Beograds Bürgermeister Aleksandar Šapić will Titos Leichnam vom Muzej Jugoslavije nach Kumrovec in Kroatien umbetten lassen – und das Muzej Jugoslavije in Serbiens Hauptstadt schließen. Das beschert dem Museum und Titos Grabmal einen Besucherstrom. Teil 2 einer Reportagereihe.
Jasna beugt sich zu einer der Rosen im Park der Kuća cveća und riecht intensiv an der Blume.
„Schau mal, wie herrlich das durftet! Riech doch mal“, sagt sie zu mir.
Sie hat mich instinktiv auf Deutsch angesprochen, mit distinkt bundesdeutschem Akzent.
Davor hat sie mich vielleicht eine Sekunde lang gesehen.
Was soll ich auch sonst für eine Muttersprache haben? Einem Einheimischen reicht da ein kurzer Blick.
Jasna ist ein Gastarbeiterkind. Geboren in Sindelfingen in Deutschland, aufgewachsen in Derventa in Bosnien, zurück nach Deutschland mit 16.
Gemeinsam mit ihrem Bruder besucht sie die Eltern in Derventa und macht an diesem Sonntag im Mai einen Ausflug ins Muzej Jugoslavije und die Kuća cveća mit Titos Grabmal.

„Ich hab gehört, sie wollen das Grab von Tito hier auflösen und ihn nach Kumrovec umbetten“, sagt Jasna. „Wir sind heute da, um Titos Grab noch ein letztes
Mal zu sehen“.
Jasna, ihr Bruder und die Eltern sind nicht die Einzigen, die es heute hierherzieht.

So voll wie an diesem Sonntag hab ich das Muzej Jugoslavije noch nie gesehen.
Heute steht man für einen Kaffee in der kleinen Cafeteria Schlange. „Seit ungefähr zehn Jahren geht es steil aufwärts“, erzählt mir eine Angestellte des Museums, die Souvenirs verkauft. „So viele wie heuer waren es aber noch nie“.
Das liegt sicher auch daran, dass Umbau des Hauptmuseums nach mehreren Jahren abgeschlossen ist und das Museum wieder seine spannenden Dauerausstellungen präsentieren kann.

Im Haus des Igels
Aktuell ist das etwa die Ausstellung Ježeva kućica – Izmišljanje boljeg sveta. Das Haus des Igels – die Erfindung einer besseren Welt.
Sie hat das bekannteste Gedicht von Branko Ćopić zum Thema. In Jugoslawien war es eines der meistgelesenen Kinderbücher und ist bis heute populär.
Gemeinsam mit den Schwestermuseen in Zagreb und in Sarajevo wie etwa dem Historischen Museum Bosniens und der Hercegovina hat das Team des Muzej Jugoslavije Kinder aus Serbien, Kroatien und Bosnien animiert, sich mit Ćopićs Buch auseinanderzusetzen, und damit, wie sich seine Botschaft ins Heute übertragen lässt.





Die künstlerischen Entwürfe der Kinder hat man im ersten Stock des Hauptmuseums umgesetzt. Die Schau zeigt, wie sehr der jugoslawische Klassiker Ježeva kućica bis heute Kinder anspricht und in ihnen Gefühle wie Solidarität erweckt.
Ein kluges Konzept, das aus dem Erbe Jugoslawiens neue Hoffnung schöpfen lässt. Vorwärtsgerichtete Jugonostalgie, sozusagen.
Die Ausstellung ist gut besucht.
Dass so viele Menschen heute hier sind, hat freilich weitgehend andere Gründe. Zum einen gibt es einen langsamen und stetigen Aufwärtstrend beim positiven Bezug auf das untergegangene Jugoslawien.

Beograds Bürgermeister will das Museum schließen
Zum anderen werden die Widerstände gegen jegliche positive Erinnerung an den Staat immer lauter. In Kroatien und Serbien wird die Geschichte in Schulbüchern und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nach nationalistisch-revisionistischen Geschichtspunkten umgeschrieben – vor allem die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Jugoslawien.
Das gipfelte Ende des Vorjahres damit, dass der Četnik-Führer im Zweiten Weltkrieg, Draža Mihailović, in Beograd ein eigenes Museum erhielt.
Dem setzte im Wahlkampf für den Beograder Gemeinderat Bürgermeister Aleksandar Šapić von der klerikalnationalistischen Partei SNS von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić eins drauf.
Er kündigte an, dass er die sterblichen Überreste Titos in dessen Geburtsort Kumrovec in Kroatien verlegen lassen will. Das Muzej Jugoslavije soll außerdem geschlossen werden. Seiner statt soll es ein Museum für serbische Geschichte geben.

Šapić kündigte vor der Wahl an, dass er sein „technisches Mandat“ nutzen werde, um diese Pläne durchzusetzen.
Für ein solches Mandat hat er keine verfassungsmäßige Zuständigkeit. Das Muzej Jugoslavije untersteht dem Kulturministerium Serbiens, nicht der Stadt Beograd.
Es ist nicht der erste einschlägige Vorschlag, der von einem prominenten Beograder Kommunalpolitiker der SNS kommt. Vor vier Jahren forderte der damalige Vizebürgermeister Goran Vesić, alle Straßen und Plätze in der serbischen Hauptstadt umzubenennen, deren Name an das ehemalige Jugoslawien erinnert.
Aus dem Plan wurde nichts.
Aus Vesić wurde der Infrastrukturminister Serbiens. Mit einem gelinde gesagt nicht immer glücklichen Händchen für historische Gedenkstätten.
Der Protest der normalen Leute
Nicht nur die Familie aus Derventa ist heute hier, um Titos möglicherweise zum letzten Mal an seinem Grab gedenken zu können.

„Vielleicht schaff ich es nie wieder, Tito zu sehen“, sagt ein Besucher mit serbischem Akzent. „Man weiß ja nicht, was diese Revisionisten machen. Deswegen bin ich heute hier.“
Wie viele Besucher lässt er sich vor einer der Kopien der berühmten Tito-Statue von
Antun Augustinčić fotografieren.
Er ist nicht der Einzige, der sich so äußert.
Diesen Besuchern geht es auch um viel mehr als den Gründer und langjährigen Staatschef des sozialistischen Jugoslawien.
Es geht ihnen um die Erinnerung an den untergegangenen Staat selbst.

Dieser habe seine positiven Seiten gehabt, erinnert sich ein Besucher. Etwa die soziale Absicherung und die Mitspracherechte am Arbeitsplatz.
„Meine Mutter hat in einer Bank gearbeitet“, erzählt er. „Den Filialleiter haben die Angestellten gewählt, und der konnte da nicht einfach schalten und walten, wie er wollte.“

In vielen Punkten mag die Nostalgie für das sozialistische Jugoslawien auch aus der Erfahrung des blutigen Zerfalls stammen und an dem wirtschaftlichen und politischen Chaos, das daraus entstand – und bis heute nicht überwunden ist.
„Es war keine Demokratie, wie ich sie später in Deutschland erlebt habe, aber es war auch viel Gutes hier. Du konntest in jedem Wald schlafen, und dir ist nichts passiert. Wo kannst du das heute noch – vor allem hier?“, erinnert sich Jasna.
„Ich hab in der Schule nicht gewusst, was ein Serbe ist, oder was ein Kroate oder ein Muslim. Das hat uns alles nicht interessiert. Heute geht es hier um fast nichts mehr Anderes“, ergänzt ihr Bruder.
Und es wirkt, als würden die Pläne des Beograder Bürgermeisters, Tito loszuwerden, diese Erinnerungen und die Sympathien für Tito erst recht befeuern und die Menschen in Scharen hierherkommen zu lassen.
Aleksandar Šapićs revisionistische Träumereien waren offenbar eine paradoxe Intervention. Wenn auch ungewollt.
Muzej Jugoslavije ist auch bei Touristen beliebt
Die vielen westlichen Touristen hier kriegen diese innerserbischen und inner-exjugoslawischen Debatten nicht mit. Heute sind es vor allem Deutsche und Chinesen.
Sie interessieren sich für den untergegangenen Staat Jugoslawien und seinen langjährigen Präsidenten, wenngleich aus unterschiedlichen Perspektiven.
Für die Chinesen ist Jugoslawien ein radikal anderes Konzept des Sozialismus als China – wenngleich sich beide Staaten zumindest zeitweise auf ähnliche Weise ökonomisch durchgewurschtelt haben.
Wie China heute in wesentlich größeren Ausmaß hatte Jugoslawien seine Joint Ventures mit westlichen Großkonzernen und ließ etliche seiner offiziell selbstverwalteten Fabriken für den kapitalistischen Westen produzieren.
Die allermeisten deutschen Besucher interpretieren Jugoslawien durch ihren westlichen Blick auf die untergegangene DDR, gemildert durch positive Urlaubserinnerungen aus der Kindheit.
Wenn sie wüssten, dass Tito bis heute täglich Briefe bekommt?
Und welche Gefühle wohl viele haben mögen, wenn sie daran denken, dass hier die vorläufig letzte Ruhestätte eines sozialistischen Staatschefs ist? Finden sie es bizarr oder sehen sie es mit Sympathie? Denken sie an Erich Honecker oder an Willy Brandt? Oder gar an Lenin – was den allermeisten BRD-Gebürtigen wohl kalte Schauer über den Rücken liefen ließe.
Ich habe heute keine Zeit, diese Fragen zu stellen.
Kommen tun sie trotzdem, und mittlerweile in Scharen.
Das macht das Muzej Jugoslavije zu einer der touristischen Hauptattraktionen der Hauptstadt Serbiens und des untergegangenen Jugoslawien.
Titos Grab zu verlegen und hier ein Museum für serbische Geschichte nach revisionistisch-nationalistischer Lesart zu machen, würde dem eher nicht guttun.

Zu Teil 1 dieser Reportagereihe über den Aufschwung der Jugonostalgie geht es hier.
Ausgangspunkt dieser Reportagereihe ist eine Reportage, die ich für das Wiener Dijaspora-Magazin KOSMO geschrieben habe. Die könnt ihr hier nachlesen – ab Seite 22 in Übersetzung und ab Seite 54 auf Deutsch.
Online lässt sich das umfangreiche Material ausführlicher bearbeiten als das in einer vierseitigen Magazin-Reportage möglich ist. KOSMO, das auch Kooperationspartner von Balkan Stories ist, wird diese Reportagen ebenfalls online übernehmen.
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