Fast so fake wie Nele Karajlić

Die serbische Grillkette Walter Ćevapi verspricht Ćevapi wie in Sarajevo. Und verwendet ausgerechnet Nele Karajlić als Testimonial. Balkan Stories hat das Versprechen auf seine Echtheit geprüft, damit ihr es nicht müsst.

Man kann schlechtere Ćevapi bekommen in der serbischen Hauptstadt als in einer Filiale von Walter in Vračar.

Ausschließlich Faschiertes vom Jungrind, wie nur in Sarajevo üblich, die Würzung ist OK. Saftig sind sie.

Nur sind sie am Gasgrill zubereitet. Die Holzkohle fehlt. Das macht die Ćevapi fader als in einer typischen Ćevabdžinica. Ein Vergleich mit Željo verbietet sich von Haus aus. Aber das ist auch eine der denkbar höchsten Messlatten.

Das ist der Nachteil, wenn man eine Restaurantkette ist, die viele Filialen in Einkaufszentren betreibt. Holzkohle geht da nicht.

Es geht nicht nur um das Fleisch

Nur, bei Ćevapi geht es nicht nur um das Fleisch.

Ohne gutes Somun wird das nichts. Kurz über das Fleisch gelegt beim Grillen. Es soll ein bisschen Saft aufsaugen, ein bisschen innen knusprig werden.

Walters Somun ist einfach aufgeschnitten. Sein Inneres hat nie einen Grill aus der Nähe gesehen. Noch nicht mal die Kruste haben sie draufgelegt.

Dass das Somun sicht- und schmeckbar Massenware ist und nicht aus einer lokalen Bäckerei stammt, macht die Sache nicht wirklich besser.

Man könnte das vielleicht durchgehen lassen. Immerhin sind die Ćevapi etwas teurer als in Sarajevo. Für Beograder Verhältnisse ist das ziemlich günstig.

Speisekarte von Walter, die Grill-Spezialitäten wie Ćevapi, traditionelle Gerichte und vitaminreiche Optionen zeigt.

Manche Dinge tun einfach nur weh

Günstiger sind allenfalls die Istočnosarajevski Ćevapi in der Kafana Vojvoda in Beograd. Deren Verzehr verbietet sich aus Gründen der allgemeinen Menschenwürde. Mehr lest ihr hier in Kürze.

Womit man beim Grund angekommen wäre, warum man Walter meiden sollte, akute Notfälle vielleicht ausgenommen. Und es hat ja auch mehr mit der Kafana Vojvoda gemeinsam als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Walter preist seine Ćevapi mit einem langen Testimonial als authentisch nach Sarajevo Art an, wirbt mit dem Gewusel der Baščaršija und appelliert an die Zuneigung des Beograders für die bosnische Hauptstadt.

Das Testimonial stammt ausgerechnet von Nele Karajlić.

Das ist vom Provokationsgehalt so massiv wie die Istočnosarajevski Ćevapi vom Vojvoda. Und, nimmt man die Kritiker von Nele Karajlić ernst, auch politisch nicht so ganz weit weg.

Ein Bild eines Menüs mit handschriftlicher Unterschrift von Nele Karajlić und einer persönlichen Botschaft auf Serbisch und Englisch sowie einer Speisebeschreibung.

Nele Karajlić war Gründungsmitglied der legendären Sarajevoer Band Zabranjeno pušenje. (Mehr über die Band lest ihr in dieser Geschichte.)

Im Krieg in den 1990-ern trennte sich die Band. Nele Karajlić ging nach Beograd und gründete das No Smoking Orchester, wo zeitweise auch Emir Kusturica spielte.

Seitdem gibt es einen erbitterten Streit zwischen Zabranjeno pušenje-Frontman Sejo Sexon und Nele Karajlić. Unter anderem geht es um die Rechte an den Songs der Band.

Und nicht nur Sejo wirft Karajlić vor, in serbisch-nationalistische Fahrwasser geraten zu sein und einschlägige Songs getextet und gesungen zu haben.

Für jeden Sarajlija ist das Testimonial von Nele Karajlić ein No Go. Höflich formuliert.

Es geht um den Film-Valter, nicht um den historischen

Auch nicht ganz unproblematisch ist die Deko der Kette.

Sie stellt auf den berühmten Film Valter brani Sarajevo von Hajrudin Krvavac ab. Mit dem historischen Partisanen Vladimir Valter Perić, dessen Namen die Kette nützt, hat die Deko wenig zu tun.

(Mehr über Valter und den berühmten Film könnt ihr hier lesen.)

Zu sehen sind Portraits des jugoslawischen Schauspielers Velimir “Bata” Živojinović. Er stellte Valter im Film dar.

Das kann man durchaus machen.

Valter ist längst zu einer kulturellen Ikone und Legende geworden. Der Film macht hier den entscheidenen Teil aus.

Ein Porträt des jugoslawischen Schauspielers Velimir “Bata” Živojinović in einem modernen Kunststil, eingerahmt in einem Restaurant mit einer Holzverkleidung und Sicht auf einen Glastresen.

Nur ist es halt ebenfalls politisch problematisch.

Živojinović war in den 1990-ern Abgeordneter der SPS im serbischen Parlament. Er trug die Kriegspolitik von Slobodan Milošević mit.

Er war einer von denen, die unterstützten, dass Rumpfjugoslawien und seine Teilrepublik Serbien die Armee der Republika Srpska mit Waffen, Munition, Geld und Freiwilligen versorgte, die Sarajevo 1.425 Tage lang belagerte.

Etwa 12.000 Menschen kamen bei der Belagerung ums Leben.

Auch in Sarajevo überstrahlt Živojinović‘ Valter seine spätere Rolle. Man kann seine Filmfotos und Promotionportraits durchaus zeigen, auch in Sarajevo.

Das ist wirklich das Geringste der Probleme.

Aber ist es ein weiterer Beleg, dass Walter Ćevapi ein eher lieb-, fantasie- und respektloser Versuch ist, Sarajevo und jugoslawische Popkultur kommerziell zu verwerten.

Fazit: Wenn ihr könnt, meidet die Kette.

Warum ich mir das angetan habe? Journalismus muss eben dorthin, wo es wehtut.

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