Ausstellungsstücke der Band Idoli im Ex YU Rock Centar Sarajevo

Die Bewahrer des Erbes

Heute ist Dan Republike – vor genau 80 Jahren wurde Jugoslawien in Jajce neu gegründet. Seit seinem blutigen Zerfall wird es häufig diskreditiert. Die Erinnerungen an seine Errungenschaften verblassen. Ein Teil seines kulturellen Erbes wird freilich immer noch hochgehalten. Bewahrt wird es in Sarajevo.

„Schau, was meine Schwester gebracht hat“. Igor Mišić strahlt übers ganze Gesicht.

Er hält Freddy Lindsay zwei Konzertkarten in einer Plastikhülle entgegen.

„Wow“, sagt Freddy. „Das ist großartig“.

Die Karten sind vom 25. Dezember 1981, für ein Konzert der Beograder Band Idoli im SKC in Beograd.

„Wir haben zu Idoli auch gerade eine Sonderausstellung laufen“, sagt Freddy.

Die hat Petar Janjatov mitorganisiert, allgemein anerkannt als die Autorität in Sachen YU-Rock schlechthin.

In Sarajevo hat die Band in ihrer vierjährigen Geschichte soweit eruierbar nur ein Konzert gehalten – im Februar 1981 in Skenderija.

Das war nur wenige Meter von dem Raum entfernt, in dem wir uns gerade aufhalten.

Wir sind im (Ex) YU Rock Centar, einem jungen Museum im Zentrum Sarajevos, im Dom Mladih. Es ist das einzige seiner Art im gesamten ehemaligen Jugoslawien.

Gegründet vor genau einem Jahr, am 29. November 2022 – am Dan Republike.

Ein passendes Zusammenfallen.

Der Mut zur Auswahl

Wie die Mehrzahl kultureller Initiativen in der Region ist das Ex YU Rock Centar Privatinitiative. Getragen von einer Handvoll Leute aus Sarajevo wie Igor und Sabina Pašić-Šutalo und Expats rund um Will Richard und Valery Perry, die YU Rock als anhaltende eigenständige kulturelle Größe begreifen.

Freddy gehört interessanterweise nicht zu letzteren. Er ist waschechter Sarajlija, mit australischem Vater. So klingt er auch, wenn er Englisch spricht.

„Wir lieben YU Rock, und wir möchten mithelfen, ihm den kulturellen und historischen Stellenwert zu geben, den er verdient“, sagt Freddy.

Das ist bei einem so vielfältigen Phänomen wie dem genuin jugoslawischen Rock nicht immer so einfach, wie man sich das als Museumsbetreiber wünschen würde.

392 engbeschriebene Seiten etwa hat die jüngste Ausgabe von Petar Janjatovićs YU Rock Enciklopedija.

Das ließe sich vielleicht darstellen, wenn das EX YU Rock Centar den gesamten Dom Mladih zur Verfügung hätte. Selbst dann wäre es zweifelhaft, dass der Platz ausreicht.

Hier braucht man Mut zur Auswahl. Die Betreiber haben ihn.

YU Rock auch kommerziell enorm erfolgreich

Die Rockszene Jugoslawiens konnte künstlerisch locker mithalten mit Westeuropa, und kommerziell sowieso. Jahrzehntelang.

„Was viele Leute außerhalb des ehemaligen Jugoslawiens und auch in der Region nicht wissen, ist, wie irre hoch der Marktanteil der Bands war“, erzählt Freddy. „Von zahlreichen Alben wurden hunderttausende Stück verkauft, und das bei einer Bevölkerung von nur 20 Millionen Menschen. In der Hinsicht war das wesentlich erfolgreicher als die allermeisten legendären Bands im Westen.“

Eine Band hielt sogar zwölf Jahre lang den Rekord für das meistbesuchte bezahlte Konzert aller Zeiten.

Bijelo Dugme verkaufte für den Gig der Revival-Tour im Hipodrom Beograd 220.000 Karten. Das war 2005, 15 Jahre, nachdem sich die Band aufgelöst hatte.

Den Rekord stellte erst 2017 Vasco Rossi in Modena ein.

Schon davor hatte die Band in Hajdučka česma in Beograd den jugoslawischen Rekord aufgestellt, mit bis zu 100.000 Besuchern. Das war 1978. Möglicherweise schon damals Weltrekord.

Sie nennen ihn nur „der Sänger“

Den Anfang den Rock-Booms in Jugoslawien machte eine Band, mit der auch die permanente Ausstellung des Ex YU Rock Centar beginnt: Indexi aus Sarajevo.

Sie war vielleicht keine Rockband im engeren Sinn – aber als erste Band mit „westlichen“ Musikstilen in Jugoslawien richtig und überall erfolgreich.

Und bereitete so den Boden für die Nachfolger auf.

Zu verdanken war das nicht zuletzt ihrem Leadsänger Davorin Popović. Bis heute hat der 2001 tragisch jung verstorbene Sänger in Sarajevo einen Ehrentitel: Pjevač. Der Sänger.

“Wenn du in dieser Stadt nur dieses Wort sagst, weiß jeder, wer gemeint ist”, schildert Freddy.

„Wir sind sehr stolz, dass wir hier unter anderem einen Anzug haben, den Davorin auf seinen Konzerten getragen hat“, erzählt Freddy. „Den hat uns sein Sohn als Leihgabe gegeben.“

Exponate von Musikfans und Stars

Hunderte solcher Leihgaben füllen die Schaukästen des Museums. Konzerttickets, meist gespendet von ehemaligen Besuchern aus dem gesamten ehemaligen Jugoslawien, Kassetten, LPs, Kassetten, Instrumente und Kleidungsstücke der Stars wie Jacketts, Hüte oder Schuhe.

Eine eigene Installation bekommen hat eine legendäre Band aus Sarajevo: Zabranjeno pušenje, die bekannteste Vertreterin des Novi Primitivizam.

„Wir haben hier das Cover des Albums Dok čekaš sabah sa šejtanom nachgestellt“, sagt Freddy.

Original mit historischen Flaschen Sarajevsko, aufgetrieben von wer weiß wo.

Zabranjeno pušenje war eine der Bands, die auch im kulturell äußerst liberalen Jugoslawien ständig aneckte.

Siehe und höre etwa ihr bekanntestes Lied, Zenica Blues – übrigens eine äußerst originelle Cover-Version von San Quentin von Johnny Cash.

Auch keine Freunde machte sich die Band mit einem Song, der heute wohl besonders oft gespielt wird.

Danas je Dan Republike.

Für Aufsehen sorgt die Band bis heute – auch wenn und gerade weil sie sich 1994 wegen des Bosnienkriegs aufspaltete.

Ein Teil der Band rund um Nenad Janković und Emir Kusturica ging nach Beograd und gründete dort das No Smoking Orchestra. Das ritt bald wie Emir Kusturica die serbisch-nationalistische Welle.

Davor Sučić alias Sejo Sexon blieb in Sarajevo und führte fortan den Rest der Band an. Bis heute heißt sie Zabranjeno pušenje.

Viel Platz gibt es auch für die Novi Primitizam Schwesterband Plavi Orkestar.

Sie war sound- und lookmäßig deutlich mehr in die 80-er integriert als das bei Zabranjeno pušenje der Fall war.

Als Dino wie Roberto aussah

Einige der Exponate führen auch zu den Anfängen der Karriere von Dino Merlin. In den 1980-ern war er Leadsänger der Band Merlin. Ohne Bart sah er damals aus wie Robert Benigni.

Nicht nur die goldenen Zeiten der gemeinsamen Rock-Szene im ehemaligen Jugoslawien sind hier präsent.

Einen eigenen Schaukasten etwa hat eine Band, deren große Zeit Jahrzehnte nach ihrer Gründung begann – deren Anfänge aber mit den Spannungen kurz vor dem Ausbruch des Kriegs in Bosnien zusammenfallen: Letu štuke.

Die Plakate der Tour „Major“ Ende 1991/Anfang 1992 nehmen im Rückblick die Geschehnisse vorweg.

„Natürlich liegt unser Schwerpunkt auf bosnischen Rockbands, und hier vor allem auf Bands aus Sarajevo“, erklärt Freddy. „Sarajevo war vor allem in den 70-ern und 80-ern sozusagen die musikalische Hauptstadt Jugoslawiens. Es ist unglaublich, wie viele heute noch bekannte Bands von hier kommen, und wie viele Lokale, Clubs und Konzertsäle es hier gab, mit all den vielfältigen Auftrittsmöglichkeiten.“

Ein großer Teil dieser Locations ist heute verschwunden. Etliche existieren aber noch.

Konzertkarten, Fotos und Zeitungsausschnitte erinnern in den Schaukästen des Ex YU Rock Centar auch an Auftritte bekannter Bands und Sänger aus anderen Teilen Jugoslawiens in Sarajevo, etwa der Punkband KUD Idijoti aus Pula oder Rambo Amadeus.

Genauso wie es einige der Bands noch gibt, die in den 80-ern aktiv waren.

Gehört werden die meisten der Songs bis heute.

Mehr als Bijelo Dugme

Die Songs keiner jugoslawischen Rockband werden so häufig gespielt wie die von Bijelo Dugme.

Die Band bekommt auch hier ihren Platz. Einen überraschend kleinen, wenn man den überragenden kommerziellen und popkulturellen Einfluss von Bijelo Dugme bedenkt – der weit über das ehemalige Jugoslawien hinausreicht, wie DIESE Geschichte zeigt.

Aber hier sind alle gleich, und das Ex YU Rock Centar will mehr sein als ein Bijelo Dugme-Schrein.

Es will den YU Rock in der Breite und Tiefe darstellen, die der vorhandene Raum in einem Flügel des Erdgeschoss des Dom Mladhih zulässt.

Auch Gruppen wie Bombaj Štampa oder Sänger wie Elvis J. Kurtović verdienen ihren Platz in der Ausstellung und in der kulturellen Erinnerung.

Von Crvena Jabuka ganz zu schweigen.

Die Band ist bis heute von Zagreb aus aktiv – wie jede wahre YU Rock-Band in allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens.

Das Gemeinsame, das es noch gibt

YU Rock schafft über alle Grenzen hinweg ein Gefühl der Gemeinsamkeit. Auch bei Menschen, die geboren wurden, als es Jugoslawien nicht mehr gab.

Und auch bei Menschen, die seit Jahrzehnten Dijaspora sind oder schon im Ausland geboren wurden.

Bis heute gibt es diese gemeinsame Musikszene.

Junge Bands haben längst das Erbe der alten Legenden angetreten. Und sind zum Teil selbst schon legendär geworden.

Etwa Zoster, SARS und Dubioza Kolektiv.

Jugoslawien mag es nicht mehr geben. Sein Rock lebt und gedeiht.

Er ist das Erbe dieses Staates. Ein Erbe, das in diesem Museum in Sarajevo bewahrt wird.

Fotografisch hat sich Blagoja Borislav Pešić mit seinem Monumentalwerk Long Play mit dem Phänomen YU Rock auseinandergesetzt und die wichtigsten lebenden Musiker abgelichtet. Das Werk gilt neben der (Ex) YU Rock Enciklopedija als das Standardbuch zum jugoslawischen Rock.

Wie Jugoslawien am 29. November 1943 mitten im Zweiten Weltkrieg neu gegründet wurde, könnt ihr HIER nachlesen.

Warum der Dan Republike für viele Menschen bis heute relevant ist, lest ihr HIER.

Wie vielfältig und widersprüchlich in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens mit den Symbolen des ehemaligen Staates umgegangen wird, erfahrt ihr unter anderem HIER.

Wie sehr das Erbe Jugoslawiens bis heute eine westserbische Stadt prägt, könnt ihr in DIESER Fotoreportage sehen.

Wie Nationalisten auf das Gedenken an die Neugründung Jugoslawiens reagieren, erfahrt ihr HIER und HIER.

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2 Gedanken zu “Die Bewahrer des Erbes

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