Eineinhalb Jahre nach der Katastrophe vor dem Bahnhof tun sich die Einwohner von Novi Sad schwer, mit den 16 Toten vom 1. November 2024 umzugehen. Sie schwanken zwischen offener Trauer und manchmal Wut, Resignation und Abgestumpftheit.
Stumm schaut der hagere Mann um die 50 vom Grünstreifen vor dem Bahnhof auf den Bahnhofsvorplatz mit seinen 16 roten Herzen.
Er schluckt. Tränen schütteln seinen Körper.
Ich stehe ihm gegenüber und frage ihn mit Gesten, ob ich ihn fotografieren darf.
So öffentlich der Platz ist, so privat sind seine Gefühle, so tief sind sie. Ich will nicht stören.
Er schüttelt den Kopf.
Ich nicke, als Zeichen, dass ich ihn verstanden habe und gehe zu ihm, lege meine Hand auf seine Schulter.
Für diesen Moment bin ich nicht Reporter. Ich bin Mitmensch.
Ein Mitmensch, dem die 16 Herzen vom Bahnhofsvorplatz von Novi Sad genauso die Tränen in die Augen treiben.
16 Herzen für 16 Menschen. 16 Menschen, die die Trümmer des einstürzenden Bahnhofsvordachs am 1. November 2024 erschlugen.
An diesem späten Vormittag sind wir zwei die Einzigen, die ihrer Trauer Ausdruck verleihen.
Ein Zettel mit einem Gedicht hängt an einer nahegelegenen Bushaltestelle und verbleicht langsam.

Die meisten Menschen gehen mittlerweile achtlos an dem Denk- und Mahnmal für die 16 Toten von Novi Sad vorbei. Nur wenige drehen wenigstens den Kopf. Sehr vereinzelt bekreuzigen sich Menschen im Vorbeigehen.

Vor einem Jahr war das noch etwas anders.
Die meisten haben nicht mehr die Kraft, jeden Tag um die 16 Toten zu trauern
Das heißt nicht, dass die Novi Sader ihre 16 Toten vergessen hätten. Nur, eineinhalb Jahre sind seit der Katastrophe vergangen. Vielen ist in dieser langen Zeit die Kraft ausgegangen, der 16 Opfer des Unglücks zu gedenken, jeden Tag um sie zu trauern.
Nach wie vor liegen neben den Denkmälern Spielzeuge und Blumen. Manche sind verwelkt. Andere wirken frischer.
Für Gedenkkerzen hat man eigens einen Blechbehälter aufgestellt, wie er in orthodoxen Kirchen üblich ist. Die Kerzen scheinen einigermaßen regelmäßig erneuert zu werden.

Angst und Wut
Was geblieben ist, das sind die Wut und die Angst.
„Ich hab kein Auto, und bin auf die Bahn angewiesen“, sagt ein Freund von mir. „Früher habe ich Bahnfahrten genossen. Seit dem 1. November habe ich nach wie vor jedes Mal Angst, wenn ich mit dem Zug nach Beograd fahre“, schildert er.
Nicht weniger wird die Angst, wenn er bedenkt, dass es noch viel mehr Tote hätten sein können. „An dem Tag ist ein voller Bus der städtischen Verkehrsbetriebe eine Minute vor Fahrplan von der Haltestelle abgefahren. Das war um 11 Uhr 51“.
Das Vordach stürzte um 11 Uhr 52 ein.
Was bleibt ist auch die Wut, dass bis heute keine der Verantwortlichen für die Katastrophe auch nur einen Tag als Angeklagter in einem Gerichtssaal verbracht hat. Keiner der Bauunternehmer, keiner der Bautechniker, keiner der Bauinspektoren, keiner der Politiker, die die Bauaufträge für die Renovierung des Gebäudes vergeben hatten.
So wie mittlerweile die Wut, dass der Bahnhof bis heute gesperrt ist. Warum, weiß niemand.

Man sieht keine Bauarbeiter, die Serbiens zweitwichtigsten Bahnhof instandsetzen würden. Auch keine Bauingenieure oder Architekten, die das Gebäude untersuchen würden. Untersuchen, welche statischen Fehler das Vordach am 1. November einstürzen ließen. Oder Untersuchen, ob das Gebäude sicher ist.
Als ob die Katastrophe ein Unglücksfall gewesen wäre, den man schulterzuckend hinnehmen müsste, und die keine schwerwiegenden Konsequenzen hätte. Wie etwa die Tatsache, dass Serbiens zweitgrößte Stadt nur mehr mit einem unzureichenden Provinzbahnhof an das Bahnnetz des Landes angebunden ist.
(Mehr siehe in dieser Reportage.)
Korruption und Inkompetenz erschlugen diese 16 Menschen
Als ob das Regime unbedingt bestätigen wollte, was jeder weiß, der wissen will: Dass Korruption und Inkompetenz das Vordach einstürzen ließen, das 16 Menschen erschlug.
Der Bahnhof von Novi Sad war frisch renoviert worden, Vordach inklusive. Zweimal war er in den Monaten vor der Tragödie neu eröffnet worden. Für sicher erklärt, in Betrieb genommen, ohne, dass eine Betriebsgenehmigung vorgelegen hätte.
Die Bauarbeiten unter einem Generalunternehmer aus China wurden zu einem erheblichen Teil von lokalen Firmen übernommen. Viele dieser Firmen haben eine Nähe zu Serbiens Regierungspartei SNS.
Dass der Bahnhof bis heute gesperrt ist, bis heute nicht repariert und abgenommen, ist kein Zeichen überbordender Kompetenz von Serbiens Regime.
Ebensowenig, dass es bis heute kein Gegenmittel zur Protestbewegung gefunden hat, die nach der Katastrophe von Novi Sad das politische und öffentliche Leben Serbiens dominiert. Angeführt von den Studenten des Landes fordert sie, dass die Korruption im Land bekämpft wird, Behörden ihre Arbeit machen, demokratische Zustände herrschen – und mittlerweile, dass bald neu gewählt wird.
Die jüngsten Versuche das SNS, wieder im öffentlichen Raum präsent zu sein, ihn von der Protestbewegung zurückzuerobern, wirken so brutal wie hilflos. (Siehe diese Reportage.)

Trauer ist auch heute natürlich und angemessen
Der hagere Mann nickt leise, als ich ihm die Hand auf die Schulter lege.
Trösten kann und will ich ihn nicht. Auch nicht ihn beschwichtigen. Nur zeigen, dass er nicht alleine ist. Dass er sich seiner Tränen nicht zu schämen braucht.
16 Menschen sind am 1. November hier erschlagen worden von den Trümmern eines frisch renovierten Vordachs eines frisch renovierten Bahnhofs.

Ihrer zu gedenken, um sie zu trauern, ist auch eineinhalb Jahre später natürlich und angemessen. Ob er ein Verwandter eines der Toten ist, ein Freund, oder ein anständiger Mensch.
Der Trauernde von Novi Sad sieht mich kurz an und nickt. Er blickt stumm mit nassen Augen auf die 16 Herzen für die 16 Toten.
Ihre Namen sind: Sara, Valentina, Đorđe, Milica, Nemanja, Anđela, Miloš, Stefan, Sanja, Goranka, Vukašin, Mileva, Đuro, Vasko, Anja und Vukašin.
Sara wurde nur sechs Jahre alt.
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