Ich suche Ivo Andrić. Peter Handke verfolgt mich. Reportage einer Suche nach Literatur zwischen Kunst und Vereinnahmung und dem kulturellen Erbe Jugoslawiens.

„Warte, ich hab’s gleich. Das muss doch vor ein paar Monaten gewesen sein“.

Ratko blättert im Gästebuch des Muzej Ive Andrića in Beograd und findet, was er gesucht hat. Stolz zeigt er mir den Eintrag.

„Sredim se“ steht dort. In, etwas ungelenker, kyrillischer Schrift und klarer in lateinischer. Unterschrift: „Peter Handke“.

Peter Handke, scheint es, verfolgt mich.

Gestern abend war es Zufall. Ich hatte Nikola an seinem Arbeitsplatz besucht. Ein sehr netter junger Mann, mit dem ich in der Kafana SFRJ ins Plaudern gekommen war. Er ist Kellner im Restaurant Trpeza in der Narodnog Fronta im Stadtteil Mali Mokri Lug.

Zum Essen lese ich Handkes Reportage Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien als suhrkamp Taschenbuch. Auf Seite 101 lese ich den Satz: „Zu essen gab es unter anderem die Hühnersuppe, ein Spanferkel und den „serbischen Krautsalat“.

In dem Moment als ich mir eine Gabel des herrlichen Kupus in den Mund führe, eben jenes „serbischen“ Krautsalats, von dem Handke erzählt.

Die Gäste am Nebentisch schauen kurz rüber, als sie mich laut auflachen hören.

Heute vormittag stoße ich wieder auf ihn, in der ehemaligen Wohnung des bedeutendsten Schrifstellers Jugoslawiens, den Nationalisten zum Held des Serbentums umdeuten und andere zum Vordenker eines Völkermords machen wollen.

Peter Handke und Serbien, das ist Klischee. Ich mag keine Klischees. Nur solche, mit denen ich spielen kann.

Mit Peter Handke kannst du nicht spielen.

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Das Wohnhaus von Ivo Andrić, wo auch das Museum untergebracht ist. Die Straße ist heute nach ihm benannt.

Um Realität geht’s schon lange nicht mehr

Wenn es seine Haltung zu Serbien betrifft, kannst du ihn ernstnehmen oder verurteilen, allenfalls mit bedauerndem Unterton. Dazwischen gibt’s nicht viel.

Um Realitäten geht’s bei diesem Klischee schon lange nicht mehr.

Es geht um Kritik der Kritik der Kritik, Vereinnahmung, Naivität, Provokation, gewolltes Missverstehen, gewolltes Missverstandenwerden, um Vorurteile und große Gesten und um einen Schriftsteller, der sich in seiner Pariah-Rolle gefällt, seine Gegner, die seine umstrittenen Werke meist nicht gelesen haben und um viel Empörung in den Räumen zwischen Literatur und Politik, die die Frage aufwerfen, ob Literatur nicht immer politisch ist.

Bezeichnend ist, dass sich Handke und seine Kritiker häufig der gleichen Klischees über den Balkan bedienen, wenn sie ihre jeweiligen Standpunkte rechtfertigen und im Zweifelsfall beide auf sprachliche Genauigkeit pfeifen.

Bei Handkes ansonsten sehr empfehlenswerter Winterlicher Reise etwa ist es bei zwei, drei Formulierungen unklar, ob er serbisch-nationalistische Narrative paraphrasiert oder sie sich zueigen macht.

Bei einem Schriftsteller vom Format Handkes – sein Auftritt beim Begräbnis von Slobodan Milošević kostete ihm wahrscheinlich den Nobelpreis, für den er hoch gehandelt worden war – nachdenken zu müssen, ob das Geschriebene das Gemeinte ist, spricht auch Bände.

Hätte Handke doch geschwiegen wie Andrić. Der hat es stets abgelehnt, seine Werke öffentlich zu kommentieren. Die Leserinnen und Leser sollten seine Geschichten selbst deuten. Er wolle ihnen nicht dreinreden.

Die Begräbnis-Rede von Handke bringt mich gedanklich zu Ivo Andrić zurück.

„Ich habe ihn nicht gekannt“

Auf indirekte Weise hat die Sache mit Handke auch mit Museums-Kustos Ratko zu tun.

„Ich heiße Ratko Milošević“, hat sich mir der freundliche Mittfünziger mit Bart vorgestellt. Und ungefragt hinzugefügt: „Ja, wir sind verwandt, aber nur sehr entfernt. Und gekannt hab ich ihn nicht.“

Offenbar hat er öfter mit westlichen Touristen zu tun, die wenig Ahnung von Ex-Jugoslawien haben.

Mir wäre es nicht im Traum eingefallen, Ratko seines Nachnamens wegen zu fragen, ob er mit Slobodan Milošević verwandt ist.

Milošević ist in Serbien und Montenegro ein relativ häufiger Nachname.

Im Großteil Ex-Jugoslawiens sind Patronyme die gängige Form des Nachnamens, wenngleich nach Norden hin Berufs- und Herkunftsbezeichnungen häufiger werden.

Als seinerzeit die Nachnamen vergeben wurden, verwendete man häufig das vom Vornamen seines Vaters abgeleitete Patronym des Familienoberhaupts. Manche Clans mit längerer Tradition waren überhaupt schon unter einem Patronym etabliert, das sich von einem realen oder mystischen Vorfahren ableitete.

Dazu kommt, dass sich in Serbien, Montenegro und Bosnien Clan-Strukturen in einer wenngleich schwachen Ausprägung bis heute gehalten haben. Wer hier noch als Familie gilt, würde in Deutschland oder Österreich teilweise nicht mal mehr unter ferne Verwandtschaft fallen.

Deutlich wird das unter anderem in der „Slava“, dem Fest des Familienheiligen.

Dass Ratko als Verwandter des serbischen Autokraten gilt, sagt für sich nichts aus. Und selbst wenn er sein Bruder wäre, würde das nichts über ihn aussagen. Verwandte kann man sich nicht aussuchen.

Es ist ein ruhiger Tag im Museum

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Es geht heute ruhig zu im Muzej Ive Andrića. Für mich sichert das optimale Betreuung. Ratko hat Zeit für mich und heute sogar eine Assistentin. Ana Vranješ ist Volontärin bei den Beograder Stadtmuseen und für diesen Tag dem Andrić-Museum zugeteilt.

Für die junge Frau ein Einsatz, auf den sie sich gefreut hat. „Jelena, žena koje nema ist eines meiner Lieblingsbücher“, sagt sie.

Die 1962 erschienen Erzählung ist im Westen nahezu unbekannt. In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens ist sie so populär wie „Die Brücke über die Drina/Na Drini ćuprija. Es sind vor allem Frauen, die dieses Buch als ihr Lieblingswerk von Ivo Andrić bezeichnen. Eine der wenigen deutschsprachigen Auseinandersetzungen mit der Erzählung gibt es hier.

Ratko zeigt mir die dutzenden Übersetzungen von Andrićs Büchern, die Regale und Vitrinen im ehemaligen Wohnzimmer- und Schlafzimmer füllen, die später zum Ausstellungsraum umgebaut wurden.

Die erste Legende um Ivo A.

Auf der Rückseite kommen wir am Prunkstück an. „Das ist die Nobelpreisurkunde“, sagt Ratko stolz.

„Anders als die meisten Menschen glauben, hat er den nicht für Die Brücke über die Drina gekriegt“, sagt Ratko. „Das Komittee hat ihn ausdrücklich für sein Lebenswerk verliehen“.

Die Legende von der Auszeichnung für den großen Roman entstand schon in den 1960-ern, unmittelbar nach der Verleihung.

Sie hat einen politischen Hintergrund.

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„Der Roman wird von manchen als das große Werk gesehen, das dem serbischen Volk und seinem Leiden gewidmet ist“, erklärt mir eine Woche später Enes Škrgo. Er leitet das Museum im Ivo Andrić-Geburtshaus in Travnik in Bosnien.

Ausgangspunkt für die historisch sehr gewagte Interpretation von Ivo Andrić als serbisch-nationaler Schriftsteller oder wenigstens vom Muslime-Fresser Ivo Andrić.

Diese Interpretation soll den Nationalismus auf eine kulturelle Grundlage stellen.

Die umstrittene Dissertation

Der zweite Ausgangspunkt für diese Sichtweise hängt in einer Vitrine auf der Vorderseite des Austellungsraums.

Andrićs Dissertation auf der Uni Graz. Oder zumindest die Verleihungsurkunde für den Titel eines Doktors, wo auch die auf Deutsch erschienene Diss aufgeführt wird: „Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter türkischer Herrschaft“.

In ihr stellt der spätere Schriftsteller verkürzt gesagt die These auf, die osmanische Herrschaft sei negativ für die kulturelle Entwicklung der Gesellschaft gewesen und habe tiefe Wunden geschlagen. Sie habe zur „Verrohung der Sitten und zu einem Rückschritt in jeder Beziehung“ geführt, wie etwa Michael Martens in einer Rezension für die FAZ zitiert.

Der wissenschaftliche Wert der Arbeit ist gelinde gesagt überschaubar.

Damit vertritt Andrić in seiner Diss die These des bosnischen Partikularismus. Bosnien sei auf dem kulturellen Weg nach Europa gewesen. Die osmanische Herrschaft habe diesen Prozess unterbrochen, paraphrasiert der Schrifsteller Muharem Bazdulj mir gegenüber am Abend diese These. Er ist ausgewiesener Experte für den Nobelpreisträger.

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Der Schriftsteller Muharem Bazdulj

Wie Andrić stammt Muharem aus Travnik und lebt in Beograd. „Ich brauche eine Großstadt“, sagt er. Dass er Bosnjake ist, stört hier niemanden.

Die Geburt des Andrićismus

Als Reaktion auf die von der serbischen KP offenbar geduldeten nationalen Re-Interpretation in den 1960-ern etablierte sich zur gleichen Zeit eine bosnjakische Gegensichtweise auf Andrić, sagt Muharem.

Als der Krieg in Bosnien 1992 begann, fand sie schnell neue Anhänger. Ein neues Wort machte die Runde. Andrićismus.

„Damit beschreibt Rusmir Mahmutćehajić die angebliche Haltung von Andrić, der in seiner Sicht den Genozid ästhetisch vorbereitet hat“, beschreibt Muharem.

„In line with long-standing European practice, Andrić drew an image of the Bosnian Muslim as Turk and the Turk as Bosnian Muslim, converting the real content of Bosnian society into a plastic material for the ideologues of homogenous societies to use in modelling external and internal enemies that were essentially identical. This process required as its precondition the destruction of that enemy through a process described as the social and cultural liberation of the Christian subject. Over time, this exclusion took on forms now termed genocide. In creating this image, Andrić deployed narrative techniques whose function may fairly be characterized as the aesthetic dissimulation of our ethical responsibilities towards the other and the different. Such elements from his oeuvre have been used in the nationalist ideologies anti-Muslimism serves as a building block“, heißt es im Abstract von Mahmutćehajić’s Hauptwerk „Andrićism: An Aesthetics for Genocide„.

Als neutrale wissenschaftliche Aussage lässt sich das nicht beurteilen.

Mahmutćehajić ist Physiker und war in den 1990-ern Parteigänger des bosnjakisch-nationalistischen Präsidenten Alija Izetbegović. Seine Interpretation soll den bosnjakischen Nationalismus als Reaktion von Opfern rechtfertigen, als Notwehr.

„Auf der Philosophischen Fakultät in Sarajevo wurde diese Sichtweise damals heiß diskutiert. Es gab zwei fast gleich starke Lager“, erklärt mir Muharem. „Mittlerweile ist diese Sichtweise von Andrić allerdings nur mehr eine Minderheitenmeinung in Bosnien.“

Eine, die gleichwohl Eingang in zahlreiche Lesebücher für bosnjakische Schüler gefunden hat.

Für Muharem ist die Sichweise ohnehin genauso ahistorisch wie die serbisch-nationalistische Lesart: „Viele Kritiker haben Andrićs Dissertation gar nicht gelesen, werfen ihm aber seine Thesen vor, als habe er sie eins zu eins in die Literatur übertragen. Das hat er aber nicht.“

Die teils sehr kritischen Aussagen über die Geschichte der bosnischen Gesellschaft könne man auch nicht so einfach als Hass interpretieren: „Er war Bosnier durch und durch.“

Einer, der dafür auch ins Gefängnis ging. Er war Mitglied der Mlada Bosna und versuchte, zur Befreiung seiner Heimat von der k.u.k.-Herrschaft beizutragen.

Interessanterweise hinderte ihn das nicht, in den 1920-ern jugoslawischer Diplomat in Österreich zu sein.

Ein Personalausweis macht Geschichte

In einer Vitrine im Ausstellungdraum gibt es auch das dritte Dokument zu sehen, das die Dauer-Kontroverse um Andrić auslöst.

Es ist ein Personalausweis aus dem Jahr 1951. Aus einem einzigen Wort in diesem Dokument wurde eine bis heute andauernde Diskussion, wem der Schriftsteller gehöre. In die Spalte „Nationalität“ ließ er das Wort „serbisch“ eintragen.

Geboren wurde er in eine katholische Familie aus Višegrad.

Was dazu führt, dass auch Kroaten ihn für sich reklamieren.

„Die kroatisch-nationalistische Sichtweise stellt ihn aber als nicht so wichtig dar“, sagt Muharem. Dass sich Andrić als Serbe bezeichnet hat, ist für viele ein Verrat.

Das wiederum hält in Bosnien kroatische Autoren nicht davon ab, Andrićs Texte für Lesebücher ins Ijekavica-Idiom rückzuübertragen – ins Kroatische.

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Andrić schrieb die meisten seiner Texte auf Ekavica, im serbischen Idiom.

„Man kann nicht einfach die Sprache ändern, in denen ein Autor seine Texte geschrieben hat“, zeigt sich der Travniker Andrić-Experte Enes Škrgo empört über diese Vorgangsweise. Dass die meisten dieser Übertragungen auch noch fehlerhaft sind, kommt erschwerend hinzu.

Warum sich Andrić zum Serben deklariert hat, weiß niemand so recht.

Sicher ist nur, dass es der zweite große bosnische Schriftsteller seiner Zeit auch getan hat: Meša Selimović. Auch er, ein Freund Andrićs, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Beograd.

Die merkwürdige Rolle einer Stiftung

„Für die Zugehörigkeit zu einer Nationalliteratur ist es unerheblich, in was für einer Familie man geboren wurde, ob man katholisch, orthodox, muslimisch oder vielleicht nicht gläubig ist. Ivo Andrić ist ja nicht der Einzige, der in einer ethnisch-religiösen Umgebung aufwuchs, um sich dann später für etwas anderes zu entscheiden. In der Weltliteratur gibt es eine ganze Reihe von Schriftstellern, die in einem Volk geboren wurden und sich der Sprache eines anderen Volkes bedienten. Nehmen Sie nur Joseph Conrad, den großen britischen Schriftsteller, der seiner Geburt nach Pole ist. Der bedeutende amerikanische Dichter Charles Simic kam hier in der Nachbarschaft, 200 Meter entfernt, zur Welt, als Kind orthodoxer, serbischer Eltern. Er schreibt aber in englischer Sprache, er ist ein amerikanischer Dichter. Es wäre doch verrückt, zu behaupten, er sei ein serbischer Dichter. Wie kann er denn ein serbischer Dichter sein, wenn er auf Englisch schreibt? Man kann von seiner serbischen Herkunft sprechen, die ist allerdings für die Literatur unerheblich.“ So beurteilt der Beograder Schriftsteller Dragan Dragojlović die Frage in einem Interview für die Online-Zeitschrift novinki.

Dragojlović ist in der Causa kein neutraler Beobachter. Er leitet die Ivo Andrić-Stiftung, die die Rechte an den Werken des Nobelpreisträgers verwaltet.

Die Stiftung war in einen jahrelangen und für die Gegend typischen Rechtsstreit mit einer bosnisch-kroatischen Stiftung verwickelt. Die „Matica hrvatska“ wollte mehrere von Andrićs Werken als Teil eines Kanons kroatischer Literatur Bosniens veröffentlichen. Das verbat die Ivo Andrić-Stiftung. Der Matica hrvatska war das egal. Dragojlović  ließ klagen.

„Die Stiftung hat auch früher keine Genehmigungen für solche nationalen Zuordnungen erteilt“, erklärt er als eines der Motive.

Hier ist er möglicherweise unehrlich.

Die Ivo Andrić-Stiftung unterstützt das monumentale Kitsch-Projekt Andrićgrad des zum serbischen Nationalisten mutierten aus Bosnien stammenden Regisseurs Emir Kusturica.

Die Kunststadt auf einer Halbinsel in Višegrad stellt Andrić eindeutig in einen serbisch-nationalistischen Kontext. (Eine ausführliche Reportage aus Andrićgrad wird in den nächsten Wochen auf diesem Blog erscheinen.)

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Ein Wandgemälde in Andrićgrad: Emir Kusturica und der nationalistische Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, ziehen an einem Strang.

Dieses Projekt verstößt gegen alles, wofür Andrić stand.

Wie die Travniker Ivo Andrić austricksten

Zu Lebzeiten verwehrte er sich dagegen, dass auch nur Straßen nach ihm benannt würden.

Als die Travniker in seinem Geburtshaus ein Museum einrichten wollten, tricksten sie ihm die Zustimmung ab.

„Sie haben ihm gesagt, sie wollen eine Bibliothek nach ihm benennen“, erzählt mir Enes. Das ging noch. Hatte Andrić doch sein Nobelpreisgeld für den Ausbau bosnischer Bibliotheken gespendet.

„Und jetzt stell dir vor, hätte so jemand jemals seine Zustimmung erteilt, dass eine künstliche Stadt nach ihm benannt wird?“

Für ihn ist, genauso wie für Muharem, den Beograder Kustos Ratko und seine Assistentin Ana die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit Andrićs ohnehin irrelevant.

Der Mensch Ivo Andrić

„Er war jugoslawischer Schriftsteller“, sagt Ana mit Bestimmtheit, während mich Ratko weiter im Beograd Museum herumführt.

Die Wohnung ist für jugoslawische Verhältnisse der damaligen Zeit geräumig. Die Möbel von sichtbar guter Qualität und keine Massenware.

Die Bibliothek dem Umfang nach einem arbeitsamen Schriftsteller angemessen und mehrsprachig.

Von Luxus ist keine Spur. Den hätte sich Andrić locker leisten können. Nebst einer Villa in einem der vornehmeren Stadtteile.

Der einzige Gegenstand in der Wohnung, der Luxus nahekommt, ist ein Radiogerät von Philipps. Der Beschriftung nach zu urteilen für den deutschen Markt produziert.

„Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, wo er das herhatte“, sagt Ratko. „Wahrscheinlich hat er es auf einer seiner Reisen gekauft.“

Vielleicht war es auch ein Geschenk so wie der Fernseher im Arbeitszimmer. „Den hat er nie benutzt“, sagt Ratko.

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Keiner der Schreibtischsessel zeigt in die Richtung des Fernsehers. Beide stehen vor ihren jeweiligen Schreibtischen.

Einen benutzte der Schrifsteller tagsüber, um seine Korrespondenz zu beantworten, sagt mir Ratko. Am anderen schrieb er nächstens seine Werke.

Ratko öffnet die Kordel, die das Arbeitszimmer absperrt.

„Du darfst nicht hier rein. Ich schon“, sagt er mit einem schelmischen Lächeln. „Ich zeig dir was.“

Ratko geht zum Literaturschreibtisch und zieht in einem Bereich, der für mich von der Zimmerwand bedeckt ist, etwas hervor und hält es beinahe triumphierend in die Höhe.

Es ist eine Calimero-Plastikfigur.

„Das kennt fast keiner“, sagt Ratko und kichert. „Hat ihm gehört. Das ist mein Lieblingsstück hier“.

Auch Ana schaut ganz erstaunt.

Offen gestanden habe ich Ratko im Verdacht, Calimero auch Peter Handke gezeigt zu haben. Macht die Geste nicht weniger liebenswürdig.

Es sind solche kleinen Details, die den Schriftsteller plastisch machen.

Ratko und Ana rücken einen Tisch zurecht.

Ich fühle mich wie ein Ehrengast.

„Willst du nicht auch ein Foto von dir?“ fragt Ana. „Vielleicht am Wohnzimmertisch?“

Ana und Ratko rücken Tischchen und Sessel etwas näher zur Andrić-Büste. Die soll auch drauf sein.

„Machen wir nicht für jeden“, sagt Ratko.

Ich setze mich und mache ein paar Notizen. Ana macht ein Foto.

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Foto: (c) Ana Vranješ

Sie und Ratko wollen auf kein Erinnerungsfoto drauf.

Eine gute Stunde war ich hier. Und der einzige Besucher.

Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht ist das Interesse am Schriftsteller Ivo Andrić auch nicht so groß wie das Interesse an dem, was man aus ihm machen kann.

Zählt man die Interpretationen zusammen, ist es, als hätte er zweieinhalb Mal gelebt: Als jugoslawischer Künstler ersten Ranges, der er für jeden ernstzunehmenden Wissenschaftler und Literaturliebhaber ist, als Vordenker des serbischen Nationalismus, als den ihn serbische und bosnjakische Nationalisten in seltener Einigkeit sehen. Und als zweitrangiger kroatischer Autor, über den man halt auch reden muss.

Für den Menschen und den Schriftsteller Ivo Andrić scheint außerhalb dieser Wohnung und seines Geburtshauses in Travnik kein Platz mehr zu sein.

Mehr über meine Recherchen zur Rezeption Ivo Andrić gibt es in diesen Reportagen nachzulesen:

Der Bildhauer von Travnik

Wo imaginierte Geschichte Zukunft verspricht

Geschichte erfinden mit der Jungen Welt

Am Institut für Slawistik an der Uni Graz beschäftigt sich die Andrić-Initiative wissenschaftlich mit dem Werk und Rezeption des Schriftstellers.

Eines der Ergebnisse soll der Dokumentarfilm „From Ashes to Words“ werden. Für seine Fertigstellung fehlt bislang das Geld.