Wie das Leben auch sein kann

Mit seiner 20. Ausgabe hat das größte Comics-Festival des ehemaligen Jugoslawien gezeigt, dass das Leben im Kulturbetrieb auch anders ginge. Vor allem die internationalen Comics-Künstler wissen das zu schätzen. Reportage.

„Zeichne mich, bitte“, sagt der Bub im Volksschulalter.

Krešimir* kneift die Augen zusammen und schaut den Buben auf der anderen Seite des Tisches genau an.

„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, sagt der kroatische Comics-Zeichner mit einem verschmitzten Lächeln.

Eine Gruppe von Kindern diskutiert mit einem Erwachsenen am Tisch unter Bäumen.

Wir sind in Risan in der Bucht von Kotor in Montenegro. Im Park gleich beim Partisanendenkmal hat das Hercegnovski Strip Festival (HSF) ein paar Tische aufgestellt. Die rund 100 Comics-Künstler aus der Region und der halben Welt werden einander in den nächsten Stunden abwechseln und für die Kinder der örtlichen Grundschule Zeichnungen anfertigen.

„Das sind unsere wichtigsten Gäste heute“, hat ihnen HSF-Organisator Jovan Subotić vorher erklärt. Ein rhetorischer Hinweis. Wer sonst als Kinder sind die wichtigste Zielgruppe eines Kulturfestivals? Eines Kulturfestivals wie des HSF zumal, das bewusst keine Zugangshürden hat und jede und jeden einlädt, sich an Comics in jeder Form zu erfreuen. Kostenlos, übrigens.

Heuer ist es eine schweißtreibende Arbeit. An keinem Tag des fünftägigen Festivals sinkt die Temperatur auf unter 35 Grad. Und es ist schwül in diesem Spätsommer in Montenegro.

Trotzdem, auch die internationalen Gäste wie Jim aus den USA sitzen lieber hier als auf einer der Comicons in den USA oder sonstwo auf der Welt.

„Weißt du, bei der letzten Comicon in LA bin ich neun Stunden dort gesessen und habe gezeichnet. Die Fans kommen, und wollen Skizzen. Dafür müssen sie bezahlen. Dort geht’s offen nur ums Geld, und ich hab dort also ganz gut verdient. Aber hier, hier machst du das aus Freude“.

Für die Künstlerinnen und Künstler ist auch eine Motivation, dass zu den öffentlichen Zeichensessions Menschen kommen, die sich nie die Karten für eine Comicon leisten könnten. Oder das dortige Honorar für eine persönliche Skizze.

„Das sind Menschen, die Comics lieben, und die ich sonst nie treffen würde. Ich mache ihnen gerne eine Freude“, sagt eine der italienischen Künstlerinnen.

Ähnlich erleben es Kunstkritiker und, vielleicht überraschender, Verleger. Etliche kommen Jahr für Jahr hierher.

Sie erleben hier, wie das Leben auch sein kann.

Das HSF verschließt sich seit der ersten Ausgabe im Jahr 2007 bewusst jeglichem Kommerzialismus. Das schafft eine einzigartige Atmosphäre. Dazu kommt, dass das ehrenamtliche Organisatorenteam rund um Nebojša Mandić ein Rahmenprogramm geschaffen hat, das aus dem Alltag ebenso herausführt wie aus dem Stress der üblichen kommerziellen Festivals.

Etwa hier am Lovćen, am Tag vor dem Besuch in Risan.

Nebojša organisiert nebenbei wieder Details zum nächsten Tag.

Eine Gruppe von Menschen, die an einem Tisch im Freien stehen und sich unterhalten, mit einem Foodtruck im Hintergrund und verschiedenen Stühlen und Tischen im Vordergrund.

Mido und Maza posieren in der Zeichensession mit Ausblick auf die Bucht von Kotor für ein Foto. Beide sind langjährige Gäste und Freunde des HSF. Filipe und Tony unterhalten sich über ihre Skizzen. Tristan nutzt eine kurze Pause für Arbeit an einem nächsten Projekt. Sara ist mit ihrer Zeichensession fertig. Dani und Shawn trinken einen Cocktail. Eine Platte mit lokalen Köstlichkeiten steht für die Gäste des HSF bereit. Vladimir Simić vom Organisatorenteam unterhält sich mit einem Festivalgast. Ema Perović, ebenfalls vom Organisationsteam zeigt mir ihre Skizze.

Uroš schläft.

Eine Gruppe von Menschen sitzt entspannt im Freien, darunter ein Mann, der schläft, vor einer Bar mit dem Namen "MONTE 1350" im Hintergrund.

Die Pause hat er sich verdient. Seit drei Tagen arbeitet er beinahe rund um die Uhr fürs HSF. Schleppt, oft gemeinsam mit Simke, Sachen von A nach B. Stellt Tische auf, räumt alles rauf. Stellt die Banner auf. Holt Zeichenblöcke und Stifte. Räumt nach den Zeichensessions alles ab.

Wie Simke ist Uroš ein balkanischer Bär. Die können zupacken. Haben Herzen größer als ihr Bauch. Aber selbst ein balkanischer Bär braucht mal Schlaf.

Zwei Männer stehen in einem Garten, umgeben von weiteren Personen und Bäumen. Der Mann links trägt ein schwarzes T-Shirt und steht leicht hinter dem anderen Mann, der ein hellblaues T-Shirt und rote Shorts trägt. Im Hintergrund sind Stühle und Tische zu sehen.

Neu im Team sind Slobodan und Nađa. Das HSF macht heuer erstmals Videos. Die beiden produzieren täglich mehrfach für Instagram, Facebook, Youtube soll folgen. Eine längere Doku ist ebenfalls geplant.

„Wir haben mittlerweile 200 Gigabyte an Material“, sagt mir Nađa mal nebenbei. Da wird das Festival noch zwei Tage dauern.

„Ich bin jeden Tag um neun Uhr zuhause, und schneide bis eins“, sagt sie.

Das ist zusätzlich zu den Schnitten, für die untertags mal Zeit ist.

Wann Slobodan schläft, ist mir überhaupt ein Rätsel. Er ist auch abends und nächstens auf den Konzerten. Filmt. Macht Fotos. Auch um mich zu entlasten. Ich fotografiere nicht nur für Balkan Stories sondern in diesen Tagen auch fürs HSF.

Die beiden machen das ebenfalls ehrenamtlich.

„Slobodan hat mir gesagt: Ich verlang nichts, zahlt mir nur ein Zimmer und ein paar Bier. Ich will bei diesem tollen Festival mitarbeiten“, schildert Jovan das Bewerbungsgespräch.

Ein neues Format für die 20. Ausgabe des HSF

Einen neuen Part, das HSF und Comics als Kunstform via Videos sichtbarer zu machen, spielt Film- und Kunstkritikerin Pia Nikolič aus Ljubljana. Sie interviewt heuer für den Youtube-Kanal des HSF die Special Guests. Das sind ausgewählte internationale Stars, die das Festival jedes Jahr besonders heraushebt.

Pia hat sich sichtbar genauestens auf die Interviews vorbereitet. Kaum ein interessantes Detail, kaum eine relevante öffentliche Äußerung über die eigene Kunst oder Comics generell, das bzw. die sie nicht kennt und in den Gesprächen zum Thema macht. Einen ganzen Block mit handschriftlichen Notizen hat sie vor sich.

In die Interviews fließt ihre Erfahrung als Radiogestalterin ein.

In diesem interessanten Block kommt es zum einzigen Schnitzer des HSF XX. Die Präsentation der Special Guests findet heuer an einem anderen Ort in Herceg Novi statt als sonst.

Für Videos ist alles optimal vorbereitet. Zwei Kameras, Mikros, Mischpult, Schnittpult.

Nur als Live-Präsentation funktioniert das Ding nicht. Für den Hotel-Innenhof im Zentrum von Herceg Novi gibt es keine Soundanlage.

Wer das Gespräch live mitverfolgen möchte, muss sehr nah ran. So nah, dass man im Sichtfeld der beiden Kameras wäre.

Der Hintergrund ist einfach: An dem Ort, wo die Präsentationen in den vergangenen Jahren immer stattfanden, war eine Tonanlage von Haus aus vorhanden. Heuer hat man sich für das Hotel Lazarev vrt entschieden, wo es das nicht gibt.

Das Gesamterlebnis macht den kleinen Fehler wett.

Zu dem tragen nicht nur Organisatoren, bezahlte Helfer und Rahmenprogramm bei. Auch die Künstler leisten einen entscheidenden Beitrag.

„Wir Comics-Künstler sitzen abseits von großen Conventions meist alleine zuhause oder im Keller und arbeiten. Raus kommst du da nur selten. In so einem Rahmen, wo es nicht ums Geld geht, da blühen wir wirklich auf“, erklärt Jim.

Dass der Zweck des HSF ist Comics und Comics-Künstler zu feiern, und das Festival keinen Cent verdient, führt dazu, dass es zwischen den Künstlern keinen kommerziellen Wettbewerb gibt.

Es ist ein bisschen wie der Olympische Frieden des Antiken Griechenlands.

Auch wenn Comics-Künstler im Allgemeinen wahrscheinlich die friedfertigste und am wenigsten eifersüchtige Gruppe unter Kulturschaffenden überhaupt ist – ein entspannter Rahmen wie der des HSF fördert die Harmonie zusätzlich.

„Hier gibt’s keine Hierarchie. Es ist doch völlig unwichtig, ob du als Star giltst oder gerade angefangen hast. Dass du dich interessierst und engagierst, dass du Comics liebst, das zählt. Der Vibe, der ist unglaublich kameradschaftlich und freundlich“, sagt etwa Shawn.

Man zeigt einander Skizzen, andere Entwürfe, spricht über anstehende Projekte, Pitches für Verlage, Gedanken über Buchprojekte, lästert wahrscheinlich auch über den einen oder anderen Verleger oder Produzenten, und vor allem: hilft einander mit Kontakten und Ratschlägen.

Nicht umsonst lautet der offizielle Slogan des HSF: Comics is love.

Ganz ausblenden lässt sich der stressige Alltag nicht. Etliche Künstler zeichnen in Pausen an ihren bezahlten Projekten, oder an Entwürfen, die sie Verlagen schicken werden. Oder bedienen ihre Social Media Accounts.

„Klar muss ich auch noch Aufträge fertigstellen“, erklärt etwa Dani aus Griechenland. „Ich muss ja von meinen Zeichnungen leben. Deswegen muss ich leider auch vorzeitig abreisen. Aber die paar Tage hier, die haben mir wirklich gutgetan.“

Wo sonst findet man etwa Gelegenheit, auf einem Berggipfel mit Meerblick zu tanzen, wie es hier Shawn, Dani und Rhea tun?

Drei Personen beten auf der Straße nach einer Gruppe und betrachten etwas auf dem Boden, umgeben von blühenden Blumen und Passanten im Hintergrund.

Oder wo sonst direkt von einem Termin ins Meer hüpfen wie am letzten Tag des HSF?

Oder sich als DJane kreativ betätigen wie es Sara nach dem Schwimmen tut?

Zwei Frauen stehen an einem Tisch, während eine von ihnen mit einem Dokument spricht. Die erste Frau trägt ein T-Shirt mit Aufschrift und die zweite Frau hat lange dunkle Haare und trägt Sonnenbrillen. Im Hintergrund sind dekorative Fahnen sichtbar.

Auch Shawn holt sich am HSF Schwung für weitere Projekte. In einigen Pausen etwa nimmt er Folgen für seinen Podcast Inkpulp auf. Ganz zwanglos. Man entkommt auch beim HSF oder in Montenegro generell dem Alltag nicht ganz. Aber hier sein hilft, ihn entspannter zu bewältigen.

Zwei Männer sitzen an einem Tisch im Freien und sprechen. Einer trägt eine Tanktop und bunte Shorts, der andere ein gestreiftes Hemd. Auf dem Tisch steht ein kleines Stativ mit einer Kamera und eine blaue Tasse.

„Ich hoff, ich schaff es nächstes Jahr wieder hierher“, sagt er zum Abschied. „Das war wirklich verdammt großartig.“

Ein kleiner Blick, wie das Leben auch sein kann. Wenn es nur mehr Veranstaltungen geben würde wie das Hercegnovski Strip Festival.

Eine Fotoreportage über den Höhepunkt der 20. Ausgabe des HSF könnt ihr demnächst hier sehen.

Meine bisherigen Reportagen und Foto-Reportagen über das Hercegnovksi Strip Festival könnt ihr im Archiv nachlesen.

*Mit Ausnahme der Organisatoren habe ich diesmal die Nachnamen der Zitierten bewusst weggelassen. Es wären zu viele, um sie sich alle zu merken.

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