Eine Art journalistischer Notwehr

Balkan Stories feiert dieser Tage seinen neunten Geburtstag. Begonnen hat die journalistische und manchmal literarische Reise eigentlich als eine Art journalistische Notwehraktion. Dank eurer Unterstützung ist daraus der größte deutschsprachige Balkan-Blog geworden.

Bloggen aus reiner Notwehr. Vielleicht ist das etwas überspitzt, aber das war die Motivation, Balkan Stories zu gründen.

Niemand interessierte sich für eine Reportage über das bosnische Nationalmuseum, das nach drei Jahren Zwangssperre aus Geldmangel seine bejubelte Wiedereröffnung feierte. Für eine Analyse bosnischer und balkanischer Dysfunktionalitäten ist in westlichen Medien kein Platz. „Dann mach ich das doch selber“, entschied ich damals. Dieser Artikel war das Ergebnis.

Dieser Nische bin ich treu geblieben, und sie erhält Balkan Stories am Leben. Erzählen, was ist. Und erzählen, wofür es in etablierteren Medien keinen Platz gibt, oder jedenfalls zu wenig.

Manchmal macht das einen Unterschied.

Diese Gastreportage von Dirk Planert aus dem Flüchtlinsglager Vučjak auf einer ehemaligen Mülldeponie bei Bihać in Nordbosnien war der Anfang einer ganzen Reihe von Artikeln und einer Videoreportage über die Zustände im Lager – kein anderes deutschsprachiges Medium berichtete so konsequent wie Balkan Stories.

Diese Berichterstattung war ein kleiner Beitrag für den internationalen Druck, unter dem das Lager Ende 2019 geschlossen wurde.

Einen Unterschied machte Balkan Stories auch in anderer Angelegenheit, die zu Unrecht als Nische gesehen wird. Der Duden verharmloste jahrzehntelang den Begriff Ustaša in seinem Fremdwörterbuch. Durch Umwege erfuhr ich von der Sache und berichtete.

Unter öffentlichem Druck änderte der Verlag seine schlicht und ergreifend fachlich falsche und verharmlosende Definition.

Hier findet ihr, was sonst keinen Platz hat

Auf Balkan Stories haben auch immer die Geschichten Platz gefunden, für die es in größeren internationalen Medien meist keinen Platz gibt.

Etwa über die unterträgliche Situation der bosnischen Nationalbibliothek. Sie ist Opfer der gleichen Daytonschen Dysfunktionalität wie das Nationalmuseum. Mit dem entscheidenen Unterschied, dass die Stadtverwaltung von Sarajevo von der Situation profitiert.

Ähnlich geht es dem Historischen Museum von Bosnien und Hercegovina. Seine Direktorin Elma Hašimbegović weigert sich, die Situation so hinzunehmen, wie sie ist. Mit ihrem Engagement und der Hilfe ihrer Mitarbeiter hat sie trotz chronischem Geldmangel das Museum nicht nur nur aufrechterhalten sondern zu einer der wichtigsten Einrichtungen seiner Art in der Region gemacht.

Eine neue Reportage von mir über das Museum und Elmas beispiellosen Einsatz wird es in den kommenden Wochen im neuen Sarajevoer Gegenkulturmagazin Punkura* geben. Ich werde sie hier online stellen.

Glücklicherweise sind es nicht nur die balkanischen Widrigkeiten, mit denen sich Balkan Stories beschäftigt.

Viel mehr Raum gab und gibt es für den Einsatz der Menschen, ihr Leben oder das Leben in ihrer jeweiligen Gesellschaft ein bisschen besser zu machen.

Etwa diese Geschichte über eine verdiente Auszeichnung der Organisation Europa Nostra für die Mitarbeiter des Zemaljski Muzej in Sarajevo.

Oder die mittlerweile regelmäßige Berichterstattung über das größte Comic-Festival im ehemaligen Jugoslawien. Das Hercegnovski Strip Festival in Herceg Novi in Montenegro wird von einer Handvoll Freiwilliger ermöglicht, und ist zur wichtigsten Vernetzungsplattform von Comic- und Visual Novel-Künstlern in der Region geworden.

Oder diese Reportage über den Buchhändler Florim Beqiri aus Prishtina. Damals kämpfte er gegen Pläne der Stadtverwaltung, ihn und die anderen Straßenbuchhändler der Stadt in kostenpflichtige Kioske zu zwingen. Und er hatte einen Traum.

Im September habe ich Florim erneut getroffen. Wie er sich gegen die Stadtverwaltung von Prishtina durchgesetzt hat, und ob er seinen Traum erfüllt hat, lest ihr bald hier.

Oder diese kleine Reportage, wie Ana Suljić mit ihrem kleinen Geschäft im Diokletian-Palast in Split gegen den nationalistischen Revisionismus in ihrer Heimat kämpft – und auch sonst einiges Gutes tut.

Oder wie Ivana Marković, die Bürgermeisterin von Supetar, das Bleiburg-Kommittee in die Schranken wies.

Oder wie die Grobari von Banja Koviljača eine Party zum serbischen Cup-Finale schmeißen und nebenbei ein wunderbares Pilzgericht aus dem Hut zaubern. Auch das ein kleiner alltäglicher Beitrag, die Welt ein wenig besser zu machen. Außer vielleicht für Crvena Zvezda-Fans. Aber man kann nicht alles haben.

Oder die enorme Solidarität der Menschen in Bosnien mit den Opfern des Erdbebens in Syrien und der Türkei. Zum Symbol dieser überwältigenden Hilfsbereitschaft wurde die Mindestpensionistin Milka Grebenar. In Bosnien nennt man sie nur mehr Oma Milka. Hier könnt ihr mein Portrait dieser beeindruckenden Frau lesen.

Das sind Geschichten, die ihr so in keinem anderen deutsch- (und manchmal englisch-)sprachigen Medium lesen könnt.

Wo es Jugoslawien noch gibt. Und wo die kleinste Buchhandlung der Welt ist.

Ebensowenig findet ihr in Medien außerhalb der Region Reportagen über den wahrscheinlich einzigen Menschen im ehemaligen Jugoslawien, der sich nicht vor Promaja fürchtet.

Oder erfahrt, wer der größte Fan von Bijelo Dugme in Albanien ist – ohne die Sprache von Jugoslawiens größter Band zu verstehen.

Und wisst ihr, wo die kleinste Buchhandlung der Welt ist?

Nein?

Eben.

Balkan Stories lesen, zahlt sich aus. Hier erfahrt ihr, wo sie ist.

Foto: Feđa Kiselički

Wahrscheinlich würdet ihr auch nicht wissen, dass Jugoslawien noch existiert, und wer sein neuester Bürger ist. Mehr erfahrt ihr in dieser Reportage, die in Zusammenarbeit mit Balkan Stories-Kooperationspartner KOSMO entstanden ist.

Hierzulande auch eher unbekannt ist, was Langzeit-Machthaber Nikola Gruevski der Innenstadt von Skopje angetan hat – und was das mit Anjezë Gonxhe Bojaxhiu zu tun hat, die allgemein unter ihrem Künstlernamen Mutter Teresa bekannt ist.

Etwas Aufmerksamkeit auch in der Region hat ein Nebenprodukt von Balkan Stories erhalten. Im Mai habe ich in Sarajevo meine erste Fotoausstellung eröffnet. Alle Fotos von Lice Bosne sind für diesen Blog entstanden.

Diese und viele andere Geschichten der vergangenen neun Jahre würdet ihr so allenfalls in Medien für die Dijaspora lesen – und viele nicht einmal dort.

Balkan Stories schafft Kontext

Für einen Blick auf den Alltag in den Gesellschaften der Nachfolgestaaten Jugoslawiens fehlt in anderen Medien meist der Platz.

Das ist verständlich. Es sind Nischenthemen.

Andererseits braucht es nicht nur aus meiner Sicht einen genauen Blick, um die Ereignisse in der Region einordnen zu können, für die in den großen deutschsprachigen Medien Platz ist.

Sonst bleibt man als Leser ungeachtet der großartigen Arbeit einiger Korrespondentinnen und Korrespondenten wie Adelheid Wölfl vom Standard in Klischee und Stereotyp stecken.

Das haben sich die Menschen aus der und in der Region nicht verdient.

So bleibt auch nach neun Jahren Balkan Stories ein Akt journalistischer Notwehr.

Wie ihr Balkan Stories unterstützen könnt

Das alles kann ich auf Dauer nicht alleine stemmen.

Die Rahmenbedingungen für Blogs wie Balkan Stories sind in den vergangenen Monaten schwieriger geworden.

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So funktionieren die Götter des Algorithmus nun mal.

Bislang habe ich Balkan Stories fast ausschließlich aus eigener Tasche finanziert. Das waren in den vergangenen neun Jahren etliche tausend Euro.

Deshalb habe ich auf Buy Me A Coffee eine Seite eingerichtet, auf der ihr das schnell und ohne großen Aufwand tun könnt.

Ihr könnt sowohl einmal spenden oder ab einem Euro im Monat regelmäßig meine Arbeit unterstützen.

Wenn ihr mich unterstützen wollt, würd ich das sehr begrüßen.

Ganz herzlichen Dank an Dagmar Schulz und Kramar, meine bisher größten Unterstützer.

Ihr helft mit, dass Balkan Stories auch in den nächsten Jahren journalistische Notwehr betreiben kann.


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