Der versprochene Schnellzug zwischen Wien und Beograd hat schon vor seiner ersten regulären Fahrt einen Monat Verspätung. Nicht viel besser sieht es mit einem Prestigeprojekt des bosnischen Eisenbahnwesens aus.
Fangen wir mit der guten Nachricht an.
Man kann wieder mit dem Zug von Wien nach Beograd fahren. Bei den ÖBB ist Beograd Centar sogar als Ziel- oder Abfahrtsbahnhof im Online-Fahrplan auswählbar.
Was es wäre mit den guten Nachrichten.
Diese Bahnreise würde allenfalls ein Eisenbahnfahn mindestens am Rande der Zurechnungsfähigkeit antreten wollen.
15 Stunden 39 Minuten ist die schnellste Verbindung.

Wien – Budapest Keleti.
Straßenbahn oder Taxi zum Bahnhof Budapest Zugló.
Budapest Zugló – Szolnok.
Szolnok – Bekescaba.
Bekescaba – Szeged.
Szeged – Subotica.
Subotica – Beograd Centar.
Das ist nicht ganz die Direktverbindung zwischen Wien und Beograd, die Ende vorigen Jahres versprochen wurde.
Seit spätestens Ende März sollte man in sechs Stunden zwischen den zwei Städten fahren können.
Der Schnellzug hat ganz offenkundig mindestens einen Monat Verspätung.
Angeblich soll sich das irgendwie irgendwann in den nächsten Wochen ändern.
Die Anzeichen sind nicht gerade vielversprechend
Bei der serbischen staatlichen Bahngesellschaft Srbijavoz könnte man eine Fahrtkarte aus oder nach Wien zum aktuellen Zeitpunkt gar nicht buchen. Egal in welcher Schreibweise.
Das ist zumindest kein positives Anzeichen, dass die lang versprochene und lang erwartete Schnellverbindung bald kommt.
Das ist gelinde gesagt seltsam.
Eine schnelle Direktverbindung zwischen Beograd und dem Westen war und ist eines der größten Prestigeprojekte von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und seiner Regierungspartei SNS.
Dem Projekt und seinem schnellen Bau war alles untergeordnet worden.
Zehn Jahre lang hatte die serbische Regierung an der Hochleistungsstrecke durch die Vojvodina bauen lassen. Zehn Jahre lang war der Zugverkehr zwischen Ungarn und Serbien dem Projekt geopfert worden. Sie ist wichtigste internationale Eisenbahnverbindungen für das Land.
Der tragische Hintergrund des Projekts
Mit dem politischen Druck für das Projekt steht auch die Tragödie von Novi Sad vom 1. November 2024 in Verbindung.
Das frisch renovierte Vordach des frisch renovierten Bahnhofs der Hauptstadt der Vojvodina stürzte ein. Die Trümmer erschlugen 16 Menschen.
Die Massenproteste nach der Katastrophe dominieren das öffentliche und politische Leben Serbiens seit eineinhalb Jahren.
Der Bahnhof von Novi Sad ist ein wichtiger Knotenpunkt dieser Schnellverbindung. Er war in den Monaten vor der Katastrophe gleich zwei Mal neu eröffnet worden.
Sei es die Katastrophe von Novi Sad, seien es die Massenproteste seitdem – wenn es um den Eisenbahnverkehr geht, sind Serbiens Behörden mittlerweile ostentativ auf Sicherheit bedacht.
Vielleicht ist es diesem Umstand geschuldet, dass der versprochene Schnellzug Wien – Beograd einen Monat Verspätung hat. Obwohl der Tesbetrieb mehrere Monate lang positiv verlaufen sei, wie es von serbischer Seite heißt.
Vielleicht liegt es auch daran, dass der Bahnhof von Novi Sad seit der Katastrophe gesperrt ist. Offenbar traut sich niemand, die strukturelle Sicherheit des Gebäudes untersuchen zu lassen oder gar eine Betriebsgenehmigung zu erteilen.
Züge in Richtung oder zur ungarischen Grenze machen seitdem in Petrovaradin halt. Der Regionalbahnhof liegt in einem Vorort von Novi Sad. Infrastruktur für größere Massen an Zugpassagieren hat er nicht.
Aber, so heißt es, im ersten Halbjahr soll die Direktverbindung zwischen Wien und Beograd wirklich, wirklich, wirklich kommen.
Angeblich kommt eine Zuverbindung zwischen Sarajevo und Zagreb
Auch bei Ankündigungen bleibt es beim vielleicht wichtigsten aktuellen Projekt des öffentlichen Verkehrs in Bosnien.
Vor wenigen Wochen verkündete man, dass zwischen Sarajevo und Zagreb bald wieder Züge fahren sollen. Die Verbindung mit einer Fahrzeit von gut acht Stunden war vor etwa zehn Jahren eingestellt worden.
Die Ankündigung klingt konkret.
Kenner Bosniens bleiben skeptisch.
Das Eisenbahnwesen des Landes liegt darnieder. Es gibt aktuell nur eine einzige internationale Zugverbindung am Tag nach Ploče in Kroatien.
Zwischen den zwei größten Städten Bosniens, Sarajevo und Banja Luka, gibt es keine Zugverbindung mehr. Nicht einmal mit Umsteigen.
Gerade dieser Umstand lässt für Beobachter die Ankündigung einer Verbindung zwischen Zagreb und Sarajevo nicht vollständig glaubwürdig erscheinen.
Banja Luka liegt auf der logischen Strecke zwischend den zwei Städten. Ein Zug von dort nach Sarajevo wurde in den vergangenen Jahren immer wieder angekündigt. Und kam nie.
Das mag politische Gründe haben. Banja Luka ist der Regierungssitz der Republika Srpska (RS), des serbisch dominierten Teilstaates Bosniens. Die Regierung dort blockiert in der Regel Vorhaben, die dem Gesamtstaat Bosnien und Hercegovina zugute kommen, oder dem zweiten Teilstaat, der bosnjakisch-kroatischen Federacija.
Zudem hat Bosnien keine gesamtstaatliche öffentliche Eisenbahn. RS und Federacija haben je ein eigenständiges Unternehmen im öffentlichen Eigentum.
So sehr die Beschäftigten der Unternehmen auch einen funktionierenden Bahnverkehr im ganzen Land anbieten möchten – die Zweiteilung und der massive politische Einfluss machen ihnen das seit 30 Jahren unmöglich.
Aber, was weiß man. Vielleicht wird’s diesmal ja was. In Serbien und in Bosnien. Zu wünschen wäre es beiden.
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