Wie ich in Banja Koviljača in eine Party von Partizan-Fans gerate. Und ein phänomenales Pilzgericht probiere.

Die Männer sitzen gebannt auf den Hockern und zwei Sesseln in Dagis Lokal. Sie fixieren den Flachbildschirm an der Decke.

Was ist hier los, denk ich mir.

Ein Fußballmatch und offenbar ein wichtiges.

Es geht um den serbischen Cupsieg.

Partizan Beograd gegen Mladost Lučani, wie mir Gagi, kurz für Dragan, in ein paar Minuten erklären wird.

Es steht 1:0 für Mladost und wir sind in der 29. Minute.

Dass ich hier bin, ist Zufall

Jebiga, denk ich mir, wenn ich das gewusst hätte. Ich wäre sicher früher in Dagis Hütte in einem Innenhof im Ortszentrum von Banja Koviljača in Westserbien gegangen.

Den serbischen Spielkalender hab ich nicht intus. Ich hab nur mitbekommen, dass am Samstag davor Crvena Zvezda (Roter Stern) die Meisterschaft gewonnen hat.

Was ich heute abend tunlichst nicht sagen werde.

Dass ich hier bin, ist Zufall.

Ich habe beschlossen, am Weg von Beograd nach Sarajevo eine Übernachtung einzuschieben.

Ich mag keine langen Busfahrten. Die von der serbischen in die bosnische Hauptstadt dauert fast acht Stunden.

Außerdem kenn ich das ländliche Serbien nicht.

Auf der Suche nach einer Destination am Weg machte mein Finger auf der Landkarte in Banja Koviljača Halt, einem Kurort mit angeblich mehr als 4.000 Einwohnern.

Als ich zu Mittag aus dem Bus steige, ist Gagi der Erste, mit dem ich rede.

Ich weiß nicht, ob ich auf Ulica maršala Tita links oder rechts gehen soll, um zu meinem Quartier zu gelangen.

Auf dem Gebäudekomplex, vor dem ich stehe, steht nur U. maršala Tita, bb. Bez broja. Ohne Nummer.

Dagi hilft mir prompt, gern und freundlich weiter.

Als ich am Abend Lust auf ein Bier oder zwei bekomme, denk ich mir: Das kleine Lokal in dem Innenhof, kaum mehr als eine Hütte, sieht interessant aus. Der Chef war nett.

Sicher spannender als die Bar des Vier-Sterne-Hotels Royal Spa.

„Wir sind alle Grobari“

Ich ducke mich, um an den Tresen zu gelangen. Ich will den Männern auf der Bank die Sicht nicht versperren.

Gagi erkennt mich wieder.

Ein Bier muss sein.

„Partizan gegen Mladosti“, klärt er mich auf. „Pokalfinale. Sozusagen zweites Finale.“

„Wir sind hier alle Grobari“, sagt Gagi. Außer einem, der angeblich Zvezda-Fan ist. Grobari ist der Name, den sich die Partizan-Fans geben.

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Von beiden Teams hab ich Graffiti in der Ortschaft gesehen.

Auch die Souvenirhändler im Kurpark verkaufen Artikel beider Clubs. Was eine etwas heikle Angelegenheit sein kann. Man kann nur hoffen, dass keiner der Ultras der beiden Clubs eine Reha braucht.

Vor allem die Severna Armija, die Nordarmee, von Zvezda hat einen gewissen Ruf.

In Banja Koviljača sieht man die Rivalität etwas lockerer.

Fußball zählt hier viel

Es ist die 31. Minute. Jubel. Ausgleich für Partizan durch Marko Jevtović.

Gagis Sohn Danilo kommt ins Lokal. Anlassbezogen im Partizan-T-Shirt.

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Den Fußball, den lernt man im ehemaligen Jugoslawien mit der Muttermilch lieben.

Hierzulande erfreut sich die nicht völlig abwegige Verschwörungstheorie großer Beliebtheit, Deutschland habe Jugoslawien zerschlagen, um seinen härtesten Rivalen im Fußball loszuwerden.

Es könnten natürlich auch die Argentinier gewesen sein. Diego Maradona hat einen eher lockeren Zugang zu Regeln.

Das höre ich heute abend überraschenderweise nicht.

Gagi erzählt mir, wie gern er aufs Cupfinale gefahren wäre. Und überhaupt, dass er und seine Freunde gerne öfter auf Partizan-Matches fahren würden.

„Beograd ist mit dem Auto zwei, zweieinhalb Stunden entfernt. Da musst du dann dort zu Abend essen und vielleicht sogar übernachten. Das kostet gleich mal 50 oder 70 Euro.“

Partizan vs. Zvezda

Ich finde es interessant, dass er mir den Preis in Euro nennt. Macht vielleicht die Nähe zu Bosnien. Andererseits: In Serbien wird überhaupt viel in Euro gerechnet.

Ich kann relativ wenig zur Unterhaltung beitragen. Nicht nur, dass meine Sprachkenntnisse eher radebrechend sind – mit gutem Willen A2 -, ich verstehe auch nicht viel von serbischem Fußball.

Aber, eine Beobachtung kann ich beisteuern: „Ich hab Graffiti von Zvezda-Fans und von Grobari in Beograd fotografiert“, erzähle ich Gagi und dem jungen Mann mit Grobari-T-Shirt neben mir. Er kann einigermaßen Englisch.

„Und ich muss sagen: Die Grobari-Graffiti sind Kunstwerke und nicht aggressiv. Die von Zvezda sind aggressiv und politisch“.

Gagi schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und grinst. „Na, siehst du?“, sagt er zu einem Freund, offenbar zustimmend.

Inwiefern meine Beobachtungen Rückschlüsse auf die Fans der beiden Clubs zulassen, kann ich nicht beurteilen.

Sie sagen jedenfalls etwas über die engagierten und organisierten Fans in manchen Stadtteilen Beograds aus. Balkan Stories wird bei Gelegenheit berichten.

Zu meinem Bier – es ist das zweite – trinke ich auch einen Rakija aufs Haus. Hervorragend.

Von draußen weht der Geruch von frischem Essen ins Lokal.

Wir sind in Minute 62. Saša Zdjelar schießt Partizan in Führung.

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Die Spannung nimmt etwas ab. Die Gespräche werden eine Spur lauter.

„Bist du Rapid oder Austria“, fragt mich der mit dem Grobari-T-Shirt.

Wiener Sportclub„, sage ich. Wenn ich einen Fußballklub unterstütze, ist es der.

Was mich daran erinnert, dass ich viel zu lange auf keinem Match mehr war. Und dass die Friedhofstribüne wegen Stadionumbaus längere Zeit geschlossen ist.

„Das ist ein kleiner Club“, erkläre ich radebrechend. „Zweite oder dritte Liga?“, fragt mich Gagi. „Dritte, glaub ich. Tolle Fans. Ein durch und durch antifaschistischer Klub.“

Das gefällt den Grobari.

Ach, wenn nur alle Derbies so wären wie das von Sportklub und Vienna. Heißt nicht umsonst „Derby of Love“. Aber wie man das in der Sprache ohne Namen sagt – keine Ahnung.

Ich bin beim dritten Bier und der zweiten Rakija. Das Spiel ist abgepfiffen, die Leute im Lokal freuen sich.

Es duftet herrlich von der Veranda

Der serbische Fußballpräsident ehrt die Teammitglieder von Partizan.

Jeder bekommt eine Medaille umgehängt und drei Küsse auf die Wangen. Man ist schließlich in Serbien.

Léandre Tawamba, offensiver Mittelfeldspieler, kriegt gar keines.

Ob das daran liegt, dass er in Afrika geboren wurde und nicht in Serbien oder daran, dass er einfach keine Küsse auf die Wange will, weiß ich nicht.

Leider weiß ich auch nicht, wie man Küsse in der Sprache ohne Namen nennt und kann nicht nachfragen. Was hier nicht so wichtig ist.

In anderen Situationen könnte das Vokabel nützlicher sein. Ich muss es nachschlagen.

Auf der Veranda duftet es herrlich.

„Komm“, sagt Gagi.

Einer seiner Freunde kocht etwas auf einem Campingkocher, das nach Pilzen und Zwiebeln riecht.

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Peter Handke würde es hier gefallen.

Irgendeiner der Gäste kann auch ein wenig Deutsch und so versuchen wir in einer Mischung aus Deutsch, Englisch und örtlichem Idiom, für mich verständlich zu ergründen, wie denn dieser Pilz genau heißt.

Blöderweise habe ich meinen Notizblock vergessen und werde am nächsten Morgen feststellen, dass das mittlerweile vierte Bier mir nicht geholfen hat, mir das zu merken.

Vielleicht liegt’s auch an der dritten Rakija, die ich wieder drinnen zu trinken beginne.

Es soll noch 20 Minuten dauern, bis es fertig ist.

Die Pilze aus dem Wald

„Zwiebel, Pilze, Wasser, Salz, das ist es“, klärt mich der Koch auf. „Manchmal nehmen wir auch Bier oder Wein.“

Man kocht hierzulande gerne mit dem Eigengeschmack von Speisen. Intensive Würzungen wie in anderen Küchen Südeuropas sind die Ausnahme.

Vor allem dieser Pilz schmecke von selbst intensiv, sagt Gagi. „In Wien zahlst du 100 Euro für das Kilo. Aber wir holen ihn hier im Wald.“

Und es riecht auch ein wenig waldig aus dem Topf.

Ich kann die 20 Minuten kaum erwarten.

Mein Magen beginnt zu knurren. Das tut er um die Uhrzeit selten. Zumal ich gegen sieben eine ganz gute Ražniči in einem Grilllokal hatte.

Man braucht kaum zu erwähnen, dass wir alle um den Topf auf dem Campingkocher stehen wie hungrige Hunde.

„Koste einmal“, sagt Gagi.

Es ist herrlich. Herrlich intensiv. Die Ražniči sind zum Vergessen im Vergleich. So muss ein Pilzgericht schmecken.

Vielleicht kann ich das mit Steinpilzen nachkochen. Einigermaßen jedenfalls.

Und ich sollte bei Gelegenheit Gagi fragen, wie der Pilz heißt.

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Vielleicht kriegt man den ja in Wien. Und vielleicht findet sich eine hübsche Pilzliebhaberin, die ich dazu einladen kann.

Nur, ich fürchte, so fantastisch wie an diesem Abend wird’s wahrscheinlich nicht schmecken.

Dafür werd ich nach Banja Koviljača zurückkehren müssen, in Gagis kleines Lokal.

Diesmal werd ich den Besuch mit dem Partizan-Spielkalender abgleichen.