Der noch ausbaufähige Tourismus am Balkan ist ein Markt mit harter Konkurrenz. Um Kunden anzulocken, setzen viele Agenturen auf „Free Walking Tours“. Das geht mitunter zu Lasten der Fremdenführer. Reportage.

Der flauschige Straßenhund trottet in einer Nebengasse der Baščaršija gezielt auf mich zu.

Freundlich stupst er mich mit der Schnauze an.

Ich kraule ihn am Hals.

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Enes hält seinen knallgelben Regenschirm hoch.

„Wir stehen hier vor der Gazi Husrev Beg-Toilette. Das ist vielleicht die älteste öffentliche Toilette der Welt“, erzählt Enes.

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Das runde Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Free Walking Tour und der Hund hören ihm gespannt zu.

Die meisten kommen aus Skandinavien und Kanada.

Die schwangere Kanadierin sieht den Hund und lächelt.

„Eröffnet wurde sie 1529, und sie blieb ununterbrochen in Betrieb, bis sie während der Belagerung durch die Serben beschädigt wurde. Nach dem Krieg wurde sie wiedereröffnet.“

Zeit, die Toilette auszuprobieren, haben wir nicht, Enes treibt uns weiter an.

Er hält den aufgespannten Regenschirm in die Höhe, als wir in eine der geschäftigeren Straßen in der Altstadt von Sarajevo einbiegen.

Das erleichtert nicht nur uns, ihn zu finden – Enes ist kein Hüne -, der Regenschirm als quasi internationales Uniformteil macht Enes für jeden Menschen mit Reiseerfahrung als Fremdenführer erkenntlich.

Praktischerweise ist auf dem Regenschirm auch der Name von Enes‘ Agentur aufgedruckt: BH Spirit.

Der Hund geht ein kleines Stückchen Weg mit uns mit.

An einer Ecke erschnüffelt er die Fährte eines anderen Hundes, markiert darüber und biegt ab.

Wo, wenn nicht vor der Kathedrale?

Es ist eine schnelle Tour, auf die uns Enes mitgenommen hat.

Treffpunkt war um 10 Uhr vor der Kathedrale. Wo sonst sollte man sich auch treffen in Sarajevo?

Jetzt ist es halb zwölf und wir sind die ganze Innenstadt durch, mehrere Zwischenstopps inklusive.

Etwa vor dem Jüdischen Museum, wo er uns eine Einführung in die bosnische Geschichte gibt.

„Es gab einen Mann, der bei uns für Frieden gesorgt hat“, sagt Enes. „Ich weiß, das wollen heute nicht mehr alle hören, aber er hat das gemacht. Sein Name war Tito.“

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Den Zerfall Jugoslawiens und das jahrelange Schlachten in Bosnien stellt er etwas verkürzt und nur halbrichtig als großserbisches Expansionsstreben dar.

Es gab in der rumpfjugoslawischen Führung durchaus auch Vertreter der großserbischen Richtung.

Die Führungen der ethnisch-serbischen Abspaltungen in Kroatien und Bosnien strebten auch eine Art Großserbien an.

Nur gab es daneben auch großkroatische Träume, die mitverantwortlich sind, wenn nicht für den Kriegsausbruch in Bosnien so doch für den weiteren Verlauf über weite Strecken des Konflikts, genauso wie der kroatische Nationalismus neben dem serbischen einer der zwei Hauptzünder für den Zerfall Jugoslawiens war.

Zweitens schwankte die rumpfjugoslawische Führung ständig zwischen mehreren Kriegszielen, von denen ein sich Jugoslawien nennendes Großserbien inklusive Montenegro nur eines war.

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All das war untergeordnet dem Machtstreben von Slobodan Milošević, der keine Skrupel hatte, für seine eigene Position Massen- und Völkermorde an Bosnjaken und Kroaten samt sonstigen Kriegsgräueln zu entfesseln.

Andererseits: Wie soll man auch einem Dutzend Touristen mit wenig bis gar keiner Ahnung vom Land die jüngere bosnische Geschichte erklären?

Ohne grobe Vereinfachung geht das nicht.

Viktor vermeidet Revisionismus

Viktors Regenschirm ist rot. Er spannt ihn heute nicht auf.

Ihn treffen wir um 15 Uhr am Trg Republike. Wo sonst trifft man sich in Beograd?

Er umschifft die Kriegsfrage: „Ich lasse mich darauf nicht ein“, sagt Viktor. „Dazu hat jeder Nachfolgestaat Jugoslawiens mittlerweile seine eigene Geschichtsschreibung mit seinen eigenen Schuldigen.“

Nicht alle Reiseführerinnen und Reiseführer in Beograd sind in dieser Frage so zurückhaltend.

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Teodora erzählte wenige Tage davor auf einer kostenpflichtigen Communist Tour durch die Stadt, dass Serbien doch eigentlich im Jugoslawienkrieg kein Vorwurf zu machen sei.

Ja, es stimme, es seien Munition und Waffen aus Serbien gekommen. Aber habe nicht jeder das damalige UNO-Embargo für Bosnien durchbrochen?

Dass zuerst die JNA versuchte, Teile Kroatiens und Bosniens zu besetzen, dass die serbischen Milizen und später regulären Bürgerkriegsarmeen der serbischen Abspaltungen praktisch ihren ganzen Offizierskader und ihre schweren Waffen aus Rumpfjugoslawien und vor allem Serbien bezogen – wer will denn so kleinlich sein?

Von den mehr oder weniger Freiwilligen aus Serbien ganz zu schweigen. Und davon, dass etwa die Republika Srpska ohne Finanzierung aus Beograd keine drei Tage überlebt hätte.

Serbien und das Bier

Vielleicht legt Viktor hier die Zurückhaltung eines Historikers an den Tag.

In seinem erlernten Beruf hat er keine Arbeit gefunden, jetzt ist er Fremdenführer in der serbischen Hauptstadt.

Einer von vielen, die hier Touristen auf kostenlosen Stadtführungen begleiten.

Wie in Sarajevo ist es eine Tour durch die Sehenswürdigkeiten im Stadtzentrum, ohne Museumsbesuch.

Auch hier sind wir ein Dutzend Teilnehmer.

Aus Italien, Frankreich, Deutschland, Rumänien, sogar ein serbischstämmiger Österreicher ist dabei und ein paar aus Brasilien.

Der Altersschnitt ist deutlich unter dem von Sarajevo.

Viktor führt uns vom Trg Republike nach Skardalija und erzählt uns, dass sich die Straße früher zwischen dem Stambul-Tor und dem Vidin-Tor der Stadt erstreckt habe.

Die Geschichte von Đura Jakšić darf nicht fehlen.

Zumal wir vor seinem Denkmal stehen.

„Hier war früher eine Brauerei“, sagt er uns etwas weiter unten. „Aber die wurde mittlerweile aufgelassen.“

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Grundsätzlich sei Serbien biertechnisch in zwei Lager gespalten, sagt Viktor. „Es gibt zwei große Biersorten: Jelen und Lav. Beide kämpfen um die Vorherrschaft am Markt. Die einen mögen Jelen lieber, die anderen Lav.“

In der Hauptstadt sei es mit der Bierbraukunst nicht mehr so gut bestellt. „Das BIP hat keinen so guten Ruf“, sagt Viktor.

Welchen Stellenwert das Bier in Serbien bis heute habe, zeigten die Geldscheine, meint er ironisch.

„Auf dem 1.000-Dinarschein ist das Portrait von Đorđe Vajfert, der die erste große Brauerei in Serbien baute. Nikola Tesla ziert nur den 100-Dinar-Schein. Bier ist uns also zehnmal mehr wert als Strom.“

Viktor, Fremdenführer

Jim, Jack und John

Auch Enes zählt Alkohol zu den Vorzügen seines Heimatlandes. „Die Steuern auf Alkohol und Tabak sind hier sehr niedrig. Genießt es, solang ihr hier seid.“

Das sagt er uns, vielleicht pikanterweise, im Hof der Gazi Husrev Beg-Moschee. Noch dazu ist Ramadan.

In solch grundsätzlichen Fragen vertraut Enes nur auf drei Menschen: „Jack, Jim und John.“

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Die Tourgäste lächeln vergnügt. Einer fühlt sich bemüht, den Scherz aufzulösen.

Touristen bei Laune zu halten, ist kein einfaches Geschäft.

Bei den Free Walking Tours muss man besonders auf den Unterhaltungsaspekt achten.

„Ich geb ihm sieben von zehn Punkten“

Am Ende können die Gäste Trinkgeld geben.

Das kann mal viel, mal wenig sein.

Ein wesentlicher Faktor ist, wie sehr sich die Gäste unterhalten fühlen. Das schildert etwa eine französische Teilnehmerin am Ende der Beograder Tour.

Wir stehen vor dem Grab von Vuk Karadžić, nachdem wir durch Silicon Valley zum Kalemegdan gegangen waren.

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„Ich geb ihm sieben Punkte von zehn“, sagt sie über Viktor. Sie gibt umgerechnet acht Euro Trinkgeld.

„Ich nehme immer die Free Walking Tours. Da müssen sich die Tourguides am meisten anstrengen“, verrät sie. „Übrigens, die Tour in Wien war hervorragend.“

Wie viel Trinkgeld übrigbleibt, bemisst sich nicht nur am Geschick der Fremdenführerinnen- und führer.

Es hängt auch davon ab, wie viel Geld die Touristen haben, die man durch die Stadt führt.

Studenten geben meist weniger als Senioren, Slowaken weniger als Skandinavier oder Schweizer.

Viktor wird zwischen 80 und 100 Euro Trinkgeld nach dieser zweistündigen Tour haben.

Für serbische Verhältnisse ist das ein hoher Tagesverdienst. Ob er von dem Geld auch etwas an die Agentur geben muss, sagt er nicht.

Marketinginstrument für Agenturen

Manche Agenturen handhaben das so. Manche andere betrachten das sozusagen als Werbeausgabe. Zumal die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Risiko tragen.

Ziel der Free Walking Tours ist es zumeist, andere Angebote der jeweiligen Agentur anzupreisen.

Dass die Führer der Free Walking Tours Freelancer sind, ist selten geworden.

Noch vor eineinhalb Jahren hatten deutlich mehr Führer diese Touren etwa am Trg Republike angeboten.

Einige auch ohne Fremdenführerlizenz.

Erkennbar in der Regel am fehlenden Regenschirm und dem fehlenden Lizenzkärtchen.

Kaum mehr Freelancers

Wie etwa Maja, die ich im September 2017 am Trg Republike traf. Die Juristin und alleinerziehende Mutter hielt sich mit den Touren über Wasser.

In der Zwischenzeit haben die Behörden die nicht lizensierten Fremdenführer aus dem Stadtzentrum vertrieben.

Rund 20 Prozent seines Einkommens machen die Free Walking Tours aus, sagt Viktor. Der Anteil schwankt naturgemäß und ist noch saisonabhängiger als der Rest des Einkommens.

Nicht zu vergessen das Wetter. Wenn es regnet, will keiner durch eine Stadt latschen. Der Tourguide fällt um sein Geld um.

Nicht bei allen Fremdenführern seien diese Touren beliebt, sagt Viktor. In der Regel trägt die Agentur Sorge, dass sie unter den Fremdenführern einigermaßen gerecht aufgeteilt werden.

Niemand soll die Last alleine tragen müssen. Das funktioniert naturgemäß nur bei größeren Agenturen.

Wie viele Kunden bei seiner Agentur vertiefende Touren buchen, weiß er nicht.

Relevantes Marketinginstrument sind die Free Walking Tours vor allem für Agenturen, die in die Breite gehen.

„Ich hab das noch nie gemacht“, sagt Al aus Elbasan in Albanien.

Wie Viktor ist er Historiker und hat bislang keinen Arbeitsplatz in seinem Fach gefunden.

Er arbeitet als Fremdenführer für eine größere Agentur in Tirana, die eng mit einer wichtigen europäischen Fluglinie zusammenarbeitet.

„Wir sind spezialisiert, daher brauchen wir das gar nicht“, meint er. „Ich hab auch noch nie davon gehört, dass es in Albanien so etwas gibt.“

Gibt es, laut einschlägigen Internetseiten. Wie eifrig die Angebote genutzt werden, ist nicht ersichtlich.

Ein Regenschirm hat Signalwirkung

Enes hat heute mehr Glück als Viktor.

Die Teilnehmer der heutigen Tour kommen aus wohlhabenden Ländern, einige sind auch im gesetzteren Alter, wo man ein wenig Geld übrig hat.

Zwischen 120 und 150 Euro werden schon zusammengekommen sein.

Enes muss sich nicht die Frage stellen, ob er etwas der Agentur abgeben muss.

Sie gehört ihm.

„Mir machen diese Touren Spaß“, sagt er. „Außerdem sind sie eine gute Gelegenheit, Besucher in Sarajevo auf die anderen Angebote unserer Tour aufmerksam zu machen.“

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Das ist ein breit gefächertes Angebot, von vertiefenden Stadttouren zu Ausflügen nach Konjic, auch Raftingexkursionen organisiert BH Spirit.

„Da kommen schon immer wieder ein paar zurück, die eine Free Walking Tour gemacht haben“, sagt Enes.

Außerdem sollte man nicht unterschätzen, dass ein knallgelber Regenschirm mit Logo auch eine eigene Signal- und Werbewirkung hat.