Spezialeinheiten der Polizei haben in Banja Luka in Bosnien offenbar begonnen, die Protestbewegung Pravda za Davida (Gerechtigkeit für David) zu zerschlagen. Benannt ist sie nach dem Mordopfer David Dragičević. Davids Vater Davor, Sprecher der Bewegung, und Davids Mutter Suzana wurden am Dienstag in den Morgenstunden festgenommen, ebenso weitere Mitglieder der Protestbewegung.

Die Bilder aus Banja Luka zeigen eine Polizei, die mit allen Mitteln gegen die Protestbewegung Pravda za Davida (Gerechtigkeit für David) vorgeht.

Maskierte Polizisten mit Schutzhelmen- und westen haben das Denkmal für David am Trg Krajine abgeriegelt.

Die Knüppel haben sie einsatzbereit in den Arm geklemmt.

Nach Medienberichten sind es Mitglieder der Spezialpolizei der Republika Srpska (RS).

Die RS ist der serbisch dominierte Teilstaat Bosniens. Banja Luka ist ihr Regierungssitz.

Es ist ein höchst symbolischer Akt.

Um dieses Denkmal mit der emporgestreckten Faust des Protests herum hatten sich in den vergangenen knapp zehn Monaten jeden Abend Bürgerinnen und Bürger zu Kundgebungen von Pravda za Davida versammelt.

Dieses Bild zeigt, wie Polizisten Dienstagmorgen Suzana Radanović abführen. Sie ist die Mutter von David Dragičević, dem Mordopfer, das die landesweite Protestbewegung ausgelöst hat.

(Mehr über den Mordfall und die Protestbewegung findet ihr HIER.)

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Auch dieses Bild wurde auf dem Platz aufgenommen.

Dragan Bursac
(c) Dragan Bursać

Der Fotograf kommentiert die Aufnahme mit beißendem Sarkasmus.

Nach übereinstimmenden Medienberichten wurde auch Davids Vater Davor Dragičević verhaftet.

Die Begründung erscheint vielen wenig glaubwürdig

Ihm wird vorgeworfen, vor einer Woche vor einer Parlamentssitzung in Banja Luka demonstriert zu haben, bei der die neue Regierung der RS gewählt wurde.

Davor habe nicht auf eine Vorladung der Polizei in dieser Sache reagiert, begründet ein Polizeisprecher die Festnahme. Und er würde „die Sicherheit gefährden.“

Sein Haus wurde durchsucht.

Mehrere weitere Mitglieder der Protestbewegung wurden ebenfalls festgenommen, angeblich auch einige oppositionelle Abgeordnete des Parlaments der RS.

Aktivisten von Pravda za Davida befürchten, dass das die lange erwartete Rache Milorad Dodiks an der Bewegung ist.

Der serbische Nationalist Dodik war bis vor Kurzem Präsident der RS. Bei den Wahlen im Oktober wurde er als Vertreter der Serben ins Staatspräsidium Bosniens gewählt.

Eine Bedrohung für ein korruptes politisches System?

Dodik war das Hauptziel der Protestbewegung, die die Aufklärung des Mordes an David fordert, in den allem Anschein nach die Polizei verwickelt ist.

Dodik und die Regierung der RS hatten in den vergangenen Monaten nicht den Eindruck erweckt, sie würden die Aufklärung mit sonderlich viel Engagement vorantreiben.

Längst geht es freilich nicht numehr nur um den Mordfall. Pravda za Davida hat als erste Protestbewegung überhaupt das gesamte Bosnien erfasst.

Menschen gehen auf die Straße, um gegen ein korruptes und nationalistisches politisches System zu demonstrieren, das den jungen Menschen die einzige Perspektive lässt, auszuwandern.

Bei einzelnen Gelegenheiten hatten die Demos Zehntausende Teilnehmer.

Etliche Mitglieder der politischen Klasse Bosniens  – aller Nationalitäten und Landesteile – sehen Pravda za Davida als Bedrohung für ihre Macht.

Besonders dürfte das für die nationalistische Regierung der RS gelten.

Dass die Polizei die Bewegung zerschlägt, war lange befürchtet und erwartet worden.

„Svi na ulice!“ „Alle auf die Straße!“

Zumal Davids Vater Davor in den vergangenen Wochen die Bewegung vorangetrieben und auch symbolisch auf die gesamtbosnische Ebene gehoben hatte.

Vor wenigen Tagen traf er sich mit Željko Komšić.

Komšić vertritt die Kroaten im gesamtbosnischen Staatspräsidium. Er gilt als Linksliberaler und Nicht-Nationalist.

Er ist bei vielen Bosniern jeglicher Nationalität beliebt und sofern es Hoffnungsträger im komplexen politischen System des Staates gibt, ist er einer.

Aktivisten von Pravda za Davida haben am Dienstag alle Sympathisanten aufgerufen, sich am Trg Krajine in Banja Luka zu versammeln und gegen die Zerschlagung der Bewegung zu demonstrieren.

Und wer nicht in Banja Luka sei, solle in seinem Heimatort protestieren.

Der Slogan ist: Svi na ulice! Alle auf die Straße!

Es kann sein, dass das zu einer Machtprobe gegen das System Dodik wird.

Balkan Stories wird weiter berichten.

Titelfoto: (c) Snežana Mitrović auf Twitter.