Ein Museum, dessen Fassade zerfällt. Ein Staat, dem das weitgehend egal ist. Eine Direktion, die versucht, die Einrichtung zusammenzuhalten. Und aus dem Historischen Museum Bosniens das Beste herauszuholen. Reportage.

Es gibt Dinge, von denen Elma Hasimbegović lieber redet als über Geld.

Das fehlt an allen Enden und Ecken.

„Wir bräuchten 400.000 Mark im Jahr, um die laufenden Kosten zu decken“, sagt die Direktorin des Historischen Museums von Bosnien und Herzegovina.

Das sind 200.000 Euro.

200.000 Euro für eine der zentralen wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen des Landes.

Auch im öffentlichen Dienst sind die Gehälter in Bosnien sehr niedrig.

Würde man sich auf die zuständigen politischen Stellen im Land verlassen, wäre nicht mal das gegeben.

Das Historische Museum ist wie das daneben gelegene Nationalmuseum oder die Nationalbiblikothek und das Nationalarchiv eine von sieben nationalen Institutionen Bosniens, die seit 1995 im Niemandsland der Zuständigkeiten hängen und gleichzeitig existieren und nicht existieren.

Keiner will zuständig sein. Wieder einmal.

Laut dem Vertrag von Dayton sollte es längst eine politische Einigung geben, wer für diese Einrichtungen zuständig ist.

Nur, die Regierung des serbisch dominierte Teilstaats Republika Srpska hat kein Interesse an gesamtstaatlichen Einrichtungen. Sie blockiert seit Kriegsende jede Einigung.

Ein nationales Kulturministerium gibt es nicht.

Soll heißen: Die Einrichtungen haben keine eigenen Budgets, sind nicht als gesamtstaatliche Einrichtungen anerkannt und der bosnjakisch-kroatische Teilstaat Federacija ist auch nicht zuständig für sie, zumindest nicht offiziell.

Man hantelt sich von Provisorium zu Provisorium.

Für den Beobachter ist nicht einmal klar, für wen die Situation am Schlimmsten ist.

Das Nationalmuseum war wegen des Budgetstreits geschlossen. Dass es ein verlängertes Finanzierungsprovisorium gibt, das seine Schätze wieder der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist vor allem einer Bürgerinitiative zu verdanken.

Die Nationalbibliothek gilt juristisch als eigenständige Körperschaft als nicht existent und kann nicht mal klagen, dass sie in ihr altes Hauptquartier zurück darf – obwohl Gerichte festgestellt haben, dass sie nach wie vor der Besitzer des Gebäudes ist.

Ein Staat ist nicht einmal imstande oder willens, das eigene historische und kulturelle Gedächtnis zu erschließen.

Symbolkräftiger kann man sich die bosnische Dysfunktionalität kaum vorstellen.

Als ob die Probleme mit der Wasserversorgung in Sarajevo und das Versagen des Staates, das Leben seiner Bürger zu schützen, nicht ausreichen würden.

Nicht auf den guten Willen verlassen

Auch Elma strampelt sich ab, das Historische Museum offen zu halten. „Das sind 365 Tage Arbeit im Jahr.“

Das heißt unter anderem quasi mit dem Hut in der Hand die Ministerien der Federacija abzuklappern.

„Mal gibt’s 50.000 Mark für uns, mal 200.000“, schildert Elma. Vorhersehbar, wie viel Geld man im nächsten Jahr bekommt, ist es nicht.

„Es gibt ein Auf und Ab. Man hängt vom guten Willen der politisch Verantwortlichen ab.“

Der ist trotz lauter Lippenbekenntnisse überschaubar. Die Republika Srpska hat kein wie auch immer geartetes Interesse. „Die Federacija bekennt sich zur gemeinsamen Geschichte, aber sie kümmert sich nicht darum.“

Die Fassade ist da nachvollziehbarerweise eher weiter unten auf der Prioritätenliste.

Es gibt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die von ihren Gehältern leben müssen. Die stehen vorne.

Auch um derenwillen verlässt sich Elma nicht auf den guten Willen politischer Entscheidungsträger.

Jenseits der Mängelverwaltung

Außerdem würde es ihrem Verständnis eines Museums widersprechen, ständig nur auf Notbetrieb zu fahren.

„Wir kooperieren deshalb auch sehr stark mit ausländischen Einrichtungen“, sagt Elma.

Aktuell ist etwa eine Ausstellung von Brian Eno in Vorbereitung*. Finanziert wird sie über eine Kooperation mit der britischen Botschaft.

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Etwas Geld gibt es auch aus EU-Projekten, die Kriege und Konflikte im Fokus haben.

Parallel bereitet man auch einen Schwerpunkt zur Neuen Slowenischen Kunst vor.

Das Kollektiv Laibach ist die bekannteste Vertreterin dieser Kunstrichtung, die auch im ehemaligen Jugoslawien nach dem im Slowenischen deutschen Namen bezeichnet wird. Sofern man nicht das Kürzel NSK verwendet.

Beim NSK-Schwerpunkt wird man sich auch mit den historischen Schätzen des Museums auseinandersetzen. Etwa mit den 144 Portraits von Narodni Heroji, von Volkshelden aus dem Volksbefreiungskampf im Zweiten Weltkrieg.

„Wir reden auch darüber, wie diese Menschen aus dem öffentlichen Raum verschwunden sind, etwa bei den Straßennamen“, sagt Elma.

Schwieriger Umgang mit eigener Geschichte

Der Umgang mit diesem Teil der Geschichte ist ein Drahtseilakt. Vielleicht erklärt das auch das Desinteresse der Politik an diesem Museum.

Vor der Unabhängigkeit Bosniens hieß die Einrichtung Museum der Revolution und legte den Schwerpunkt auf eine eher unkritische Aufarbeitung bis Heroisierung der Tito-Partisanen.

400.000 Objekte aus dieser Zeit lagern im Museum.

„Vielleicht waren wir in den Augen vieler zu sehr mit dem alten Regime verbunden“, schildert Elma. „Da hat man sich vielleicht die Frage gestellt: Was tun wir mit dem Roten Museum?“

Wobei überhaupt: „Das Gemeinsame ist nicht mehr gefragt“.

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Ein Thema, mit dem sich auch die Künstlerin Majda Turkić auseinandergesetzt hat, auf deren Vermittlung das Gespräch mit Elma zustandegekommen ist.

Das stellt das Museum vor die Herausforderung, mit dem Depot etwas zu machen, ohne in den Geruch zu geraten, die gemeinsame Vergangenheit affirmativ aufzubereiten.

Teile des Depots stehen im Garten des Museums und können in Führungen besucht werden. „Wir stellen uns diesem Teil unserer Geschichte selbstkritisch.“

Daneben ist eine Ausstellung zum belagerten Sarajevo die einzige fixe Ausstellung des Historischen Museums.

„Wir arbeiten uns Sammlung für Sammlung vor und versuchen, der Öffentlichkeit neue Teile zur Verfügung zu stellen.“

Hier legt das Museum auch Wert auf einen modernen didaktischen Zugang. Eine der sichtbaren Fortschritte etwa ist eine Kinderecke im Foyer.

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Und in einem Extraraum wird der preisgekrönte Film „Miss Sarajevo“ gezeigt.

„Ich kümmere mich um das Erbe Aller“

Für Direktorin Elma Hasimbegović beschränkt sich die Aufgabe ihrer Einrichtung freilich nicht darauf, historische Objekte auszustellen.

Sie will das Historische Museum auch und vor allem zu einer Plattform für die Bürgerinnen und Bürger machen. Dass sich Menschen mit Vorschlägen einbringen, ist ausdrücklich erwünscht.

Offenes Museum nennt Elma diese Herangehensweise.

„Wir versuchen, aus der Vergangenheit Relevanz für aktuelle Situationen herzustellen“.

So gab es 2018 auch einen Schwerpunkt zum Umgang mit Bosniens mit Flüchtlingen.

„Wir haben in Zusammenarbeit mit NGOs Programme für Flüchtlingskinder zusammengestellt“, sagt Elma und sie ist sichtlich stolz.

„We Refugees“, wie das Projekt hieß, war auch ein Forschungsprojekt, wo die Fluchterfahrung der aktuellen Flüchtlinge und die von Bosnierinnen und Bosniern während des Kriegs aufgearbeitet wurden.

„Wir reden viel über Krieg. Hier versuchen wir, eine Atmosphäre zu schaffen“, wo das möglich ist.“

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Das trägt Früchte, sagt die Direktorin: „Langsam sind wir anerkannt.“

Diese breite Anerkennung durch die Öffentlichkeit ist Elma wichtig. Ein Museum sei für die Menschen da.

Vor allem, wenn es eine der wenigen Einrichtungen des Landes ist, die eine gemeinsame Geschichte behandeln, jenseits der aktuellen politischen und nationalen Konflikte.

„Ich kümmere mich um das Erbe Aller“.

*Das Gespräch mit Elma Hasimbegović fand im Jahr 2018 statt.