Kaum etwas hat am Sarajevo Film Festival so für Begeisterung bei Kritikern und Publikum gesorgt wie die serbische Doku „Mamula All Inclusive“. In der Regie von Aleksander Reljić behandelt der Film die Folgen des Verkaufs einer montenegrinischen Insel an einen arabischen Investor auf das historische Gedächtnis und die Natur des Landes.
Wo im Zweiten Weltkrieg die italienischen Besatzer Kriegsgefangene, politische Unbequeme und Geiseln festsetzten, folterten, hinrichteten, zahlen heute Touristen bis zu 3.800 Euro pro Nacht.
„A UNESCO World Heritage Site in the Adriatic Sea, Mamula Island is a carefully restored 19th century fort“, preisen die Betreiber den Aufenthalt an.
Und erwähnen besonders die feine Kultur und die Wellnessangebote, die man im Spa des luxuriösen Spas buchen kann.
Was im Zweiten Weltkrieg hier passierte, verschweigen die Betreiber auf der Homepage.
KZ-Zellen zu Hotelzimmern umgebaut
Ivo Marković hatte keine so schönen Erlebnisse, als er Zeit auf Mamula verbrachte.
Acht Jahre war er, als ihn Benito Mussolinis Schergen auf die Insel in der Bucht von Kotor vor Herceg Novi brachten.
Er war einer der Gefolterten und Gequälten. Heute zählt der vor wenigen Jahren Verstorbene dank Samih Sawiris zu den Ausgelöschten.
Sawiris hat die Insel Mamula von der montenegrinischen Regierung für einen Bettel gepachtet und im ehemaligen Lager ein Luxusressort errichtet.
In der Zelle, in der Ivo eingesperrt war, schlafen seit April Gäste um teures Geld.

Eine kleine Gedenktafel als Alibi
Lediglich eine kleine Gedenktafel erinnert an das italienische und später deutsche Konzentrationslager auf der Adriainsel.
Enthüllt wurde sie im September 2022.
Ivos Nachkommen und ein paar andere hatte Samih Sawiris höflichkeitshalber zu der Zeremonie eingeladen.

Regisseur Aleksander Reljić, Kameramann Zlatko Zlatković und Produzent Dragan Gmizić aus Novi Sad drehten damals die letzte Szene für ihre Dokumentation „Mamula All Inclusive“.
„Es war eine bizarre Situation“, beschreibt Aleksandar.
Seit 2017 hat er an der Doku gearbeitet, begleitete jahrelang Ivo auf seinen Besuchen auf der Insel, bei seinen Versuchen, die Erinnerung an das KZ in der Adria aufrechtzuerhalten.

Dokumentierte den Kampf gegen die Entscheidung der montenegrinischen Regierung, die historische Gedenkstätte zu privatisieren – und mit ihr eine jahrtausendealte Brutkolonie von Möwen.
Fertig wurde die Doku erst wenige Tage vor dem Sarajevo Film Festival, wo sie ihre Weltpremiere gefeiert hat.
„SFF hat mit seiner Programmierung extra auf uns gewartet“, sagt Aleksandar gegenüber Balkan Stories.
Das allein zeigt, wie wichtig man in Bosnien die Geschichte nimmt.
Entsprechend euphorisch die Reaktionen bei der Premiere des Films, der von Al Jazeera Balkans und dem serbischen Filmzentrum kofinanziert wurde.
Siehe etwa diese Kritik des dänischen Filmkritikers Tue Steen Müller direkt vom SFF.
Die Doku nahm in Sarajevo ihren Ausgang
Dass das Interesse in Sarajevo besonders groß sein würde, lag sicher auch daran, dass der Film in dieser Stadt seinen Ausgang nahm.
Gerade war bekannt geworden, dass die montenegrinische Regierung die KZ-Insel Mamula privatisieren würde, als die Geschichte 2017 am „True Stories Market“ präsentiert wurde.
„True Stories Market“ ist eine Plattform für Filmschaffende, Künstler und Aktivisten, die de facto Teil des SFF ist.
Dort hörte auch Aleksandar das erste Mal von dem gelinde gesagt umstrittetenen Vorhaben in einer Präsentation von Daliborka Uljarević vom Center for Civic Education in Podgorica.
Für den Journalisten war klar: Das ist eine Geschichte. Und jemand muss sie erzählen.
Die Finanzierung des Vorhabens zog sich. Aus Montenegro gab es kein Geld.

Als Jazeera Balkans sprang ein, eine der seltenen Plattformen für kritischen Journalismus und kritische Kunst in der Region.
Das serbische Filmzentrum finanzierte mit, aber bis zuletzt blieb der Film für alle Beteiligten ein hohes finanzielles Risiko.
Das postjugoslawische Erlebnis auf den Punkt gebracht
Dass „Mamula All Inclusive“ bei seiner Weltpremiere so hohe Wellen schlägt, liegt nicht nur daran, dass die Idee für die Doku sozusagen hier geboren wurde.
Es liegt vor allem daran, dass diese Geschichte die allgemeine postjugoslawische Erfahrung auf den Punkt bringt.
Kapitalistische Restauration und blutiger Zerfall des Landes zerstörten nicht nur auf der KZ-Insel Mamula Geschichte, Natur oder Kultur dank willfähriger Behörden und Politiker, die sich dem Willen fragwürdiger Investoren beugten.
In Beograd wurde das halbe, historische, Savamala-Viertel für das ähnlich obszöne Luxusprojekt Belgrade Waterfront abgerissen und man zerschlug einen guten Teil der serbischen Bahninfrastruktur für das Projekt.
Am Trebević über Sarajevo entsteht ein gigantisches Apartment-Hotel von ähnlicher ästhetischer Fragwürdigkeit wie die Belgrade Waterfront – und zerstört ein beliebtes Naherholungsgebiet der bosnischen Hauptstadt.
Neue Wohnhausanlagen verstellen den Strand von Budva in Montenegro. Die Wohnungen gehören einem guten Teil wohlhabenden Russen und Ukrainern, die sich hier in den vergangenen 15 Jahren eingekauft haben.
Die Liste ließe sich endlos lange fortsetzen.
Nach Jugoslawien die Sintflut, könnte man die Annäherungsweise der Verantwortlichen in der gesamten Region beschreiben.
Nicht immer muss man davon ausgehen, dass die Rücksichtslosigkeit, mit der lokale Politik und lokale Behörden solche Projekte genehmigten, für die Investoren kostenlos war.
Regisseur rechnet mit starken Reaktionen
Kaum jemand, der mit wachen Augen durch die Region geht, kann sich nicht mit der Geschichte identifizieren, die „Mamula All Inclusive“ erzählt.

So pointiert ist sie freilich vielleicht noch nie geschildert worden.
„Der Film zeigt Dinge, die nicht zusammengehen sollten“, sagt Regisseur Aleksander Reljić.
Die nächsten Stationen der Doku werden das Free Zone Film Festival in Serbien im November und das Fast Forward Film Festival ab 10. Dezember in Montenegro sein.
„Ich gehe davon aus, dass die Reaktionen ähnlich stark sein werden“, zeigt sich Aleksander zuversichtlich. Am stärksten voraussichtlich in Montenegro.
Den – wohl berechtigten – Optimismus gibt ihm nicht nur äußerst positive Reaktion von Publikum und Kritik am SFF.
Kurz vor der Premiere hat er Teile des Films bei einer Diskussion in Kotor in Montenegro vorgestellt – der Stadt, die der Bucht ihren Namen gegeben hat, in der die KZ-Insel Mamula liegt.
„Es war eine sehr emotionale Diskussion“, erzählt Aleksandar.
Einer breiten Öffentlichkeit wird die gefeierte Doku auf Al Jazeera Balkans zugänglich.
Ein Termin für die Erstausstrahlung steht nicht fest.
Titelfoto: Die KZ-Insel Mamula vom Festland aus gesehen. Bild: Aleksander Reljić
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