Ein irakischer Asylwerber und mehrere Freunden werden in der Nähe ihres Quartiers in Zagreb verprügelt und verletzt. Der junge Iraker war erst vor einem halben Jahr aus Österreich abgeschoben wurden. Es war nicht der einzige Überfall in der Umgebung des Hotel Porin, wo er untergebracht ist.

Wenigstens die Flüchtlinge des Hotel Porin versuchen, Waleed A. zu beschützen. Sie sind am Montag auf die Straße gegangen, um dagegen zu protestieren, dass er und vier Freunde am Silvestermorgen von drei Männern verprügelt und schwer verletzt worden sind.

Offenbar war es ein vorbereiteter Überfall, sagt der 21-jährige Waleed im Gespräch mit Balkan Stories. „Die Angreifer haben uns verfolgt. Sie haben schwarze Kleidung getragen und Masken. Ich habe nur ihre Augen gesehen“.

Die Unbekannten prügeln mit Knüppeln oder Holzlatten auf Waleed und seine Freunde ein. Als die Polizei dazukommt, tut sie nichts, sagt Waleed. „Menschen wollten uns helfen. Die Polizei hat ihnen gesagt, geht weg.“

Die Angreifer lassen von ihren Opfern ab. Die Polizei ruft die Rettung. „Wir haben gewartet, bis die Rettung da war. 15 Minuten oder 30 Minuten“, sagt Waleed gegenüber Balkan Stories.

Im Spital wird Waleeds Kopfwunde genäht. Sein gebrochener Arm wird in einen Gips gelegt.

Man schickt ihn ohne zusätzliche Schmerzmittel heim. Übers Wochenende hatte er keinen Zugang zu medizinischer Hilfe gehabt, sagt Waleed. Er habe Schmerzen gehabt.

Seine Freunde werden ebenfalls verletzt.

Polizei sieht Vorfall anders

Noch Samstagabend hat die Polizei gegenüber kroatischen Journalisten abgestritten, dass der Vorfall überhaupt stattgefunden habe. Man wisse von nichts.

Nach den Flüchtlingsprotesten klingt das ein wenig anders. Davon, dass die Polizei nicht eingeschritten sei, ist von Polizeiseite her weiterhin nicht die Rede. Aber immerhin verspricht man gegenüber der kroatischen Tageszeitung Novi List, alles zu tun, um die Angreifer zu finden.

Es gehe nict nur um diesen Vorfall, sagt Waleed. „Die kroatische Polizei beschützt uns nicht.“ Im Umfeld des Hotel Porin in der Ulica Sarajevska sind in den vergangenen Wochen mehrfach Asylwerber körperlich angegriffen und verletzt worden. Der Überfall auf den 21-jährigen Iraker soll nur der jüngste dieser Serie sein.

Glaubt man den Flüchtlingen, gibt es kaum einen unsicheren Ort für sie als das Hotel Porin, wo ihnen die Angreifer regelmäßig auflauern.

Polizei dementiert Berichte über Untätigkeit

„Aber wenn wir im Statdzentrum von Zagreb herumstehen, kontrolliert uns die Polizei“, sagt Waleed gegenüber Balkan Stories. Erst zwei Tage vor dem Überfall auf ihn habe die Polizei ohne ersichtlichen Grund die Taschen von Asylwerbern durchsucht.

Das dementiert das kroatische Innenministerium in dieser Form. Die Polizei nehme die Sicherheit der mehreren hundert Asylwerber im Hotel Porin sehr ernst. Im Umfeld seien Beamte postiert und es gebe regelmäßig Patrouillen, sagt ein Sprecher Novi List.

Der Vorfall sorgt auch in Österreich für Entsetzen. Die Wiener Schauspiellehrerin Alil Kislal teilte die Nachricht vom Angriff auf Waleed über Facebook und bat um Hilfe.

Ein Dublin-Fall

Sie kennt ihn aus der Zeit, wo er in Wien lebte. „Er ist so ein empathischer und freundlicher junger Mann“, sagt sie gegenüber Balkan Stories. „Es war schon furchtbar, dass er nach Kroatien abgeschoben wurde. Und jetzt das auch noch.“

Zumal Waleed in Wien einen Platz an einer Schauspielschule gehabt hätte. Bevor die Ausbildung begann, wurde er im Juni des Vorjahres zurückgeschoben.

Er ist ein so genannter Dublin-Fall. Ende 2015 war er über Kroatien und Slowenien nach Österreich eingereist und hatte Asyl beantragt. Laut Dublin-Abkommen wäre die kroatische Regierung für seinen Antrag zuständig. Allerdings könnte auch Österreich das Verfahren an sich ziehen – wenn die Behörden wollten.

Die Abschiebungen nach Kroatien sorgen seit Monaten für Kritik. Die kroatischen Behörden zeigen sich überfordert mit den Verfahren. Im Hotel Porin, wo hunderte Flüchtlinge untergebracht sind, beschreiben Asylhelfer die Umstände als katastrophal.

Es sei überbelegt, die hygienischen Zustände seien untragbar. Und seit einigen Wochen kommen die regelmäßigen Überfälle auf Asylwerber dazu.

Das Flüchtlingselend am Balkan

Freilich ist die kroatische Regierung nicht die einzige am Balkan, deren humanitäres Engagement für Asylwerber überschaubar ist.

In Beograd leben 1.000 Flüchtlinge in verlassenen Lagerhäusern. Die staatlichen Quartiere gelten als überfüllt. Für die geschätzt 7.000 Flüchtlinge stehen nach Angaben der Regierung nur 6.000 Betten zur Verfügung.

Die Behörden untersagten Hilfsorganisationen zu Beginn des Winters, warmes Essen an Flüchtlinge in Parks auszugeben. Nicht alle Organisationen halten sich daran.

In Bulgarien setzt die Polizei Hunde auf der Suche nach illegalen Grenzgängern entlang der Grenze zur Türkei ein. Berichte über Polizeigewalt gegen Flüchtlinge reißen nicht ab.

„Will zurück nach Österreich“

Informationen, dass die Polizei Waleed am Montagabend festnahm, haben sich etwas später als falsch herausgestellt.

Die Polizisten brachten ihn aufs Revier um ihn zu dem Überfall zu befragen. Allerdings teilte man ihm das erst auf der Polizeistation mit.

Das Verhör dauerte mehrere Stunden. Wegen der mangelnden Informationen und durch Gerüchte im Heim befürchteten österreichische Unterstützer, Waleed sei in einer Racheaktion festgenommen worden.

Für Überfallopfer Waleed gibt es nur ein Ziel: „Ich will zurück nach Österreich.“ Anwälte versuchen, das zu ermöglichen. Sie werden von einer österreichischen Familie finanziert, die den jungen Mann betreut und in ihr Herz geschlossen hat.

Dieser Beitrag erschien auch bei den Ruhrbaronen und wurde von Vice Austria übernommen.