Sie gilt als das Standardwerk des YU-Rock: Die Enciklopedija YU-Rock des Beograder Musikjournalisten Petar Janjatović. Die Buchpräsentation im Wiener Designclub begeisterte die Fans. Und brachte überraschende Details an die Oberfläche.

Auf dieses Moment hat Susana aus Travnik 18 Jahre lang gewartet. Petar Janjatović signiert ihre Erstausgabe der Enciklopedija YU-Rock. Und ihr neues Exemplar, die soeben vorgestellte vierte aktualisierte Auflage, gleich mit.

„Ich habe damals meine Eltern angebettelt, dass sie mir das Geld geben, um das Buch zu kaufen“, schildert sie. Damals war 1998 und Susana war vor sechs Jahren vor dem Krieg in Bosnien nach Wien geflohen. „Das war für mich damals ganz wichtig.“

Das Buch hielt die Verbindung zu dem gemeinsamen kulturellen Raum aufrecht, aus dem sie vertrieben worden war und dessen Existenz mehr als infrage stand.

Auch für Vanja Hajduković hängen Erinnerungen an Petar und seine Expertise: „Pero war 1989 der Vorsitzende der Jury eines Musikfestivals, die wir mit unserer Rock’n Roll Band Torpeda gewonnen haben. Er hat uns damals als Sieger vorgestellt.“

Gut 40 Leute sind heute abend in den Design Club Wien in der Prinz-Eugen-Straße gekommen. Vielleicht sind es auch 50. Alle Sitzplätze sind besetzt. Die Spätkommenden lehnen in der Fensternische.

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Die meisten sind zwischen 30 und 50, einige wahrscheinlich unter 30. „Es ist schön, dass wir heute so ein junges Publikum haben“, sagt Petar.

20 Exemplare der Neuausgabe seiner legendären Enciklopedija hat er aus Beograd mitgebracht. Im Bus. Das sind um die 40 Kilogramm Bücher. Wenn er 30 gebracht hätte, er wäre sie wahrscheinlich auch losgeworden.

Tamara Drahosch vom Designclub hat die Präsentation auf eine Dreiviertel Stunde angelegt. Petar kommt in Fahrt.

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Einzigartig für sozialistische Staaten

Klärt das Publikum auf über die Geschichte des YU-Rock, der einzigen eigenständigen Rock-Richtung, die sich in sozialistischen Staaten entwickelt hat. Das lag vor allem daran, dass man in Jugoslawien Rock machen durfte.

Die Länder des Warschauer Pakts betrachteten die Musikrichtung bis in die 80-er als Zeichen westlicher Dekadenz oder als kulturelle Waffe des Klassenfeinds.

Was als eine Bewegung von Cover-Versionen von Rock’n Roll-Hits begann, entwickelte sich rasch zum eigenständigen Genre. Vor allem in den 70-ern und den 80-ern war der YU-Rock die gemeinsame kulturelle Ausdrucksform des multi-ethnischen Jugoslawien.

Auch westliche Fans

Die fand auch im Westen Fans. Den Musiker und heutigen taz-Redakteur Rüdiger Rossig etwa. Oder Thomas Werner aus Nürnberg, der einen auf osteuropäischen Rock spezialisierten Online-Shop betreibt.

„Ich bin seit den 80-ern YU-Rock-Fan“, sagt er in einer Talkrunde in fließendem Naški. „Mein Musikshop heißt übrigens Kalemegdan“. Die Gäste lachen auf, herzlich, freudig und zustimmend.

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Der Krieg setzt dem gemeinsamen kulturellen Raum und dem YU-Rock ein vorläufiges Ende. Das Genre zerfiel vorübergehend in eigenständige Musikszenen in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien.

Rambo Amadeus im Minenfeld

Die Isolation währte kürzer, als man sich vorstellen würde.

„Rambo Amadeus (bekannter aus Montenegro stammender Sänger, Dichter und Satiriker, Anm.) hatte schon im Jahr 2000 einen Auftritt in Clubs in Kroatien. Es war eine kleine Tour durch Zagreb, Pula und Rijeka“, erzählt Petar. Er begleitete Rambo Amadeus damals.

Dem Frieden traute man nicht. „Wir haben unser Auto mit Beograder Kennzeichen auf der serbischen Seite der Grenze zurückgelassen und sind zu Fuß rübergegangen. Mit Gepäck, Instrumenten und Equipment. Drüben hat uns der Manager mit einem Auto abgeholt. Wir wollten nicht riskieren, dass uns und dem Auto was passiert.“

Die Sicherheitsbedenken des Trosses beeindruckten den kroatischen Fahrer offenbar herzlich wenig, erzählt Petar. „Auf der Autobahn ist er plötzlich auf ein Feld eingebogen einige Kilometer querfeldein gefahren. Überall waren Stangen mit roten Fähnchen, die uns vor Minen warnten.“

Der Mann wollte ganz einfach eine Mautstation umfahren und etwas Geld sparen. „Das hat Rambo Amadeus sehr gefallen“, sagt Petar.

Ein Musiker namens Honda. Jugo Honda.

Mit im Tross: Rambo Amadeus‘ Bongospieler, halb Japaner, halb Serbe, namens Jugo Honda. Der sollte auf der Tour einiges Aufsehen erregen.

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass Jugo Honda eigentlich nicht Jugo Honda heißt.

Er heißt Jugoslav Honda.

Die Tour begeisterte das Publikum und Mitarbeiter diverser Ministerien quälten den Manager, um Tickets zu kriegen.

Nur ein paar Mitarbeiter des Arbeitsministeriums, Anhänger des mittlerweile verstorbenen kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman, waren wenig begeistert, dass ein in Serbien lebender Montenegriner in ihrem Land auftrat.

„Nach jedem Auftritt wollten sie Rambo Amadeus festnehmen, weil er keine Arbeitserlaubnis hatte“, sagt Petar. Auch auf Jugo Honda hatten sie es abgesehen. Der fiel optisch besonders auf.

Mit ein paar Tricksereien konnte man sich den Schikanen entziehen. Ein Zusatzkonzert, das in Zagreb geplant war, fiel dem Druck freilich zum Opfer.

Der kulturelle Raum wächst wieder zusammen

Seit ungefähr zehn Jahren wächst der kulturelle Raum wieder zusammen, sagt Petar.

„Da gibt es zum Beispiel die Band Goribor aus Serbien. Die kannten wir gar nicht, bis sie einen Bewerb auf einem Festival in Kroatien gewonnen hat. Das war 2006.“

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Die Buchpräsentation dauert mittlerweile doppelt so lange wie geplant. Die Gäste zeigen keinerlei Zeichen von Unruhe. Ingsesamt werden sie zwei Stunden lang zuhören.

Petar flicht in seine präzisen Darstellungen immer wieder Anekdoten wie von Rambo Amadeus und Jugo Honda ein und hat sichtlich Spaß, das Publikum zu unterhalten.

„Mein Berufswunsch ist eigentlich, einmal ein Sit-Down-Comedian zu werden“, wird er später Balkan Stories erzählen.

Verkauf verläuft schleppend

4.000 Exemplare ist die Auflage der neuen Ausgabe der Enciklopedija groß. Der Verkauf verläuft schleppend, sagt Petar. Obwohl das Interesse da wäre.

„Ständig sprechen mich Menschen auf das Buch an. Das Problem ist, dass so ein Werk eben teuer zu drucken ist. Daher ist auch der Verkaufspreis relativ hoch.“

3.000 Dinar kostet die Enciklopedija in Serbien, das sind 25 Euro. Gemessen am Einkommen entspricht das in etwa einem Preis von 80 bis 90 Euro in Deutschland oder Österreich.

„Der Wirtschaft geht es nicht gut und daher ist das für viele Leute eben viel Geld“.

Zudem ist es bislang nicht gelungen, in Kroatien einen flächendeckenden Vertrieb aufzubauen.

Auch das Internet setzt dem Verkauf zu. Zu vielen Bands und Musikern, die im Buch vorgestellt werden, gibt es Einträge auf wikipedia und Co.

Gilt als Standarwerk zum YU-Rock

Den Detailsreichtum der Enciklopedija dürften sie bestenfalls im Ausnahmefall erreichen. Das Werk lebt von den Anekdoten, Querverweisen und Bildern. Immerhin kennt Petar einen Großteil der Musiker und Bands persönlich.

Nicht zu Unrecht gilt es als Standardwerk zum YU-Rock.

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Die Fülle an Details und Akteuren gibt dem Werk auch eine politische Dimension. Hier wird ein gemeinsames kulturelles Erbe deutlich, das bis heute besteht und weiterentwickelt wird.

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Das schmeckt Nationalisten aller Couleurs wenig. Die Kritik an Petar aus dieser Ecke ist deutlich. Er sei ein „Großserbe“ und „kroatophil“, lauten etwa einschlägige Vorwürfe.

Petar ficht das wenig an. Er hat drei Kriterien, nach denen eine Band in die Enciklopedija aufgenommen wird: „Ist die Band in mehr als einem Land bekannt? Ist die Musik gut? Oder ist sie in zumindest einem Land so groß, dass man nicht an ihr vorbeikann?“, sagt er gegenüber Balkan Stories.

Von politischen Überlegungen lässt er sich nicht beeinflussen.

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Petar Janjatović im Gespräch mit dem in Wien lebenden kroatischen Kulturjournalisten Vid Jeraj.

Universale kulturelle Ausdrucksform

„Für mich ist diese Musik eine universale kulturelle Ausdrucksform. Sie funktioniert am ganzen Balkan, sie spricht gemeinsame Vorstellungen und Emotionen an. Von Ex-Jugoslawien bis Albanien und Rumänien.“

Und offensichtlich bis Wien. Auch wenn es  bislang keine Wiener YU-Rockband ins Werk geschafft hat. Aber das kann sich bis zur nächsten Ausgabe ja ändern.