Das Stadtmuseum Novi Sad nähert sich mit einer sehenswerten Ausstellung einer vergessenen Frau der Wissenschaftsgeschichte an: Mileva Marić Einstein. Sie hat für Albert ihre Karriere geopfert.
Kaum ein Fleck der jüngeren Wissenschaftsgeschichte ist so schlecht ausgeleuchtet wie Mileva Marić Einstein.
Nur eines kann man mit Sicherheit über sie sagen: Sie war die unvollendete Wissenschaftlerin, zum Opfer gefallen den Frauenrollen ihrer Zeit und ihrem Mann.
Darüber hinaus gibt es viel Spekulation und Projektion.
Wie talentiert war sie?
Was hätte sie leisten können, hätte sie ihre Karriere verfolgen können?
Was wäre Albert ohne Mileva geworden?
Albert, das ist Albert Einstein.
Einer der genialsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts.
Nobelpreisträger. Entdecker der speziellen und der allgemeinen Relativitätstheorie.
Antifaschist und Pazifist.
Der Mann, der Mileva brach.
Vielleicht ist es die größte Tragik in Milevas Leben, dass man die Frau aus Titel in der Vojvodina auch 75 Jahre nach ihrem Tod nicht ohne den Mann denken kann, der ihr das Hausfrauendasein aufzwang und sie samt den zwei gemeinsamen Söhnen für seine Cousine sitzenließ.

Sie, die erste ethnische Serbin – die Vojvodina war damals noch Teil Österreich-Ungarns -, die Physik studierte.
Die ihre Ausbildung in nicht weniger als drei Sprachen in mindestens vier verschiedenen Idiomen machte.
Die als eine der wenigen Frauen im damaligen Polytechnikum Zürich, der heutigen ETH, zweifelsohne massiven Widerständen begegnete.
Die ihrem Mann Albert jahrelang wichtigste persönliche und vor allem wissenschaftliche Gesprächspartnerin war. Vor allem in seinem Wunderjahr 1905, in dem er die spezielle Relativitätstheorie aufstellte.

Hier betreten wir den Bereich der Spekulation.
Gebe es die Relativitätstheorie ohne Mileva?
Es gibt einige Stellen in Alberts Briefen an sie, die nahelegen, dass sie an der Arbeit beteiligt war.
“Wie glücklich und stolz werde ich sein, wenn wir beide zusammen unsere Arbeit über die Relativbewegung siegreich zu Ende geführt haben! Wenn ich so andere Leute sehe, dann kommt mir´s so recht, was an dir ist!“
(Albert an Mileva, März 1901)
Was war sie da?
Alberts Muse?
Eine Wissenschaftlerin, mit der er seine Gedankengänge besprechen konnte?
Die Frau, die die mathematischen Formeln für ihn entwickelte?
Für letzteres gibt es bis heute keinen wissenschaftlichen Beleg.
Liberalidentitarismus als Bärendienst an Wissenschaft und Wissenschaftlerin
Auch wenn sich die Physikerin Pauline Gagnon nicht von entsprechenden Spekulationen abbringen lassen will.
Unter heutigen Bedingungen würde man Albert und Mileva als Co-Autoren bezeichnen, sagt sie etwa gegenüber dem ORF.
Beweise für die These hat sie nicht. Die gibt es auch nicht. Und das ist ein sehr dunkler Fleck in der Wissenschaftsgeschichte.
Um das zu kaschieren, bemüht die Physikerin allgemeine Überlegungen.
„Frauen, Schwule, Lesben, Dunkelhäutige und Juden werden seit so vielen Jahren in der Wissenschaft benachteiligt. All das macht mich so wütend“.
Das ist nicht falsch.
Nur sollte man Gagnon vielleicht sagen, dass Albert Jude war.
Und durchaus diskriminiert wurde, als er nach dem Studium eine Stelle suchte.
Und 1933 aus Deutschland auswandern musste.
So ist das, wenn sich Identitarismus als emanzipatorisch ausgibt.
Es gibt auf einmal nur mehr Opfer, und wer mehr Opfer ist, muss anhand ständig wechselnder komplizierter Skalen geklärt werden.
In ihren liberalidentitärem Furor kann Gagnon nicht mehr formulieren, dass Mileva aus einem Grund und nur einem Grund nie die Wissenschaftlerin sein konnte, zu der sie die Fähigkeit besaß: Sie war eine Frau.
Mit solch Geschwurbel hilft Gagnon weder, Milevas Andenken zu stärken noch tut sie irgendetwas, um uns bewusst zu machen, wie Frauen in Naturwissenschaften benachteiligt wurden und bis heute benachteiligt werden – wenn auch in geringerem Maße.
Die feministische Perspektive
Wie wohltuend – nicht nur im Vergleich zu Gagnons Geschwurbel – die Kurzbiografie Milevas auf fembio.org.
Gut recherchiert, gut belegt.
Wahrscheinlich die beste populärwissenschaftliche Biografie Milevas im deutschsprachigen Raum.
Auch sie mit offenen Fragen und der einen oder anderen kleineren Spekulation.
Über die eine oder andere Stelle kann man diskutieren.
Aber eine gediegene Arbeit.
Was die Ausstellung bietet
So wie die Ausstellung mit dem schlichten Titel „Mileva: Mi smo stena“ im Stadtmuseum Novi Grad am Petrovaradin.
Ein kleines Wortspiel. „Wir sind eine Mauer“ heißt der Untertitel. Ein klarer Bezug auf die Nachnamenssilbe Stein.
Bewusst lässt Ausstellungsgestalter Dušan Jovović Vieles vage, wörtlich im Dunkeln.

Es soll nicht ausgeleuchtet werden, was aus heutigem Wissensstand nicht ausgeleuchtet werden kann.
Nicht nur, dass es in Milevas Biografie viele Unbekannte gibt.
Immerhin hat Albert die meisten Briefe von ihr an ihn vernichtet.
Auch die Bereiche der Physik, in denen sie und Albert tätig waren, sind sperrig.
Mileva etwa entwickelte 1903 gemeinsam mit Paul Habicht einen Apparat zur Messung kleinster elektrischer Spannungen, die sogenannte Influenzmaschine – bis heute ihre einzige bekannte wissenschaftliche Arbeit als Physikerin.
Danach drängte Albert sie in das Hausfrauendasein.
Und die Relativitätstheorie gilt bis heute als einer der sperrigsten Bereiche der Physik, im Speziellen wie im Allgemeinen.
Diese Gestaltung macht auch deutlich, wie viel Spekulation im Spiel ist und bis zu einem gewissen Grad sein muss, wenn man sich mit Mileva beschäftigt.
Gleichzeitig schafft die Ausstellung Raum, um sich mit den gesellschaftlichen Zusammenhängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen.
Einen Teil muss der Zuschauer buchstäblich selbst erfahren.



Klären kann die Ausstellung im Stadtmuseum Novi Grad die Frage nicht, wer Mileva war.
Aber sie macht deutlich, dass die unvollendete Physikerin jemand ist, an die man sich heute zu Recht erinnert.
Das macht „Mileva: Mi smo stena“ einen Besuch wert.
Alle Ausstellungsfotos: (c) Feđa Kiselički, Muzej Grada Novog Sada
Wenn euch dieser Beitrag gefällt…
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun. Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
