Das Glück findet man manchmal doch in einer Flasche. Das zeigen das Hercegnovski Strip Festival und internationale Comics-Künstler mit der Aktion „Comics in a Bottle“. Sie ist der Höhepunkt des größten Comics-Festival des ehemaligen Jugoslawien. Fotoreportage.
„Nein, leider, für euch ist kein Platz mehr am Katamaran“, sagt Nebojša Mandić zu Cecile und Christophe. Das Ehepaar aus Frankreich zählt zu den langjährigen Gästen des Hercegnovski Strip Festival (HSF), war in den vergangenen Jahren immer wieder bei der Fahrt durch die Bucht von Kotor dabei.
So viele Teilnehmer waren wie bei der heurigen 20. Ausgabe des HSF waren es bei keiner seit der Gründung. Der Skipper darf niemanden mehr aufs Boot lassen. Cecilie und Christophe blicken etwas traurig aber verständnisvoll. Gut ein Dutzend Fans bleiben ebenfalls am Pier des Hafens von Herceg Novi zurück.
Julien, ebenfalls langjähriger Fan und HSF-Gast, hat’s irgendwie geschafft.

Für Đorđe ist ebenfalls Platz in letzter Minute. Erstens ist er Künstler und seit mehreren Jahren Gast. Zweitens ist seine freundliche Hündin ein bisschen zum Maskottchen des HSF XX geworden.
Das Foto stammt noch von vor dem Ablegen.

Heuer ist es das besonders.
Ein besonderes Geschenk an die Organisatoren
„Nebojša, Jovan, Simke, kommt her“, ruft Pia Nikolič. Die Radiomacherin und Kunstkritikerin aus Slowenien hat heuer erstmals auf dem HSF moderiert. Und setzt die Rolle nahtlos fort. „Wir haben für euch eine Überraschung für das 20. Jubiläum des Festivals“.
Wir sind gerade aus dem Hafen ausgelaufen.
Etliche der Künstler haben in den vergangenen Monaten in einer Kollaboration ein eigenes Comics-Heft erstellt, das die 20 Jahre des Festivals mit ihren Zeichnungen dokumentiert. „Das ist für euch“, sagt Pia den Hauptorganisatoren und überreicht ihnen die Bände.
Stolz posieren sie für ein Foto für Balkan Stories. Ich habe den Verdacht, dass Pia die Aktion organisiert hat.

Die Heft machen eifrig die Runde. Jede und jeder will die Zeichnungen begutachten. Die Blicke verraten viel Anerkennung und Interesse.

Die Fahrt durch die Bucht von Kotor ist der Höhepunkt des HSF
Einen ganzen Tag lang werden wir auf der Tahiti unterwegs sein. Die ganze Bucht entlang.
Die Fahrt mit kurzem Landgang in Risan ist der jährliche Höhepunkt des HSF. Hier zeigen die Organisatoren den 150 regionalen und internationalen Comics-Künstlern, Verlegern, Kritikern, Fans – oder wie viele auch immer auf der Tahiti Platz haben – die Schönheiten Montenegros.
An diesem sonnigen Spätsommertag kommen sie besonders zur Geltung. Der Fahrtwind macht die Temperaturen jenseits der 30 Grad erträglich.





Der Katamaran ist mit allem ausgestattet, was man so braucht. Eine Bar liefert kaltes Bier, Wein und Rakija. Ein Mischpult steht zur Verfügung. Über dieses macht Miodrag bei der Hinfahrt Stimmung.
In den Netzen am Bug machen es sich Shawn, Jim, Mido und Luca gemütlich. Dave gesellt sich zur Gruppe der Mitarbeiter rund um Tea. Dražen plaudert vergnügt aus dem Neben- oder Vornetz, je nach Interpretation, mit ihnen.
Slobodan und Nađa filmen mit Go Pro-Kameras für die Social Media Accounts des Festivals. Ein paar Minuten Auszeit gehen sich auch für sie aus.




Ich Landratte bin das erste Mal auf einem Katamaran. Fähren, Wassertaxis, das bin ich gewohnt. Auf dem leicht rollenden Boot brauche ich etwas Zeit, um mich sicher zu fühlen. Mit Pavel leere ich zwei Dosen Nikšićko. Das hilft.
Auf die Netze traue ich mich immer noch nicht. Vielleicht nächstes Mal.
Vor uns tauchen Gospa od Škrpjela und Sveti Đorđe auf. Die Klosterinseln vor Perast. Stefaan ist der erste, der fotografiert.

Miodrags Musik steigert die ohnehin ausgelassene Stimmung.
Eine Plastikflasche mit der Beschriftung Sok od Jabuke (Apfelsaft) sorgt vor allem bei den regionalen Künstlern für Erfrischung in der Hitze.
Hier etwa Krešimir während des Landgangs in Risan.

Vielleicht ist der Apfelsaft, was man gemeinhin als Jugolimonade bezeichnet. Ich komme nicht dazu, zu kosten.
Christophe schaut verträumt aufs Meer hinaus. Der französische Künstler heißt nur zufällig so wie sein Landsmann, der heuer leider keinen Platz gefunden hat.

Der Ernst des Lebens beginnt
Mido ist vom Netz herunter und beginnt zu zeichnen. Auch Darick arbeitet an Skizzen. Eine ist für Pia.
Die zweite ist für Comics in a Bottle.
Auch Srle arbeitet hat. Ebenso Iztok. Gemeinsam mit Shawn, Jim, Katia und Luana werden sie sich an Comics in a Bottle beteiligen.
Jedes Jahr zeichnen ausgewählte Künstlerinnen und Künstler bei der Aktion Skizzen, die sie in Glasflaschen stecken. Am Ende der Fahrt, wenn der Katamaran kurz das offene Meer erreicht, werfen sie sie in die See.




Die Strömung soll einige der Flaschen an mehr oder weniger entfernte Strände spülen. Nach Italien etwa, wo man Comics ebenso liebt wie im ehemaligen Jugoslawien. Vielleicht nach Griechenland, wo Dani herkommt. Die Künstlerin musste leider vor zwei Tagen wegen Job-Verpflichtungen vorzeitig abreisen.
Beschriftet sind die Zeichnungen stets auch mit der Bitte, doch das HSF oder den Künstler oder die Künstlerin zu kontaktieren, wenn man die Flaschen findet.
Nicht viele der Flaschen schaffen es. Aber immer wieder spült das Meer diese Freude an den Strand. Siehe etwa hier. Manchmal, so lernt man, findet man das Glück doch in einer Flasche.
Wir sind auf der Rückfahrt. Nochmals vorbei an den Perater Klosterinseln.
Der schwierige Weg zum Finale
Miodrag hat Nebojša am DJ-Pult Platz gemacht.
Ema und ein paar Künstlerinnen tanzen in der Mitte des Decks.
Sara bringt sich für ihren morgigen Auftritt als DJane in Stimmung.
Anna genießt die Vibes ebenfalls.



Ein Kreuzfahrtschiff fährt uns hartnäckig von Kotor aus hinterher.
„Leute“, sagt Organisator Jovan Subotić ins Mikrofon, „ich hoffe, ihr habt auf die Zeichnungen geschrieben, wie uns die Finder der Flasche kontaktieren sollen“.
Shawn durchzuckt es. Er holt es schnell nach.
„Und jetzt kommt der schwierigste Teil“, sagt Jovan. „Ihr müsst die Zeichnungen fein zusammenrollen, damit ihr sie in die Flaschen kriegt. Das ist wirklich schwierig, glaubt es mir“.
Srle, Mido und Iztok plagen sich ein wenig. Bei ihnen geht es vergleichsweise schnell. Sie haben etwas Übung.
Die auswärtigen Teilnehmer von Comics in a Bottle fitzeln etwas länger herum.



„Die Flaschen verschließen wir mit einem Korken“, sagt Jovan. „Wir sind umweltbewusst“.
Wir sind an Mamula vorbei. Nebojša hat der Insel den Rücken zugedreht. Aus Gründen. Warum das eine bewundernswerte Geste ist, könnt ihr hier nachlesen.
Nicht immer klappt alles, wie es soll. Die Hoffnung auf Freude bleibt.
Die Haiti kommt sanft zu stehen. Quer vor uns schippert ein weiteres Kreuzfahrtschiff die Adriaküste hinab.
„Und jetzt stellt euch bitte auf Steuerbord auf“, erklärt Jovan den Künstlern, die an Comics in a Bottle teilnehmen. „Das ist die rechte Seite, also aufs offene Meer hin“.
„Wir zählen auf Null herunter. Dann werft ihr bitte die Flaschen auf einmal“.

Man stellt sich auf. Jovan zählt.
Die ersten Flaschen fliegen bei zwei.
Shawn, der versucht hat, neben dem Werfen zu filmen, verpasst auch das Ende der Zählerei und wirft nachträglich.
Nicht immer klappt alles, wie es soll.
Das geht nicht nur Künstlern so.
Ich schaffe kein einziges Foto mit einer Flasche in der Luft. Nächstes Mal vielleicht.

Da treiben sie, die Flaschen mit dem kleinen Glück aus Herceg Novi. Hoffentlich an dem Kreuzfahrtschiff vorbei. Zu jemandem, der erkennen kann, wie viel Arbeit und wie viel Liebe in diesen Flaschen steckt. Dem Kunst eine Freude macht.
Um die kleine und die große Kunst geht es bei diesem Festival. Um die Freude, die diese Kunst bereiten kann. Und um die Leute, die sie tagtäglich herstellen. Seit mittlerweile 20 Ausgaben.
Vielleicht zu keinem Zeitpunkt kommt dieser Anspruch so klar zur Geltung wie bei Comics in a Bottle.
*Mit Ausnahme der Organisatoren habe ich diesmal die Nachnamen der Zitierten bewusst weggelassen. Es wären zu viele, um sie sich alle zu merken.
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