Vor zehn Jahren erklärte sich der Kosovo für unabhängig. Die Suche nach einem nationsbegründenden Narrativ endet nicht selten in einer offiziell tolerierten nationalistischen Sackgasse voll Kitsch und mythischer Überhöhung. Das lenkt von echten Problemen ab. Und untergräbt den jungen Staat ideologisch.

Es wäre eine Übertreibung, die paar Katholiken in der Mutter-Teresa-Kathedrale in Prishtina als eine Handvoll zu bezeichnen.

Sofern die paar Menschen Katholiken sind. Und nicht Touristen, die die gestern* eingeweihte Kirche anschauen wollen.

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3.000 Menschen waren gestern hier, melden Medien stolz. Inklusive Erzbischof Zef Gashi, der Papst Jorge Mario Bergoglio vertrat.

Und Staatspräsident Hashim Thaçi. Der hielt auch eine Ansprache. Er beschwor die Einigkeit muslimischer und katholischer Albaner. Historisch gesehen seien beides die Religionen der Albaner gewesen.

Was wie die Beschwörung religiösen Zusammenlebens wirken mag, ist kaum verhohlener nationalistischer Appell.

In dieser Kirche ist er Stein geworden.

Das Heilige Dardania

Eine Inschrift nahe des Eingangs beschwört ein „Heiliges Dardania“ – ein antikes Königreich, dessen Gebiet auch den heutigen Kosovo einschloss.

Viele Kosovo-Albaner sehen eine historische Kontinuität zu diesem lang untergegangenen Staat.

Diese These scheint mein Reiseführer aufzustellen. Sofern man bei dem bemerkenswert schlechten Englisch der Publikation überhaupt eine sinnvolle Aussage ableiten kann.

Die Dardanier seien die Vorfahren der heutigen Albaner, so etwas verkürzt die historisch nicht ganz einwandfreie These. Daraus leiten manche Nationalisten den Anspruch auf einen eigenen Staat ab.

Und erheben implizit Territorialansprüche.

Zumal der Schriftzug über einem Doppeladler steht. Dem Wappenvogel Albaniens, nicht des Kosovo.

Religion und Nation sind am Balkan meist eins

Dass religiöse Gebäude am Balkan genutzt werden, um nationalistische Narrative zu weihen, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Am Balkan schon gar nicht.

Nur macht in den anderen Balkanstaaten die religiöse Zugehörigkeit erst die ethnische Zugehörigkeit aus.

„Wahrer“ Serbe, Kroate oder Bosnjake ist man nur, wer orthodox, katholisch oder muslimisch ist.

Nur manche Strömungen des kroatischen und des serbischen Nationalismus machen eine Ausnahme. Sie reklamieren auch die Bosnjaken für sich. Diese seien abgefallene Kroaten bzw. Serben, der Islam folglich die zweite (und zweitrangige) Religion der Kroaten bzw. Serben.

Eine neu gebaute Kirche, wie die halb fertig gestellte orthodoxe am Uni-Campus von Prishtina aus der Ära von Slobodan Milošević, ist häufig auch als Symbol zu verstehen, welche Ethnie den Ton angibt.

Dieser Rohbau insbesonders ist backsteingewordener Ausdruck der Diskriminierung der Albaner im Kosovo nach 1987.

Für Mazedonier wie mittlerweile auch für Montenegriner ist die Autokephalie, die Eigenständigkeit, der orthodoxen Kirche in ihren Ländern von der serbisch-orthodoxen Kirche wie selbstverständlich Abschluss der kulturellen und nationalen Loslösung von der – tatsächlichen oder vermeintlichen – serbischen kulturellen Dominanz.

So eng ist die Verquickung von Religion und Nation, dass religiöse Gebäude oder Riten keine nationale Symbolik mehr brauchen, um als nationalistische Aussagen verstanden werden zu können.

In diesem komplexen Verhältnis hat im Zweifelsfall freilich immer die Religion die Hosen an, definiert, wer dazugehört und wer nicht.

Keine religiöse Trennung bei Albanern

Bei Albanern funktioniert das anders.

Hier trennt Religion nicht. Mitglieder muslimischen Mehrheit, der katholischen Minderheit und einer orthodoxen Splittergruppe, Atheisten – sie alle gelten als Albaner.

„Unsere Religion heißt Albanien“ lautet ein gern gebrauchtes Sprichwort.

Entsprechend viel Raum bekommt offener Nationalismus in Albanien wie im Kosovo.

Das macht nicht aus allen Albanern verbohrte Nationalisten. Es bedeutet nur, dass Nationalismus hier stärker noch als anderswo am Balkan Common Sense ist.

Wogegen die Weltoffenen, die Vernünftigen hartnäckig anrennen.

Im Verhältnis Nation zu Religion hat hier immer die Nation die Hose an. Die Religion hat sich ihr auf der symbolischen Ebene unterzuordnen.

Und wenn es mit Kitsch ist.

Die Geschichte des Staates ist die Geschichte der Kathedrale

Auf einem Mosaik in der Mutter-Teresa-Kathedrale legt der kosovarische Präsident Ibrahim Rugova, der Vater der von ihm nicht mehr erlebten Unabhängigkeit, den Grundstein für die Kirche.

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„Damals war er schon Katholik“, klärt mich Una Hajdari auf. Sie ist Journalistin und lebt in Pristhina. „Er ist vor seinem Tod konvertiert.“

Im Mosaik werden der junge Staat und die Kathedrale eins.

Wie auch in anderen Mosaiken und Glasmalereien. Sie beschwören die Geschichte des Volks von antiken Zeiten an.

Nicht die Heilsgeschichte steht im Vordergrund. Es ist die nationale Geschichte, die mit der Heilsgeschichte gleichgesetzt wird.

Erlöst wird nicht die Menschheit, erlöst werden die Albaner.

Eine zu Recht umstrittene Nonne

Was würde sich als besserer Rahmen für diesen Narrativ eignen als eine Kirche, die nach einer zu Recht umstrittenen albanischstämmigen Nonne benannt ist? Oder zumindest nach ihrem Künstlernamen.

Anjezë Gonxhe Bojaxhiu ist zu einer Art Gründungsheiligen des Kosovo geworden, genauso wie zu einem Symbol des Albanertums schlechthin. Verehrt von Katholiken wie von Muslimen.

Dass sie nicht auf dem Gebiet des heutigen Kosovo geboren wurde, stört wenig.

Ihre Geburtsort Skopje im heutigen Mazedonien lag 1910 in einer Provinz, die Kosovo hieß.

Bojaxhiu war Zeit ihres Lebens Proponentin des großalbanischen Nationalismus.

Einer der vielen Fehler dieser bitteren und religiös fanatisierten Frau, die bildlich auch von ihren größten Fans nie gütig dargestellt wird.

Neben ihrer Schwärmerei für das Leiden Todkranker in ihren Hospizen, denen sie einfachste medizinische Versorgung verweigern ließ.

Neben ihrem fanatischen Kreuzzug gegen Abtreibung und Geburtenkontrolle.

Neben dem Umstand, dass sie bereitwillig mit Diktatoren kooperierte und nie auch nur ein Wort der Kritik gegen deren Politik äußerte.

Und neben dem Umstand, dass ein Großteil der Abermillionen an Spenden an ihren Orden nicht „den Armen“ zugute kam sondern der Missionierung.

Das macht Bojaxhiu zur idealen Heiligen für den jungen Staat, dessen politischer und wirtschaftlicher Apparat von Korruption zerfressen sind. Mehr noch, als das andernorts in der Region der Fall ist. Sehr zum Leidwesen der Bewohner des Landes.

Das Heilige Groß-Albanien

Deutlich wird der Nationalismus dieser Kirche vor allem in einem kleinen Detail, das die meisten Besucher vermutlich übersehen werden.

„Schau, das ist die Karte Groß-Albaniens“ macht mich Una auf ein Fenster mit Glasmalerei aufmerksam.

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Womit die nationalistische Symbolik aufhört, den jungen Staat Kosovo zu legitimieren.

Sie untergräbt ihn ideologisch.

Fragwürdig auch die Symbolik auf den gähnend leeren Kirchenbänken.

Sie sind mit Adlern verziert, auf die mich Una hinweist.

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Sie sind eher nicht als Symbol des Evangelisten Johannes gemeint. Wiewohl nicht doppelköpfig, symbolisieren sie den albanischen Adler.

Derartig viel offenen Nationalismus sieht man selten in einer Kirche.

Westliche Katholiken übersehen die Symbolik

Für Außenstehende ist das nicht zwingend zu entschlüsseln. So schwärmt etwa das Portal katholisch.de geradezu von der neuen Kathedrale.

Und lässt sich zu einer eher originellen Deutung der kosovarischen Katholiken hinreißen.

„Tatsächlich bilden die Katholiken mit ihrer albanischen und ihrer christlichen Identität eine Art natürlicher Brücke zwischen den verfeindeten Parteien der Serben und Albaner. Die orthodoxen Serben, deren Bevölkerungsanteil nur noch bei maximal sechs Prozent liegt, sehen im Kosovo mit seinen mittelalterlichen Klöstern die Wiege ihrer Kultur. Doch 1389 fand die serbische Vorherrschaft mit dem Sieg der Türken in der Schlacht auf dem Amselfeld ein abruptes Ende. Die überwiegend muslimischen Kosovo-Albaner begründeten ihre staatliche Unabhängigkeitserklärung von 2008 damit, dass die Region seit spätestens Ende des 17. Jahrhunderts von einer deutlichen albanischen Mehrheit besiedelt ist.

Die Katholiken sind zum allergrößten Teil Albaner, also „Blutsbrüder“ jener albanischen Muslime, die dem Katholizismus in den Jahrhunderten nach dem Schicksalsjahr 1389 allmählich den Rücken kehrten und fortan einem moderaten, eher dem Gefallen der türkischen Besatzer als religiösem Eifer folgenden Islam anhingen. Zugleich werden die Katholiken als die christlichen „Glaubensbrüder“ der orthodoxen Serben gesehen – deren Unterdrückungspolitik gegen die Kosovo-Albaner bis heute nicht vergessen ist.“
Katholiken und Orthodoxe begreifen sich in diesem Teil der Welt in der Regel nur als Glaubensbrüder, wenn es gegen die Muslime geht.

Bei den albanischen Katholiken kann man das getrost ausschließen

Und die Symbolik dieser Kirche mag vieles sein. Ein Appell an eine supranationale Einheit ist sie ganz sicher nicht

Aber warum sollten frömmelnde westliche Katholiken weniger ignorant sein als die vielen selbst ernannten westlichen Balkanexperten?

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Zumal, wenn es um Anjezë Gonxhe Bojaxhiu geht. Wird ihr Künstlername genannt, setzt der Verstand bei den meisten Menschen aus.

Im Kosovo genauso wie in Deutschland oder Österreich.

Was nichts daran ändert, dass die steingewordene großalbanische Symbolik dieses neuen Nationalsymbols kurzfristig einen Narrativ für den jungen Staat bilden mag.

Langfristig untergräbt sie ihn.

Die Geschichte Österreichs in der Ersten Republik mag hier eine laute Warnung sein.

*Balkan Stories besuchte die Kathedrale am 6. September