Kosovarischer Soldat mit einem Abzeichen Großalbaniens

Für welches Vaterland sterben?

Die kosovarische Regierung und weite Teile der Bevölkerung haben am Sonntag den Tag der kosovarischen Streitkräfte gefeiert. Einige Soldaten geben auf ihren Uniformen und Waffen ganz offen großalbanischen Träumen Ausdruck.

Der Soldat auf dem Titelbild trägt ein Kartonsymbol mit den Umrissen Großalbaniens.

„Stolz auf dich!“ steht darauf.

Es ist ein kosovarischer Soldat bei einer offiziellen Zeremonie des Kosovo, seiner Regierung, und seiner Streitkräfte.

Es ist der Ditën e Forcës, der Tag der Streitkräfte, der im Kosovo traditionell am 27. November begangen wird.

Er ist nicht der Einzige, der offen von Großalbanien träumt.

Mindestens drei Soldaten tragen an diesem Tag das gleiche Abzeichen an der Uniform oder haben es an einem Scharfschützengewehr befestigt.

Das ergibt eine Fotorecherche von Balkan Stories via Google.

All diese Fotos wurden in kosovarischen Medien veröffentlicht. Siehe HIER (Bild Nr. 19), HIER (vorletztes Foto) und HIER.

Keiner der Berichte hält es auch nur für erwähnenswert, dass kosovarische Soldaten auf einer offiziellen Veranstaltung der Forca e Sigurisë së Kosovës (FSK, kosovarische Streitkräfte, Anm.) und des kosovarischen Staates albanische Gebietsansprüche auf vier europäische Staaten geltend machen.

Großalbanien, das ist Albanien, der Kosovo, beinahe halb Montenegro, mehr als die Hälfte Mazedoniens, Teile Nordgriechenlands einschließlich Korfus und weite Teile Südserbiens.

Gebietsansprüche, formuliert von Menschen mit Waffen in der Hand.

Kosovarische Fahnen sind kaum zu sehen auf den Fotos

Diese Fotos sind klare Ausnahmen. Es dürften nur wenige Soldaten diese Abzeichen getragen haben.

Aber diese Fotos sind weniger seltene Ausnahmen als Fotos der gleichen Parade mit kosovarischen Fahnen. Obwohl offenbar die Aufmarschstraße – wahrscheinlich der Bulevar Nene Terese – durchaus mit kosovarischen Fahnen geschmückt war. Das freilich sieht man auf einem einzigen Foto von gestern.

Die kosovarischen Bürger, die der Parade zusahen, schwenkten fast ausschließlich die Fahnen Albaniens (siehe etwa HIER). Ein Umstand, der Tradition hat.

Einigen Kindern drückte man noch die Fahnen der kosovarischen Streitkräfte in die Hand. Die sind im gleichen Rot gehalten wie die albanische Fahne. Statt des schwarzen albanischen Doppeladlers haben sie das Logo der FSK.

Was sagt Vjosa Osmani, Präsidentin des Kosovo bei dieser Parade?

„Ich bin davon überzeugt, dass jeder einzelne Soldat diese Uniform mit großem Stolz trägt und bereit ist, bei Bedarf sein Leben für das Vaterland zu geben“.

Für welches Vaterland bitte?

Diese Frage muss angesichts der Bilder erlaubt sein.

Es ist unwahrscheinlich aber nicht unmöglich, dass Osmani die großalbanischen Abzeichen nicht gesehen hat.

Dass ein Großteil ihrer Landsleute die Fahnen des Vaterlands von jemand anderem geschwenkt hat, das kann ihr nicht entgangen sein.

Das Ausland schweigt

Man mag einwenden, ethnische Albaner hätten mehrheitlich einen Fetisch für ihre Fahne. Der Einwand ist berechtigt – löst aber das Problem nicht auf.

Albanischer Nationalismus ist weit verbreitet und wird in der Gesellschaft mindestens so akzeptiert wie Nationalismus etwa in Serbien.

Nur: Wenn bei ähnlichen Anlässen großserbische Fantasien geäußert werden, gibt es im westlichen Ausland wenn nicht einen Aufschrei so doch deutliche Kritik.

Es wäre undenkbar, dass serbische Soldaten bei einer Parade Abzeichen mit den Umrissen Großserbiens mit oder ohne Montenegro an ihren Uniformen anbringen, und nicht mehrere Botschafter am nächsten Tag protestieren würden – völlig zu Recht.

Das heißt nicht, dass es nicht serbische oder republikaserbische Soldaten gibt, die genauso großnational denken wie ihre Kollegen im Kosovo. Sie müssen nur etwas vorsichtiger sein bei Paraden.

Einzig bei Albanern tut man im Ausland so, als hätte man es nicht gesehen.

Das hat etwas zutiefst Unehrliches – und Herablassendes.

Es zeigt, dass man im Westen Albaner zu einem erheblichen Teil als Edle Wilde sieht, die ihre Aufwallungen nicht unter Kontrolle bringen können.

Die Albaner, die sind halt so, da kann man nichts machen.

Als ob alle Albaner verbohrte Nationalisten wären, die sich am liebsten halbe Nachbarländer einverleiben würden.

Warum es wichtig ist, hier Aufklärung zu fordern

Denen, die nichts am Hut haben mit der Sache, und die am liebsten gut auskommen würden mit ihren Nachbarn, fällt man mit dem Schweigen in den Rücken.

Umgekehrt stärkt es die Nationalisten in anderen Balkanstaaten, wenn die EU und ihre Mitgliedsländer und die USA großalbanische Anwandlungen bei offiziellen Anlässen einfach ignorieren.

Warum, so denken sich nicht wenige, dürfen die und wir dürfen nicht?

Schweigen wird als Zustimmung interpretiert. Da braucht man sich nichts vormachen.

Ob es stimmt oder nicht, ist einerlei.

Es würde normale Menschen in der gesamten Region unterstützen, wenn zumindest die eine oder andere Regierung in der EU eine gewisse Irritation ob der großalbanischen Abzeichen ausdrücken würde.

Menschen, die die Schnauze voll haben von Korruption, Nepotismus, Nationalismus, von Gängelei, von Angst und Misstrauen.

Menschen, die ein Leben mit Perspektiven haben wollen, für sich und ihre Kinder. Menschen, die mit ihren Nachbarn gut auskommen wollen.

Menschen, die einander zum Dan Republike gratulieren, zum Dita e Flamurit, zu beiden Weihnachten und zu Bajram gratulieren und miteinander eine Rakija trinken.

Davon gibt’s viele am Balkan.

Sie brauchen jede Unterstützung, die sie kriegen können.


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