Am Balkan ist ein bizarrer Kult um Anjezë Gonxhe Bojaxhiu entstanden, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Mutter Teresa. Allerdings können selbst ihre größten Verehrer die problematischen Seiten der katholischen Heiligen nicht verstecken.

„Peace with a Smile“ steht auf dem Bild im kosovarischen Nationalmuseum in Prishtina.

Es hängt zwischen dem ersten Stock, wo der einzige, kleine, Ausstellungssaal des Museums liegt, und dem zweiten, wo, irgendwann einmal, ein zweiter Saal hinkommen soll.

Für eine Ausstellung, wie man es sich für ein Nationalmuseum vorstellt, reicht das Geld nicht.

Für die kitschige Installation im Stiegenhaus schon.

Anjezë Gonxhe Bojaxhiu samt Spruch „gefertigt von einem lokalen Künstler aus 1,2 Millionen Büroklammern“, wie mir eine Angestellte des Museums sagt.

Sollte im Lächeln der albanischen Nonne je Frieden gelegen haben, wirkt er auch auf dieser Darstellung grotesk gekünstelt, ausgemergelt, verzerrt.

Es ist das Gesicht einer zutiefst boshaften Asketin, das einem entgegenstarrt, die Lippen mit äußerster Anstrengung zu einem Lächeln verzogen.

Hänsel und Gretel auf Kosovarisch

Bei der Statue der Heiliggesprochenen am Bulevar Nene Terese im Stadtzentrum ist das nicht viel anders.

Bojaxhiu starrt einem entgegen.

Würde man nicht wissen, dass einschlägig Geneigte sie für die Verkörperung der Milde halten, man könnte glauben, die Skulptur stelle dar, wie eine Hexe ein Kind entführt.

Hänsel und Gretel auf Kosovarisch, gewissermaßen.

Beziehungsweise nur Hänsel, nachdem die Hexe Gretel vermutlich schon gegessen hat.

Auch in der Nationalbibliothek von Prishtina gastiert gerade eine Sonderausstellung zu Bojaxhiu.

Die Kathedrale der Stadt ist nach ihr benannt, innen strotzt es nur so von großalbanischem Nationalismus.

Man könnte meinen, sie sei eine Tochter der Stadt.

Eine Nationalheilige

Nur, sie wurde nicht einmal im heutigen Kosovo geboren. Sie kam in Skopje zur Welt, heute Hauptstadt Mazedoniens.

Auch dort bringt man der zu Recht Umstrittenen große Verehrung dar, gleich welcher Religion und welcher Ethnizität die Bürger der Stadt sind.

Das Museum in ihrem Geburtshaus ist ein Magnet für historisch offenkundig wenig informierte Touristinnen und Touristen.

In Albanien ist sie ebenfalls zur Nationalheiligen avanciert. Für katholische Albaner ist sie die Heilige Mutter Teresa.

Muslime sprechen von ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll als Mutter Teresa.

Was hat Bojaxhiu mit Sarajevo zu tun?

Auch in Bosnien erfreut sie sich einer großen Beliebtheit.

Dass sie mit dem Land gar nichs zu tun hat, hält etwa die Katholiken in Sarajevo nicht ab, ihre Statue vor ihre Kirche im Stadtteil Marijin Dvor aufzustellen.

Hier hält sie den Kopf eines verständlicherweise weinenden Kindes und in der anderen den Rosenkranz, vermutlich als Ersatz für einen Schlagring, wenn man ihr grausames Lächeln deutet.

 

Man muss vermutlich ein sehr überzeugter Katholik sein, um sich von dieser Darstellung nicht davon abschrecken zu lassen, das Gebäude zu betreten.

Jeder andere würde bei dieser Darstellung an einen scharfen Wachhund denken und umdrehen.

Die heilige Betrügerin

Was all diese Darstellungen gemeinsam haben, ist, dass sie das Leiden verherrlichen, und nicht etwa aufheben wollen.

Das ist im Sinn Bojaxhius.

Auch sie verherrlichte das Leiden – wenn auch vorzugsweise das der Anderen.

Eine Nonne mag nicht im Reichtum schwelgen – im Vergleich zu den Armen Calcuttas, denen sie angeblich half, war sie unermesslich reich.

Hatte ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen, saubere Kleidung. Zugang zu medizinischer Versorgung.

Letzteres war für die Sterbenden in den Hospizen nicht unbedingt gegeben, die ihr Orden „Missionarinnen der Barmherzigkeit“ betrieb.

Die Armen Calcuttas wurden dort hingebracht, um in Großsälen zu sterben, ohne schmerzstillende Medikamente, ohne medizinisches Personal im engeren Sinn.

Bojaxhiu erblickte in dem Leiden dieser Menschen etwas, das herrlich anzuschauen war. Eine Gabe Gottes.

Und trug viel bei, dass ihr Gott möglichst reichlich verteilte.

Die Millionenspenden für die Hospize und später die Waisenhäuser ließ sie so gut wie nicht für die Betreuten verwenden.

Sie gründete mit dem Geld Niederlassungen ihres Ordens in mehr als 100 Ländern.

Selbst Medikamente, die man den Hospizen spendete, wurden bestenfalls sporadisch an die Kranken verteilt.

Nach dem Tod Bojaxhius fand man größere Mengen an gespendeten Medikamenten in den Lagern des Ordens, viele lange abgelaufen.

Die Frau, die für fromme Katholiken und manche andere als „Engel der Armen“ gilt, verherrlichte die Armut und sprach sich nie gegen die Bedingungen aus, die Armut schaffen.

Lieber kungelte sie mit korrupten Diktatoren wie Baby Doc Duvalier aus Haiti. Der lebte gut auf Kosten seiner bitterarmen Landsleute.

Gleichzeitig war Bojaxhiu radikale Kämpferin gegen Abtreibung und jede Form von Empfängniskontrolle.

Indem sie mithalf, fromme Katholiken in Entwicklungsländern davon abzuhalten, irgendeine Form der Geburtenkontrolle zu betreiben, half sie, Millionen Frauen zu einem Leben in Abhängigkeit und Armut zu verdammen.

Persönlich dürfte sie herrisch und unangenehm gewesen sein. Es soll des Öfteren vorgekommen sein, dass sie ihre Nonnen schlug.

(Die ausreichend belegte Kritik an Bojaxhiu kann man HIER detailliert nachlesen, ebenso, wie sie zu einer Popfigur der katholischen Kirche und darüber hinaus avancierte.)

Kitsch kann ehrlich sein

Diese Boshaftigkeit zeigte sich auf jedem Foto und jeder Video- bzw. Filmaufnahme zu Lebzeiten.

Manchmal kann man nicht verstecken, wer man ist.

„Nicht einmal ihre größten Fans schaffen es, sie als liebenswürdigen Menschen darzustellen“, kommentiert eine Freundin als Sarajevo.

Vielleicht ist es ein tröstlicher Gedanke, dass Kitsch manchmal ehrlich sein kann. Wenn auch eher unfreiwillig.

Nur leider wird auch er kaum beitragen, den grotesken Kult um die heilige Betrügerin zu beenden.

Dieser Beitrag ist auch bei den Ruhrbaronen erschienen.