Das kleine linke deutsche Blatt „Junge Welt“ hat mit einer Reportage über Andrićgrad ein Lehrbeispiel für nationalistischen Revisionismus  veröffentlicht. Den Text kann man so nicht stehen lassen.

Es hätte eine großartige Reportage werden können. Gerd Schumann, Autor für die „Junge Welt“ erzählt anschaulich eines der symbolhaften Ereignisse, die 1991 den Krieg in Bosnien gleichsam ankündigten.

Muslimische Extremisten/Bosnjakische Nationalisten zertrümmern das Denkmal von Ivo Andrić vor der Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke in Višegrad.

Ein Jahr später steht die ehemalige jugoslawische Teilrepublik nach ihrer Unabhängigkeitserklärung in Flammen.

Und Schumann schildert, dass bosnjakische Nationalisten Ivo Andrić nach wie vor als ihren Feind interpretieren, als antimuslimischen Hetzer.

Das alles muss gesagt werden, wenn man sich der Rezeption des Schriftstellers als Symbol für die nationalistischen Narrative annähern will, die nach wie vor das Land spalten und unregierbar machen. Was auch gesagt werden muss ist, dass diese Sichtweise auf das Werk Andrićs ahistorisch ist, falsch, selektiv, verfälschend, böswillig. Das deutet die Reportage zumindest an.

Nur: Schumann vergisst bequemerweise zu erwähnen, dass auch serbische Nationalisten ihre eigene – genauso ahistorische – Interpretation von Ivo Andrić haben.

Sie sehen ihn als einen der ihren, als den großen serbischen Schriftsteller, der die Leiden des serbischen Volkes – und nur des serbischen Volkes – vor die Augen der Welt getragen habe.

Wenn ein Autor nicht sehen will

Das zu erzählen würde auch die These der Reportage konterkarieren: Dass Andrićgrad eine „Erinnerung an eine ferne Zeit jenseits des Hasses“ sei. Die natürlich, so der Autor, mit Nationalismus nicht das Geringste zu tun habe. Das haben sich nur die bösen westlichen Medien ausgedacht.

»Mlada Bosna« heißt eine der Straßen, Die Darstellung von Gavrilo Pincip und seiner Mitstreiter schmückt als Wandgemälde das Multiplexkino »Dolly Bell«.

Gerd Schumann im Artikel

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„Ich kann darauf Muhamed Mehmedbašić, das bosnjakische Mitglied der Mlada Bosna nicht erkennen“, hat mir Enes Škrgo, Leiter des Museums Rodna kuća Ive Andrića in Travnik während eines Interviews erzählt, in dem es genau um die nationalistischen Re-Interpretationen von Ivo Andrić ging.

Was weitaus wichtiger ist: Der Bildtext ist auf Kyrillisch. Eine Schrift, die Andrić nur selten verwendet hat, auch wenn der Großteil seines Werks im serbischen Idiom verfasst ist.

Die Botschaft ist klar: Hier geht es nicht um Bosnien. In diesem Bild geht es einzig und allein um die serbische Geschichte und es soll vor allem serbisches Publikum angesprochen werden.

Das Straßenschild der Ulica Mlada Bosne ist selbstredend auch auf Kyrillisch – wie auch die Beschriftung am Sockel der Andrić-Statue. Das ist zumindest kein Verweis auf eine Zeit jenseits des Hasses.

Das alles wären vielleicht kleine Details, die Menschen übersehen können, die nicht mit den einschlägigen nationalistischen Codes vertraut sind.

Nur, man fragt sich, wie Schumann dieses Bild übersehen konnte. Es ist gleich neben der Darstellung der Widerstandsgruppe Mlada Bosna über dem Kinoeingang.

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Milorad Dodik und Emir Kusturica ziehen in einer idyllischen Landschaft buchstäblich an einem Strang.

Dodik ist der nationalistische Präsident der Republika Srpska, in dem Višegrad und Andrićgrad liegen. Kusturica ist der berühmte Regisseur, der Andrićgrad erdacht hat.

Geht’s noch nationalistischer?

Ist es Naivität oder Absicht?

Übersehen kann das nur, wer von Bosnien keine Ahnung hat. Schumann fällt eher nicht in diese Kategorie.

Herzallerliebst diese Passage aus der Reportage.

Keinesfalls an die Wall Street verkauft werden soll, geht es nach Belgrad, das Kosovo – vielleicht ließ Kusturica deswegen die serbisch-orthodoxe Kirche »Fürst Lazar«, Name des serbischen Heerführers in der Schlacht gegen die Osmanen auf dem Amselfeld (Kosovo polje) 1389, am äußersten Zipfel der Andricgrad-Landzunge bauen. Offenbar soll sie eine Art Demonstration für die Zugehörigkeit des Kosovo zu Serbien sein. Das brachte Kusturica erneut den Vorwurf des Nationalismus ein. Warum es keine Moschee gebe, wurde gefragt. Er antwortete wütend: »Kusturica baut eine Stadt, gleich heißt es: ›Wo ist die Moschee?‹ Warum fragen sie nicht: ›Wo ist die katholische Kirche?‹ Es gab hier nie eine. Solches Gerede macht doch alles kaputt.« Tatsächlich kann ein falsches Gotteshaus am falschen Ort, oder eines oder zwei zuwenig, in Hochzeiten von Kreuz- und anderen Vernichtungszügen bestehende Konflikte schüren und beste Absichten zunichte machen.

Kusturica hätte ganz einfach auch gar keine Kirche hinstellen können. Niemand hätte sie vermisst. Außer, nun ja, serbische Nationalisten eben.

Tatsächlich ist es diese Kirche, die Andrićgrad und Andrić endgültig in einen serbisch-nationalistischen Narrativ einbindet.

Die Gleichsetzung von Religion und Nation, das ist in Ex-Jugoslawien die nationalistische Chiffre schlechthin. Die religiösen Zugehörigkeiten sind in Bosnien auch das einzige, was Serben, Kroaten und Bosnjaken voneinander abgrenzt.

Ist Schumann so naiv oder steckt Absicht dahinter?

Dass im ganzen Komplex keine Tito-Referenz zu sehen ist (wohl aber eine sehr eigenwille an Vladimir Putin), erklärt der Text damit, dass Kusturica vermutlich nur die Welt von Andrićs Hauptroman Die Brücke über die Drina/Na Drini ćuprija historisch stimmig wiedergeben wollte.

Nur, was macht dann die Flagge der Republika Srpska am Gelände? An einem Gebäude, das so gar nicht in die Zeit des Romans passen will?

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Die Sache mit Kusturica

Es ist auch bemerkenswert, wie schnell Kusturica vom Nationalismusvorwurf freigesprochen wird. Der Regisseur sagt einfach, er sei keiner. Das wird dann schon so stimmen. Oder so.

Da fragt sich der kritische Leser: Wie kann man jemanden als Nicht-Nationalisten bezeichnen, der vor laufender Kamera die „tri prsta“ bei Demonstrationen zeigt – die drei ausgestreckten Finger, die der Gruß serbischer Nationalisten sind? Wie, bitte, soll das funktionieren?

Das sind nicht die einzigen problematischen Aspekte der Reportage.

Vor lauter Schilderung der nationalistischen bosnjakischen Lügen gegen Andrić, die sich übrigens auch in bosnjakischen Schulbüchern finden, wie mir Enes erzählt, vergisst der Autor zu erwähnen, dass die Zerstörung des Denkmals nicht das einzige Verbrechen in dieser Stadt war.

Ein vergessenes Massaker

Serbische Milizen massakrierten die bosnjakischen Einwohner Višegrads und warfen sie in die Drina. Die, die nicht rechzeitig geflohen waren, um genau zu sein.

Bei Schumann liest sich das so.

Die Denkmalschleifer besetzten die Staumauer des Drina-Kraftwerks vor der Stadt, drohten mit deren Sprengung, und der daraufhin einsetzenden ersten Massenflucht folgte bald eine zweite: Serbische Freischärler hatten das Regiment übernommen, nachdem zunächst die jugoslawische Volksarmee für eine relativ ruhige Zwischenphase gesorgt hatte.

Für einen deutschen Journalisten wäre es wahrlich nicht schwierig, herauszufinden, was im Krieg in der Stadt passierte.

Peter Handke erwähnt das Massaker in seinem Reisebericht Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien – in Form einer Anspielung, die das Grauen umso plastischer macht.

Der deutsche Autor Saša Stanišić beschreibt es in seinem Buch Wie der Soldat das Grammophon reparierte. Er wurde in Višegrad geboren und flüchtete als Jugendlicher nach Deutschland.

Vielleicht hätte Schumann auch auffallen können, dass die Stadt heute fast rein serbisch ist. Vor dem Krieg hatte sie eine bosnjakische Bevölkerungsmehrheit.

Lieber behauptet er, die Nicht-Bosnjaken in Sarajevo würden „meist unter sich bleiben“. Auch wenn die Stadt nicht mehr so multiethnisch ist wie früher, diese Aussage ist derart übertrieben, dass sie nicht mal mehr als Halbwahrheit durchgehen kann.

Diese Reportage bedient serbisch-nationalistische Narrative, dass man es kaum glauben kann.

Hier wird’s wirklich grausig

Grausig wird es am Ende.

Der kürzlich vollzogene Quasifreispruch von Milosevic durch das – ansonsten beinhart parteiische, NATO-gestützte – Haager Jugoslawien-Tribunal erfolgte versteckt in der Urteilsbegründung gegen den früheren Präsidenten der Republika Srpska Radovan Karadzic im März 2016. Er wurde öffentlich nicht weiter gewürdigt. Ein Freispruch für den im Westen als »Schlächter vom Balkan« verunglimpften Staatsmann – und niemand bemerkt es. Milosevic selbst, gestorben, weil ihm die Behandlung seines allseits bekannten Herzleidens per Gerichtsbeschluss verweigert wurde, half seine Rehabilitation sowieso nicht mehr.

Den mit dem ja so ungeheuer schwerwiegenden Vorwurf der Teilnahme an einer Beerdigung belasteten Peter Handke wird, so wie es aussieht, wohl erst die Geschichte freisprechen. Wie auch Emir Kusturica.

Das ist widerwärtigster Revisionismus in Reinform.

Das Urteil gegen Radovan ‪Karadžić ist mitnichten eine Generalabsolution für Slobodan Milošević.

Es besagt nur, dass Karadžić Kriegsverbrechen begehen ließ, gegen die sich Milošević ausdrücklich ausgesprochen hatte. Einige dieser Verbrechen war Milošević selbst angeklagt gewesen.

Für diese – und nur für diese – trägt er nach Ansicht des ICTY keine Verantwortung. Das exkulpiert ihn keineswegs von den anderen Anklagepunkten.

Dass Milošević einige Massaker vielleicht sogar verhindern wollte, heißt nicht, dass er nicht für frühere verantwortlich war. Zumal er bekanntermaßen über den von seinen Vertrauensleuten gesteuerten Geheimdienst viele, wenn nicht sogar alle, serbischen Freiwilligenmilizen kontrollieren ließ. Das schildert unter anderem der Wiener Autor Bogumil Balkansky in seinem jüngst erschienen Buch Asphalt Hyänen.

Milošević war einer der drei Hauptverantwortlichen für den Ausbruch des Kriegs in Jugoslawien und für die Kriegsverbrechen, die dort begangen wurden. Die anderen, Alija Izetbegović und Franjo Tudjman, starben, bevor Anklage gegen sie erhoben wurde.

Dass das ICTY bei diesen drei Hauptschuldigen nicht schneller gearbeitet hat, ist die Schande des Tribunals.

Nur, um aus dem Karadžić-Urteil einen Freispruch für Milošević zu machen, bedarf es eines beträchtlichen Maßes an Ignoranz oder ideologischer Verblendetheit.

Warum man gegen solche Texte auftreten muss

Aber letztlich ist es egal, ob Revisionismus aus Blödheit geschieht oder mit Absicht. Er ist Gift für die Region, in der die Nationalisten jeder Ethnie immer nur das eigene Opfertum sehen und sich nie der eigenen Verantwortung stellen.

Wer beitragen will, dass nicht wie vor allem in Österreich und Deutschland die Serben als die Alleinschuldigen gelten und der serbische Nationalismus als der allein schuldige gesehen wird, während die anderen Nationalismen schlicht geleugnet werden, wer helfen will, dass der Jugoslawienkrieg aufgearbeitet wird und die Verantwortlichen klar benannt werden, wer also mithelfen will, den Nationalismen den Boden zu entziehen, muss solche Reportagen wie in der Jungen Welt mit aller Vehemenz zurückweisen. Solche Texte halten nur die Flammen des Hasses am Leben.

Wer wissen will, wie es in Višegrad wirklich zugeht, kann hier meine Reportage lesen.