A luta continua: Von Niš bis Wien

Am Sonntag hat die serbische Protestbewegung für eine neue Massendemonstration in Niš mobilisiert. Auch in Wien gingen Serben und Sympathisanten aus Solidarität mit den serbischen Massenprotesten auf die Straße.

„Der Staat sind wir“.

Die Parole der Demonstration in Niš mit augenscheinlich deutlich mehr als 10.000 Teilnehmern zeigt, dass die Massenprotestbewegung in Serbien nicht daran denkt, kleinbeizugeben.

Sie fordern vorgezogene Neuwahlen, sehen das politische System Serbiens delegitimiert.

Auch nach beinahe eineinhalb Jahren auf der Straße schaffen es die Studenten des Landes, größere Mengen für Massenkundgebungen zu mobilisieren. Ein Zeichen, wie tief die Unzufriedenheit bei weiten Teilen der Bevölkerung sitzt.

Auch wenn die Massenproteste nach ihrem Höhepunkt vor einem Jahr merklich an Zulauf verloren haben, es gibt keine Anzeichen, dass man kleinbeigeben will. Ausgesessen ist die tiefe politische Krise des Landes für Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und seine Regierungspartei SNS offensichtlich bei weitem nicht.

(Mehr über die Demonstration in Niš könnt ihr unter anderem hier, hier, hier und hier lesen.)

Emotionaler Höhepunkt waren einmal mehr die 16 Schweigeminuten für die 16 Toten von Novi Sad.

Am 1. November 2024 war das frisch renovierte Vordach des frisch renovierten Bahnhofs von Novi Sad eingestürzt. Die Trümmer erschlugen 16 Menschen. Das jüngste Opfer war acht Jahre alt.

Aktivisten sehen Neuwahlen als einzige Lösung

Das tragische Unfall hatte die Massenproteste ausgelöst. Vor allem, dass das serbische Regime vom Präsidenten abwärts zunächst geleugnet hatte, dass das Vordach überhaupt renoviert worden sei, trieb zuerst die Novi Sader und einige Studenten auf die Straße. Zu offensichtlich war, dass beim Bau gepfuscht worden war, zu offensichtlich, dass die SNS das Thema ohne Aufsehen vom Tisch haben wollte.

(Eine Reportage aus Novi Sad aus dem Vorjahr könnt ihr hier lesen.)

Als die Polizei zunächst scharf gegen Studenten vorging, und bekannt wurde, dass einige der Baufirmen eine Nähe zur SNS haben, wurden die lokalen Proteste die größte Protestkundgebung in Europa mindestens seit 1968. Bei der größten Einzeldemonstration am 15. März 2025 in Beograd waren 300.000 Menschen auf der Straße – knapp fünf Prozent der Bevölkerung des Landes.

(Mehr könnt ihr in dieser Reportage lesen.)

Längst geht es bei den Protesten um mehr als den Kampf gegen die alltägliche Korruption im Land – für die die Tragödie von Novi Sad in den Augen Vieler nur das schlimmste aber keineswegs einzige Beispiel ist.

Aktivisten und Unterstützer prangern zahlreiche Missstände an. Etwa das heruntergewirtschaftete Gesundheitssystem des Landes. Einen Ausweg sehen nicht nur die Studenten, die die Proteste seit Ende 2024 organisieren, nur in Neuwahlen.

Sie zeigen keine Anzeichen, dass sie bereit sind, aufzugeben.

Auch Blokada Beč hält die Proteste am Köcheln

Das tun auch die Aktivisten der Gruppe Blokada Beč nicht. Seit Beginn der Massenproteste im Heimatland organisieren in der österreichischen Hauptstadt serbische Studenten regelmäßige Proteste – meist vor der serbischen Botschaft im dritten Wiener Gemeindebezirk.

(Siehe etwa diese Reportage)

Auch am Sonntag trommelte Blokada Beč für eine Solidaritätskundgebung für die Demo in Niš.

Zeitweise nahmen bis zu 100 Menschen an der Protestaktion teil. Forderten erneut, dass die Ermitltungen zur Katastrophe von Novi Sad zügig und unabhängig vorangehen.

Eine Menschenmenge bei einer Demonstration, die durch Absperrungen begrenzt ist. Im Vordergrund stehen Plakate mit verschiedenen Botschaften, während einige Teilnehmer auf das gesprochene Wort achten.
Foto: Danijela Bogdanović

Machten mit ihren Roten Händen klar, wen sie für verantwortlich für die 16 Toten halten.

Forderten den Rest der serbischen Dijaspora in Wien auf, sich hinter die Studenten Serbiens und die Massenprotestbewegung zu stellen.

Wien ist ein hartes Pflaster für serbische Protestbewegungen

Auch hier wurde deutlich, dass der Höhepunkt der Mobilisierung zumindest aktuell überschritten ist. Auch eingedenk der Tatsache, dass Wien ein traditionell hartes Pflaster für Anti-Regierungsproteste ist.

Nicht wenige der 100.000 Serben in der Bundeshauptstadt halten das System Vučić für vielleicht korrupt, aber wirtschaftlich und außenpolitisch erfolgreich. Ihnen imponieren die Autobahnen und sie rechnen Vučić den Hauptverdienst beim steigenden Lebensstandard in Serbien an. Dass es auch in den anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens im vergangenen Jahrzehnt wirtschaftlich bergauf ging, und bei aller ungleichen Verteilung der Lebensstandard in Montenegro, Bosnien, Mazedonien und im Kosovo gestiegen ist, ignorieren sie.

Zwei Polizeibeamte in Uniform stehen vor einer Menschenmenge, während ein Verkehrsschild im Hintergrund sichtbar ist.
Foto: Danijela Bogdanović

Dazu kommt, dass die Gastarbeiter-Generation großteils zu alt ist, um auf die Straße zu gehen. Ihre Kinder und Enkel haben mit Ausnahme von Urlaubserinnerungen und oft genug folkloristisch verbrämten Projektionen kaum eine emotionale Bindung zum Heimatland der Eltern. Was dort politisch passiert, ist ihnen egal.

Was es für Blokada Beč zusätzlich erschwert, ist, dass das österreichische Interesse an den serbischen Massenprotesten merklich nachgelassen hat. Und das war von Beginn an nicht sonderlich ausgeprägt. Das ex-jugoslawische Nachbarschaft ist dem Großteil des linksliberalen und linken Milieus schlicht egal.

(Siehe auch diesen und diesen Beitrag.)

Dennoch schafft es die kleine informelle Organisation, regelmäßig Dutzende Menschen auf die Straße zu bringen, manchmal Hunderte.

(Siehe hier und hier.)

Borba se nastavlja

Die Demonstration vom vergangenen Sonntag wird nicht die letzte gewesen sein, die Blokada Beč organisiert.

Die Aktivisten sind nicht bereit, aufzugeben. Für sie gilt die Parole: A luta continua. Borba se nastavlja. Der Kampf geht weiter.

Mehr über die serbischen Massenproteste könnt ihr hier nachlesen.

Titelfoto: Klaudija Nemček

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