Der Unvollendete. Zwischen Verdun und Gibraltar.

Sie ist das Wahrzeichen von Serbiens zweitgrößter Stadt Novi Sad: Die Festung Petrovaradin am rechten Donauufer. Dabei wurde das als unbezwingbar geltende Bollwerk in seiner fast 100-jährigen Baugeschichte nie ganz fertiggestellt. Heute ist der Petrovaradin Schauplatz des weltberühmten EXIT-Festivals und Zentrum einer Künstlerkolonie.

Was ich vom Fenster meines Apartments sehe, ist die zweitgrößte erhaltene Festung Europas.

Größer ist nur Verdun, Schauplatz der größten Schlacht des Ersten Weltkriegs, höflich formuliert. Treffender wäre: Schauplatz eines der größten Gemetzel der Militärgeschichte.

Dieses Schicksal blieb der Festung Petrovaradin am rechten Donauufer in Novi Sad erspart – nicht freilich den Vorgängerbauwerken am Gipfel der Donauklippe.

Als Gibraltar an der Donau gilt dieser Standort auch. Von hier aus kann man den Strom kontrollieren.

Nicht zufällig war die Festung auch in Jugoslawien Hauptquartier der serbischen Flussflotte.

Die ersten Befestigungen soll es hier vor 6.000 Jahren gegeben haben. Über diesen Zeitraum gibt es offenbar die eine oder andere Diskussion unter Historikern und Archäologen.

Einige Untersuchungen sollen auf wesentlich ältere Befestigungen hindeuten.

Was, ganz nach lokaler Tradition, im Volksmund noch überhöht wird. Dieser Interpretation der archäologischen Funde sollte man freilich keine wissenschaftliche Bedeutung zuweisen.

Was gesichert ist: Besiedelt wird dieses Donauufer seit der Steinzeit, Befestigungen sind mindestens seit der Bronzezeit nachgewiesen. Kelten, Römer, Byzantiner, Ungarn, Osmanen – alle nutzten sie die Klippe am Donauufer.

Die Österreicher legten 1692 den Grundstein für die heutige Festung, nachdem sie Petrovaradin den Osmanen abgenommen hatten.

Der Bau dauerte offiziell bis 1780, mit Unterbrechungen.

Die örtliche Bevölkerung wurde offenbar zwangsverpflichtet, zahlreiche Menschen kamen bei den Bauarbeiten ums Leben.

Dass es während der Hochphasen des Baus zwischen 30 und 70 Todesopfer pro Tag waren, wie viele Seiten schreiben, darf freilich bezweifelt werden.

Nehmen wir hier nur die niedrigere Zahl und gehen davon aus, dass damals noch stärker als heute nur in den warmen Monaten gebaut werden konnte. Das deckt sich mit den Quellen zur damaligen Bautätigkeit.

Das würde eine Bausaison von mindestens Anfang Mai bis Anfang September ergeben, oder 124 Tage.

Das alleine würde 3.690 Todesopfer in dieser Bausaison bedeuten. Plus das eine oder andere Opfer in den ruhigeren Bauphasen in den kühleren Monaten, wo nur wenige Spezialisten auf der Baustelle waren.

Das erscheint reichlich viel.

Das sind mehr Todesopfer als Arbeiter auf der Baustelle beschäftigt waren.

Dass es in intensiven Bauphasen immer wieder katastrophale Unfälle mit 30 oder 70 Toten gegeben hat, davon ist leider auszugehen.

Wir wissen auch, dass bemerkenswert viele Baumeister am Petrovaradin starben.

Errichtet wurde diese Festung nach dem damals besten Bauplan, dem Modell von Sebastien le Prestre, Seigneur de Vauban: Sternförmig angeordnete Bollwerke, teilweise eingegraben, schräge Mauern – der damals bestmögliche Schutz gegen Artilleriebeschuss.

Ob der berühmte Festungsbaumeister die Pläne für den Petrovaradin anfertigte, ist umstritten. Einige Berichte gehen davon aus, dass die Baumethode von österreichischen Spionen, nun ja, ausspioniert wurde.

Andererseits plante le Prestre so viele Festungen auch außerhalb Frankreichs, dass sein Modell wohl kein Geheimnis mehr war.

Gesichert ist, dass er selbst nie am Petrovaradin war.

Einen Sturmangriff würde die Festung auch heute problemlos überstehen – vorausgesetzt, die Verteidiger dürften auch gängige Infanteriewaffen einsetzen.

Das fällt bei einer Besichtigung sofort auf.

Hier sieht man auch Einrichtungen, die man instinktiv dem frühen 20. Jahrhundert zuordnen würde. Verdun und die Maginot-Linie lassen sich vorausahnen.

Um den Petrovaradin zu knacken, bräuchte es starke Artillerie und idealerweise Luftunterstützung mit bunkerbrechenden Waffen.

Die Liebe, die Schlösser und die Königin. Ein Hauch von Graz

Dieses Paar beschreibt ein Schloss mit einen Namen.

Von der Brücke weg werden die hier überall angebracht.

Die zwei tun das mit einem weiteren Wahrzeichen der Festung im Hintergrund: Dem kleinen Uhrturm.

In gewisser Weise ist der eine Reminiszenz des Grazer Uhrturms: Auch hier zeigt der lange Zeiger die Stunden an, und der kurze die Minuten.

Der Turm ist ein Geschenk von Maria Theresia Habsburg an die Bürger der von ihr gegründeten – oder jedenfalls benannten – Stadt Novi Sad am anderen Ufer der Donau, gleich gegenüber der Festung.

Kaiserin war sie übrigens nie, den Titel trug ihr Mann Franz Stephan Lothringen, und später ihr Sohn Joseph Habsburg – der Zweite.

Das Uhrwerk wird täglich von Lajoš Lukači aufgezogen. Der macht das freiwillig, schreibt diese Seite. Vor zwei Jahren hat ihn die Stadt Novi Sad für diesen Dienst geehrt.

Dass der Platz mit der Uhr bei Touristen wie Einheimischen sehr beliebt ist, macht ihn für Souvenirhändler interessant.

Dass ihre Souvenirs kitschig sind wie auf allen Souvenirständen dieser Welt – geschenkt. Anders als die Kollegen etwa in Beograd bieten die in Novi Sad nicht die Portraits von Massen- und Völkermördern oder sonstigen Nationalistenkitsch feil. Das ist auch schon was.

Der Unvollendete. Eine Symphonie. Nur nicht von Beethoven.

1780, das Todesjahr von Maria Theresia Habsburg, war übrigens das Jahr, in dem die letzten größeren Bauarbeiten für den Petrovaradin dokumentiert sind.

Einige Tunnel und Mauerwerke blieben halbfertig stehen, wie man übereinstimmend von Historikern und Touristenführern hört.

In meinem Nachmittag auf der Burg hab ich keine dieser unfertigen Stellen gesehen.

Das ist kein Beweis, dass es sie nicht gibt. Nur, dass ein Nachmittag viel zu kurz ist, um eine 112 Hektar große Befestigungsanlage zu besuchen.

Militärisch verlor die Festung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an Bedeutung.

Die Osmanen wollte man mit ihr abwehren – die waren nach mehreren verlorenen Kriegen gegen die Habsburger so geschwächt, dass sie keine Gefahr mehr für die Österreicher darstellten.

Die Schande. Die Dunkelheit. Die Geschichten.

Nur 1849 spielte der Petrovaradin noch einmal eine militärische Rolle. Eine unrühmliche und tragische.

Die Besatzung beschoss Novi Sad aus 200 Kanonen. Zahlreiche Menschen wurden getötet. Nur wenige Häuser überstanden das Bombardement.

Es war keine Strafaktion der Habsburgerarmee. Die kartätschte in den Revolutionsjahren 1848/49 reihenweise Aufständische nieder oder ließ die russische Armee die Drecksarbeit machen.

Die Besatzung des Petrovaradin hatte sich unter ihrem Befehlshaber Pavle Kiš der revolutionären ungarischen Armee angeschlossen und war erbost, dass sich die Novi Sader nicht der Revolution angeschlossen hatten.

Außerdem war damals ein guter Teil der Stadtbewohner kroatisch. Für die ungarische Honved unter Lajos Kossuth umso mehr ein Grund, draufloszuhalten.

Etwas später eroberte die Habsburgerarmee die Festung zurück. Es war das einzige Mal, dass der Petrovaradin fiel.

In den Jahrzehnten danach war er vor allem politisches Gefängnis.

In der Festung und vor allem in den kilometerlangen Gängen darunter wurden Menschen eingesperrt, die sich gegen die Fremdherrschaft der Habsburger aussprachen.

Mehrere Monate lang war hier Đorđe Petrović Karađorđe im Jahr 1813 interniert, der Anführer des serbischen Aufstands gegen die Osmanen von 1803 und vorübergehend so etwas wie der Präsident Serbiens.

Ivo Andrić saß hier während des Ersten Weltkriegs wegen seiner Mitgliedschaft in der Mlada Bosna. Ebenso unbekannt wie damals Andrić war ein kurzzeitiger Gefängnisgenosse. Ein junger Unteroffizier der k.u.k-Armee hatte sich im Herbst 1914 öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen und war festgenommen worden.

Sein Name war Josip Broz.

Als Verlies für politische Gegner nutzte auch das Königreich Jugoslawien den Petrovaradin. Novi Sad und die gesamte Vojvodina wurden 1918 Teil des neuen Staates – als Teil der Provinz Serbien.

Sehr zum Leidwesen vieler Vojvodiner. Sie machen bis heute einen Unterschied zwischen Vojvodina und Serbien.

Mindestens 14 Kilometer lang sind die Tunnel der Festung. Um sie ranken sich zahlreiche Legenden.

Einige Legenden lassen auch vermuten, dass einige der Gänge älter sind als die heutige Festung.

Das zweite Leben des Petrovaradin

Sichtlich freier als die Besatzung und die Gefangenen des Petrovaradin ist dieser Bewohner der Künstlerkolonie, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auf der Festung etabliert hat.

Ob er ein Streuner ist, den die Künstler mitversorgen oder einfach nur frei herumlaufen darf, war leider nicht in Erfahrung zu bringen.

Seit 1952 ist der Komplex offiziell keine militärische Befestigungsanlage mehr. Unter dem ehemaligen Insassen Josip Broz wurde die Festung zur Kulturstätte.

Die Künstler ziehen seit 1961 hierher. Atelje 61 heißt sinnigerweise auch die erste Werkstätte, die es bis heute gibt.

Bei einem normalem Rundgang in der Oberfestung sieht man nur einen Bruchteil der Galerien und Ateliers.

Sie sind über einen Gutteil des Geländes verstreut – nicht nur auf die geschlossenen Festungsteile, deren Mauern insgesamt auch schon 16 Kilometer lang sind. Etliche Einrichtungen sind auch in den zahlreichen kleineren Bastionen untergebracht.

Nicht zu vergessen, dass vieles auch in der zivilen Unterstadt aus dem 18. Jahrhundert untergebracht ist.

Verstreut über das große Gelände, mit Schwerpunkt Obere Festung, gibt es auch zahlreiche offizielle kulturelle Einrichtungen, wie das Stadtmuseum von Novi Sad und die Akademie der Bildenden Künste Novi Sad.

International am bekanntesten ist das EXIT Festival – mittlerweile eines der größten Musikfestivals Südeuropas.

Das findet jeden Sommer am Petrovaradin statt – sehr zum Leidwesen von Restauratoren, übrigens.

Die an Festivalbesucher beschädigen immer wieder Teile der historischen Festung.

Allein 200.000 waren es heuer – bei der Masse sind weder Unfälle auszuschließen noch einzelne Randalierer rechtzeitig zu bändigen.

Gleichzeitig bringt eine solche Menge an Menschen viel Geld in die Stadt und sorgt für ein positives Image in der Welt. Was neue Touristen bringt.

Einen detaillierten Einblick in die Problematik bietet der akademische Aufsatz „Privatization of a Common? A Focus on Exit Festival von Nikolas Zorzin.

Besonders die Bewohner der Unterstadt des Petrovaradin haben offenbar so gut wie nichts vom Festival – außer ein paar Tage Lärm und Trubel.

Sie zählen nicht zu den Reichsten der Stadt.

Das merkt man als Tourist auf einem normalen Besuch der Festung kaum. Auch meine Aufmerksamkeit galt der wunderschönen Oberen Festung.

Die Unterstadt hab ich auf den nächsten oder übernächsten Besuch in Novi Sad vertagt.

Aufs EXIT-Festival sollte ich auch einmal schauen – und sei es mit einem noch so kritischen Blick.

Auch die Künstlerkolonie ist einen zweiten Blick wert.

Die Hauptausstellung des Stadtmuseums war leider zu, als ich oben war. Auch das gilt es nachzuholen.

Scheint, als müsste ich dem unvollendeten Petrovaradin einiges meiner Zeit widmen. Vom Rest Novi Sads ganz zu schweigen.

Aber Novi Sad ist immer eine Reise wert.

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