Balkan Stories feiert seinen zweiten Geburtstag. Aus dem ursprünglich privaten Projekt wird immer mehr eine Stimme vieler, die außerhalb des Balkan fast nie gehört werden. Ein „Alternativmedium“ will dieser Blog aber nicht sein.

Eigentlich mag ich ihn nicht, diesen Ausdruck „etwas liegt auf der Straße“. Ich bin ein Feind der Phrase. Dass etwas „auf der Straße liegt“, ist in der Regel eine Phrase.

Nur, in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens trifft das auf Geschichten zu. Überall triffst du Menschen, deren Geschichte es wert ist, dass sie erzählt wird.

Es sind Geschichten von Armut, Improvisationstalent, Korruption, Kreativität, Gastfreundlichkeit, offenem Rassismus, Nationalismus, Kampf gegen Nationalismus, von zynischer Politik, vom Aufbäumen gegen Politik, von der internationalen Gemeinschaft, die nur in einem aktiv ist, das ist im Wegschauen.

Vor allem sind es Geschichten, die sonst außerhalb der Nachfolgestaaten Jugoslawiens nicht oder kaum erzählt werden.

Kaum eine Zeitung gibt einem Journalisten Platz für einen Artikel, in dem erst der Zusammenhang erklärt werden muss. Nur, was leicht begreifbar ist, wird gedruckt.

Eine Geschichte über Landminen – das geht. (Danke an Michael Biach für seine hervorragenden Fotos).

Donji Rahić. A dog is searching for landmines.
Ein Minensuchhund in Donji Rahić. Foto: (c) Michael Biach

Auch, dass in Zagreb der Tito-Platz umbenannt wurde, geht noch. Wenn auch meist ohne den Kontext, dass die Hauptbetreiber der Umbenennung fest im neofaschistischen Lager verwurzelt sind.

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Etliche Exklusiv-Geschichten

Etwas über die sehr aufklärungsbedürftigen Vorgänge rund um die Vijećnica in Sarajevo? Geht eher nicht.

Um diese Geschichte zu verstehen, muss man die komplexen Machtstrukturen Bosniens kennen oder erklärt bekommen. Interessiert schon niemanden mehr.

Umso mehr gilt das für ein eng verwandtes Thema, den bedauernswerten Zustand der bosnischen Nationalbibliothek. Über beide Umstände hat Balkan Stories zumindest im deutschsprachigen Raum exklusiv berichtet.

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Auch davon, dass die Wasserversorgung Sarajevos zusammengebrochen ist, hat man hierzulande nichts gelesen. Auch das war eine Exklusiv-Geschichte.

Der Kontakt zur Protestgruppe rund um Eko Akcija und Jedan grad, jedna borba hat sich zufällig über eine liebe Freundin ergeben.

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Ex-Jugoslawien, das ist eine Erfolgsgeschichte der internationalen Gemeinschaft, lesen wir ständig.

Ein paar Korrespondentinnen und Korrespondenten bemühen sich, auch auf die Schattenseiten abseits der Klischees hinzuweisen, aber die Leser interessieren mehr die Klischees.

Wofür andernorts kein Platz ist

So gehen solche hervorragenden Reportagen wie von Saša Dragojlo über die Zustände in der Geox-Fabrik im serbischen Vranje unter. Dieser Blog durfte die Reportage übernehmen, die im Magazin Mašina erschienen ist.

Leider keinen Platz gibt es auch für Reportagen wie die von Robna Pijaca in Novi Pazar, wo ehemalige Gastarbeiter ihrer Mini-Renten als Verkäufer aufbessern müssen oder vom Buchhändler Florin aus Prishtina, dessen großer Traum ist, einmal nach Paris zu reisen. Was ihm die EU bislang unmöglich gemacht hat.

Und wer interessiert sich schon dafür, wie sehr sich die Bedingungen für Arbeiter seit dem gewaltsamen Zusammenbruch des sozialistischen Jugoslawiens verschlechtert haben? Balkan Stories tut das.

Die meisten anderen Medien wissen, dass solche Geschichten auf wenig Interesse bei den Lesern stoßen werden und lassen es gleich.

Das merke auch ich an den Statistiken. Die mit Abstand meist gelesene Geschichte in den vergangenen zwölf Monaten war die über den irakischen Flüchtling Waleed A., der vor seinem Hotel in Zagreb verprügelt und verletzt worden war.

Über diese furchtbare Attacke hatten zuvor andere österreichische Medien berichtet. Balkan Stories war aber die erste Seite, die mit dem Opfer gesprochen hat.

Vice Österreich hat die Geschichte übernommen.

Darum gibt es auch diesen Blog: Um eine Stimme für Menschen zu sein, denen sonst niemand zuhört. Und die uns erzählen können, wie das Leben abseits von Klischees und Jubelmeldungen internationaler Körperschaften ist.

Balkan Stories ist kein „Alternativmedium“

Trotzdem: Ein „Alternativmedium“ kann und will dieser Blog nicht sein.

Obwohl ich Balkan Stories in meiner Freizeit betreibe, ist und bleibt diese Seite journalistischen Standards verpflichtet.

Hier wird nichts erfunden, hier werden keine Gerüchte verbreitet. Informationen werden im Rahmen meiner Möglichkeiten geprüft, bevor sie hier erscheinen.

Ich verstehe Balkan Stories auch nicht als Projekt gegen größere Medien. Dieser Blog ist eine Ergänzung in einer ganz bestimmten Nische.

Einer Nische, die nicht nur geographisch zu sehen ist. Journalismus von unten – oder zumindest über Menschen am unteren Rand der Gesellschaft – fällt zunehmend dem ökonomischen Druck auf die Medienlandschaft zum Opfer.

Und da gibt es eine Reihe schräger, trauriger und lustiger Geschichten, die ich noch keine Gelegenheit zu erzählen.

Was demnächst kommt

Man darf mich, hab ich einmal halb im Scherz, halb ernst, gemeint, am Balkan nicht auf die Straße lassen, ohne, dass ich mit einer Geschichte heimkomme.

Wie sich die bittere Armut vieler Menschen in Beograd zeigt, ist eine dieser eher traurigen Geschichten.

Mit einer Prise Humor, aber in Summe gar nicht lustig, ist die Reportage über Tomas, den Philosophen von Sarajevo.

Demnächst geplant sind eine Fotoreportage über Unas Prishtina und ein Beitrag über ein Gespräch mit einem der kontroversiellsten ex-jugoslawischen Schriftsteller und sein neuestes Buch.

Auch die „Pyramiden“ von Visoko hab ich besucht, gemeinsam mit einer Busladung bulgarischer Esoteriker. Auf der Tour habe ich auch einiges über die Schattenseiten im bosnischen Tourismus gelernt.

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In Zagreb war ich mit Freunden beim Chinesen. Auch sowas gehört einmal erzählt.

Und ihr werdet erfahren, wie es um den berühmten Hamam von Novi Pazar steht.

Für manches fehlt die Zeit

Manche Geschichten erzähle ich auch gar nicht. Es fehlt die Zeit.

Ich betreibe diesen Blog in meiner Freizeit. Ich verbringe nach Möglichkeit meine fünf Wochen Jahresurlaub am Balkan.

Da ich mich auch ein wenig entspannen will, habe ich mir die Selbstbeschränkung auferlegt: Eine Geschichte am Tag. Nicht mehr. (Halte ich nicht immer ein.)

So werde ich schweren Herzens nichts über Adi vom Hotel Bujrum in Sarajevo schreiben. Er war zehn Jahre bei der US-amerikanischen Handelsmarine. Mit seinem Ersparten hat er gemeinsam mit der Frau die Pension gekauft und renovieren lassen.

(Sein Kätzchen hat es hier immerhin zu einiger Prominenz gebracht.)

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Vielleicht gelingt es mir beim nächsten Mal.

Wie Ihr Balkan Stories unterstützen könnt

Auch wenn Balkan Stories ausdrücklich nicht-kommerziell ist, könnt ihr, liebe Leserinnen und Leser dieses Projekt unterstützen.

Ich erzähle diese Geschichten, damit sie von möglichst vielen Menschen gelesen werden. Damit vielleicht ein paar Klischees zurückgedrängt werden können.

Damit hinterfragt wird, ob die internationale Entwicklungszusammenarbeit am Balkan wirklich erfolgreich ist.

Damit man sieht, unter welchen Bedingungen Menschen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft leben müssen. Und dass wegschauen keine Option ist.

Auch, damit man sich die Frage stellt, ob die europäische Stabilitätspolitik in der Region eine so wahnsinnig gute Idee ist.

Leider stoßen nicht alle dieser Beiträge auf die Resonanz, auf die ich gehofft habe – und auf die ich angewiesen bin, um dieses Projekt nicht völlig sinnlos erscheinen zu lassen.

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Wenn man an einer Reportage drei Tage unbezahlt arbeitet und am Ende lesen sie nur 150 Leute, ist das demotivierend. Und lässt mich die Frage stellen, ob ich meine Freizeit nicht sinnvoller verwenden könnte.

Wenn ihr eine Geschichte interessant findet, bitte schickt sie an andere Interessierte weiter oder teilt sie in sozialen Netzwerken.

Wenn euch etwas gefällt oder nicht gefällt, kommentiert bitte. Dann weiß ich, dass die Texte bewegen und genau das will ein Autor erreichen.

Und wenn ihr Geschichten kennt, von denen ihr glaubt, dass sie erzählt werden sollten, macht mich bitte darauf aufmerksam. Ich werde nicht jede aufgreifen können, aber für Anregungen bin ich immer dankbar.

Ein herzliches Dankeschön

A pro pos Dankbarkeit:

Meine gebührt ganz besonders Majda Turkić. Ohne ihre Gastfreundlichkeit, ihre Kenntnis der Region und ihre vielen Anregungen gebe es diesen Blog mit Sicherheit nicht. Von ihren wunderbaren Fotos ganz zu schweigen.

Großen Dank auch Martina Šimkovičová. Ihre künstlerischen Arbeiten und Analysen über Ost-West-Klischees bringen mich zum Nachdenken über eigene Stereotypen. Ohne ihre paradoxe Intervention hätte ich den Blog vermutlich schon aufgegeben. Übrigens ist sie wie Majda eine ausgezeichnete Fotografin.

Ein großes Danke auch an Petar Janjatović, Rüdiger Rossig, Mirella Sidro, Una Hajdari, Michael Biach, Ana Benačić, Ladislav Tomičić, Selma Asotić, Vid Jeraj, Nedad Memić, Amela Muratović, Olja Alvir, Barbi Marković, David Bailey, Robert Rigney, Renato Čiča und viele andere für ihre Unterstützung.