Ein Rechsstreit zwischen der Stadtregierung und der Nationalbibliothek lässt die Bürger von Sarajevo ratlos zurück und unterstreicht die Dysfunktionalität des Landes. Geführt wird er über der Frage, wer in eines der symbolträchtigsten Gebäude Bosniens einziehen darf.

Man stelle sich diese Filmhandlung vor: Eine Stadtverwaltung besetzt (mutmaßlich illegal) die Gesamtheit eines der begehrtesten Gebäude der Stadt und verhindert (mutmaßlich illegal), dass der (mutmaßlich legale) Hauptmieter einzieht – der eine andere öffentliche Einrichtung ist.

Um dem ganzen Würze zu verleihen, verdient sich die Stadtverwaltung an besagtem Gebäude dumm und dämlich: Sie vermietet Räume für Festivitäten und verlangt von den Bürgern Eintrittsgeld.

Klingt weit hergeholt, sogar für eine Satire. Das Drehbuch würde in jedem Filmstudio in der Rundablage landen.

Es ist keine Satire

In Sarajevo wird das Drehbuch sozusagen gerade live inszeniert und lieferte Material für eine Kurzdoku, die der Sender BHT vor wenigen Wochen ausgestrahlt hat. Auch einige Zeitungen und News-Seiten haben über die Aufführung berichtet.

Was dem Stück an Ironie fehlt, machen die Protagonisten mit Ernsthaftigkeit wett.

Die Stadtverwaltung der bosnischen Hauptstadt hat die gesamte Vijećnica übernommen – das bekannte Gebäude, das in der k.u.k-Zeit als Rathaus errichtet wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang Sitz der Bosnischen National- und Universitätsbibliothek (NUBBiH) war.

Und die Stadt verhindert seit der Wiedereröffnung des Gebäudes vor zweieinhalb Jahren, dass die NUBBiH wieder dort einzieht – und das trotz der Ankündigungen bei der Wiedereröffnung, dass Stadt und Bibliothek in der Vijećnica untergebracht würden.

Das wäre für sich genommen allenfalls eine Randnotiz wert.

Wäre das Gebäude nicht während des Jugoslawienkrieges schwer beschädigt und mit internationalen Spenden wiedererrichtet worden. Die waren mit der Vorstellung geflossen, dem symbolträchtige Gebäude wieder seinen Vorkriegsstatus zu geben.

Und der wäre der der Nationalbibliothek Bosniens.

Das beeindruckt den Bürgermeister von Sarajevo, Ivo Komšić, nicht sonderlich. „Die Vijećnica ist keine Bibliothek“, ließ er mehrfach öffentlich verlautbaren. Seine Sprecherinnen und Sprecher haben gegenüber bosnischen Medien klargestellt, dass für sie die Sache ein für alle mal geregelt ist: Über das Gebäude gebietet die Stadtverwaltung und niemand sonst.

Die NUBBiH sieht das anders und besteht auf ihrem Recht, wieder in der Vijećnica einzuziehen.

Komplexe Rechtslage oder juristischer Schildbürgerstreich?

Die Standpunkte der Parteien scheinen unvereinbar. Man kann sich nicht mal einig werden, ob über der Sache noch ein Rechtsstreit geführt wird oder nicht.

Was mit der etwas komplexen Ausgangslage der Sache zu tun hat.

Die NUBBiH hatte schon 2014 auf ihr Recht geklagt, in die Vijećnica einzuziehen.

Das Kantonalgericht entschied damals: Das Gebäude ist öffentliches Eigentum. Die Verfügungsgewalt über die Vijećnica liege bei der Bibliothek. Nur: Der Eigentümerstatus der Nationalbibliothek sei unklar und so könne sie die Stadt nicht klagen.

In anderen Worten: Wahrscheinlich hat die Stadt gegen die Verfügungsrechte der Bibliothek verstoßen. Die muss sich das bis auf weiteres gefallen lassen.

Das Verständnis für die richterliche Entscheidung hält sich außerhalb von Juristenkreisen und dem Rathaus von Sarajevo in Grenzen.

Ob das daran liegt, dass ein komplexer Sachverhalt, der Vor- und Nachkriegsrecht versucht unter einen Hut zu bringen, schwer zu vermitteln ist oder dafür spricht, dass die Entscheidung ein juristischer Schildbürgerstreich sein könnte, ist von außen schwer zu beurteilen.

Fest steht: Bosnischer geht’s nicht.

Aktuell versucht die Nationalbibliothek ihre Parteienstellung im juristischen Konflikt wiederzuerlangen und strengt ein neues Gerichtsverfahren an.

Ende November sagte Ismet Ovčina, Leiter der Nationalbibliothek, dem bosnischen Online-Magazin Klix, er werde außerdem ein Gespräch mit Bürgermeister Komšić suchen, um eine Lösung zu finden.

Eine Anfrage von Balkan Stories an Ovčina, ob es den Termin mittlerweile gegeben hat, blieb unbeantwortet.

Die Bibliothek, die seit 1992 provisorisch am Uni-Campus untergebracht ist, zeigt sich indes überzeugt, dass sie wieder in ihren alten Sitz einziehen darf. Wer auf ihre Homepage schaut, gewinnt vor lauter Bildern der restaurierten Vijećnica den Eindruck, sie sei wieder dort.

Viel symbolträchtiger kann ein Konflikt kaum sein

Für die Stadtregierung ist die Sache ein für alle Mal entschieden.

Mit dieser Einschätzung könnte Bürgermeister Komšić die politischen Dimension des Streits grob unterschätzen. Die Stadtregierung hätte sich kein symbolgeladeneres

Streitthema aussuchen können.

Hier geht es nicht nur um einen grotesken Rechtsstreit in einem Land, das für seine politische und juristische Dsyfunktionalität bekannt ist.

Die symbolische Ebene des Konflikts berührt die Frage, wie sich Bosnien darstellen darf: Als komplexes politisches Gebilde, das ein de facto internationales Protektorat ist, in seiner aktuellen Form das Ergebnis eines langfristig untauglichen Kompromisses namens Dayton? Oder darf es der Welt beweisen, dass das Land ein Existenzrecht als Nation hat?

Als serbische Milizen am 25. August 1992 die Vijećnica mit Brandgranaten beschossen, wollten sie Bosniens kulturelles Erbe auslöschen und damit seine Existenz als Nation.

Ein Großteil der zwei Millionen Bände der Nationalbibliothek ging in Flammen auf. Viele Unikate nicht nur früher bosnischer Literatur genauso wie untersetzbare historische Dokumente.

Große Teile des kulturellen Gedächtnisses der Nation verschwanden für immer.

In den Augen vieler Bosnier würde der Wiedereinzug der Nationalbibliothek in die Vijećnica zumindest eine der offenen Wunden schließen, die der Krieg geschlagen hat.

„Die bloße Existenz der Bibliothek gab mir ein Gefühl der Sicherheit“

Für zwei Generationen bosnischer Intellektueller, Akademiker und Schriftsteller war die Vijećnica ein Ort, mit dem sie sich identifizierten und den sie seit 20 Jahren zurückhaben wollten.

Ein Ort, der ihnen die Welt des Wissens und der Literatur eröffnete und der ihnen gleichzeitig Sicherheit vermittelte, wie die bosnische Autorin und Politikwissenschaftlerin Svjetlana Nedimović in einem Kommentar für Balkan Stories schreibt.

„Meine Begegnung mit dem Katalog der Bibliothek – der war 1992 eine Stellage aus Holz mit vielen Laden, einem Haus mit vielen Türen gleich – war fast so beeindruckend wie der riesige Gang, in den ich ging. Ich hatte bislang nichts dergleichen gesehen. In diesen turbulenten Tagen gab mir die bloße Existenz der Bibliothek ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Egal, was käme, dachte ich, sie war da und dorthin würde ich gehen, wenn ich zu studieren beginnen würde.“

Dass das Gebäude nicht als Bibliothek wiedereröffnet wurde, zerstörte die Hoffnung, dass zumindest etwas zur Normalität zurückkehren würde, schreibt Svjetlana. „Das Gebäude wurde wiederrichtet, um von der Stadtverwaltung ursurpiert und kommerzialisiert zu werden, in einem Ausmaß, das der völligen Trivialisierung gleichkommt. Mein Sicherheitsgefühl? Es kam nicht in der alten Form zurück. Es wurde aktualisiert und erweitert und es stammt aus dem Kampf dafür, dass das Gebäude uns, den Menschen, zurückgegeben wird.“

Die Stadtverwaltung nutzt das Gebäude nicht

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Foto: Jedan grad, jedna borba

Was Svjetlana und andere auf die Barrikaden treibt ist auch ein Umstand, den die Aktivistin Selma Asotić von der Protestbewegung „Jedan Grad, jedna borba“ (Eine Stadt, ein Kampf) gegenüber Balkan Stories beschreibt: Die Stadtverwaltung hat in dem Gebäude lediglich den Sitzungssaal des Gemeinderats untergebracht. Die anderen Räume benützt sie nicht. „Die Vijećnica ist komplett leer. Und viele Menschen in Sarajevo wissen das nicht. Die glauben, dass die Bibliothek wieder dort untergebracht ist.“

Die Frage, warum die Stadtverwaltung dann so vehement darauf besteht, einziger Bewohner des Gebäudes zu sein, drängt sich an dieser Stelle vermutlich nicht nur Bosniern auf.

Die Antwort ist banal: Die Vijećnica, wiederrichtet mit Millionenspenden der internationalen Gemeinschaft, ist eine hervorragende Einnahmequelle für die Stadtverwaltung.

Ein Symbol der Kommerzialisierung

Der Eintritt kostet fünf Mark (2,50 Euro) und Räume wie die prächtige Aula werden gegen gutes Geld für Hochzeiten oder Firmenfeiern verwendet. „Kein einziger Raum im Gebäude ist öffentlich und für die Bürger frei zugänglich. Und es ist ein riesiges Gebäude“, sagt Selma.

Für sie und die anderen Aktivistinnen und Aktivisten von „Jedan Grad, jedna borba“ ist die Vijećnica nicht nur ein Symbol des kulturellen Erbes Bosniens sondern auch der fortschreitenden Kommerzialisierung Bosniens seit dem Ende des Kriegs.

Nahezu die gesamte Wirtschaft, die früher in öffentlichem Eigentum war, wurde auf Drcuk der internationalen Gemeinschaft privatisiert. Oft mit desaströsen Ergebnissen. Viele Dienstleistungen, die den Menschen früher kostenlos oder günstig zur Verfügung standen, kosten heute eine Menge Geld.

Dass die Stadt das Haus vor allem zu Finanzierungszwecken verwendet, kritisieren auch Sarajevili, die den Standung von Bürgermeister Komšić teilen, dass die Vijećnica ohnehin nie als Bibliothek gebaut wurde: „Eintrittsgeld zu verlangen und Räume zu vermieten, ist einfach nicht notwendig“, sagt ein Bürger gegenüber Balkan Stories.

Security Guards gegen Lesungen

Seit zwei Monaten versucht „Jedan grad, jedna borba“, die Menschen in Sarajevo auf den Konflikt aufmerksam zu machen. Jeden Samstag stehen Aktivistinnen und Akivisten auf den Stufen vor dem Eingang des Gebäudes und halten öffentliche Lesungen ab.

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Foto: Jedan grad, jedna borba

Mehrere Male haben Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma im Auftrag der Stadtverwaltung die Demonstrierenden des Grundstücks verwiesen.

Davon lässt sich die Bewegung genausowenig beeindrucken wie von den eisigen Temperaturen. „Wir sind hier und wir hören nicht auf“, sagt Aktivistin Alma Midžić.

Mittlerweile unterstützen mehrere Prominente und Künstler der Stadt die Protestbewegung, sagt Selma. Sie ist selbst Autorin und Übersetzerin: „An den Lesungen teilgenommen haben bislang zum Beispiel Nenad Veličković, Goran Simić and Šejla Šehabović, und vor zwei Wochen Nihad Hasanović. Goran Simić hat vor dem Krieg in der Vijećnica gearbeitet. Er war einer von denen, die versucht haben, die Bücher vor dem Feuer zu retten. Sie haben ihn bei der Protestaktion nicht reingelassen. Das war ein trauriger Moment.“

Die Genannten sind alle bekannte bosnische Schriftsteller und Dichter. Veličković ist auch Professor für Literatur an der Uni Sarajevo. Šehabović ist Direktorin des Museums für Literatur und Darstellende Künste.

Die Aktivisten fordern, dass die Bibliothek wieder in die Vijećnica einziehen darf. Und vor allem, dass das Gebäude wieder öffentliches Eigentum wird und frei zugänglich für die Bürgerinnen und Bürger Sarajevos: „Das ist nicht nur ein Kampf für die Restoration des Vorkriegsnutzungszwecks. Restorationen sind in Wahrheit unmöglich. Es ist ein Kampf für mehr öffentlichen Raum und gegen die kommerzielle Logik und Agenda hinter urbanen Zentren.“

Bosnien und Protestbewegungen

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Foto: Jedan grad, jedna borba

Bis heute hat Bürgermeister Komšić nicht öffentlich zur Protestbewegung Stellung genommen.

Die Annahme erscheint berechtigt, dass er das tut, was bosnische Politiker gerne machen, wenn es Proteste gibt: Versuchen, die Sache auszusitzen.

Das passierte auch bei den landesweiten Protesten gegen die soziale Missstände im Land 2014. Die Politik opferte ein paar niederrangige Funktionäre und wartete ab, bis die Demonstranten erschöpft waren. Seitdem hat sich nichts geändert und junge Menschen wandern Jahr für Jahr zu Zehntausenden aus Bosnien aus.

Allerdings haben  auch in Bosnien Aktivisten mit gut geplanten Aktionen Erfolg. Vor zwei Jahren etwa die Gruppe Akcija in ihrem Kampf für die Wiedereröffnung des Nationalmuseums.

Das war fast drei Jahre lang geschlossen, nachdem sich die zwei Teilstaaten Federacija und Republika Srpska nicht auf ein Budget für die Einrichtung einigen konnten.

Als der öffentliche Druck dank der Kampagne von Akcija zu groß geworden war, versprach die Regierung der Federacija, das Nationalmuseum zu finanzieren und wiederzueröffnen.

Akcija und die Belegschaft, die die historisch bedeutsame Sammlung die ganze Zeit ohne Bezahlung bewahrt und gepflegt hatte, wurden für ihr Engagement und die erfolgreiche Kampagne 2016 mit dem Europäischen Museumspreis „Europa Nostra“ ausgezeichnet.

So gesehen ist es aus Sicht der Stadtverwaltung vielleicht nicht die klügste Strategie, „Jedan grad, jedna borba“ zu ignorieren.

Mitarbeit: Nedad Memić