Wohl nirgends im ehemaligen Jugoslawien wird so unverfroren und radikal Geschichte nach nationalistischen Vorstellungen umgeschrieben wie in Peja/Peć im Kosovo. Ein möglicherweise verstörender Lokalaugenschein.
Die Fahne Albaniens und die Fahne der UÇK wehen auf einem der Plätze im Stadtzentrum von Peja/Peć. Kosovarische Fahne gibt es keine. Als gebe es aus Sicht der albanischen Mehrheitsbevölkerung der Stadt keinen Kosovo.
In der Mitte eine Statue von Shkëlzen Haradinaj, an der Hand und auf dem Arm ein Kind. Der Kommandant der UÇK im Rang eines Generaloberst fiel im April 1999, dem Jahr, in dem Krieg im Kosovo seinen mörderischen Höhepunkt erreichte.

„Hero i Kombit“ steht auf dem Sockel. Eine von zwei wortwörtlichen albanischen Übersetzungen von Narodni heroj, Volksheld. Das war die höchste Auszeichnung für jugoslawische Partisanen im Volksbefreiungskampf gegen die faschistischen Besatzer im Zweiten Weltkrieg. Die zweite ist „Hero i Popullit“. Sie war in Albanien gebräuchlich, und hatte die gleiche Funktion wie Narodni heroj in Jugoslawien.

Man könnte das sowohl als nationalistischen Bruch mit wie als Fortsetzung jugoslawischer Traditionen betrachten.
Wo heute Haradinaj zwei Kinder schützt, stand bis Mitte der 1990-er ein Denkmal für die Gefallenen des jugoslawischen Volksbefreiungskampfes von 1941 bis 1945. Laut Spomenik Database wurde es noch in der Zeit vor dem Kosovo-Krieg entfernt, mutmaßlich von den damals serbischen Machthabern.
Man könnte es so sehen. Wäre da nicht der vollständige Bildersturz in Peja.
Die Straße des Kapiten Rudi
Jede einzelne Straße in der Stadt ist seit 1999 umbenannt worden. Es sind nicht albanische Übersetzungen der vorher gebräuchlichen Namen. Es sind vollständig neue Namen. Namen, die die Bevölkerung mit dem NATO-Militärschlag 1999 in Verbindung bringt, die den brutalen Krieg zwischen der rumpfjugoslawischen Armee und der UÇK beendete, die die Unabhängigkeit des Kosovo 2008 ermöglichte.
Wie Wesley Clark, Madeleine Albright, Tony Blair.
Oder Namen, die für die albanische Nation stehen. Wie die Rruga Nënë Tereza. Der bizarre Kult um die heilige Betrügerin Anjezë Gonxhe Bojaxhiu ist in albanischen Gebieten besonders ausgeprägt. Häufig wird er als Klammer für nationalistische Umtriebe genutzt, wie in Prishtina. Wenngleich er auch in Mazedonien eingebettet ist in den grotesken Ethnonationalismus des ehemaligen Machthabers Nikola Gruevski.
Die einzige Straße, die nach einem Widerstandskämpfer des Zweiten Weltkriegs benannt ist, hat einen nationalistischen Beigeschmack. Das ist die Rruga Kapiten Rudi, benannt nach Hysni Muharrem Rudi. Sie zeigt, wie kompliziert und grausam der Zweite Weltkrieg am Balkan war.
Rudi machte in den 1930-ern Karriere in den Streitkräften des faschistischen Italien. 1942 übernahm er das Kommando einer Einheit der faschistischen großalbanischen Kollaborationsregierung in Peja. Im Kosovo terrorisierte das Regime die slawische Zivilbevölkerung. Gleichzeitig war die albanische Zivilbevölkerung Überfällen durch die Četniks im Kosovo ausgesetzt.
Nach der italienischen Kapitulation und dem Ende des faschistischen Regimes schloss sich Rudi der antikommunistischen Albanischen Nationaldemokratischen Bewegung NDSH an, wurde von den mittlerweile deutschen Besatzern interniert, kam frei und kämpfte gegen die deutschen Besatzer. Mehr siehe hier.
1947 versuchte er, als Mitglied des Zentralkommittees der NDSH in Skopje einen Ableger der großalbanischen so genannten Albanischen Demokratischen Armee zu gründen. Der jugoslawische Geheimdienst nahm ihn fest. Rudi wurde zum Tode verurteilt und erschossen.
Alle Büsten von Narodni heroji wurden ersetzt
Im großen Park im Stadtzentrum standen einst die Büsten der Narodni heroji aus Peja und dem Umland. Man sieht das Ensemble heute noch. Vier waren es. Solche Denkmäler standen in vielen jugoslawischen Städten. In vielen stehen sie noch, wie etwa in Banja Luka.
Auf die alten Sockel hat man die Köpfe von UÇK-Kämpfern gesetzt.

Als hätte es Jugoslawien nie gegeben. Als sei der Volksbefreiungskampf nicht auch eine Sache tausender Albaner aus dem Kosovo, Montenegro und Mazedonien gewesen, die sich Titos Partisanen anschlossen. Als sei der bewaffnete Widerstand gegen die faschistischen Besatzer kein ehrenhafter Kampf gewesen. Als müsste man ihn heute verstecken.
Auch das große Denkmal der Revolution von Ante Gržetić steht längst nicht mehr. Auch an seine Stelle hat man Statuen von Kommandanten der UÇK gesetzt. Mehr siehe hier.
Als hätte alle Geschichte aller tatsächlicher oder vermeintlicher Freiheitskämpfe mit dem bewaffneten Aufstand der UÇK 1998 begonnen. Als hätte es in dieser Stadt nie eine andere Geschichte gegeben als die des albanischen Volkes.
Der Bildersturz im restlichen ehemaligen Jugoslawien
Die Vorgangsweise an sich, man findet sie im gesamten ehemaligen Jugoslawien. Zahlreiche Straßen wurden umbenannt. Siehe etwa Beograd – mitnichten das radikaliste Beispiel, nebenbei. Siehe den gescheiterten Versuch, die Stadt Zrenjanin in der Vojvodina umzubenennen. Siehe Zagreb. Siehe Jajce, wo Teile der bosnisch-kroatischen Bevölkerung die Umbenennung der Tito-Straße vehement einfordern – zur Not mit illegalen Mitteln.
Siehe West-Mostar, wo es gleich zwei drastische Beispiele gibt, wie – in diesem Fall kroatische – Nationalisten jede positive Erinnerung an Jugoslawien auslöschen wollen. Siehe hier und hier.
Partisanendenkmäler und Statuen sind allerorten entfernt worden. Nach dem Kosovo war man in Kroatien am radikalsten und rücksichtslosesten. Auch in Serbien sind alle Tito-Statuen verschwunden, die auf öffentlichen Plätzen aufgestellt waren. Oder wurden umgestellt, wie in Užice. In Bosnien und Slowenien steht noch einiges, abhängig von lokalen Mehrheitsverhältnissen. Siehe etwa Ljubljana.
Einzig Montenegro zeigt sich relativ resistent – wenn auch bei weitem nicht vollständig.
Warum der Revisionismus in Peja/Pećs so offen und radikal ist
Nur, alte Denkmäler abzureißen oder zu verräumen, Geschichte auszulöschen, ist das Eine. Man mag dazu stehen, wie man will. An ihre Stelle ausnahmslos eigene Denkmäler zu stellen, die Geschichte völlig neu zu schreiben, dieser radikale Bruch ist spezifisch kosovarisch. Besonders in Peja/Peć.
Das hat auch damit zu tun, dass der Kosovo-Krieg in dieser Region besonders brutal war.

Die UÇK hatte hier Ende 1998 eine Terrorherrschaft errichtet. Mehrere serbische Zivilisten wurden ermordet. Ethnische Albaner, die man verdächtigte, loyal zu Rumpf-Jugoslawien zu stehen, wurden verprügelt, mehrere wurden ermordet.
In ihrem Kampf gegen die UÇK begingen hier die Truppen Rumpf-Jugoslawiens, Polizisten aus Serbien und ethnisch-serbische Milizen besonders viele Kriegsverbrechen, „säuberten“ die Stadt 1999 ethnisch nahezu vollständig. Sie vertrieben nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 80 und 90 Prozent der albanischen Zivilbevölkerung. In umliegenden Dörfern töteten sie mindestens 500 Menschen.
Einen Überblick gibt Human Rights Watch. Die Menschenrechtsorganisation verwendet für die UÇK das gebräuchliche englischsprachige Kürzel KLA.
Von 15.000 bleiben 21
Die radikale und unverfrorene Neuschreibung der Geschichte in der Stadt mag ja nach Standpunkt auf mancher emotionaler Ebene nachvollziehbar sein. Nur ist sie auch ein Symptom, dass diese brutale Geschichte nicht 1999 endete.
Damals dürften im Stadtgebiet um die 15.000 ethnische Montenegriner und Serben gelebt haben. Diese Zahl nennt etwa der staatliche öffentlich-rechtliche serbische Sender RTS in einer Reportage über serbisches Leben in der Stadt – oder dessen Rest – im Jahr 2009. Sie deckt sich mit den öffentlich verfügbaren Zahlen aus jugoslawischen Zeiten.
Das waren in der Stadt Peja selbst etwa ein Viertel der Bevölkerung. In einer Stadt, die seit Jahrzehnten eine albanische Mehrheitsbevölkerung gehabt hatte, war das ein bemerkenswert hoher Anteil.
Jahrhundertelang war die Stadt Hauptsitz der serbisch-orthodoxen Kirche
Dieser hohe serbische Bevölkerungsanteil hatte historische Gründe. Vom Hochmittelalter an war Peć mit Unterbrechungen und einer wechselhaften Geschichte Sitz des Patriachats der serbisch-orthodoxen Kirche gewesen. Das machte sie zum religiösen Zentrum aller Mitglieder der serbisch-orthodoxen Kirche.
Bis heute trägt der Patriarch der serbisch-orthodoxen Kirche den offiziellen Titel Erzbischof von Peć, Metropolit von Beograd und Karlovci und Serbischer Patriarch – auch gut 100 Jahre, nachdem der Hauptsitz der Kirche im Königreich von Jugoslawien von Peć nach Beograd verlegt wurde.
Die alten Kirchen und das Kloster von Visoki Dečani, Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, auf dem Gebiet der Großgemeinde des heutigen Peja dienen heute praktisch nur mehr Pilgern und Touristen.
Die jüngsten offiziellen Bevölkerungszahlen über die ethnische Zusammensetzung der kosovarischen Bevölkerung stammen aus der Volkszählung von 2011. Damals lebten im Stadtgebiet von Peja 21 Serben. Einundzwanzig.
Montenegriner gibt es laut dieser Volkszählung keine mehr. Im gesamten Kosovo nicht. Nicht einmal die Kategorie wird noch erhoben.
Eine der am vollständigsten „ethnisch gesäuberten“ Städte im ehemaligen Jugoslawien
Nach 1999 verließen die Montenegriner den Kosovo in Massen. Nicht alle freiwillig. Wer übrigblieb, wurde von den kosovarischen Behörden unter dem Überbegriff Serbe erfasst. Das macht Vergleiche etwas schwierig.
Man muss sich das vor Augen halten: Von den 15.000 Serben und Montenegrinern auf dem Stadtgebiet von Peja/Peć leben heute noch 21 dort. Das sind eineinhalb Promille der ursprünglichen Bevölkerung. Es sind praktisch nur ein paar Priester und ihre Familien.
So vollständig „ethnisch gesäubert“ sind nur sehr, sehr wenige Gemeinden und Städte im ehemaligen Jugoslawien. Ein Beispiel ist Višegrad in Ostbosnien. Laut Volkszählung 2013 leben 44 Bosnjaken in der Stadt. Bis zum Krieg hatte die Stadt eine muslimische Mehrheitsbevölkerung. Serbische Milizen massakrierten 1992 die bosnjakischen Einwohner Višegrads und warfen sie in die Drina. Bis zu 3.000 Menschen wurden ermordet.
Auch in Višegrad wurde und wird Geschichte neu und anhand nationalistischer Narrative geschrieben. Siehe Teil 1 und Teil 2 einer Reportagereihe von Balkan Stories. Selbst dieses Projekt von Emir Kusturica verblasst freilich hinter dem radikalen Alltagsrevisionismus in Peja.
In Peja ging die „Säuberung“ ohne größere Massaker an der serbischen Zivilbevölkerung ab. Man braucht derlei nicht, um Menschen klarzumachen, dass ihresgleichen unerwünscht sind. Als kollektivschuld gelten an allen Verbrechen, die Mitglieder der gleichen Ethnie begangen haben. Zu viel offene Gewalt hätte vielleicht die internationale Kosovo-Schutztruppe KFOR gezwungen, einzugreifen.
Für „kalte“ Säuberungen fühlen sich KFOR und andere internationale Einrichtungen im Kosovo weitgehend unzuständig. Ob die Opfer Serben sind, Roma oder Bosnjaken.
Die Indoktrinierung beginnt bei den Kleinen
Wie Hohn fühlt sich dieser Satz auf einer kosovarischen Tourismusseite an. „Kosovo is renowned for its religious tolerance and coexistence, with a long history of multi-ethnic and multi-religious harmony.“ Das stimmt seit 1987 nicht mehr. Dass sich zwei Seiten abwechselten, die angebliche Harmonie nach Kräften zu zerstören, ändert das nicht.
Die brutale Geschichte des 20. Jahrhunderts in Peja/Peć, die sporadische Gewalt zwischen Serben und Albanern, sie setzte sich im 21. Jahrhundert fort. Einseitig. Schleichend. Effektiv. Das ehemalige Peć, der historische Sitz der serbisch-orthodoxen Kirche, ist heute Peja, die Stadt ohne Serben.
Dass Denkmäler des kosovo-albanischen Ethnonationalismus alle Denkmäler des antifaschistischen Befreiungskampfes Jugoslawiens ersetzt haben, drückt das nüchtern und brutal auf symbolischer Ebene aus.
Es ist nicht die Einzige.



Auf einem Schotterparkplatz gibt es einen kleinen Park mit Fahrgeschäften für Kinder. Er ist heute nicht in Betrieb.
Auf den Fahrzeugen des Autoscooters stecken überdimensionierte albanische und kosovarische Fahnen.

Einige der Fahrzeuge des Ringelspiels sind bestückt mit Fahnen, die die Umrisse Großalbaniens zeigen. Albanien, Kosovo, Teile Montenegros und Mazedoniens.

Das macht wenig Hoffnung, dass die beschworene multiethnische Harmonie wieder einkehren könnte im Kosovo.
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