Die Nazis und die Jugos

Beim Prozess gegen eine terroristische Neonaziorganisation bedroht ein Anwalt die Staatsanwaltschaft – und wirft bei der Öffentlichkeit die Frage auf, wie es denn die Nazis mit den Jugos halten und umgekehrt.

Staatsanwaltschaft und Gericht seien mitveranwortlich „für dieses BRD-Regime, wo ständig Frauen vergewaltigt und Leute abgestochen werden“.

„Wir wissen, was Sie getan haben, aber das sollen auch die normalen Bürger wissen. Wer bei so was mitmacht, macht sich mitschuldig. In Ihrer Haut möchte ich nicht stecken.“

Die Staatsanwaltschaft vollziehe „Feindstrafrecht“.

Diese Worte stammen nicht von Adolf Hitler beim Hochverratsprozess nach dem gescheiterten Bürgerbräuputsch vor dem willfährigen Volksgericht in München. Das ließ bekanntermaßen Hitler Reden nach Belieben schwingen und sich zum Star der rechtsradikalen Szene der Weimarer Republik schwadronieren und entschuldigte sich artigst, den so national Gesonnenen zu einer Bagatellstrafe zu verurteilen.

Das Oberlandesgericht Dresden zeigt sich vergleichbar entgegenkommend gegenüber den Angeklagten, die die rechtsradikale terroristische Organisation Sächsische Separatisten gegründet haben sollen, und vor allem gegenüber den offen rechtsradikalen Strafverteidigern der Neonazis, die den Gerichtssaal ebenso für einschlägige Propaganda missbrauchen wie seinerzeit Hitler in München.

So etwas wie moderner Hans Frank aus Sarajevo

Die oben zitierten Aussagen stammen von einem besonders eifrigen Strafverteidiger und bekannten rechtsradikalen Kommunalpolitiker: Dubravko Mandić.

Geboren als bosnischer Kroate in Sarajevo ist er zu so etwas wie einem modernen Hans Frank für aktuelle Neonazis geworden, und zu einer fixen Größe im braunen Sumpf zwischen AfD, Identitären und anderen neofaschistischen und rechtsradikalen Gruppen.

Mandić ist wegen Nötigung und Körperverletzung vorbestraft. Die deutsche Justiz sieht das offenbar nicht als Problem für seine Zulassung als Anwalt. Rechtsradikale haben in der BRD seit jeher Narrenfreiheit. Was sich auch darin zeigt, dass seine offensichtlichen Drohungen gegenüber der Staatsanwaltschaft bislang offenbar keine Konsequenzen hatten.

Man darf zu Mandić öffentlich sagen: „Mandić, du Nazi, verpiss dich“. Zumindest wenn man auf einem Fußballmatch in Deutschland ist, wo er auch anwesend ist. Das fällt dort unter freie Meinungsäußerung, wie ein Gericht urteilte.

In Österreich wäre das nicht anzuraten. Hierzulande ist es anders als in Deutschland grundsätzlich strafbar, Nazi zu sein. Zumindest unter bestimmten Umständen. Da kommt eine auch noch so naheliegende einschlägige Aussage dem Vorwurf einer mit Strafe bewehrten Tat gleich. Das ist heikel.

Mandić‘ offensichtliche politische Haltung und seine Hans Frank-Allüren werfen bei vielen User-Kommentaren die Frage auf: Ja, wie geht denn das! Der Mann ist ja Migrant! Wie kann der nur so dumm sein?

Gerade junge User fragen das, die man schon als mehr oder weniger aktive Antifaschisten bezeichnen kann.

Eine Liebesbeziehung, die unter den Nazis begann

Mandić steht lediglich einer jahrzehntelangen Tradition einer vielleicht seltenen, aber durchaus intensiven Liebesbeziehung von Nazis und rechtsradikalen Südslawen. Besonders zwischen Nazis und Kroaten, aber keineswegs ausschließlich.

Die Nazis erklärten Kroaten nach dem Einmarsch in Jugoslawien 1941 umstandslos zu Ariern. Das galt auch für bosnische Muslime. Die wurden nach kroatisch-nationalistischer Lesart als Kroaten muslimischen Glaubens gesehen.

Die Kroaten waren nach NS-Lesart keine Slawen. Sie waren lediglich ein Volk, das zwangsslawisiert worden war. Kroatische Nationalisten sehen das heute häufig genauso. Siehe etwa dieses Beispiel. Dass hier die angeblichen Belege an genauso langen Haaren herbeigezogen werden wie seinerzeit unter den Nazis – geschenkt.

Die Gründe waren damals weitgehend pragmatisch. Mit den Ustaša und deren „Unabhängigen Staat Kroatien“ (NDH) hatte man getreue und sehr faschistische Verbündete am Balkan. Die konnte man schlecht wie die Untermenschen behandeln, die Slawen ansonsten in den Augen der Nazis waren. Vor allem konnte man sie schlecht bewaffnen.

Problem wegdefiniert, Problem gelöst.

Bei den Bulgaren ging man später ähnlich pragmatisch vor, wenn auch mit anderer Begründung.

Die NS-Rassentheorie war inkohärent genug, um das möglich zu machen.

Anders als einem vorgebliche Antirassisten und Vertreter der Critical Whiteness-Theorie weismachen wollen, war die NS-Ideologie eben nicht der extremste Vertreter von „White Suprematism“. Da ging sich ein Faible für Massai und Japaner ebenso aus wie die Begeisterung für Indien und Albaner, während gleichzeitig der Großteil an Menschen europäischer Abstammung umstandslos zu Untermenschen erklärt wurde, deren Aufgabe es im besten Fall war, den „Ariern“ zu dienen.

In diesem wirren Konstrukt mit vielen Quellen und Interessenpolen waren die einzigen Konstanten ein besonders mörderischer Antisemitismus und ein unversöhnlicher Hass auf Russen, Tschechen und Polen, Massenmorde an diesen Bevölkerungen inklusive.

Etwas schwerer taten sich die Nazis mit den Serben.

Adolf Hitler teilte den Serbenhass, der in seinem Geburtsland Österreich öffentlich gepflegt worden war. Außenministerium und Wehrmacht folgten dem nicht geschlossen.

In Depechen in der Kriegszeit stellen etwa deutsche Diplomaten vereinzelt offen die Frage, ob man sich mit dem NDH nicht die falschen Verbündeten ausgesucht hätte. Die Ustaša und die Kroaten würden nur Chaos stiften. Die Serben hätten eine Tradition der Staatsbildung und seien rassisch besser als Verbündete geeignet.

Es dauerte bis weit in die 1990-er, bis sich das komplizierte Verhältnis zwischen deutschsprachigen Neonazis und serbischen Rechtsradikalen zur gegenseitigen Zufriedenheit klärte.

Zwischen kroatischen Rechtsradikalen und deutschsprachigen Neonazis hörte das Liebesverhältnis nie auf.

Neue gemeinsame Feinde und neue Strategien: Die Öffnung gegenüber den Serben

In Deutschland wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg sogar intensiver. War die BRD doch viel stärker als etwa Österreich Zielland einer Ex-Ustaša-Emigration. Auch die vergleichsweise laxe antifaschistische Gesetzgebung der BRD begünstigte, dass sich kroatische Rechtsradikale den Gleichgesinnten der neuen Heimat sehr umstandslos annähern konnten.

Es vereinfacht nicht allzustark, wenn man feststellt: Ein kroatischer Rechtsradikaler ist praktisch immer ein Neo-Ustaša. Verherrlicht Völkermord und hält die Nazis für die besten Verbündeten.

Die alte Liebesbeziehung verfängt gelegentlich auch bei bosnischen Muslimen. Ich habe selbst vereinzelt Bosnjaken kennengelernt, die der NDH-Zeit nachtrauern und glühende Hitler-Verehrer sind. Einer wurde während des Krieges in den 1990-ern zum Nazi. In Wien nahmen Neonazis den Vereinsamten unter ihre Fittiche und indoktrinierten ihn.

Seit dem Bosnien-Krieg haben legale und illegale Rechtsradikale in der westlichen Welt Muslime als Lieblings- und Hauptfeind entdeckt. Sie inszenieren sich als Verteidiger Europas oder der westlichen Zivilisation gegen muslimische Horden, die die Wiege der Kultur einnehmen wollen.

Man hat die NS-Propaganda gegen die „asiatischen Horden“ im Ohr. Das ist kein Zufall.

Die klassischen Rassenfantasmen haben sie zugunsten etwas flexiblerer Modelle gekübelt. Der neue Rassismus ist White Suprematism, von kulturalistischen, pseudoemanzipatorischen and antirassistischen Phrasen in Watte gepackt und besser verkaufbar. Oft kann man neurechte Aussagen nicht unterscheiden von antokolonialistischen Aussagen oder von denen von Vertretern der „Critical Whiteness“-Ideologie.

Die ideologische Weiterentwicklung der legalen und illegalen Rechtsradikalen hat das Verhältnis heimischer Neonazis zu rechtsradikalen bosnischen Muslimen etwas komplizierter gemacht. Und macht es möglich, serbische Rechtsradikale in das schlampige und leidenschaftliche Verhältnis aufzunehmen, das man mit den kroatischen Rechtsradikalen hat.

Am offensichtlichsten ist das bei der Kooperation zwischen der offen rechtsradikalen FPÖ und republikaserbischen Nationalisten. So pflegten Teile der FPÖ-Spitze jahrelang enge Kontakte zu Milorad Dodik, dem mittlerweile ehemaligen Präsidenten des bosnischen Teilstaats Republika Srpska.

Der Kreis schließt sich

Mittlerweile verwenden auch in Serbien Rechtsradikale Hakenkreuze, und verzeihen kroatischen Neo-Ustaša zumindest fallweise den Völkermord, den die historischen kroatischen Faschisten an Serben im NDH begingen. Srebrenica ist ihnen wichtiger als Jasenovac.

Eine der am offensten neonazistischen Organisationen in Serbien, die Srbska Akcija, verwendet offen das Kürzel SA. Eine zweite Organisation, der Klub 451, ist Teil der Identitären und präsentiert sich als Ableger einer gleichnamigen deutschen und offen neofaschistischen Organisation. (Mehr könnt ihr hier nachlesen.)

Der deutsche Klub 451 ist ausgerechnet in Sachsen heimisch. Dem Bundesland, in dem Jörg und Jörn Schimanek und Gleichgesonnene die terroristische neonazistische Zelle Sächsische Separatisten aufgebaut haben sollen.

Die Sächsischen Separatisten, über die das Oberlandesgericht Dresden zu urteilen hat. In dem Prozess, in dem ein gewisser Dubravko Mandić bislang ohne Konsequenzen die Staatsanwaltschaft bedrohen darf.

Der Kreis, der sich hier zwischen deutschsprachigen Neonazis und südslawischen Rechtsradikalen schließt, ist ein denkbar kleiner. Das war er immer.

Was überrascht, ist eigentlich, dass das irgendjemanden überrascht.

Titelfoto: Ustaša-Graffiti im Westen von Mostar.

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