Vor wenigen Tagen hat mich ein serbischer Nationalist bei meiner journalistischen Arbeit für einen Spion gehalten, verfolgt und bedroht. Es ist nicht das erste Mal, dass ich für einen Spion gehalten werden. Das ist eine sehr balkanische Art der Paranoia.
Ich fotografiere einen Hauseingang auf der Ottakringer Straße in Wien. Ein Bekannter wird auf mich aufmerksam. Nach einer kurzen Unterhaltung, bei der er mir nachruft „Geh zu deinen jüdischen Freunden“, verfolgt er mich und bedroht mich. Er will wissen, für welchen Geheimdienst ich arbeite, warnt mich, ich würde mit meinem Leben spielen, bietet mir Zusammenarbeit an.
Das habe ich vergangenen Samstag erlebt. Die Details könnt ihr hier nachlesen.
Der Spion – die spezifisch balkanische Paranoia
Das war die unangenehmste Szene, bei der ich bei meiner journalistischen Arbeit für einen Spion gehalten wurde. Die einzige war sie nicht. Und noch nicht mal auf meine journalistische Arbeit für Balkan Stories ist diese spezifisch balkanische Paranoia beschränkt.
Wie Anfang Mai in Beograd. Ich sitze alleine an einem Tisch in einem Restaurant. Eine Gruppe netter Leute zwischen Mitte 40 und Mitte 50 lädt mich ein, bei ihnen zu sitzen. Wir plaudern sehr nett. Auch aktuelle Angelegenheiten in Serbien sind Teil des Gesprächs.
Einen der Männer am Tisch nennen wir Gogi. Er ist der freundlichste und wärmste von allen. Irgendwann merkt er an, dass er jemanden kenne, der für die CIA arbeite. Einen Slowenen. Er kenne sich aus. Es ist eindeutig, dass er mich für den Mitarbeiter eines westlichen Geheimdienstes hält. Freundlich versucht er mir herauszulocken, wer es sei. Oder wenigstens zuzugeben, dass ich Spion sei.
Gogi meint es nicht böse. Ich habe nicht das Gefühl, dass er mir eine Falle stellen will. Wenngleich es durchaus eine Warnung sein könnte. Gogi macht irgendwas leitendes Technisches für eine westliche Firma. Die hat unter anderem große Aufträge beim serbischen Innenministerium.
Auch mein lieber Freund Sanjo in Sarajevo war lange nicht sicher, ob ich nicht vielleicht doch irgendeine Art von Spion sei. Mittlerweile ist es zum Running Gag zwischen uns geworden. Wie mit ein paar anderen Bekannten.
Fast auf jeder meiner Balkanreisen fragt mich jemand, ob ich nicht vielleicht doch Spion sei. Manchmal halb scherzhaft. Manchmal im Ernst.
Slovenski špijun
Es passiert häufiger in Serbien. Es sind häufiger Nationalisten, die mich das fragen. Aber im Wesentlichen ist es nicht auf einen Staat beschränkt, nicht auf eine bestimmte politische Einstellung und im Allgemeinen auch nicht auf Bildung.
Dragan* von vergangenem Samstag mag ein Mensch mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten und eingeschränkter formaler Bildung sein. Das sorgt für viel Pech beim Denken.
Gogi hat ein technisches Studium abgeschlossen, ist intelligent, hat internationale Erfahrung und kein Nationalist.
Trotzdem lag für beide der Gedanke nahe: „Der Typ interessiert sich für uns, spricht unsere Sprache einigermaßen, ist halbwegs informiert. Muss ein Spion sein, sonst gibt’s nichts“.
Das läuft so ähnlich und instinktiv ab wie in mir einen Slowenen zu sehen: „Er spricht unsere Sprache halbwegs, hat Probleme mit der Grammatik. Er hat einen Akzent und ist blond. Muss ein Slowene sein, sonst gibt’s nicht“.
Macht mich sozusagen zum slowenischen Spion.
Was ein Journalist macht. Und was ein Spion macht.
Dass jeder halbwegs informierte und interessierte Ausländer ein Spion ist, das scheint die jugoslawische oder ex-jugoslawische Paranoia schlechthin zu sein.
Das erfuhr auch ein Bekannter. Er ist Sozialwissenschaftler. In mehreren Balkanstaaten führte er ein Forschungsprojekt mit Menschen durch, die im Krieg waren. In Serbien bekam er mit, dass die BIA ihm erhöhte Aufmerksamkeit widmete. Das ist der serbische Geheimdienst.
In seinem Fall hat das aus Sicht eines Geheimdienstes eine Restrationalität. Der Bekannte ist US-Amerikaner und war vor seiner akademischen Karriere in einem Zweig der US-Streitkräfte. Geheimdienste sind von Natur aus paranoid. Dass man sich am Anfang vergewissert, dass das Forschungsprojekt kein Schleier für Aufklärungsarbeit ist, wäre vielleicht nachvollziehbar.
Die erhöhte Aufmerksamkeit, die er bekam, war nur mehr irrational.
Bei mir war es nie rational, einen Spion zu sehen. Ich besuche ein Land. Wenn mich etwas interessiert, fotografiere ich es für meinen Blog, oder recherchiere bei Leuten. Manchmal recherchiere ich gezielt vor einer Reise eine Geschichte, für die ich Interviews mache.
Nach geheimen Informationen suche ich gar nicht erst. Das überlasse ich örtlichen Investigativjournalisten. Die können das besser. Die werden auch bezahlt für diese Arbeit. Sie verdienen den allerhöchsten Respekt.
Was ich mache, könnt ihr hier lesen. Manchmal mit viel Verspätung. Manchmal sofort. Je nach Dringlichkeit, meiner Zeit, Lust und Laune. Aber das ist eine andere Geschichte.
Der Punkt ist: Die Ergebnisse meiner Arbeit sind öffentlich zugänglich. Das ist das Wesen von Journalismus.
Ein Spion macht eines von zwei Dingen: Er sammelt mehr oder weniger geheime Informationen und bereitet sie für seine Auftraggeber auf. Oder er agitiert im Interesse seines Auftraggebers.
Zum Agitieren braucht mich keiner.
Unruhe in Serbien stiften, das schaffen die vor allem in den vergangenen zwei Jahren ganz toll alleine. Etwa, wenn frisch renovierte Vordächer frisch renovierter Bahnhöfe einstürzen, 16 Leute erschlagen, und sie vertuschen wollen, dass das Vordach renoviert wurde.
Eine Serie von Demos in Bosnien anzuzetteln, kriegen die auch ganz alleine hin. Wenn altersschwache Straßenbahngarnituren in Sarajevo entgleisen, einen Kunststudenten töten und einer Schülerin beide Beine abfahren etwa. Wenn in Donja Jablanica bei einem Starkregen eine Schuttlawine aus einem illegal betriebenen Steinbruch überm Dorf niedergeht und fast 20 Leute umbringt, zum Beispiel. Oder wenn ein junger Mann in Banja Luka ermordet wird, und die Polizei jahrelang zumindest schwerste Ermittlungsfehler vertuschen will, und sein Mörder nach acht Jahren immer noch frei herumläuft.
Diese Informationen sind auch allen öffentlich zugänglich. Ich mag einer der wenigen sein, der im deutschen Sprachraum über diese Dinge schreibt. Aber lesen kann man das alles in jeder halbwegs seriösen Tageszeitung in der Region.
Wer mich für einen Spion hält, hat keine Ahnung, was Journalisten tun. Hat keine Ahnung, was Spione tun.
Komplexe Lage schafft Putativ-Spione
Trotzdem kann es nicht nur allgemeine Verblödung unabhängig von formaler Bildung sein, die mich zum chronischen Putativ-Spion macht.
Da kommt vieles zusammen. Schiefe Selbstbilder. Völlige politische Resignation. Zerrbilder des so genannten Westens. Reale Erfahrungen, wie Leute aus reicheren Weltgegenden mit Menschen in und aus Ex-Jugoslawien umgehen.
Politisch interessiert sind im ehemaligen Jugoslawien die allerwenigsten Menschen. Sie sind auch nicht mehr politisch informiert.
Die erleben seit 35 Jahren, dass sie Regierung um Regierung belügt, Regierung um Regierung sich bereichert, Regierung um Regierung ihre Versprechen nicht einlöst, Regierung um Regierung die reichen Landsleute sich illegal immer weiter bereichern lässt, Regierung um Regierung das Gesetz nur für die gelten lässt, die es sich nicht anders leisten können.
Od Vardara pa do Triglava. Vom Vardar bis zum Triglav.
Mit den eigenen Landsleuten über politische Fragen zu sprechen, ist so verpönt wie ungewöhnlich.
Ein Pauschalbefund. Er trifft nicht auf alle zu. Aber auf viele. Vielleicht sogar die meisten.
„Der Westen“ hat seit dem blutigen Zerfall Jugoslawiens auch nur bedingt Segensreiches in der Region geleistet. Jeder Machthaber, der „Stabilität“ versprach, wurde beim Machterhalt unterstützt, so lange es ging. Die EU gibt bei den diversen Stadien der Beitrittsverhandlungen ein paar Brosamen. Beschert EU-Konzernen Milliardengewinne mit der Marktöffnung, die sie in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens erzwingt.
Die Erfahrung, dass über Generationen die eigenen Leute „im Westen“ Baustellenarbeiter, Putzfrauen oder Kellnerinnen werden durften, vielleicht in der Fabrik den Rücken krumm machen, egal, was sie studiert hatten.
Pseudokritische Unken rufen, das sei halt im Wesen des Balkanesen, unabänderlich sozusagen. Man sei halt eine Agglomeration tribalistischer Halbwilder, im besten Fall dazu gemacht von ausländischen Einmischungen, im schlimmsten dazu bestimmt, einander in regelmäßigen Abständen abzuschlachten, und meistens beides.
Was wunder, dass sich die Mehrheit der Menschen hier als Ohnmächtige erlebt, sich selbst als minderwertig, man sich in gewisser Weise hasst?
Das Problem mit dem Journalismus in Ex-Jugoslawien
Fast so sehr wie der Politik misstraut man in der Region Medien und Journalisten.
Die werden für genauso korrupt gehalten wie die Politik.
Der Befund ist zumindest teilweise richtig. In den meisten Nachfolgestaaten Jugoslawiens haben die größten Medien eine auffällige Nähe zur jeweiligen Regierung, zu bestimmten politischen Parteien oder Großkonzernen.
Unabhängigen Journalismus gibt es hier noch weniger als im so genannten Westen.
In Serbien steht mittlerweile jedes größere Medium im Einfluss des Regimes oder gehört einem Konzern mit Nähe zum Regime.
Kritischen Journalismus gibt es fast nur mehr in kleinen Medien. Deren Mitarbeiter beuten sich selbst aus. Für ordentliche journalistische Arbeit gibt es auch in den Medien kaum Geld, die aus früheren Zeiten einen Ruf als Qualitätsmedien haben.
Von Journalisten erwarten Menschen, dass sie gekauft seien und nur schreiben, was ihnen „die da oben“ sagen. Das sehen auch die Menschen so, die regierungsnahe Boulevarmedien konsumieren, und ihnen fast alles glauben.
Was ein Journalist so tut, und was die Aufgabe von Medien in einer demokratischen Gesellschaft ist, kümmert die breite Masse kaum. Jedenfalls tut es das noch weniger als im so genannten Westen.
Journalist, Propagandist, Spion, für viele Menschen am Balkan besteht da wenig Unterschied.
Das tut den Kolleginnen und Kollegen Unrecht, die ihren Beruf Tag um Tag mit bestem Wissen und Gewissen machen. Das sind mehr als man unter diesen Bedingungen glauben möchte. Siehe etwa diese Beispiele. Oder siehe den Balkan Stories-Kooperationspartner Lupiga. Aber so ein Feindbild kriegst du schwer aus den Köpfen.
Wenn Leute mit einem derart zynischen Weltbild auf einen Ausländer treffen, der sich aufrichtig für sie interessiert, der nicht auf sie herabsieht, der halbwegs informiert ist, wie sie leben, und das aus einer kritischen, aber liebevollen Distanz sieht, überfordert sie das oft.
Es ist ihnen unvorstellbar, dass jemand ihr Land, ihre Gesellschaft und Kultur nicht als abstoßend und minderwertig empfindet, nicht als koloniales Ausbeutungsprojekt, sondern als interessant, liebenswert vielleicht, der Respekt empfindet.
Das kennen sie nicht. So sehen sie sich nicht. So viel Selbstliebe und Optimismus können sie nicht mehr aufbringen.
So ein Ausländer, der muss eine versteckte Absicht verfolgen. Irgendwas Finsteres. Irgendeine Verschwörung vorantreiben. Muss in Jemandes Sold stehen. Kurz: Muss ein Spion sein.
Das ist so niederschmetternd, irrational und ärgerlich wie es verständlich ist.
Meine Art, am und vor dem Balkan zu resignieren
Ich habe mich irgendwie daran gewöhnt, dass mich viele Menschen am Balkan für einen Spion halten. Ich nehme es als unveränderlich hin. Meine Art, am und vor dem Balkan zu resignieren, vielleicht. Sarkastisch gesprochen wäre ich dann der Spion, der euch liebt.
Nein, das war kein Stellengesuch.
Ich bin Journalist, und werde es bleiben. Und sollen mich noch tausend Leute für einen Spion halten, ich werde auf diesem Blog Alltagsreportagen und Hintergrundgeschichten und manchmal Kurioses vom und aus dem Balkan bringen, die man sonst nur selten oder gar nicht auf Deutsch liest.
Und Leuten eine Stimme geben, die sonst gar nicht gehört werden.
Wäre schon, wenn ihr mit dabei bleibt.
Titelfoto: (c) Almir Panjeta
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
