Der Sohn des Propheten

Es gilt als neues Pflichtbuch für alle YU-Rock-Fans und Interessierte zeitgenössischer Musikkultur im ehemaligen Jugoslawien: Blagoja Borislav Pešićs Fotoband Long Play. Noch nie hat ein Buch die Künstlerinnen und Künstler so umfangreich dargestellt. Am Donnerstag wurde das Werk in Wien vorgestellt.

Einzig Đorđe Balašević fehlt.

Blagoja Borislav „Bora“ Pešić hatte sich jahrelang vergeblich bemüht, ein Foto mit ihm in seinen geplanten Fotoband Long Play aufzunehmen.

„Sein Management hat das Projekt leider nicht verstanden“, sagt Bora mit Bedauern.

Das wird sich nicht mehr ändern lassen. 2021 verstarb der Musiker in Novi Sad an Covid.

Zdravko Čolić hat es nur ganz knapp hineingeschafft.

Auch ihn hat der Beograder Fotograf Bora über mehrere Jahre hinweg gebeten, sich für das Projekt auf Boras Barhocker vor schwarzem Foto-Hintergrund zu setzen.

„Wir waren schon im Layout, da hat Čolić auf einmal angerufen und gesagt: Ich mach mit.“

Bora raste nach Zagreb, um Čolić zu fotografieren und stellte das Layout um.

Ein anderer Musiker oder eine andere Musikerin muss bei diesem Prozess aus Long Play hinausgeflogen sein. Wer, will Bora nicht verraten.

Eine beinahe magische Zahl

333 Musiker aus dem ehemaligen Jugoslawien sollten es werden. Nicht einer mehr, nicht eine weniger.

Das war von Anfang an das Konzept Boras.

„Eine LP hat 33 Umdrehungen in der Minute“, erklärt er, wie er auf die Zahl kam.

Ein Fotoband mit 33 Portraits würde sich eher mager ausnehmen. So wurden daraus 333.

Ergänzt werden die Bilder mit Kurzbiographien und Anekdoten.

Man kann getrost sagen: Es sind die Größen, an denen ein Musikfan aus der Region nicht vorbeikommt.

333, die den YU-Rock und den YU Punk groß gemacht haben. Bis heute im wahrsten Sinn des Wortes den Ton angeben in der progressiven U-Musik in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens.

Sieben Jahre lang hat Bora an diesem Projekt gearbeitet.

Hoher künstlerischer Anspruch

Inspiriert wurde Long Play von Petar Janjatović und seiner Enciklopedia YU-Rock.

Petar unterstützte das Projekt nach Kräften, half mit Kontakten und Infos aus, steuerte beim Text bei, las Korrektur.

So streng formal die Zahl der portraitierten Musikerinnen und Musiker ist, so streng formal auch die Fotografie selbst.

„Ich hatte in dieser Zeit immer meinen Barhocker mit, auf den ich die Leute gesetzte habe. Dazu mein schwarzer Hintergrund und zwei Lichtquellen.“

Vor diesem Hintergrund setzen sich die Musiker in Szene. Mit ihren Instrumenten, vor einem Mikrophon.

Bildbeispiele finden sich auf der Homepage des Buchprojekts.

Die schönen Seiten der Arbeit

Manchmal sorgte der Rahmen für Herausforderungen, erinnert sich Bora schmunzelnd:
„Josipa Lisac habe ich in einer sehr bekannten und vornehmen Blumenhandlung in Zagreb fotografiert. Dafür mussten wir die halbe Deko im Geschäft umstellen.“

Dabei kam Bora viel herum: „Ich war in allen ehemaligen Teilstaaten, von Slowenien bis Mazedonien.“

Die positivste Erinnerung für ihn: Davor Gobac von Psihomodo Pop kennenzulernen. „Daraus ist eine echte Freundschaft geworden“, sagt Bora. „Ich war dann auch lange sein Mitbewohner in seiner Wohnung in Zagreb. Das hat natürlich auch verändert, wie ich Kroatien kennengelernt habe.“

Wie die meisten Werke, in denen viel Arbeit und Engagement stecken – nebst künstlerischem Anspruch – ist Long Play kein Massenhit.

Zumal sich die hohen Produktionskosten im Preis spiegeln. Ein Band kostet 80 Euro.

Wie die Buchpräsentation am Donnerstag im ega in Wien zeigt, stößt es beim interessierten Publikum freilich auf Enthusiasmus.

Mehr offizieller Segen geht gar nicht

Mit Unterstützung des Serbischen Kulturforum kam neben Bora Petar Janjatović nach Wien.

Petars Enciklopedija YU-Rock ist das legendäre Standardwerk zur Rock-Szene im ehemaligen Jugoslawien.

Wenn es eine Autorität auf dem Gebiet YU-Rock gibt, ist es Petar. Man kann ihn ganz ohne Übertreibung als Prophet des YU-Rock bezeichnen.

Viel mehr offiziellen Segen als seinen Auftritt am Podium kann sich ein Bildband über (post-)jugoslawische Rockmusiker nicht wünschen.

Als betont wienerisches Signal ist die Unterstützung durch den Gitarristen und Sänger Zoran Dimić zu verstehen.

Zoran ist einer der bekanntesten Wiener Yu-Rock-Interpreten. In einer Stadt, in der etwa 200.000 Menschen im ehemaligen Jugoslawien kommen oder deren beide Elternteile von dort stammen, und die eine reiche (post-)jugoslawische Musikszene hat, ist das mehr als beachtlich.

Vielleicht verstehen das Wiener Buchhandlungen, die auf Musik- und Kunstliteratur spezialisiert sind, ja auch als Hinweis, Long Play bei sich aufzulegen.

Das wäre ein Zeichen, dass Kultur aus dem ehemaligen Jugoslawien in dieser Stadt nicht mehr nur Randphänomen ist. Sondern ein relevanter Faktor.

2 Gedanken zu “Der Sohn des Propheten

  1. Bei games.rs kostet das Buch umgerechnet 112 Euro. Dazu kommen Versandkosten ins Ausland, die erfahrungsgemäss ca. 18 EUR betragen. Das stemme ich leider nicht, und werde es mir von der Verwandschaft zum Geburtstag wünschen müssen. Danke aber für die Info, denn in meiner Familie wird nicht gelesen, also wär das Erscheinen keiner/m aufgefallen, bzw. es wäre ignoriert worden, da es „serbisch“ ist. … 😀 Eigentlich aber wollte ich schon immer mal Beograd besuchen … hm … Sobald ich mal viel Geld habe, mache ich eh eine Tour durch die Länder des früheren Yugoslavien. Also vermutlich nie. 😀

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