In allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens haben die neuen Machthaber nach dem gewaltsamen Zusammenbruchs des Landes versucht, ihre Macht auch symbolisch festzuhalten: Straßen bekamen neue Namen. Nicht überall haben sich die Bewohner daran gewöhnt. Ein Beispiel ist das Stadtzentrum von Beograd.

Hier schicken einen auch Einheimische in die Irre.

Dass die ehemalige Ulica Narodnog Fronta, die Straße der Volksfront, heute nach Kralja Natalija, Königin Natalija, benannt ist, hat sich nicht überall herumgesprochen.

Was auch daran liegen mag, dass die alten Straßenschilder einfach hängen blieben.

Auch das Krankenhaus in der Straße heißt nach wie vor: Narodni Front.

Der alte Straßennamen stammt aus jugoslawischer Zeit.

Die Narodni Front war die Organisation, die im sozialistischen Jugoslawien den verpflichtenden Arbeitseinsatz für junge Erwachsene, vor allem Studierende, organisierte.

Die Narodni Front baute an einem guten Teil der Infrastrukturprojekte in Jugoslawien mit. Sie machten aus dem bis 1945 rückständigen und vom Zweiten Weltkrieg verwüsteten Land eine moderne Industrienation.

Umbenennung mit System

Nach dem gewaltsamen Zerfall Jugoslawiens wurde die Erinnerung an die Organisation vielfach ausgetilgt oder zumindest an den Stadtrand verdrängt.

Das passierte auch in Beograd.

Dort gibt es nach wie vor bzw. wieder eine Ulica Narodnog Fronta. Sie liegt im Stadtteil Mali Mokri Lug.

Ein ähnliches Schicksal war der Ulica Maršala Tita beschieden. Früher im Stadtzentrum gelegen, ist das heute der Name einer Flußpromenade im Stadtteil Palilula.

In Bosnien gibt es zumindest im bosnjakisch-kroatischen Teilstaat Federacija nach wie vor in den meisten Stadtzentren Straßen, die nach Tito benannt sind.

Auch in Serbien ist das teilweise noch der Fall.

Die Umbenennungen haben auch praktische Folgen.

Für viele Einheimische ist etwa die heutige Ulica Kralja Natalije im Stadtzentrum freilich immer noch die Narodnog Fronta – und sie schicken einen Besucher besten Gewissens in die Irre.

Wie der Wind weht

Häufig griff man in Serbien bei der Umbenennung auf Namen aus der Zeit des Königreichs Jugoslawien oder des serbischen Königsreichs zurück.

Etwa hier, in der ehemaligen Ulica Moše Pijade. Bis 1997 war sie nach einem der wichtigsten Partisanenführer nach Tito benannt, Moše Pijade. Pijade war auch Gründer der Nachrichtenagentur TANJUG.

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Auch der Name dieser Straße wurde im 20. Jahrhundert mehrfach den aktuellen politischen Bedürfnissen angepasst.

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Für mehr Klarheit sorgt das nicht.

Die alten neuen Namen sollen nicht nur die Erinnerung an das sozialistische Jugoslawien auslöschen. Sie sollen auch eine glorreiche nationale Vergangenheit beschwören.

Etwa hier, in der heutigen Ulica Kralja Milana, der König-Milan-Straße.

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Die Straße wird wohl länger ihren Namen behalten.

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Wie heißt sie nun, die Straße?

Wirklich verwirrend wird es hier.

Nach dem Ende Jugoslawiens wurde der Bulevrad Crvene Armije, der Boulevard der Roten Armee, in Ulica Južni bulevar umbenannt, Straße des südlichen Boulevard.

Das Schild mit dem alten Namen scheint freilich erst vor Kurzem angebracht worden zu sein.

Das Schild mit dem neuen Namen bleicht vor sich hin.

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Es setzt erhebliche Ortskenntnisse voraus, um zu wissen, welchen Namen die Straße jetzt trägt.

Möglich auch, dass der Južni bulevar im Mai kurzfristig wieder zum Boulevard der Roten Armee wurde.

Die serbische Regierung beging den Jahrestag des Siegs über die Nazis groß – und durchaus mit revisionistischen und nationalistischen Untertönen, während die eigentlichen Befreier Jugoslawiens – die Partisanen – in den Hintergrund gedrängt wurden.

Hier darauf hinzuweisen, dass Beograd im Gegensatz zum Rest des Landes von der Roten Armee befreit wurde und nicht von den Partisanen, könnte als Beitrag verstanden werden, die Erinnerung an die Partisanen auszulöschen.

Eine Straße umzubenennen wäre eine sehr günstige Gelegenheit, das zu erreichen.

Auffallen würde es vermutlich nicht großartig. An neue Namen ist man in dieser Stadt gewohnt.

Der Name dieses Artikels ist geborgt von einer Ausstellung des Fotografen Jim Marshall. Er beschäftigte sich seinerzeit mit den neuen Straßennamen in Sarajevo. Jim lebt und arbeitet in der bosnischen Hauptstadt.