Mit ConVAKATary KONAK legt das internationale Wiener Künstlerkollektiv God’s Entertainment eine dichte Performance vor, die sich an Ivo Andrićs Roman  Travnička Hronika (Wesire und Konsuln) anlehnt. Die Schau spielt mit Klischees und Projektionen, die die Frage aufwerfen, wie gültig Identitäten sind. Und lässt erfahren: Zenica ist überall.

Die Besucher stolpern beinahe durch die Performance. Nichts ist erwartbar, nichts vorhersehbar.

Statt in einen der Aufführungssäle des Wiener WUK wird das Publikum in einen Shuttlebus gelotst. Er bringt die gut 50 Gäste in ein Eck, das man durchaus als Balkan bezeichnen kann.

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(c) Ulli Koch/WUK

In einer ehemaligen Werkshalle steht ein bosnisches Dorf als Kulisse, das auch mit seinen Theatermaterialen um vieles lebensechter wirkt als Andrićgrad.

Kirchenglocke trifft auf Muezzin, Flaggen werden ausgetauscht. In einem boshaften Insiderwitz wird Peter Handke im Nationaltheater aufgeführt. Sevdah und Turbofolk dudeln aus den Lautsprechern.

An der Bar gibt’s hervorragenden bosnischen Šlivovic und Drina zum bosnischen Kaffee.

Auf dem Kühlschrank steht ein alter Fernseher und spielt alte jugoslawische TV-Serien und Musikvideos.

In einer Nische steht ein Autokino mit Lizenz zum Knutschen. Daneben gibt’s abgestandene Ideologien zu kaufen.

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(c) Ulli Koch/WUK

Die Künstlerinnen und Künstler von God’s Entertainment lassen ungefiltert sämtliche Balkan-Klischees aufeinanderprallen, die man in die ehemalige Fabrikshalle packen kann.

Und stellen nebenbei den idealen deutschen Körper vor und erklären, wie „neue Rechte“ doch nützliche Rollen in der Gesellschaft spielen können.

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Selbst scheuen sie keine Härten. Stehen stundenlang in Goldfarbe auf Podesten. Geben praktisch nackt Gesangsdarbietungen in denkbar ungeeigneten Körperhaltungen. Schlüpfen von Kostüm in Kostüm.

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Die menschliche Fußmatte. (c) Ulli Koch/WUK

Welten prallen aufeinander

Es ist eine dichte, fast gespenstische Atmosphäre, die God’s Entertainment an Ivo Andrićs Roman Travnička Hronika (Wesire und Konsuln) anlehnt.

Die Handlung spielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Travnik ist Sitz der osmanischen Verwaltung in Bosnien.

Der Konsul von Österreich-Ungarn und der aus Frankreich wollen hier ihren Sitz errichten.

Das bringt einige Veränderungen ins Rollen. Nicht nur angenehme.

Lange sträuben sich die Verantwortlichen dagegen. Und resignieren mit dem Argument, man könne einen Fluss aufstauen, aber er werde nie den Lauf ändern und aufwärts fließen.

Aber: Es ist auch nie derselbe Fluss.

Welten und Projektionen prallen aufeinander. So wie heute abend.

Drei Monate lang hat God’s Entertainment an der Performance gearbeitet, erzählt mir Boris vom Künstlerkollektiv.

Er stammt selbst aus Travnik, der Geburtsstadt von Ivo Andrić.

„Natürlich, wenn man die vorhergehenden Recherchen zählt, hat es um einiges länger gedauert. Wir mussten das Buch ja genau studieren.“

Prominenter Besuch

Auch in Travnik hat sich das Kollektiv umgesehen. Und bei Enes Škrgo recherchiert, Leiter des Museums Rodna kuća Ive Andrića.

Er ist einer der führenden Experten für Ivo Andrić und extra für die Performance aus Travnik angereist.

Die 12 Stunden im Bus war es wert, sagt er. „Ja, es hat mir gefallen. In Bosnien sehen wir diese Art von Kunst leider nicht.“

Wenngleich die Performance kein Euphoriegefühl ausgelöst hat: „Das Gefühl, mit dem ich rausgegangen bin, war vor allem Traurigkeit.“

So lose der heutige Abend auch auf dem Buch basieren mag, ist das genau das Gefühl, das auch der Roman transportiert.

Hier traurig und nachdenklich rauszugehen, war im Sinne von God’s Entertainment – die zahlreichen humoristischen Einlagen verhindern nur, dass der Besucher völlig depressiv wird.

In der Wucht zerbröseln die Klischees

Es ist eine harte Vorstellung. Die Klischees prallen mit einer Wucht aufeinander, die sie zerbröseln lässt.

Und den Besucher sich fragen, inwiefern er selbst Klischees anhängt und welchen.

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(c) Ulli Koch/WUK

Man bewegt sich im Zwischenraum und verliert sich.

Selin, eine türkische Studentin, hat sich die Performance für ihre Bachelorarbeit angesehen. Sie zeigt sich vor allem von den Ritualen fasziniert, die hier zitiert werden.

Zeit, sich zu überlegen, was ConVAKATary KONAK mit ihr angestellt hat, hat sie bislang nicht gehabt. Dazu war das professionelle Interesse zu groß.

„Ich werde aber wahrscheinlich für die Samstagsaufführung zwei Freundinnen von mir mitnehmen. Ich bin gespannt, was das mit ihnen macht.“

Identitäten aufbrechen

Mit den Klischees werden auch Identitäten dekonstruiert und ins Lächerliche gezogen. Nicht nur balkanische.

Hier wird die Performance politisch – eine Spezialität von God’s Entertainment.

„Wir sagen den Zuschauern nicht, was sie denken sollen. Aber wir wollen, dass sie die Performance sehen und nachdenken“, sagt Boris vom Kollektiv.

Für ihn steht ConVAKATary KONAK auch in einem engen Konnex zu den politischen Entwicklungen in Europa. Zum Rechtsruck und zur Konstruktion und Verfestigung nationaler Identitäten.

Damit habe man gerade in Bosnien schlechte Erfahrungen gemacht. Die Performance kann einen Beitrag leisten, das aufzubrechen.

Überrascht hat Boris, dass der Bezugsrahmen der Performance hierzulande eher unbekannt ist. Die Erfahrung hat God’s Entertainment auch bei Aufführungen in Hamburg gemacht.

„Die Menschen können hier mit Ivo Andrić wenig anfangen. Ich hätte das anders erwartet. Immerhin gibt es in Deutschland und hier einen starken Bezug zum Balkan, zuerst durch die Gastarbeiter und danach durch die Kriegsflüchtlinge.“

So werden heute abend einige Zuschauer gelernt haben, wer Ivo Andrić war.

Zenica ist überall

Balkankennern winkt eine andere wertvolle Lektion.

Als ich gehe, fragt mich Maja, eines der Mitglieder von God’s Entertainment: „Du bist doch der gute Freund von Majda?“

Gemeint ist Majda Turkić.

Wie das Leben so spielt, kommen die zwei auch aus der gleichen Heimatgemeinde.

So lerne ich: Zenica ist überall.

ConVAKATary KONAK ist noch am 20. und am 21. April zu sehen. Treffpunkt ist um 19:30 vor dem WUK.

Titelbild: (c) Ulli Koch/WUK