Fragen, die man erst jetzt stellen kann

Samstag nächste Woche hat die Doku Tragovi pripadanja/Fragments of Belonging von Tatjana Božić ihre lang erwartete deutsche Premiere am DOK.Fest München. Im Film sucht die in Kroatien geborene Regisseurin die Spuren ihrer Familie, die auf sieben Länder aufgeteilt lebt. Und stellt Fragen, die man erst jetzt, nach Jahrzehnten, stellen kann.

Österreich, Deutschland, die Schweiz, die Niederlande, Kroatien. Das sind die Schauplätze der Doku Tragovi pripadanja/Fragments of Belonging der in Kroatien geborenen Regisseurin Tatjana Božić. In all diesen – und mehr – Staaten leben Mitglieder mittlerweile dreier Generationen ihrer Familie.

Onkel, Tanten, Cousinen, Cousins, Neffen, Nichten.

Eine typische jugoslawische Familie. Verkörpert in einer, deren Wurzeln im heutigen Kroatien liegen. Dieser kulturelle Hintergrund gibt der Doku ihren spezifischen kulturellen und atmosphärischen Flair. Die Fragen, die sie stellt und manchmal beantwortet sind freilich universalistisch – so wie Tatjanas Zugang.

Sie lebt seit mittlerweile einigen Jahren in den Niederlanden. Aus ihrer persönlichen Situation heraus geht sie der Frage nach, wie sich denn generationsübergreifende Migration auswirkt auf Familiengefüge, auf das Selbstverständnis der Migranten und ihrer Nachkommen, auf deren Alltagsleben.

Und indirekt, bis wann man Familie noch sinnstiftenderweise als Familie bezeichnen kann. Bis zur wie vielen Generation man Migranten sinnstiftenderweise als Angehörige der Kultur des Ursprungslandes bezeichnen kann – hier gezeigt eben an einer kroatischen Familie.

Ein kluges Pars pro toto

Liest man die Rezensionen (siehe HIER und HIER), ist diese Doku ein kluges Beispiel für ein pars pro toto über eine Situation, in der sich Millionen Menschen in ganz Europa befinden. Vom Persönlichen ausgehend und durchdekliniert im Persönlichen werden universelle Fragen aufgezeigt und verständlich gemacht – weit mehr als nabelschauende Begriffe wie „Identität“ das suggerieren, mit denen die Festivals Zagreb Doxu und DOK.Fest München den Film vermarkten.

Tragovi pripadanja/Fragments of Belonging ist eine Dokumentation, die es sich lohnt anzusehen.

Nicht nur lernt man hier viel über die Lebenswelten der ex-jugoslawischen oder kroatischen Dijaspora, und wie unterschiedlich die in den neuen Heimaten sind. Und wie unterschiedlich man in den neuen Heimaten die Dijaspora sieht.

Fragen, die der Film aufwirft

Wenn man ein bisschen zurücktritt, lernt man hier auch viel über die unschönen Seiten von Migration.

Beginnend in den 1960-ern, und vor allem seit den 1990-ern, sind Millionen Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien ausgewandert.

Importiert häufig als – billige – Arbeitskräfte für Industrie und Bauwirtschaft, heute auch fürs Gesundheitswesen, auf der Flucht vor Krieg, Nachkriegsmisere und wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektivenlosigkeit.

Familien, Dörfer, halbe Kleinstädte zerrissen, entwurzelt, zerstreut über x Länder.

Willkommen geheißen manchmal, meist halbwegs, manchmal zähneknirschend toleriert in den neuen Heimaten. Gut genug, um ihre Arbeitskraft der kapitalistischen Ausbeutung zu unterwerfen, aber nicht immer gut genug als Freunde, Nachbarn – oder Mitglieder der eigenen Familie.

Wie lang bleibt man dort in dem neuen Land?

Bis man sich unten ein Haus bauen kann? Bis zur Pension, die migrationsbedingt in der neuen Heimat kärglich sein wird, aber im Heimatland ein gedeihliches Auskommen ermöglicht? Was macht man mit den Kindern, mit den Enkeln?

Wie lang auch pflegt man die Kultur der alten Heimat? Und was ist überhaupt diese Kultur?

Eine Frau mit lockigem Haar spricht lächelnd mit einem älteren Mann in einem geschäftigen Bar-Umfeld. Im Hintergrund sind weitere Personen zu sehen, die sich unterhalten und Getränke genießen.
(c) LEWA Productions/Stagedust Productions/Doppelplusultra Filmproduktionen

Regionale Cluster. Ein Exkurs

Eine Frage, die die Doku nicht aufwerfen kann, ist ein durchaus interessanter Nebenaspekt: Dass es an vielen Orten in den neuen Heimaten regionale Cluster gibt. Menschen aus bestimmten Regionen ziehen bevorzugt in bestimmte Länder und Städte.

Aus Banja Luka in Bosnien etwa sind besonders viele Menschen nach Schweden gegangen. Einige sind in der Pension zurückgekehrt. Siehe diese kleine Reportage.

In Wien etwa sind besonders viele Menschen aus Požarevac in Serbien – und hier wiederum sind es besonders viele Vlasi. Auch der Sandžak ist eine Region, aus der es auffallend viele Menschen nach Wien verschlagen hat.

Auch Brčjaci sind überproportional in der österreichischen Hauptstadt vertreten. Ich kenne mindestens sechs näher, und weiß von etlichen anderen in Wien und der Umgebung.

Bei der kroatischen Dijaspora wäre mir bisher nur Zagreb als Stadt aufgefallen, aus der auffällig viele Menschen nach Wien gezogen sind.

Dass Menschen aus einzelnen Dörfern oder Städten massenweise in eine einzige Stadt in einem anderen Land ziehen, kommt übrigens sehr häufig vor. Das ist keineswegs auf die ex-jugoslawische Dijaspora beschränkt.

Eine Doku über dieses Phänomen wäre sicher sehr interessant – hat aber sehr nachvollziehbarerweise keinen Platz in Tragovi pripadanja/Fragments of Belonging. Es ist nur so ein Gedanke, der jemandem kommt, der sich viel mit Migration auseinandersetzt. Eine Randbemerkung, keine Kritik.

Eine Tanzfläche mit mehreren Personen, die barfuß tanzen. Eine Frau mit roten Locken, die ein Tiermotiv-Shirt trägt und ein Getränk in der Hand hält, steht in der Mitte der Gruppe.
(c) LEWA Productions/Stagedust Productions/Doppelplusultra Filmproduktionen

Bezeichnend, dass dieser Film erst jetzt entsteht

Was bezeichnend ist, ist, dass dieser Film erst jetzt entsteht.

Das ist kein Vorwurf an Regisseurin Tatjana Božić. Im Gegenteil. Man kann sie nicht genug respektieren dafür, dass sie sich auf diese Reise gemacht hat, und wie sie das getan hat.

Nur, die Migration der Jugos und der Ex-Jugos, die hat über Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum kaum jemanden interessiert.

Ein paar Ausstellungen da und dort, manche hervorragend, in progressiven Städten wie Wien. Ein paar mehr oder weniger beachtete Bücher. Glücklicherweise auch Fernsehsendungen wie die der Minderheitenredaktion des ORF.

Aber eine Doku fürs Kino über Jugo-Migranten? Das Interesse, dafür Geld locker zu machen, war dann doch nicht groß genug. Auch übrigens in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens nicht. Das war ein blinder Fleck.

Über türkische und kurdische Migranten gab’s und gibt’s ein wenig. Auch nicht viel, aber immerhin. Die Jugos waren offenbar nicht exotisch genug, um eine vielleicht provokante These zu formulieren.

Wie gesagt, Tatjanas Engagement soll dieser kleine polemische Exkurs nicht im Geringsten mindern. Im Gegenteil soll es herausstreichen, wie wichtig ihre Doku ist.

Sie stellt Fragen, die man offenbar erst jetzt stellen kann.

Die Braut hebt freudig die Arme und lächelt während ihrer Hochzeitsfeier, umgeben von Gästen. Sie trägt ein verschwenderisches Brautkleid und funkelnden Schmuck.
(c) LEWA Productions/Stagedust Productions/Doppelplusultra Filmproduktionen

Womit sich hoffentlich viele Zuseher befassen werden

Es bleibt zu hoffen, dass sie viele Zuschauer bewegt, sich Gedanken über Migration zu machen, die über die Folgen von Migration für die Migranten und allenfalls die neuen Heimaten hinausgehen. Vor allem die, was Massenemigration aus den Auswanderungsländern macht.

In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens sind die Auswirkungen katastrophal.

Aus Kroatien sind seit dem EU-Beitritt um die 500.000 Menschen ausgewandert. Alleine zwischen den Volkszählungen 2011 und 2021 waren es 400.000. Das Land hat heute so viele Einwohner wie zuletzt in den 1940-ern. Mehr siehe hier.

Aus Bosnien sind seit 1991 wohl 1,8 Millionen Menschen ausgewandert, oder knapp 40 Prozent der Bevölkerung. Mehr siehe in dieser exklusiven Analyse von Balkan Stories.

Für die gesamte Region sagt eine Bevölkerungsprognose der UN aus dem Jahr 2024 den demographischen Kollaps in den nächsten Jahrzehnten voraus. Mehr siehe hier.

Tragovi pripadanja/Fragments of Belonging hat am 9. Mai am DOK.Fest München seine deutschsprachige Premiere. Im Herbst ist er auf HBO Max zu sehen.

Einen Termin für eine Österreich-Premiere gibt es noch nicht.

Alle Fotos: (c) LEWA Productions/Stagedust Productions/Doppelplusultra Filmproduktionen. ZvG von Doppelplusultra.

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