Ivo Andrić – der Autor, den und dessen Werk Nationalisten aller Couleurs in Ex-Jugoslawien am meisten verzerren. Balkan Stories-Leser haben in den vergangenen Jahren mehrere Beispiele zu lesen bekommen. Dem Thema hat sich auch ein Slawistik-Seminar auf der Uni Wien gewidmet. Zu dem war auch ich als Gesprächspartner eingeladen.

Miranda Jakiša, Professorin an der Slawistik der Uni Wien, hat in diesem Semester in ihrem Seminar Ivo Andrić aus möglichst verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

Großes Thema waren die nationalistischen Re-Interpretationsversuche des Autors.

Foto: (c) Aleksandra Danilović

Vielen serbischen Nationalisten gilt er als der größte serbische Autor und sein Werk als Darstellung der Leiden des serbischen Volkes.

Damit wird das humanistische und pro-jugoslawische Werk des Autors zu einem Teil des Kanons serbisch-nationalistischer (nicht bloß etwa serbischer) Literatur umgedeutet.

Steingeworden ist die Geschichtsdeutung mit Andrićgrad von Emir Kusturica. (Siehe Links unten)

Bosnjakische Nationalisten versuchen dem Literaturnobelpreisträger anzudichten, den Völkermord von Srebrenica und die „ethnischen Säuberungen“ in Bosnien „ästhetisch“ vorbereitet zu haben.

Kroatische Nationalisten versuchen teils, aus ihm einen kroatischen Nationalschriftsteller zu machen oder verdammen ihn als einen Verräter. Andrić wurde als Sohn einer katholischen Familie in Travnik geboren, schrieb aber den Großteil seiner Werke im serbischen Idiom.

Keine der Interpretationen hält irgendeiner Analyse stand.

Das habe auch ich auf einigen Recherchereisen und Interviews zum Schriftsteller festgestellt. Und einige der revisionistischen Sichtweisen auf dieser Seite identifiziert.

Die Erlebnisse auf diesen Reisen habe im Gespräch mit Miranda Jakiša den Studentinnen und dem Student in ihrem Seminar näherzubringen versucht.

Foto: (c) Aleksandra Danilović

Teil der Nationenfindungsprozesse

Und das auch in einen Kontext gestellt zum Nationenfindungsprozess im ehemaligen Jugoslawien.

Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens zimmern sich seit dem Krieg neue nationale Narrative zusammen.

Sie müssen, wie das alle anderen Staaten auch getan haben, ihren Einwohnern erklären, warum sie eigene Staaten sind und versuchen, sie auf das neue Land einzuschwören.

Das geht vor allem angesichts des gewaltsamen Zerfalls Jugoslawiens und der Vorgeschichte – die Staaten waren bis 1918 unter Fremdherrschaft, mit Ausnahme Serbiens und Montenegros, die etwas früher selbstständig wurden – nicht ohne Nationalismus und Revisionismus ab.

(Siehe etwa Skopje)

Und schon gar nicht ohne Spannungen zwischen den Nachfolgestaaten.

Von einzelnen Initiativen abgesehen ist kaum Bemühen erkennbar, diese Prozesse auf eine progressive und wissenschaftliche Basis zu stellen.

Die Dekonstruktion des gemeinsamen Erbes

Eine der Projektionsflächen dieser Konflikte ist Ivo Andrić. An ihm kann man das gemeinsame Erbe Jugoslawiens sehr anschaulich dekonstruieren.

Dass bei diesem Prozess seine Literatur in ihr Gegenteil verzerrt wird und die historische Wahrheit das erste Opfer ist, das nimmt man billigend in Kauf.

Leider sind sich viele Anhängerinnen und Anhänger der revisionistischen Vereinnahmungen nicht bewusst, was betreiben.

Am Tag nach dem Gespräch habe ich das in einer kurzen und sehr uangenehmen Unterhaltung selbst erlebt.

Alltagsdummheit

Zufällig habe ich mich mit einer bosnisch-serbischen Kellnerin in einem Lokal, das ich gelegentlich besuche, über meinen Auftritt unterhalten.

Welche nationalistischen Vereinnahmungversuche Ivo Andrićs ich denn meine?

Dass ihn bosnjakische Nationalisten zum Vordenker des Genozids stilisieren und serbische Nationalisten zum serbischen Nationalschriftsteller.

„Aber er war doch Serbe aus Travnik“, meinte sie, ziemlich indigniert und ungeduldig.

Außerdem, ich würde das nicht verstehen, sie sei schließlich in Bosnien geboren. Und damit solle ich ruhig sein, sie werde mit mir nicht mehr darüber reden.

Nun, sie wird mit mir überhaupt über nichts mehr reden, fürchte ich.

Für solch aggressive Dummheit gedenke ich, keinerlei Zeit aufzubringen.

Bisherige Reportagen und Beiträge zu Ivo Andrić auf Balkan Stories:

Die zweieinhalb Leben des Ivo A.

Es ist nie derselbe Fluss

Lass dir nichts von Emir erzählen

Wo imaginierte Geschichte Zukunft verspricht

Geschichte erfinden mit der Jungen Welt

Fotos, inklusive Titelfoto: Aleksandra Danilović