Halblustige Zugfahrten. Eine Skizze aus dem Königreich des Aleksandar

Die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Beograd und Budapest ist das prestigeträchtigste Infrastrukturprojekt Serbiens. In welch desaströsem Zustand das serbische Eisenbahnnetz abseits der Propaganda ist, erlebe ich auf mehreren Zugfahrten durch das Königreich des Aleksandar.

Schön renoviert ist er, der Bahnhof von Subotica. Instinktiv gehe ich mit meinem Koffer zum Haupteingang. Der ist gesperrt. Wie das ganze Bahnhofsgebäude aus kuk bzw. kk-Zeiten.

Ein Suboticer weist mich auf einen Metallcontainer gegenüber dem Ende des Bahnhofsgebäudes hin. Das ist der Fahrkartenschalter. Hinweisschilder, die den Nicht-Ortskundigen dort hin geführt hätten, gibt es nicht.

Alle zwei Stunden fährt ein Zug von hier nach Beograd. Es ist eine Schnellverbindung mit dem Soko, dem komfortablen und gehypten Schnellzug im Königreich des Aleksandar. Seit Ende März sollte es mit dem Zug über Budapest nach Wien gehen. Die Verbindung lässt auf sich warten. Balkan Stories berichtete.

Angeblich liegt es an den Ungarn, dass es die Schnellverbindung bis heute nicht gibt. Das ist nicht ganz unplausibel. Die korrupte FIDESZ-Regierung, die bis vor kurzem im Amt war, war ebenfalls nicht schlecht darin, Dinge in den Sand zu setzen.

Meine weiteren Erlebnisse lassen die Interpretation zu, dass der Fehler durchaus auch auf der serbischen Seite liegen könnte.

Eigentlich sollte hier stündlich ein Zug fahren. Die etwas langsameren Regionalzüge scheinen heute freilich ausgefallen zu sein.

Zum Soko gelangt man durch eine Unterführung zu den Gleisen. Die Aufzüge zu den Bahnsteigen funktionieren. Und sind sinnlos. Zur Unterführung selber kommt man nur über Treppen. Für Menschen im Rollstuhl eher ungeeignet.

Der Zug fährt pünktlich ab. Das ist schon einmal etwas im Königreich des Aleksandar. Es wird eines von drei positiven Erlebnissen auf meinen Bahnfahrten bleiben.

Wir dürfen die schöne Landschaft der Vojvodina bewundern

Die Freude währt eher kurz.

Nach ein paar Metern bleibt der Zug stehen. Unmittelbar vor dem Hauptgebäude des frisch renovierten und gesperrten Bahnhofs. Vielleicht will uns das Eisenbahnunternehmen Srbijavoz zeigen, wie schön es sein wird, wenn der Bahnhof einmal in Betrieb ist.

Wir rollen wieder an. Der Zug erreicht eine halbwegs hohe Geschwindigkeit. Und bleibt nach fünf Minuten auf offener Strecke stehen. Erklärung gibt es keine.

Die Landschaft ist schön. Da kann man gar nichts sagen.

Die schöne Landschaft der Vojvodina mit blauem Himmel.

Bis Bačka Topola bleiben wir ein weiteres Mal auf offener Strecke stehen. Jeweils einige Minuten lang. Wir kommen mit fast 30 Minuten Verspätung an. Laut Fahrplan hätte wir den ersten Zwischenhalt bis Novi Sad in 14 Minuten erreichen sollen.

Die Bahnhöfe und Haltestellen auf der Strecke sind allesamt frisch renoviert oder neu gebaut. Bei unserer bisherigen Reisegeschwindigkeit haben wir ausgiebig Zeit, sie zu bewundern.

Vor Vrbas Nova kommt ein weiterer Halt auf offener Strecke dazu. Wir haben mittlerweile deutlich über eine halbe Stunde Verspätung.

Erst zwischen Vrbas Nova und Petrovaradin zeigt der Soko einigermaßen, was er kann. Wir machen ein paar Minuten gut.

Als wir durch den gesperrten Bahnhof von Novi Sad fahren, beobachte ich meine Mitreisenden. Keiner zeigt eine Reaktion darauf, dass hier vor am 1. November 2024 das frisch renovierte Vordach des frisch renovierten Bahnhofs einstürzte und seine Trümmer 16 Menschen erschlugen.

Seitdem ist der Vorortebahnhof Petrovaradin der Verbindungspunkt von Serbiens zweitgrößter Stadt zum Bahnnetz im Königreich des Aleksandar. Er ist viel zu klein für diese Aufgabe.

Der Bahnhof von Petrovaradin bei Novi Sad

Unsere Verspätung hat sich auf 29 Minuten verringert. Laut Fahrplan hätte die Fahrt 45 Minuten dauern sollen.

Ein ehrlicher Taxifahrer

„Nicht mal Platz für einen Bus gibt es hier“, schimpft mein Taxifahrer. „Da kommen auf einmal hunderte Leute an, vor allem, wenn der Zug aus Beograd kommt. Schau dir die engen Straßen hier an. Da hast du jedes Mal einen Stau.“

Tausende Novi Sader sind täglich auf die Zugverbindung mit Beograd angewiesen. Für sie bedeutet das Provisorium Petrovaradin bis zu eine Stunde mehr Reisezeit pro Tag. Und bringt einige andere Unannehmlichkeiten mit sich.

Mein Taxifahrer versucht nicht, mich zu betrügen. Das ist das zwei positive Erlebnis in Verbindung mit meiner Bahnreise durch das Königreich des Aleksandar. In den größeren Städten Serbiens ist ein ehrlicher Taxler vor einem Bahnhof oder Busbahnhof die Ausnahme.

(Mehr über die Praktiken der Taximafia lest ihr hier.)

Diesmal bin ich das Risiko gewusst eingegangen. Es gibt irgendwo beim Bahnhof Petrovaradin eine Bushaltestelle. Ich habe nur keine Ahnung, wo die ist. Hinweisschilder gibt es hier nicht.

Ein Versprechen, das hält

Ein paar Tage später reise ich weiter. Diesmal nehme ich den Bus vom Stadtzentrum von Novi Sad aus. Die Fahrt ist überraschenderweise kostenlos – so wie von Srbijavoz versprochen. Im Köingreich des Aleksandar wird man ein wenig skeptisch, was solche Ankündigungen betrifft, und freut sich, wenn sie ausnahmsweise zutreffen.

Die Bushaltestelle ist gut 200 Meter vom Bahnhof entfernt. Weder hat sie ein Namensschild noch gibt es eine Durchsage im Bus.

Alle anderen Fahrgäste steigen aus. Ich nehme das als Hinweis, dass die etwas wissen, was ich nicht weiß, und gehe ihnen nach.

Es bleibt mir auch nichts übrig. Niemand hat hier Schilder aufgestellt, wo es zum Bahnhof geht. Seit mehr als eineinhalb Jahren geht das so.

Der Petrovaradiner Bahnhof hat einen einzigen Fahrkartenschalter. Das wäre schon zu wenig für die dutzenden Fahrgäste, die jeder Bus von Novi Sad hierher bringt, wenn alles funktionieren würde.

„Warum geht hier nichts weiter? Das ist doch ein Wahnsinn“, echauffiert sich eine Frau irgendwo vor mir in der Schlange.

Eine lange Schlange Fahrgäste vor dem Fahrkartenschalter des Bahnhofs Petrovaradin

Ein älterer Mann wartet seit fünf Minuten darauf, seine Fahrkarte zu kriegen. Er dreht sich um und sagt: „Die Kollegin am Schalter ist nicht schuld. Der Drucker funktioniert nicht.“

Glücklicherweise gibt es Fahrkartenautomaten. Und glücklicherweise hat der Zug von Subotica nach Beograd 15 Minuten Verspätung.

Passagiere auf einem Bahnsteig des Bahnhofs Petrovaradin bei Novi Sad warten auf den Zug.

Ich ergattere am Automaten eine Karte für den Zug um 13 Uhr 48 nach Beograd Centar. Es ist 11 Uhr 53. Für den Zug um 11:48, der wegen Verspätung erst um 12 Uhr 3 fährt, gibt es eigentlich keine Fahrkarten mehr. Mein drittes positives Erlebnis in Verbindung mit diesen Bahnreisen.

Passagiere steigen in eine Garnitur des Schnellzugs Soko in Novi Sad

Ich vertraue darauf, dass niemand so genau hinschauen wird.

Das passiert auch.

Der Mitreisende neben mir will die Fahrkarte im Zug kaufen.

„1200 Dinar“, sagt der Schaffner. Das sind ziemlich genau zehn Euro. Der reguläre Preis ist ungefähr 6 Euro 50.

„Ich kann nichts dafür. Der Drucker am Fahrkartenschalter ist kaputt. Ich konnte mir keine Karte kaufen.“

Ich bestätige das. Ebenso eine Frau hinter uns. Sie hat ebenfalls keine Karte.

„Was soll ich machen?“, sagt der Schaffner. „Wenn ich die Karte im Zug ausstelle, muss ich das leider verlangen. Ich würde ja gern, aber so ist es nun mal.“

Die Fahrt ist halbwegs problemlos.

Beograd Center bleibt Beograd Centar

Die Ankunft in Beograd Centar ist, wie eine Ankunft in Beograd Centar nun einmal ist. Mit zentral hat das nichts zu tun. Der Bahnhof liegt im Stadtteil Prokop.

Der alte Beograder Hauptbahnhof ist vor knapp zehn Jahren für das private Immobilienprojekt Beograd na Vodi/Belgrade Waterfront geopfert worden. Er war der zentrale Knotenpunkt des Eisenbahnnetzes im Königreich des Aleksandar.

Mehr über die Hintergründe lest ihr hier.

Und hier erfahrt ihr, wie die Beograder für den Verlust ihres Hauptbahnhofes entschädigt wurden.

Am Bahnhof Beograd Centar zeigt man sich optimistisch, dass es die versprochene Hochgeschwindigkeitsverbindung von Wien über Budapest geben wird. Am Bahnsteig sind Richtungspfeile aufgeklebt, wie Anreisende zur Passkontrolle gelangen.

Es wird hier wohl auch Schalter für die Grenzpolizei geben. Auch wenn die im Moment nicht gebraucht werden.

Das Chaos am Bahnhof Novi Beograd

Mali Zvornik ist das nächste Ziel meiner Bahnreise durch das Königreich des Aleksandar, nach gut einer Woche in Beograd.

Laut der an sich sehr zuverlässigen Seite polazak.rs fährt um 9 Uhr 50 ein Zug vom Bahnhof Novi Beograd in die serbische Kleinstadt an der bosnischen Grenze.

Aus verschiedenen Gründen ist das an diesem Tag für mich der praktischere Bahnhof.

Oder wäre.

Nach zehn Jahren intensiver Arbeit an der Hauptstrecke der serbischen Eisenbahn, der Strecke zwischen Beograd und Budapest, ist man offenbar draufgekommen, dass der zweitgrößte Bahnhof der serbischen Hauptstadt den Anforderungen nicht genügt.

Der Bahnhof Novi Beograd wird umgebaut wie verrückt.

Der gesamte Verkehr wird auf die Bahnsteige 1 und 5 umgeleitet. Die anderen Bahnsteige sind wegen Renovierung gesperrt.

Ein großes Hinweisschild weist auf diesen Umstand hin. Gleichwohl sind dort nur ein paar Strecken mit dem neuen Abfahrtsbahnsteig aufgeführt. Wenn dein Ziel nicht auf einer dieser Strecken liegt, Pech gehabt.

Es gibt niemanden, den man fragen könnte.

Fahrkarten- und Infoschalter sind wegen der Renovierung abgerissen worden und werden wohl hoffentlich irgendwann mal neu gebaut.

Zu den Bahnsteigen gibt es einen einzigen Aufgang. Selbstredend ohne Aufzug.

Wer kann schon damit rechnen, dass Reisende schweres Gepäck haben. Oder, dass Menschen mit Gehbehinderung mit dem Zug fahren wollen.

Die Infobildschirme heißen einen auch nur auf dem Bahnhof Novi Beograd willkommen. Das ist nett, hilft in der Situation freilich nur bedingt weiter.

Die Putzfrau auf Bahnsteig fünf sagt mir, dass mein Zug wahrscheinlich von Bahnsteig 1 fährt.

Mit dem Koffer quäle ich mich runter und wieder rauf.

Ein türkischer Tourist hält mich für einen Einheimischen

Auf Bahnsteig 1 hält mir ein türkischer Tourist sein Smartphone vor die Nase. Er hat seine Frage, wo hier der Bahnsteig für seine Verbindung ist, in die Sprache ohne Namen übersetzt.

Er ist wohl der Einzige auf diesem Bahnhof, der mich für einen Hiesigen hält.

Ich sage ihm auf Englisch, dass ich glaube, dass das eher Bahnsteig 5 ist, und dass er bitte wen fragen soll, der sich auskennt.

Er schaut mich verständnislos an, und hält mir neuerlich sein Smartphone vor die Nase. Dieses Ding ungbetenerweise so nahe vor mir zu haben, irritiert mich.

Er deutet mir, dass ich mich ganz nahe an das Mikrophon des Dings bewegen und meine Anwort dort hineinsprechen soll.

Ich versuche nochmal, ihm zu sagen, dass ich mich nicht auskenne hier.

Er probiert es noch einmal.

Diesmal sage ich ihm harsch, dass ich es nicht weiß. Er soll bitte wen fragen, der von hier ist.

Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, hält er das für unhöflich. Ich habe meine eigenen Probleme.

Mali Zvornik oder Zvornik?

Anhand der Fahrpläne versuche ich zu rekonstruieren, ob das wirklich der richtige Bahnsteig ist.

Und werde stutzig.

Der Fahrplan gibt Zvornik als Zielbahnhof an.

Der geborene Jugo und der gelernte Balkanese wissen, dass das nicht Mali Zvornik ist. Selbiges steht gar nicht auf dem Fahrplan.

Zvornik ist die deutlich größere Schwesterstadt von Mali Zvornik auf der anderen Seite der Drina. Auf der bosnischen Seite, um genau zu sein.

Für mich würde das im schlimmsten Fall bedeuten, dass ich über die Grenze muss, und unmittelbar darauf wieder über die Grenze, um zu meinem Hotel zu kommen.

Das wäre etwas mühsam.

Ich gehe auf die Webseite von Srbijavoz und suche händisch nach der Verbindung.

Mali Zvornik existiert dort nicht als Ziel. Zvornik schon.

Polazak.rs besteht darauf, dass der Zug nach Mali Zvornik geht.

Jebi ga, denk ich mir. Was jetzt?

Auf der Hotline von Srbijavoz lande ich in der Warteschleife.

Der Zug soll in ein paar Minuten fahren. Ich habe keine Ahnung, ob ich überhaupt am richtigen Bahnsteig auf den richtigen Zug warte. Ich habe keine Zeit, irgendwen zu finden, der das vielleicht wissen könnte.

Das ist mir zu viel Risiko.

Ich beschließe, mit dem Bus um 10 Uhr 45 zu fahren.

Der Busbahnhof ist gleich gegenüber. Wieder Schlepperei, aber was soll’s.

Erst in Mali Zvornik wird sich klären, was es mit dieser Zugverbindung auf sich hat.

Der Bahnhof von Mali Zvornik heißt Bahnhof Zvornik.

Der Bahnhof Zvornik in Mali Zvornik in Serbien

Warum sollte man auch einen Bahnhof nach dem Ort benennen, wo er liegt?

Irritationen fördern bekanntlich die Kreativität und verhindern Routine. Deconstruct reality, my friends.

Das Königreich des Aleksandar ist offenbar viel progressiver als man allgemein glaubt.

Ein Fahrplan für Züge mit Ankunfts- und Abfahrtszeiten, ausgestellt am Fenster. Die Zeiten für Intercity-Züge zwischen Novi Beograd, Ruma, Šabac und Loznica sind aufgeführt.
Am Bahnhof in Mali Zvornik gibt es täglich einen Zug von und nach Beograd.

Natürlich ist auch möglich, dass der Bahnhof seit jugoslawischen Zeiten so heißt, und der Bahnhof für Mali Zvornik und Zvornik war. Damals gab es bekanntermaßen keine Grenze.

In dem Fall könnte Srbijavoz seine Seite besser progammieren.

Wenn man dort aktuell nach einer Verbindung sucht, muss man die Namen beider Bahnhöfe kennen.

So muss man etwa wissen, dass Züge von und nach Novi Sad in Petrovaradin haltmachen, und nicht in Novi Sad.

Ähnlich ist es mit Mali Zvornik.

Besser programmierte Seiten wie der ÖBB lassen einen nach den Zielstädten suchen, und finden dann die nächstgelegenen Haltestellen oder Bahnhöfe.

Wäre einfach umzusetzen.

Eine verlassene Bahnstrecke mit einer gelben Bahnhofsgebäude und umliegender Landschaft.

Andererseits: Wozu davon ausgehen, dass ein staatliches Bahnunternehmen für seine Fahrgäste da ist, und nicht umgekehrt, oder um die Kulisse für prestigeträchtige wie korruptionsverdächtige Großprojekte für Funktionäre im Königreich des Aleksandar zu sein?

Das wäre geradezu revolutionär.

Hier lest ihr eine Reportage über den traurigen Zustand des Bahnverkehrs im gesamten ehemaligen Jugioslawien.

Dass es Bahnnetze gibt, die noch schlimmer funktionieren als das serbische, könnt ihr hier nachlesen.

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Ein Gedanke zu “Halblustige Zugfahrten. Eine Skizze aus dem Königreich des Aleksandar

  1. Jebi ga. 🤷🏻‍♀️ Laut einer Cousine ist auch das Bahnsystem in Kroatien in argem Zustand. Man solle mit Bussen reisen, das sei komfortabler und zuverlässiger.
    Ich würde gerne mit Bussen durch alle ehemaligen Teilrepubliken fahren, aber ich fühle mich inzwischen zu alt dafür. 🙍🏻‍♀️

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