Der klerikalnationale Revisionismus in Kroatien hat einen herben Rückschlag erlitten. Der Papst wird den umstrittenen Zagreber Erzbischof und Kardinal Alojzije Stepinac nicht heiligsprechen. Das berichtet das Magazin KOSMO. Seit Jahrzehnten hatte der rechte Flügel der katholischen Kirche in Kroatien auf die Heiligsprechung des Ustaša-Kollaborateurs Stepinac hingearbeitet.

Aus der Traum von der Reinwaschung der katholischen Kirche in Kroatien von ihrer Mittäterschaft am Völkermord an den Serben im Zweiten Weltkrieg.

Ihr damals formales Oberhaupt, der Zagreber Erzbischof Alojzije Stepinac wird bis auf weiteres der katholischen Kirche nicht als besonderes Symbol frommen Lebens gelten.

Papst Jose Maria Bergoglio, Künstlername Franziskus, wird von der Heiligsprechung Stepinacs Abstand nehmen, berichtet das Magazin KOSMO.

Das teilte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin der kroatischen Öffentlichkeit mit. Laut seinen Worten geht es dem Papst bei der Entscheidung vor allem darum, dass bei einer Heiligsprechung “ein Moment der Einheit der ganzen Kirche gegeben sein müsse”. Die Entscheidung fiel nachdem Papst Franziskus das Leben des in Kroatien hochverehrten und von Papst Johannes Paul II. 1998 seliggesprochenen Kardinals durch eine serbisch-kroatische Kommission neuerlich durchleuchten ließ.

KOSMO in seinem Artikel über das Aus für die Heiligsprechung

Auch wenn Stepinac keine persönlichen Verstrickungen im Massenmord an hunderttausenden vor allem bosnischen Serben, Roma und Juden in der Zeit des faschistischen NDH nachgesagt werden kann – zu tief dürften für den Vatikan die Verstrickungen Stepinacs mit dem Ustaša-Regime von Ante Pavelić gewesen sein.

Stepinac hatte die Errichtung des „Unabhängigen Staates Kroatien“ 1941 begrüßt und war lange eine propagandistische Stütze der Regierung.

Dass er sich als Erzbischof von Zagreb an die Seite des faschistischen Regimes stellte, verlieh diesem in den Augen vieler Kroaten Legitimität.

Ohne die offizielle Unterstützung durch die katholische Kirche hätte sich das Ustaša-Regime kaum halten können.

Mehrfach protestierte Stepinac auch in Briefen dagegen, wie man Roma, Serben und Juden im NDH behandelte.

Allerdings ging der Protest nie so weit, dass er dem Regime die Gefolgschaft aufgekündigt oder wenigstens zu passivem Widerstand aufgerufen hätte.

Auch den kroatischen Klerus hielt er nicht davon ab, sich teils aktiv am Völkermord an Serben, Juden und Roma zu beteiligen.

Insgesamt ist Stepinacs Rolle im NDH eine ambivalente. Er schützte immer wieder Juden und ermöglichte gleichzeitig einem mörderischen Regime, weiterzuexistieren – durch Schweigen wie durch teils enthusiastische Unterstützung.

Der falsche Märtyrer

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er im sozialistischen Jugoslawien wegen seiner Rolle im NDH zu lebenslangem Hausarrest verurteilt – und nicht, wie manche Revisionisten andeuten, wegen seines Glaubens.

Die katholische Kirche, damals geführt von Eugenio Pacelli (Pius XII), ernannte Stepinac nach seiner Verurteilung aus propagandistischen Gründen zum Kardinal.

Pacelli ist jener Papst, der sich hartnäckig weigerte, den Holocaust zu verurteilen und der aus Kommunisten-Hass gegenüber dem Faschismus eine Art wohlwollender Neutralität praktizierte.

Jahrzehntelang dichtete der starke rechte Flügel der katholischen Kirche Stepinac zum Widerstandskämpfer gegen Faschisten und Kommunisten um.

Ein Gebet an den Seligen Alojizije Stepinac im Eingangsbereich der Kathedrale von Zagreb.

Sein Tod im komfortablen Hausarrest wurde faktenwidrig zum Märtyrertod erklärt.

Sein Name wurde eines der Symbole der nationalistischen und teils neofaschistischen Umtriebe in Kroatien, die den Zerfall Jugoslawiens mitverursachten.

Hunderttausenden Kroaten gilt Stepinac heute als Nationalheld. Für Serben, viele Juden und Roma gilt er als Kriegsverbrecher.

Konflikte wären vorhersehbar gewesen

Schon, dass er 1998 seliggesprochen wurde, sorgte für schwere Verstimmungen und gilt vor allem als dem rabiaten Antikommunismus von Karol Wojtyla (Künstlername: Johannes Paul II) und seinen Sympathien für den polnischen wie den kroatischen Nationalismus geschuldet.

Eine Heiligsprechung wäre zu Recht nicht nur als innerkatholisches Signal verstanden worden sondern als politische Aussage des Vatikan.

Das war der Führung der katholischen Kirche offenbar doch zu heikel. Nicht nur Orthodoxe und Juden hätten protestiert, auch viele aufgeklärte Katholiken hätten eine Heiligsprechung nicht goutiert.

Auch der damalige Wiener Kardinal Theodor Innitzer ist bis heute nicht heiliggesprochen worden.

Innitzer war eine der Stützen des austrofaschistischen Regimes von 1933 bis 1938 und verhielt sich den Nazis gegenüber großteils kooperativ.

Immerhin half er jüdischstämmigen Katholiken bei der Flucht.

Auch ihn versuchten und versuchen katholische Revisionisten zum Widerstandskämpfer und zum Symbol für die österreichische Nation umzudichten.

Am Rande des Tragbaren

In den vergangenen Jahrzehnten bewegte man sich mit derartigen politischen Signalen immer wieder am Rande des allgemein Tragbaren.

Josemaria Escrivar, Gründer des Opus Dei, hatte ebenfalls Sympathien für die Faschisten und ist für eine erzreaktionäre Vereinigung verantwortlich.

Man kann ihn aber kaum für die Aufrechterhaltung des faschistischen Regimes in Spanien verantwortlich machen.

Auch Anjezë Gonxhe Bojaxhiu, Künstlername Mutter Teresa, ist zu Recht heftig umstritten. Allerdings war sie keine verurteile Kriegsverbrecherin. (Mehr über die Hintergründe siehe HIER.)

Die Heiligsprechung Karl Habsburgs, des letzten österreichischen Kaisers, löste vor wenigen Jahren gelinde gesagt Verwunderung außerhalb der katholischen Kirche aus.

In seiner kurzen Regierungszeit setzten österreichische und deutsche Truppen an der Isonzo-Front im Ersten Weltkrieg Giftgas ein.

Über das Leben des letzten Habsburger-Kaisers nach seiner Abdankung lässt sich an Relevantem nur sagen, dass er mit einem Putschversuch in Ungarn scheiterte.

Dass weder Stepinac noch Innitzer als Heilige verehrt wurden dürfen, könnte man als Zeichen sehen, dass auch die katholische Kirche ihre Grenzen hat.

Wenngleich eher weite.

Den Revisionisten bleibt immer noch Kordić

Dass es keinen Heiligen Alojizije Stepinac geben wird, mag für klerikalnationale Revisionisten in Kroatien und anderswo eine herbe Enttäuschung sein.

Ein kleines Detail könnte sie über die Nachricht hinwegtrösten.

Dario Kordić wurde diese Woche zum Magister der Theologie in Zagreb gemacht.

Kordić ist für Neo-Ustaša und kroatische Rechtskatholiken eine Art Volksheld. Er war Mitglied des Präsidiums der Republika Herceg-Bosna.

Das war der von Kroatien unterstützte Versuch kroatisch-bosnischer Nationalisten, einen (ethnisch homogenen) kroatischen Staat in Bosnien zu gründen, der sich später Kroatien anschließen sollte.

Kordić wurde vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag als Verantwortlicher für das Massaker von Ahmići zu 25 Jahren verurteilt. Kroatische Milizen töten in dem Dorf 1993 bis zu 180 bosnische Musliminnen und Muslime.

Er saß 19 Jahre seiner 25-jährigen Haftstrafe in Graz ab. Bei seiner Ankunft in Zagreb wurde der von einer Menschenmasse samt Bischof von Zagreb 2014 herzlich begrüßt.

Er gibt sich seit seiner Freilassung als frommer Katholik und betet gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch.

Und sollte die Welt Corona irgendwann wieder im Griff haben, kann man ja in Bleiburg weiter die Ustaša als kroatische Freiheitshelden feiern. Voraussichtlich mit bischöflichem Segen.