Kaum so offen wie in Ljubljana zeigen sich die Widersprüche, wie die Nachfolgegesellschaften Jugoslawiens mit dem Erbe des blutig untergegangenen Staates umgehen. Eine Fotoreportage von Balkan Stories zum Dan Republike, dem Geburtstag des sozialistischen Jugoslawien.
Die Sonne bricht an diesem trüben Novembertag aus den Wolken durch. Sie taucht Drago Tršars Partisanendenkmal am Trg Republike in Ljubljana in Gegenlicht.
Seine geometrischen Flächen symbolisieren den Widerstandskampf der Partisanen gegen die faschistischen Besatzer im Zweiten Weltkrieg, die Flügelform den Traum von der Freiheit. Abstrakt, fast brutal, ein Spiel zwischen der Gewalt des Krieges, und der Hoffnung auf eine bessere Welt.
Die Skulptur ist eine der modernsten Interpretationen der Geburt des Neuen Jugoslawien am 29. November 1943 in Jajce. (Mehr über die Hintergründe erfahrt ihr hier.)



Der Jahrestag war als Dan Republike der höchste Feiertag Jugoslawiens. Bis heute begehen ihn auf die eine oder andere Art wahrscheinlich Millionen Menschen in den Nachfolgestaaten des Landes, das in den 1990-ern in einer Welle der Gewalt unterging, die fast so schlimm war wie die, in der es geboren wurde. Oder zumindest denken sie anerkennend und wehmütig an die untergegangene Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ).
Auf dem gleichen Plateau wie Tršars Denkmal, fast am anderen Ende des Platzes ein Denkmal für einen der Geburtshelfer und Architekten des Staates. Edvard Kardelj war einer der Hauptorganisatoren des antifaschistischen Widerstandes im Zweiten Weltkrieg. In Titos Jugoslawien war er zeitweise Außenminister, später in diversen politischen Funktionen, und einer der führenden Theoretiker des jugoslawischen Sozialismus.

Er gilt als einer der Erfinder der Arbeiterselbstverwaltung, und die 1974-er-Verfassung wird großteils ihm zugeschrieben.
Vor seinem Denkmal ein zugeknotetes Sackerl, wie man sie für Hundekot verwendet. Zufall oder passiv-aggressiver posthumer Angriff auf Kardelj und auf Jugoslawien?

In der Mitte zwischen den beiden Denkmälern sind mehrere Bänke. Auf einer sitzt ein Obdachloser. Auf einem Kartonschild bittet er um Hilfe.

Gegenüber den Denkmälern, vor dem slowenischen Nationaltheater, feiert eine Gruppe Schautafeln die slowenische Unabhängigkeitsbewegung der späten 1980-er und frühen 1990-er. (Sie erscheint hier aus rein optischen Gründen nicht. Das Gegenlicht zum Zeitpunkt des Besuchs war der Fotografie nicht zuträglich.)
Edvard Kardelj blickt auf diese Schautafeln.
Der neue Reichtum ist nicht für alle da
Es war die Kommunistische Partei Sloweniens, die mit ihrem Auszug aus dem letzten alljugoslawischen Kongress des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens den Zerfallsprozess des Landes vor aller Augen in Gang setzte. Wenig später stürzten die ersten Mehrparteienwahlen in Slowenien die Kommunisten. Das Land erklärte seine Unabhängigkeit. Das setzte eine Kettenreaktion in Gang.
Das klingt, als sei der Zusammenbruch Jugoslawiens die Schuld der Slowenen. Das wäre eine so falsche wie billige Interpretation.
Der Staat scheiterte an den internationalen Rahmenbedingungen, einer langjährigen Wirtschaftskrise, dem ungleich verteilten Wohlstand, und dem Über-Förderalismus von Kardeljs 1974-er Verfassung. Zudem hatten systemische Fehler in der Umsetzung der Arbeiter-Selbstverwaltung nationalistische Tendenzen in den einzelnen Republiken befördert.
Insofern könnte man Kardelj durchaus als Vater der slowenischen Unabhängigkeit betrachten – auch wenn er das nicht freiwillig war.

Dass die Slowenen als Erste den Staat verließen, hat komplexe Ursachen, war aber letztlich nur ein Symptom grundlegender Probleme, und keine Folge einer nationalen Eigenschaft.
Der Obdachlose zwischen dem Denkmal für ihn und der Skulptur zu Ehren der Partisanen zeigt, wie brüchig der slowenische Wohlstand seit der Unabhängigkeit ist.
Das Stadtzentrum von Ljubljana ist voll von Bettlern und Obdachlosen, in einer Dichte, wie man sie nicht einmal in Beograd sieht. Der Reichtum Sloweniens ist offensichtlich nicht für alle da.
In Slowenien gibt es eine ausgeprägte Jugo-Nostalgie
Gleichzeitig sieht man, wie gut erhalten diese Denkmäler sind. Viel besser als man das an den meisten Orten im ehemaligen Jugoslawien sieht.



In Slowenien stehen auch die meisten Denkmäler aus dem nationalistischen Jugoslawien noch. Mancherorts, wie in Piran, tragen auch die Straßen die alten Namen.
Umfrage um Umfrage aus den vergangenen Jahrzehnten zeigt, dass die Slowenen das untergegangene Jugoslawien so positiv sehen, wie das sonst nur in Bosnien der Fall ist.
Es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass das JUS-Projekt in Slowenien beheimatet ist. Es versucht, mit der Aufarbeitung jugoslawischen Designs das kulturelle Erbe des untergegangenen Landes wiederzubeleben.
Kein Vergleich zu den Bilderstürmern im benachbarten Kroatien. Die dortigen Nationalisten, seit Jahrzehnten fast ununterbrochen an der Macht, versuchen, jede positive öffentliche Erinnerung an den untergegangenen Staat auszumerzen. (Siehe etwa dieses und dieses Beispiel.)
In Serbien ist man da widersprüchlicher und inkonsequenter. (Siehe etwa dieses und dieses Beispiel.)
(Nord-)Mazedonien hat versucht, sich ganz neu zu erfinden. (Siehe hier.)
Im Kosovo ist man vielleicht am radikalsten. Hier wird bald eine Reportage aus Peja/Peć erscheinen, wo man das sehr deutlich sieht.
Nirgends geht die symbolische Abwicklung des sozialistischen Jugoslawien ohne Widerstände ab. Aber sie passiert.

Absurde Preise für jugoslawische Erinnerungsstücke
Wie tief die Jugo-Nostalgie in Slowenien verwurzelt ist, sieht man auch am Bolšji sejem entlang der Ljubljanica. Das ist der wöchentliche Flohmarkt.
Zahlreiche Stände haben Erinnerungsstücke an Jugoslawien im Angebot. Fahnen, Reisepässe, Orden, Anstecknadeln, Warnschilder, Uniformteile von Polizei und JNA, Kameras, Postkarten. In der Qualität und Menge sucht man das andernorts vergeblich.



Man zahlt auch mehr als überall sonst im ehemaligen Jugoslawien. „70 Euro“, nennt etwa Primož den Preis für eine jugoslawische Fahne. Sie ist größer als das, was man üblicherweise bekommt. Und arg verblichen.
„70 Euro? Bist du verrückt?“, frag ich ihn. „Am Kalemegdan bekomm ich eine jugoslawische Fahne für zehn Euro“.
Noch nicht mal für die wesentlich besser erhaltene sozialistische bosnische Fahne hab ich seinerzeit in Sarajevo mehr als 20 Euro bezahlt. Die sind viel seltener als jugoslawische Fahnen.
„Wenn dir das nicht passt, such doch deine Fahne in Mazedonien“, sagt Primož. Ende der Diskussion.
Dass Primož im Speziellen und slowenische Altwarenhändler nicht die Einzigen sind, die aus der Erinnerung an Jugoslawien Kapital schlagen, sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt. (Eine Reportage über das Geschäft mit der Nostalgie aus Sarajevo findet ihr hier.) Es macht es nicht besser.
Hier findet ihr die bisherigen Beiträge von Balkan Stories zum Dan Republike.
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