Sie ist die wahrscheinlich kleinste Buchhandlung der Welt – die Mimoza im Zentrum von Herceg Novi. Das Kleinod im mehrfachen Wortsinn lebt vor allem vom Engagement des öffentlichkeitsscheuen Künstlers Radivoje Medenica. Balkan Stories hat er einen – kurzen – Einblick in sein Reich gewährt.

„Ich arbeite gerade. Komm in einer halben Stunde wieder.“

Der ältere Mann mit Haarkranz um die Glatze kramt geschäftig in Sackerln am Boden der Buchhandlung Mimoza herum.

Er wirkt etwas angespannt.

„Hast du in einer halben Stunde überhaupt noch offen?“

„Ja, ja, komm dann noch mal wieder“, sagt er, ohne aufzublicken.

So unberechtigt ist die Frage nicht.

Seit einer halben Stunde sollte die Ein-Zimmer-Buchhandlung Mimoza auf der Stepenište Kralja Tvrtka schon geschlossen sein.

Öffnungszeiten als unverbindliche Empfehlung

Zum Ausgleich hatte sie heute den ganzen Tag geschlossen.

Obwohl die Geschäftszeiten etwas Anderes erwarten ließen. Und mir der Besitzer gestern abend beim Zusperren gesagt hatte, ich möge doch heute Nachmittag wiederkommen.

Dreimal war ich am Nachmittag da, dreimal war zu.

Jetzt komme ich nur vorbei, weil die Mimoza halt auf dem Weg zum ersten Bier des Abends liegt.

Bei jedem anderen Geschäft hätte ich mir längst gedacht: Habt mich doch gern.

Nur, erstens mag ich Buchgeschäfte.

Zweitens wurde mir schon gestern abend klar, dass das die wahrscheinlich kleinste Buchhandlung der Welt ist.

Drittens mag ich seltsame Käuze.

Ein Buchhändler, der aufsperrt, wenn ihm gerade danach ist, fällt sicher unter diese Kategorie.

Eine Stadt der Seele

„3,8 Quadratmeter ist die Buchhandlung groß“, sagt mir der Besitzer, als ich zurückkomme.

Steht auch auf den Kühlschrankmagneten und den Ansichtskarten, die er auf der Innenseite der nunmehr aufgeschlagenen Tür zum Kauf anbietet.

„Ich hab die selber entworfen“, sagt der Buchhändler. „Ich bin eigentlich Grafiker und habe in Sarajevo studiert.“

Er stellt sich mir als Radivoje Medenica vor, Künstlername Medeni, Spitzname Rade.

„Ach, Sarajevo. Das ist eine Stadt für die Seele“, seufzt er.

Die liebevoll gestalteten Mitbringsel kosten das Gleiche wie der billige Touristenkitsch aus Massenfertigung an der Riviera von Herceg Novi.

Fotografieren darf ich sie nicht.

Rade wacht eifersüchtig über seine künstlerische Arbeit.

„Wir sind das wahrscheinlich kleinste Buchgeschäft der Welt“, meint er. „Zumindest steht es so im Guiness-Buch“.

Hunderte Titel

Bis knapp unter die Decke ist der Laden angeräumt mit Büchern.

Frei ist nur das untere Drittel, wegen akuter Reparaturarbeiten, sagt Rade.

„Bitte nicht fotografieren“.

Und, wenn geht, überhaupt nur ein Foto machen.

Anders als die Artikel für Touristen beim Eingang sind das hier vor allem Bücher für Einheimische.

Geschichte, klassische Literatur, ein wenig Religion und Esoterik.

Es müssen hunderte Titel sein.

Eigener Verlag

„Ein bisschen, was gerade aktuell ist, und ein bisschen, was ich für interessant halte“, meint Rade.

„Wir haben aber auch ein paar Bücher aus unserem eigenen Verlag. Die kriegst du nur in der Buchhandlung Mimoza in Sarajevo“.

Das ist etwa eine Sagensammlung der Balkanvölker (auch verfügbar auf Englisch) und eine kurze Geschichte der Stadt Herceg Novi (auch auf Englisch verfügbar.)

Die Sagensammlung enthält außerdem eine lokale Sage über die Schaffung der Mimose, der Blume, der unter anderem diese Buchhandlung den Namen zu verdanken hat.

Im Deutschen ist die Blume eher negativ konnotiert, sie wird häufig als Synonym für besondere Empfindsamkeit verwendet.

In der Sprache ohne Namen ist die Bedeutung eher positiv.

Vor allem in Herceg Novi.

Dort ist die Mimose sozusagen die Stadtblume.

„Wir haben im Februar auch ein Faschingsfestival, das nach der Mimose benannt ist“, erklärt mir Rade.

Die ewigen Freiheitskämpfer

„Und wenn du etwas über unser Selbstverständnis wissen willst, empfehl ich dir dieses Buch“, sagt Rade und hält mir eine neue Übersetzung von Henrik Angells „The Sons of The Black Mountains“ hin.

Der norwegische Marineoffizier hatte vor mehr 100 Jahren Montenegro erkundet und die Bewohner als ewige Freiheitskämpfer beschrieben.

Das Buch entstand auch unter dem Eindruck des norwegischen Unabhängigkeitskampfs gegen Schweden.

Heute gehört es zum nationalen Narrativ Montenegros.

„The Sons of the Black Mountains“ ist nicht vom Mimoza-Verlag herausgegeben wurden, an dem etliche Künstler der Stadt mitarbeiten, sondern von der montenegrinischen Zweigstelle des International Press Institute.

Die Saison ist zu Ende

Eine US-amerikanische Touristin sieht sich die Kühlschrankmagneten an.

„Die sind eine Spezialanfertigung“, sagt ihr Rade.

Für das Innere interessiert sie sich auch nicht, als Rade sie aufklärt, dass das der wahrscheinlich kleinste Buchladen der Welt sei.

 Sie zieht weiter, ohne etwas gekauft zu haben.

„Ja, die Saison ist zu Ende“, sagt Rade. „Darum mach ich auch nicht mehr so oft auf. Eigentlich nur mehr, wenn ich Zeit habe.“

Außerhalb der Saison wirft das Geschäft nicht genug ab, um davon leben zu können.

Rade arbeitet nebenher oder hauptberuflich, je nach Ansicht, weiter als Grafiker und im Verlag.

„Keine Ahnung, ob ich Zeit habe“

Wenn Leute aus Herceg Novi etwas aus der Mimoza brauchen, rufen sie ihn an.

Da kann es passieren, dass Touristen vor verschlossenen Türen stehen. Rade scheint das eher locker wegzustecken.

Ob das zufällige Besucher auch so sehen, bleibt dahingestellt.

Aber noch ist die Mimoza ja auch keine offiziell angepriesene Touristenattraktion. Auch wenn es sie schon an die 20 Jahre gibt.

Berichte im Internet etwa sind rar.

Vielleicht ein Zeichen, dass selbst in der Touristenstadt Herceg Novi der Fremdenverkehr ausbaufähig wäre.

So gut wie in jugoslawischen Zeiten geht es der Stadt in der Hinsicht jedenfalls noch nicht.

„So, und jetzt muss ich noch ein wenig aufräumen und zusperren“, sagt Rade.

Ob er morgen auch aufmachen wird?

„Ich hab am Nachmittag was zu tun. Keine Ahnung, ob ich später Zeit habe.“