritte große Demo, nachdem der Oppositionspolitiker Borko Stefanović auf einer regionalen Demonstration zusammengeschlagen und schwer verletzt worden war.

Sie war die größte Kundgebung bisher.

Die Verdächtigen im Fall Stefanović haben eine Naheverhältnis zur Partei SNS von Staatspräsident Vučić. Wie eng das ist, ist Gegenstand von Spekulation.

Zahlreiche Kritiker machen die harte Rhetorik von Vučić gegenüber Oppositionellen für den Überfall verantwortlich.

Dass ein Oppositionspolitiker bei einer öffentlichen Versammlung zusammengeschlagen wird, hat im ganzen Land Abertausende empört.

Es war ein Funke, der die größte Protestbewegung seit Längerem in Gang setzt.

Längst geht es nicht mehr nur um diesen Überfall und um Vučić.

Die Menschen demonstrieren gegen die einseitige Medienlandschaft, die aus ihrer Sicht allgegenwärtige Korruption und die Perspektivenlosigkeit.

„Wir kämpfen um demokratische Zustände“

Der gebürtige Beograder Dule lebt eigentlich in Wien und hat seinen Weihnachtsurlaub extra einen Tag früher angetreten. „So konnte ich bei der Demo dabei sein“, sagt er.

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Dule hat auf der Demo mit dem Handy fotografiert.

Auch Kati, geboren in Bor, lebt in Wien und organisierte ihren Weihnachtsurlaub so, dass sie bei der Demo sein konnte.

„Ich hab mich riesig gefreut dabei zu sein“, sagt sie über ihren ersten Urlaubstag.

„Wir kämpfen um demokratische Zustände. Und um freie Medien. Vor allem um freie Medien“, schildert Dule, was ihn antreibt.

„Ich habe diese Regierung satt. Dass ich in Österreich lebe, ändert nichts daran. In meinen beiden Ländern gehen derzeit die Menschen wegen ihrer Freiheit auf die Straße. In beiden Fällen bin ich dabei.“

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Dule spielt damit auf die Donnerstagsdemos gegen die schwarzblaue Bundesregierung in Wien an.

Was ihn überrascht hat, war, dass viele Ältere bei der Demo waren: „Ich habe viele Leute gehört deren Kinder im Ausland sind. Die sagen: ich bin wegen meiner Kinder draußen. Die verdienen eine Chance, irgendwann in ein normales Land zurückzukehren.“

Der Kampf ums Fernsehen

Zu einem normalen Land gehört für die Menschen hier auch ein unabhängiges öffentlich-rechtliches Fernsehen.

Dass RTS unabhängig ist, würden vermutlich nur die Wohlmeinendsten unter den Sympathisanten von Aleksandar Vučić behaupten.

Das Hauptgebäude von RTS war denn auch Ziel der Großdemo.

„Es war sehr wichtig, dass wir vor dem Gebäude geblieben sind und gefordert haben, dass auch unsere Stimmen gebracht werden“, schildert Katarina, die Beograder Künstlerin.

Wahnsinnig viel Berichterstattung brachte das diesmal nicht auf RTS.

Immerhin beschäftigte sich der Privatsender N1 ausführlich mit der Protestbewegung.

Er ist eine der wenigen unabhängigen Stimmen in Serbien.

Bewegung umfasst fast das gesamte politische Spektrum

Wie man in dieser Reportage sieht, wird diese Protestbewegung von Menschen mit nahezu allen politischen Einstellungen getragen.

Da skandieren Teilnehmende gegen Transphobie, andere schwenken Fahnen mit nationalistischen Botschaften.

Anders als vor eineinhalb Jahren scheint sich auch die Opposition fast geschlossen hinter die Proteste zu stellen.

Auch hier ist fast das gesamte politische Spektrum vertreten, vor allem durch die Dachorganisation Sazev za Srbiju.

Das macht den Demo-Teilnehmern und Sympathisanten Hoffnung.

„Gleiche Energie wie im Jahr 2000“

„Ich spüre die Stimmung wie vor 20 Jahren“, sagt Dule.

Damit gemeint ist vor allem die Protestbewegung, die im Jahr 2000 Slobodan Milošević zu Fall brachte, den autoritären Präsidenten des damaligen Rumpf-Jugoslawien.

„Ich hab die gleiche Energie gespürt. Die Leute haben auch darüber gesprochen. Die wollen ihr Land nicht verlassen.“

Dule

Auch Künstlerin Katarina fühlt sich an die Protestbewegung von vor 18 Jahren erinnert.

Vielleicht trägt auch dazu bei, dass es in beiden Bewegungen eine Konstante gibt: Vučić.

Unter Milošević war der damals offiziell nationalistische Vučić Informationsminister.

Heute ist der offiziell nicht mehr nationalistische Vučić Staatspräsident und hält alle Fäden der Macht in seiner Hand.

Dass die Empörung der Massen so groß ist wie 2000, mag eine realistische Einschätzung sein oder Zweckoptimismus.

Diesmal scheinen die Dinge besser zu laufen als vor eineinhalb Jahren.

Die Organisatorinnen und Organisatoren haben aus dem Scheitern der damaligen Proteste gelernt.

Slogan der Proteste kommt vom Präsidenten

Auch haben der Überfall und nicht zuletzt Aleksandar Vučić viele aus ihrer Lethargie gerissen.

Vučić hatte vergangene Woche auf die Kritik bei den Demos geantwortet: „Und wenn fünf Millionen demonstrieren, werde ich meine Politik nicht ändern.“

Serbien hat nur etwas mehr als sieben Millionen Einwohner. Tendenz: stark sinkend.

Mit der Aussage gab ausgerechnet der Hauptadressat der Demonstrationen der Protestbewegung ihren Slogan.

„1od5miliona“.

„Eine(r) von fünf Millionen“.

Vielleicht das erste gröbere Eigentor, seitdem er an der Macht ist.

Dennoch, es gibt auch Dinge, die gegen diese Protestbewegung arbeiten.

Teilnehmer berichtet über Einschüchterung

Das ist nicht nur die Sudelkampagne in den durchwegs regierungstreuen Boulevardmedien.

Ein Demoteilnehmer, der anonym bleiben möchte, schildert gegenüber Balkan Stories, dass er nach der Demo eingeschüchtert worden sei.

„Ein Mann  ist auf mich zugekommen und hat mir ‚geraten‘, nicht mehr hinzugehen. Ich weiß nicht, wer er ist und was sein Beruf ist. Aber sein Auftreten war so, dass ich das ernst nehme.“

Es gibt keine Belege, dass der Unbekannte in irgendeiner Weise für die Partei von Präsident Vučić oder den serbischen Geheimdienst arbeitet oder sonstwie mit ihnen in Verbindung steht.

Lediglich die Erfahrungen mit der serbischen Politik in der Vergangenheit mit ihren Verstrickungen mit dem organisierten Verbrechen und den Geheimdiensten lassen diese Vermutung hochkommen.

Mehr als Spekulation ist das freilich nicht.

Dieser Teilnehmer wird nach eigenen Angaben nächsten Samstag nicht auf der nächsten Demonstration sein.

Aber vielleicht wird eine Andere oder ein Anderer seinen Platz übernehmen und am 29. Dezember um 18 Uhr vor dem Cafe Plato auf der Hinterseite des Trg Republike stehen.

*Die vollständigen Namen der Teilnehmer sind Balkan Stories bekannt. Um sie vor möglichen Repressalien zu schützen, werden hier nur die Vor- bzw. Spitznamen genannt.