Es gilt als Höhepunkt der Comic-Festivalsaison im ehemaligen Jugoslawien und als wichtige Einrichtung im kulturellen Leben Montenegros: Das Hercegnovski Strip Festival, das größte Comic-Festival im ehemaligen Jugoslawien. Daran, dass diese Veranstaltung einzigartig bleibt, haben viele Menschen gearbeitet. Ein Rückblick und eine Reportage.
Es schüttet und stürmt am 4. Tag des Hercegnovksi Strip Festival. Von der Strandbar People’s ist das öffentliche Zeichnen in den Stadtsaal verlegt worden.
Das ist etwas düsterer als gestern im Jadran, gleich beim Hafen von Herceg Novi.
Die Stimmung drückt das keineswegs. Vor allem nicht bei Cecile aus der Bretagne.
„Da, schau her“, sagt mir die liebenswürdige Französin, und zeigt mir die Skizzen und Zeichnungen, die die Künstler des HSF heute für sie gemacht haben.
„Meine Lieblingszeichnung ist die von Liberatore, aber lieben tu ich sie alle“.
Tag für Tag stehen sie und ihr Begleiter Christophe um Skizzen an – und das mittlerweile das dritte Jahr.
„Die Künstler hier sind so großzügig“
„Die Künstler hier sind so großzügig, das ist nicht so wie bei anderen Comic-Veranstaltungen. Anderswo, da sind sie hektisch, da wollen sie nur möglichst viele Menschen abfertigen. Hier nehmen sie sich Zeit für deine Wünsche. Dass jemand eine halbe Stunde bei einer Zeichnung nur für dich sitzt, das ist in Herceg Novi keine Seltenheit. Darum kommen Christophe und ich jedes Jahr, seitdem wir das Festival entdeckt haben.“

Ein zusätzliches Argument: Hier sind alle Veranstaltungen kostenlos. Das schließt die abendlichen Konzerte mit ein.
Auch Tamara Vujović ist ein großer Fan des Festivals und ganz montenegrinisch entspannt. „Hallo, ich bin die Tamara, die Ministerin für Kultur und Medien“, hat sie sich mir am zweiten Tag des HSF vorgestellt.

Stolz zeigt sie mir eine Zeichnung, die Jill Thompson für sie gemacht hat. „Das ist die berühmte Scary Godmother“, sagt Tamara. „Und stellt dir vor, das bekommst du hier, ohne dafür bezahlen zu müssen. Wo gibt es das sonst?“
Nichts bezahlt bekommen für harte Arbeit? Immerhin zeichnen die mehr als 100 Künstler fünf Tage lang jeweils mindestens zwei Stunden öffentlich.



Man könnte sich vorstellen, dass das eher nicht so prickelnd ist.
Die Künstlerinnen und Künstler haben kein Problem damit. Hier etwa ein Zitat von Jill Thompson. Kaum jemand hat so viele Eisner-Awards wie sie. Das macht sie zu einem der großen Stars der internationalen Szene. Heuer war sie einer der Special Guests des HSF.

„This is a gig I’d be more than happy to be a regular part of. We guests spent a week drawing for fans, drawing for school children in neighboring towns, being interviewed for podcasts, Montenegrin and Serbian TV and much more. It was a wonderful, cultural party, with concerts arranged all over town, in the ruins of the castle, in the cultural center and at the beach“, schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite.




Auch ein potentieller neuer Stammgast beim HSF ist Éric Hérenguel, Zeichner aus Frankreich. Er wurde schon mehrfach angefragt. Bis heuer hat er immer abgesagt. „Ich wollte erst hier auftreten, nachdem mein erstes Werk in Lokalsprache übersetzt wurde. Schließlich sollen die Leute hier meine Arbeit auch beurteilen können.“
Für ihn war das Festival nicht nur eine künstlerisch neue Erfahrung. Er schätzt auch die lukullischen Genüsse. „Wir Franzosen glauben ja, dass wir den besten Wein der Welt haben. Aber so einfach ist das nicht.“ In Montenegro schwärmt er für den Vranac. „Das ist wirklich guter Rotwein, alle Achtung.“
Matyáš Namai zeigt sich von der zwanglosen Atmosphäre des Festivals sehr angetan. Einmal nicht 24 Stunden lang Profi sein müssen, genießen zu dürfen, das ist alles andere als normal auf den meist durchkommerzialisierten Comic Festivals dieser Welt. „Es ist perfekt hier, ich liebe es“, sagt er.

Ob Matyáš als Tscheche dem lokalen Bier so viel abgewinnen kann wie Éric dem Wein, bleibt dahingestellt. Aber tschechiches Bier ist die denkbar höchste Messlatte für alkoholische Getränke überhaupt. Da kann nicht einmal Nikšićko mithalten.
Oder, wie es Tony Sandoval ausdrückt: „I feel almost too cozy here.“
„The first one over the wall helps the next person over the wall“
Was die Künstler anzieht, ist nicht nur die ausgesprochen gastliche Atmosphäre, die das Organisationsteam rund um Nebojša Mandić und Jovan Subotić und die Stadt Herceg Novi geschaffen haben.
Hier haben sie auch die Möglichkeit, sich künstlerisch auszutauschen. Das tun sie reichlich.
In ruhigen Minuten greift man da zum Skizzenblock und bringt eine Idee auf Papier. Die zeigt man herum, kriegt Feedback, Unterstützung und löst vielleicht eine Idee bei jemand anderen aus.

Die internationalen Stars wie Jill oder wie Kollege Gene Ha sind für die Künstler aus der Region geschätzte Anlaufstellen für einen ersten Austausch.
Gene, wie Jill Gewinner mehrerer Eisner-Awards, fühlt sich in der Rolle des Mentors sichtbar wohl – und empfindet die Ideen der Kollegen aus dem ehemalige Jugoslawien auch als sehr anregend für die eigene Arbeit. Für ihn ist Kollegialität das Um und Auf künstlerischer Arbeit. Nur gemeinsam kommt weiter, sagt Gene.

„The first one over the wall helps the next person over the wall“, fasst er seine Philosophie zusammen. Und nach dem, was er von der Arbeit der lokalen Kollegen gesehen, zeigt er sich überzeugt: „The Balkan region will explode over the comics world, there is so much talent here.“
Einen kleinen Beitrag als Plattform leistet ein Projekt, das von seinem Wesen her so antikommerziell ist wie das HSF selbst. Gegründet vom Zagreber Comic-Künstler Fran Strukan, liegt die mittlerweile dritte Ausgabe der Anthologie auf. Die vierte ist in Planung, wie Fran in einer Podiumsdiskussion ankündigt.
Die bisherigen Ausgaben sind hier kostenlos verfügbar. Das Farto-Team freut sich über Spenden.

Eine Rolle bei der neuen Ausgabe wird Fernando Dagnino spielen. Der gefeierte Zeichner aus Spanien ist seit Jahren einer der Stammgäste des HSF. Im Vorjahr war er einer der Special Guests des Festivals.
Zu den Stammgästen zählt auch Illustrator und Kunsterzieher Srđan Stamenković Srle aus Kragujevac. Er ist Gründer der größten privaten Kunstschule Serbiens, die Agencija za umetničko obrazovanje.
„Für mich ist diese Atmosphäre jedes Mal großartig“, erzählt er. „Hier kann man sich ohne Hürden mit anderen Künstlern austauschen, und das ist eine große Inspiration“.

Die Schattenseiten der Industrie werden nicht ausgeblendet
Das Festival blendet unter all diesen positiven Vibes die Schattenseiten der Comic-Industrie nicht aus.
Ausführlich beschreibt etwa Jill Thompson den Stress, unter dem sich die Künstler befinden – und mögen sie noch so zu den Stars der Szene zählen, wie sie selbst.
„It’s feast or famine“, beschreibt sie ihre Situation als Freischaffende. „Ich sag zu allen Aufträgen ja, und überlege mir nachher, wie ich das alles unter einen Hut bringe“.
Einen Ausweg bietet vielleicht ihr neues persönliches Projekt: Sie will die von ihr geschaffene Figur der Scary Godmother ausbauen, möglicherweise mit Merchandising.
Hinter der Leichtigkeit des HSF steckt harte Arbeit
Dass das HSF ein Rahmen für Kreativität, Freude an der Kunst und für so viel ungewohnte Offenheit ist, ist Ergebnis von mittlerweile 18 Jahren Arbeit der Organisatoren.
Den Großteil dieser Zeit sind Nebojša Mandić und Jovan Subotić für die Organisation verantwortlich, unterstützt von Vladimir Simkić als Experte für alles, was mit Logistik und Handwerklichem zu tun hat, und seit einigen Jahren ergänzt von Ema Perović, die überall einspringt, wo Not am Mann oder an der Frau ist.
Die vier haben ihre Rollen perfekt verteilt, und sie opfern viel, damit das HSF Jahr für Jahr funktioniert.
„Ich war in dieser Saison überhaupt noch nicht im Meer“, schildert mir etwa Jovan in einer ruhigen Minute im Jadran. „Ich hoff, ich schaff es nach dem Festival noch“. Wenn er nicht gerade Gäste betreut oder Medienansprechpartner ist, hilft er aus, wo gerade Bedarf besteht.

Der Umzug in den Stadtsaal am 4. Tag des HSF etwa hat das Essensprogramm durcheinander gebracht.
Tea, Jovana, Simona, Elena und Tara etwa betreuen den Stand mit T-Shirts und anderen Fanprodukten für das HSF. Die Merchandise ist das einzige, was man an diesem Festival als kommerziell beschreiben kann.
Sie sind seit dem späten Vormittag hier, und haben wenig Zeit, sich um Essen zu kümmern.
Auf einmal tönt es vom ihrem Stand im Eingangsbereich her: „Jovane, Jovane!“ Mit einem breiten Lächeln bringt Jovan den Studentinnen heiße Pizza.
Nebojša ist rund um das HSF ohnehin mehr Helikopter als Mensch. Moderator, Koordinator, Notfallmanager. Wenn man ihn ohne Telefon sieht, betreut er Gäste oder gibt jemandem ein Interview.

Man könnte daraus eine eigene Bildergalerie machen: „Nebojša doing Nebojša things“. Wann der Mann schläft, ist rätselhaft. Und wie er das in dem Tempo durchhält, sowieso. Vielleicht hilft hier eine geheime Zutat.

Wenigstens gibt es die seltenen Momente, wo er sich entspannen kann. Etwa hier beim Konzert von Kralj Čačka, einem der Höhepunkte des musikalischen Rahmenprogramms des HSF.

Simke und Ema, die zwei im Hintergrund
Vladimir alias Vlade oder Simke ist immer da, wenn etwas aufgebaut, abgebaut, repariert werden muss. Er bewahrt den Überblick, motiviert die Leute, packt selbst mit an. Ob es die Deko ist, die Tische für das öffentliche Zeichnen, der Comics-Stand. Unterstützung kriegt er von Ema.


Alle machen das ehrenamtlich. „Ich hab noch nie auch nur einen Cent vom Festival genommen“, sagt etwa Jovan.
Im ehemaligen Jugoslawien erzählt sich gern das Stereotyp, dass Montenegriner nicht ganz so arbeitsfreudig seien. Wer das je geglaubt hat, sollte nur die vier treffen, um es widerlegt zu haben.
Was Nebojša, Jovan, Simke und Ema antreibt, ist die Liebe zur Kunst, zu den Künstlern, und die Freude daran, diese Liebe zu teilen und zu feiern.
Es ist diese Liebe, die praktisch seit Beginn Leute wie Künstler William Simpson aus Irland anzieht. Er ist mittlerweile zu so etwas wie einem inoffiziellen Organisator des Hercegnovski Strip Festival geworden und firmiert offiziell als Botschafter des HSF.

Jill Thompson nennt ihn gar „the mayor of this convention“.
„Das HSF, das sind 365 Tage Arbeit“
Und es ist ja nicht nur so, dass die Arbeit nur während des Hercegnovski Strip Festival und in den paar Wochen drumherum anfallen würde. „Das HSF, das sind 365 Tage Arbeit“, schildert etwa Nebojša.
Die Planungen für das 19. HSF laufen parallel zum laufenden 18. HSF. Die Suche nach den Special Guests für 2025 hat begonnen, der erste soll im Dezember verkündet werden. Daneben die Suche nach Sponsoren, die das Festival zur Gänze finanzieren. Das Programm soll auch 2025 für Besucher und Teilnehmer kostenlos bleiben.



Einen Überblick über das HSF 24 bieten Dušan Majkić und Petar Klaić auf ihrem Youtube-Kanal Stripovedač.
Mehr über das HSF, und was es so einzigartig macht. könnt ihr in diesen Berichten nachlesen.
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