E le genti che passeranno

Kaum eine europäische Gesellschaft ist so zerrissen vom blutigen Erbe des Zweiten Weltkriegs wie die kroatische. Wie sehr zeigt sich an zwei Denkmälern in Zagreb. Eines gedenkt einiger Opfer. Das zweite ehrt einen Kollaborateur des Ustaša-Regimes. Video.

Der Platz vor dem Zagreber Hauptbahnhof ist einer der betriebsamsten in der adriatischen Republik.

Im Gegensatz zu anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens hat Kroatien ein wenigstens annähernd funktionierendes Bahnsystem.

Abertausende kommen hier jeden Tag an, fahren jeden Tag ab.

Achtlos gehen die allermeisten an der Stele wenige Meter neben dem Bahnhofsgebäude vorbei.

Die wenigstens sehen die dazugehörige Metallinstallation, die die Koffer von 800 Zagreber Juden symbolisiert. Von hier aus sind sie in die deutschen Vernichtungslager deportiert worden.

Eine einzige Kerze brennt vor der Installation.

Vor der Stele verwittern einsame Blumensträuße. Dem Anschein nach seit der Enthüllung des Denkmals im Vorjahr.

Man kann verbittert sinnieren, dass auch dieses Denkmal Kompromiss ist.

Ausdrücklich ist es den Opfern des Faschismus gewidmet.

Dass in Kroatien im Zweiten Weltkrieg kroatische Faschisten das Sagen hatten – und zum Leidwesen ihrer Opfer auch in Bosnien und einem Teil der Vojvodina -, wird hier nicht erwähnt.

Wie die nicht unbedeutende Tatsache, dass das Ustaša-Regime den Großteil der Juden in seinem Herrschaftsbereich selbst ermordete. In eigenen Konzentrationslagern. Und ausgesprochen enthusiastisch.

Die Leute, die vorübergehen, haben für die hier geehrten Opfer keine Blumen.

Und nur in Ausnahmefällen einen Gedanken.

Vielleicht ist das so mit Denkmälern für die Opfer des Faschismus an Hauptbahnhöfen. In Kroatien oder anderswo.

Gleichwohl, die kleine Kapelle zu Angedenken von Karol Wojtyla auf Bahnsteig 1 ist immer gut besucht und mit frischen Kerzen und Blumen geschmückt.

Sie ist hier Nebenthema.

Die Kapelle steht nicht auf öffentlichem Grund.

Ohne Genehmigung durfte ich dort weder fotografieren noch filmen.

Wie dem Faschistenkollaborateur gehuldigt wird

Was anderswo nur selten so ist, sind Szenen, wie man sie im kleinen Park in der Avenija Dubrovnika 36 in Utrina beobachten kann.

Das sind nicht einmal fünf Kilometer vom Hauptbahnhof.

Hellgrün leuchtet hier die Statue von Ustaša-Kollaborateur Alojzije Stepinac den Leuten entgegen, die vorbeigehen.

Ganze Blumentöpfe hat man ihm zu Füßen gelegt.

Als ich filme, zündet ein Zagreber eine frische Grabkerze an.

Der Zagreber Erzbischof begrüßte 1941 ausdrücklich und enthusiastisch, dass die Ustaša nach dem Sieg der Deutschen über Jugoslawien den „Unabhängigen Staat Kroatien“ (Nezavisna Država Hrvatska, NDH) mit ausdrücklicher Unterstützung des NS-Regimes ausriefen.

Bis 1945 war er eine propagandistische Stütze des Regimes, und als Militärvikar in einer engen Vertrauensposition gegenüber dem Regime.

Unmittelbar nach der Machtergreifung begannen die Ustaša, Serben, Juden und Roma massenweise zu ermorden.

Hunderttausende Serben wurden auch zwangsweise zum Katholizismus konvertiert.

Das ging nicht ohne aktive Mitwirkung tausender katholischer Priester.

Zudem waren zahlreiche katholische Mönche und sogar zwei katholische Bischöfe unmittelbar in den Komplex der Vernichtungslager des Regimes und in die wilden Vernichtungen vor allem in Bosnien involviert.

Zwischen 4- und 700.000 Menschen wurden nach seriösen historischen Schätzungen von den Ustaša ermordet. Der Großteil waren Serben.

Stepinac?

Wusste alles. Schwieg lange.

Gegenüber dem Deutschlandfunk formuliert es der kroatische Schriftsteller und ehemalige Vorsitzende der Zagreber Jüdischen Gemeinde Slavko Goldštajn so:

„Stepinac hat sich lange mit dem Ustascha-Regime arrangiert. Er hat sich hier und da für Juden eingesetzt, für Serben im Einzelfall auch, für Roma jedoch hat er nie etwas getan; das ist das Schrecklichste. Er hat sich zwar bei der Ustascha über die Transportbedingungen beschwert, gegen Konzentrationslager selbst hat er aber nie etwas gesagt.“

Slavko Goldštajn im Deutschlandfunk

Das Ziel des NDH, ein ethnisch reiner kroatischer Staat auf möglichst katholischer Grundlage zu werden – unter Duldung der zu Kroaten erklärten Bosnjaken -, kritisierte Stepinac nie.

Er exkommunizierte keinen einzigen Mönch oder Priester, der Serben mit Unterstützung einer Ustaša-Pistole zwangstaufte, noch nicht einmal diejenigen, die aktiv Serben, Juden und Roma ermordeten.

Lieber rief er kroatische Zwangsarbeiter im Deutschen Reich auf, doch fleißig ihrer Arbeit nachzugehen.

Stepinac war kein so eifriger Faschist wie sein Kollege Ivan Šarić aus Sarajevo.

Aber ein Kollaborateur und eine wichtige Stütze eines der mörderischsten Regime Europas im 20. Jahrhundert.

Typisch für die Zerrissenheit der Gesellschaft

Statuen für Figuren wie ihn gibt es selten.

In der Ukraine oder in den republikaserbischsten aller republikaserbischen Gemeinden kann einem derlei unterkommen.

Und Serbien hat offiziell Draža Mihailović nicht nur rehabilitiert sondern zum antifaschisten Widerstandskämpfer herbeifantasiert – ungeachtet der Morde an abertausenden bosnischen Muslimen, Albanern und Kommunisten im Zweiten Weltkrieg.

Wobei es schwer ist, Mihailović und Stepinac zu vergleichen. Das reicht weder zur Ehre des einen noch des anderen.

Gleichwohl ist es bezeichnend, dass an einer vergleichsweise abgelegenen Ecke in Novi Zagreb offenbar täglich Menschen kommen, um einen Ustaša-Kollaborateur im wahrsten Sinn des Wortes anzubeten, und ihm Blumentöpfe und Kerzen als Opfergaben dalassen, manche auch patriotisch dekoriert – und am Hauptbahnhof die Menschen weitgehend achtlos am Denkmal für 800 deportierte Juden vorübergehen.

Es zeigt exemplarisch, wie zerrissen die kroatische Gesellschaft über der Frage ist, wie man mit der Rolle des eigenen Staates und der eigenen Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg umgehen soll.

Die klerikalnationalistische HDZ hat den Nationalismus seit der Unabhängigkeit zur Staatsdoktrin erhoben. Und mit ihm Geschichtsrevisionismus.

Dagegen ist nur im Einzelfall anzukommen.

Gelegentlich gelingt es den aktiven kroatischen Antifaschisten, die Glorifizierung der faschistischen Vergangenheit zurückzudrängen.

Überraschenderweise leistet in Ausnahmefällen sogar die katholische Kirche Unterstützung.

Dem gegenüber stehen symbolische Erfolge der kroatischen Neofaschisten.

Und die alltägliche Politik der klerikalnationalistischen Regierungspartei HDZ gegen eine wissenschaftliche Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg.

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2 Gedanken zu “E le genti che passeranno

  1. Wenn ich meine Familien besuche, geht es nur um Kinder und ums Essen. Politische Themen werden gemieden. Wenn es mal doch dazu kommt, tun fast alle so, als wäre Jugoslawien von Partisanen zu Tode regiert worden … Chris, ich bin im Juli durch Zufall über „Last Socialist Artefact“ gestolpert, eine feine Mini-Serie aus Kroatien, ich hatte erst Angst, sie anzusehen, aber sie ist tatsächlich gut. Das Arbeiterlied, das ab und zu ertönt, kenne ich als Partisanenlied. Diese Serie sollte auch für Österreicher auf Arte gefunden werden können. Ciao!

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